Ausgabe 
3.3.1901 Zweites Blatt
 
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Nr. 53 Zweites Blatt.

151. Jahrgang.

Sonntag 3. März 1901

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags

Die Gießener KamilitN- hlätter werden oem An- ytgcr im Wechsel mirHess. Landwirt" undBlätter für Hess. Volkskunde" vier- mal wöchentlich beigclegt.

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GietzeimAnzeiger

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen se

Amtlicher EeU.

Bekanntmachung. .

In der Zeit vom 23 Februar bis 2. März 1901 wurden in hiesiger Stadt

gefunden: 1 Armband und 1 Portemonnaie mit Inhalt verloren: 1 Feldstecher und 1 Portemonnaie mit Inhalt.

Die EnpfangSbcrechtig en der gfuirtcven Gegenstände belieben ihre /lusplüche alcbald bei uns gellend zu machen.

Gießen, den 2. März 1901.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Hechler.

Bekanntmachung.

Behufs Bo-n hme von Arbeiten zur Einbauung einer weiteren Notbrücke im Zuge der Älillikstraßenübersührung tvirb letz-ere am 4. und 5. l. MtS. für den Fußgänger und Fuhrwerksverkehr gespcnt.

Gießen, den 2. März 1901.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Hechler.

Wetterzeichen.

Aus Berlin, 1. März, wird uns geschrieben:

Es scheinen wichtige Tinge vor sich zu gehen.in der a u s w ä r t i g e n P o l i t i k. Seit mehreren Tagen, aud)i heute wieder, hat der Kaiser Konferenzen mit dem Reichs­kanzler Graf Bülow, lieber den Gegenstand der Be- fprechungen ist man natürlich einstweilen aus Vermutungen angewiesen. Es scheint aber, daß mit Rußland nicht nur handelspolitisch, sondern auch in politischer Hin­sicht nicht alles in Ordnung ist, daß zu den Unfreundlich­keiten und persönlichen Spitzen in den Kundgebungen des russischen Finanzminislers Witte pointierte Noten der russischen Diplomatie sich gesellt haben. Vielleicht glaubt man in Petersburg sich zurückgesetzt durch die deutsche Intimität mit England; vielleicht sieht man''insbesondere das Zusammengehen Deutschlands und Englands in China mit mißtrauischen Blicken an. Der soeben durch eine De­pesche aus Tientsin verkündete förmliche P r o t e st Deutsche lands bei der chinesischen Regierung gegen Spezialabkommen mit einzelnen Staaten oder Gesellschaften, im Zusammen­hang mit der gleichzeitig eintreffenden Meldung, daß die Russen eine starke Pression ausüben bezüglich der Unter­zeichnung des M a n d sch ur ei a b ko m m e n s, ist ein ziemlich ernstes Wetterzeichen, dem möglicherweise noch andere folgen werden. Es müssen gewichtige Gründe vor­liegen, um gerade Deutschland zu einem Hinaustreten aus feiner Zurückhaltung Rußland gegenüber zu veranlassen. 'Graf W a l d e r s e e wird an Ort und Stelle Beobachtungen gemacht haben, daß die ostasiatische Politik des Zarenreichs durchaus eigennützige Zwecke verfolgt, daß sie sich nicht einmal mehr die Mühe nimmt, auch nur äußerlich das' Einvernehmen mit den anderen Mächten zu bekunden, daß dies der Grund ist, warum die Verhandlungen mit der chinesischen Regierung nicht vom Fleck kommen, .und daß namentlich die Entschädigungsfrage noch immer nidyt der Lösung näher gerückt ist. Rußland sorgt bestens für sich selbst; die anderen Mächte sollen sich mit dem begnügen, was übrig bleibt und was ihnen die chinesische Regierung gütigst gewähren will. Wie gesagt, es müssen über die Bethätigung

dieser russischen Politik in Berlin absolut zweifellose und detaillierte Berichte eingegangen sein, Berichte, die noch mehr als Verstimmung erregt haben. Man wird es in

Berlin zunächst auf gütlichem Wege, durch vertrauliche Vor- tellungen versucht haben, Rußland zu einer veränderten Haltung zu veranlassen, und erst nach der gewonnenen Ueberzeugung, daß der Appell wirkungslos blieb, sich zur Veröffentlichung des Falles entschlossen haben. Nun wird auch der Angriff des russischen Finanzministers gegen den Grafen Bülow und gegen die deutsche Zollpolitik um vieles verständlicher! Da Graf Bülow für morgen Samstag ein Erscheinen in der Budget-Kommission des Reichstags, bei der Beratung des Etats des Auswärtigen Amts in Aussicht gestellt hat, ist wohl eine Erklärung über diese Differenzen bei dieser Gelegenheit zu erwarten. Das hätte gerade noch gefehlt, daß China bei allem Schlimmen, was es schon auf dem Konto hat, zu einer Gefahr für den Welt­rieden wird! Aber es scheint leider der Fall zu sein. Die Luft ist mit Konfliktsstoff gefüllt. Das kann ein unruhiges Jahr werden!

Von anderer Seite wird uns aus Berlin, 1. März, geschrieben:

Die Einigkeit der Mächte in China läßt wieder einmal sehr zu wünschen. Ja, man kann sagen, daß die Diffe­renzen, von denen der offiziöse Draht zu melden weiß, geeignet sind, die definitive Beendigung der diplomatischen Verhandlungen erheblich zu verzögern. Die Sonderbündelei Rußlands, das ungenierte Paktieren mit den chinesischen Würdenträgern, in erster Reihe mit Li-Hung-Tschang, mag schon lange den Unmut der anderen Mächte erregt haben. Jetzt, wo ,bic Russen den ihnen von jeher er­gebenen Vizekönig von Kanton drängen, er möge die Unter­zeichnung des Vertrags mit Rußland betr. die Mand­schurei beschleunigen, scheint den anderen Mächten der Geduldsfaden zu reißen. Deutschland hat die chinesische Regierung durch denfreiwilligen Anwalt" Rußlands, den ehrenwerten Li-Hung-Tschang, wissen lassen, daß es un­richtig sei, wenn China wertvolle nationale Vermögensteile und Einnahmequellen durch Spezialabkommen mit einzelnen Staaten weggäbe, solange die Verpflichtungen Chinas gegen­über der Gesamtheit der Mächte nicht klargestellt seien. Und die Mehrzahl der Mächte, inbefondere Japan und^ England, ist diesem Monitum beigetreten, zum Teil noch darüber hinausgegangen. Die Erklärung ist formell an die Adresse der'chinesischen Regierung, thatsächlich aber an diejenige Rußlands gerichtet, das sich nur darauf bedacht zeigt, sein Privatschäfchen zu scheren, durch Erlangung von Vorrechten in der Mandschurei sich für die ihm durch den Feldzug entstandenen Kosten schadlos zu halten. Tie Diplomaten müssen in der Wahl ihrer Worte natürlich vorsichtig sein, deswegen bezeichnet die deutsche Regierung das Vorgehen Chinas, also Rußlands, nur alsunrichtig". Wahrscheinlich ist allerdings, daß Rußland jetzt, wo es sich isoliert sieht, den Mandschurei-Vertrag vorläufig zurück­stellt. Doches bleibt immer etwas hängen", und an der Newa wird man wohl besonders den Deutschen diesen Querstrich" sobald nicht vergessen.

Engländer und Buren.

Die Lage war am 26. Februar nach einer Reuter­meldung aus De Aar folgende: Hertzog hatte Sonntag, 24. Febr. die Bahnlinie De AarKimberley überschritten und befand sich damit in dem Viereck zwischen dem Oranje und den Bahnstrecken Orange River-De Aar, De Aar-Naauwpoort und Naauwpoort-Norvals Pont. Von Oberst Thorneyeroft, der die Verfolgung De Mets übernommen hatte, nachdem Oberst Plumer wegen Erschöpfung seiner Tiere und Leute hatte Halt machen müssen, hörte man nichts mehr. Major Byng war in Colesberg von Süden angekommen und suchte von Osten aus Fühlung mit Hertzog. An anderen Punkten thaten die Obersten Crabbe und Henniker dasselbe. General Charles Knox, der alte Verfolger De Mets, war noch weit

int Westen. Bruce-Hamilton erreichte, nachdem er am 24. Februar Strydenburg von den Buren geräumt und die dortige Post zerstört gefunden, die Station Paauwpan, 80 Kilometer nördlich von De Aar, am Morgen des 210. ^ebr. Das also nannten die englischen Meldungen stolz den Truppenkordon, der um De Wet gezogen sei!

DieTimes" meldet aus De Aar vom 28. Februar: Tie vereinigten Streitkräfte von De Wet und Hertzog (2000 Mann) stehen jetzt östlich von Philippstown. De Wet hat mehreremal versucht, den Fluß zu überschreiten, aber jeder Versuch scheiterte. Der Fluß bleibt mindestens noch drei Tage unpassierbar. (Es ist unklar, ob der Berichterstatter die alten Versuche De Wets, den Fluß zwischen Prieska und Hopetown zu überschreiten, meint, ober neuere.)

Die Gerüchte über Bothas Kapitulation werden von der R e g i e r u n g b e st r i t t e n. Trotz sorg­fältiger Nachforschungen ist die Quelle dieser Gerüchte nicht zu ermitteln. Es scheint, daß die Angaben über neuerliche Verhandlungen mit Bothas Frau int Zusammenhänge mit dem Gedanken, daß die britischen Heerführer das Aeußcrste thun würden, um am Jahrestage von Majuba und Paarde- berg einen größeren Erfolg zu erringen, eine kühne Kom­bination gezeigt haben.

Nach derDaily Mail" hat der deutsche Konsul inLourenco Marques den Schutz der niederländischen Untertanen daselbst übernommen. Dem frühem Konsul der Niederlande und der beiden Burenstaaten, Pott, war bekanntlich das Exequatur von den Portugiesen entzogen worden. Die Rückkehr nach der Delagoabai, wo er seinen Besitz und sein Geschäft hat, ist ihm neuerdings gestattet worden, doch verlautet nichts davon, daß er seine Kon- fularthätigkeit wieder «mitgenommen hat.

Telegramme des <4)ieh-ner Anzeigers.

Lo n do n , 1. März.Daily Chronicle" sagt: Obgleich die Uebergabe Bothas nicht amtlich bestätigt ist, be­stehe guter Grund, zu glauben, daß dieselbe, wenn sie noch nicht wirklich erfolgt, nur hinausgeschoben ist, weil die Verhandlungen über einen oder zwei untergeord­nete Punkte nicht zum Abschluß gelangten. In diesem Glauben werde man durch die Nachricht bestärkt, daß die Militärbehörden gewisse Vereinbarungen abänderten, die mit verschiedenen Formen über die Lieferung von Vor­räten im Hinblick auf die Fortsetzung des Krieges abge­schlossen worden sind.

London, 2. März. Eine Depesche Lord K i t ch e n e rss aus P r e (t o r i a vom 1. ds. meldet: De Wet ist gezwungen, wieder auf das Nordufer des Oranjeflusses zu gehen. Die Kapkolonie ist gesäubert. 200 Buren wurden ge­fangen genommen, andere Versprengte werden gefangen. 80 Schützen Lord Kitcheners wurden von einer überlegenen Anzahl Buren angegriffen und mußten sich nach langem Kampfe, wobei 20 getötet oder verwundet wurden, ergeben.

Ehiua.

DieKöln. Ztg." meldet aus Peking vom 28. Februar: In der heutigen Sitzung der Gesandten und der chinesi­schen Bevollmächtigten schlug der deutsche Gesandte eine Reihe von Beschlüssen vor, durch welche die Ver­handlungen wegen Durchführung nachfolgender Punkte b e- s ch 1 e u ii i g t werden sollen: Punkt 5, Waffeneinfuhr, Er­zeugung von Kriegsvorrat, Punkt 7, Schutz wach en für die Gesandtschaften, Punkt 8, Entfestigung zwischen Taku unb Peking, Punkt 9, Besetzung strategisch wichtiger Punkte zwischen Peking und dem Meere, Punkt 12, Neuordnung! des Tsungli-Pamen und Beseitigung des chinesischen Zere­moniells bei dem Empfang der Gesandten.

Zufolge Nachrichten aus zuverlässiger diplomatischer Quelle, hat Deutschland die chinesische Re gier -

Akadernischer Hesangverein.

S. Gießen, 2. März 1901.

Wer mit uns der Ueberzeugung ist, daß künstlerische Darbietungen nicht den Zweck verfolgen, Müßiggängern die Langeweile zu vertreiben oder auch nur zur Unterhaltung, zum A m u s e m e n t zu dienen, wer mit uns von derhohen Mission der Kunst für den kulturellen Fortschritt in ethischer und ästhetischer Hinsicht überzeugt ist, der wird mit uns lebhaft bedauern, daß unsere Universitätsstadt noch immer einer würdigen Stätte und Gelegenheit für echte künstlerische Darbietungen entbehrt und sich häufig in einer Weise behelfen muß, die für die Aufführungen äußerst be­schwerlich und lästig ist. Um so erfreulicher ist es, fest­stellen zu können, daß insbesondere das Musikleben unserer Stadt unter der Leitung des Großh. Universitätsmusikdirek- tors G. Trautmann ohnerachtet des Mangels an einem wirklich würdigen und geeigneten Konzertsaale in der schönsten Weise fortgeschritten ist und immer mehr sich zu heben verspricht; insbesondere dieser Winter brachte eine ganze Reihe höchst beachtenswerter Leistungen auf allen Gebieten der Musik, wie sie wohl bisher noch kaum hier geboten wurden. Und neben unserem Dirigenten haben sich Vie hiesige Regimentskapelle und der akade­mische Gesangverein sehr verdient gemacht.

Wir wollen hier nicht all das, was noch jedem, der daran Anteil nahm, so frisch vor der Seele steht, auf- zähler^ wir wollen heute nur daraus Hinweisen, daß sich

der akademische Gesangverein und sein Dirigent von neuem rüsten, eine künstlerische That zu vollbringen, bei der, wie wir anzunehmen wohl berechtigt sind, unsere Regimentskapelle nicht den kleinsten Anteil haben wird. Schon zum 8. Mai will der Verein allen Musik­freunden unserer Stadt und ihrer Umgebung Robert Schumann's Faustszenen bringen und barbieten, ein Werk, das hier wohl noch nie, wenigstens nie vollständig, aufgeführt wurde, das aber zu dem Herrlichsten gehört, was je geschrieben worden ist.

Es ist vor allem ein tiefmusikalisches Werk, in dem die höchsten Ideen, die wichtigsten Wendepunkte sozusagen aus Goethes Faust in eine Musik gewandet sind, wie sie seelenvoller zu solchem Texte wohl kaum erfunden und empfunden werden kann. Jeder Stimmung wird diese Musik gerecht; wir haben die schärfsten Gegensätze in der markantesten Weise dicht nebeneinander, es wechseln absolut lyrische Partieen mit höchst dramatischen Szenen, liebliche Tonbilder naiver Stimmungsmalerei und Natur- empfindung mit den tiefsten Gedanken und Empfindungen faustischen Geistes, und überall finden wir den reinsten Ausdruck für all dies, den reinsten musikalischen Styl für jeden der so verschiedenen Gegenstände, die in diese Musik gekleidet wurden. Eine reiche Instrumentierung, wohlempfundene Verwendung von Soloinstrumenten, ins­besondere Violoncell, ein oft viel gestalteter Chor und sehr viele Solopartieen für Gesang lassen ahnen, welche reiche dlbwechslnng dem Hörer geboten wird.

Alles dies stempelt das Werk aber auch zu einem für alle Ausführenden recht schwierigen, seine Ausführung stellt an Dirigenten, Chor, Orchester und Solisten außer­ordentliche Anforderungen; an Solopartieen sind vor allem die zwei Baß- bezw. Bariton-Partieen hervorzuheben, so­wie die sehr umfangreichen Sopran und Tenor-Partie en, endlich auch die Haupt-Alt-Partie. Ter Chor hat häufig zusammen mit den Solisten alternierend zu singen und diese zu begleiten. Solo-Ensembles vervollständigen für unsere Leser das Bild, das wir für heute zu entwerfen gedachten.

Wir geben uns der Hoffnung hin, daß der Akade­mische Gesangverein unter Herrn G. X r aut- mann und mit unserer Regirn en tskapelle allen Anforderungen genügen wird, die gerechterweise an ihn gestellt werden können. Mögen alle, denen solches ge­boten wird, den Verein unterstützen, so wie er es ver­dient. Unsere Stadt verfügt über keine Fonds, die außer­ordentliche Aufwendungen für künstlerische Leistungen zrl decken berufen wären, und so möge jeder wahre Freuuv der Kunst es denen, die reiche Mühen daranwandten, um Großes zu leisten, an seinem Teile ermöglichen, daß solches fort und fort möglich sei, und so das künstlerische Nivecui unserer Universitätsstadt erhalten bleibe und fort und fatt sich hebe. Auch hier gilt der Satz:Stillstand ill Rückschritt!"