schätz und die lateinische Grammatik würden durch das Französische erheblich gefördert. Dies dürfte einigermaßen bei Italienisch und Portugiesisch der Fall sein, wenn es sich um sie als Anfangssprachen handeln könnte; aber schon im Englischen, noch mehr im Französischen liegt die Sache anders. Freilich lauten die Urteile der verhältnismäßig wenigen Schulen, die diese Einrichtung haben, über diesen Punkt günstig; aber sie sind doch noch zu kurz, wohl auch etwas voreingenommen, und dann steht ihnen eine wuchtige Thatsache gegenüber, die durch keine „Erfahrung" LU beseitigen ist. Ist diese Annahme richtig, so müßten diese Förderung für die Erlernung des Lateinischen doch im höchsten denkbaren Maße die französischen Schüler erfahren, die nicht bloß ein bißchen Französisch kennen, wie die deutschen Jungen nach drei Jahren, sondern die in ihrer Muttersprache für Wortschatz und Bau eine ganz andere, unendlich viel breitere und tiefere Unterlage besitzen. Dabei gehen in Frankreich, genau wie in Deutschland, der Erlernung des Lateinischen drei Jahre fremdsprachigen Unterrichts in einer modernen Sprache mit je Stunden voraus; sie haben also außer ihrer angeblich so förderlichen Muttersprache auch eine vergleichende Sprach?- erlernung kennen gelernt. Trotz alledem setzt man in Frankreich für das Lateinische vom vierten Jahre ab zehn, acht, fünf, fünf, vier Stunden wöchentlich an, und es fehlt nicht an gewichtigen Stimmen, die diesen Stundensatz für zu niedrig halten. Die geringe Stundenzahl der letzten drei Jahre erklärt sich daraus, daß in Frankreich nicht mehr, wie in Deutschland, die Uebersetzung in das Lateinische, sondern die aus dem Lateinischen als Zielleistung des lateinischen Unterrichts erscheint. Also die Franzosen glauben an diese Förderung, die bei uns so sehr betont wird, nicht, und sie müssen es doch wissen.
Und hier li^gt des Pudels Kern. So lange die Uebersetzung ins Lateinische als Zielleistung der Gymnasien festgehalten wird, können die Reformgymnasien keine Reform schaffen. Denn die Umstellung des Französischen und Lateinischen bei Beibehaltung der jetzigen gymnasialen Endziele, des Lateinunterrichts zwingt sie, für die 4 oberen Klassen 16 Stunden altsprachlichen Unterricht (gegen 12 der alten Gymnasien) anzusetzen, dafür aber Mathematik sowie Geschichte und Geographie zu verkürzen. Und dabei steigt der Stundensatz auf 31 Wochenstunden, wozu noch 3 Turnstunden, event. 2 Gesangstunden, 2 Stunden für fakultatives Zeichnen, je 2 für fakultatives Englisch und Hebräisch kommen. Wollen die Schüler in diesen Fächern das allgemeine gymnasiale Ziel erreichen — und sie sollen es —, so,müssen an ihre Arbeitskraft recht große Anforderungen gestellt werden; denn Wunder können die Lehrer der Reformgymnasien leider auch nicht wirken. Nun will der erwähnte königliche Erlaß den neueren Sprachen, der Geographie, der Physik und Chemie, dem Zeichnen intensivere Thätigkeit zugewiesen sehen. Soll das nichjt auf dem Papiere stehen bleiben, wo soll alles dies Raum finden neben den 16 altsprachlichen Stunden? Man macht freilich geltend, die größere Reife der Schüler auf der oberen Stufe schaffe für den altsprachlichen Unterricht ganz andere Früchte. Dann müßte es doch auch an den alten Gymnasien der Fall sein; wer weiß aber davon etwas Besonderes zu rühmen? Ebenso steht es mit dem angeblichen Verteilen der „Quellenlektüre" für die Geschichte; Sachverständige wissen, was sie davon zu hallen haben. Und warum soll denn diese größere geistige Reife nicht auch der Mathematik, der Geschichte usw. W gute kommen? Auch der Laie sieht, wenn er den französischen und deutschen Stundensatz vergleicht, welche Erleichterung der Schüler, welche Raumgewinnung für die jetzt benachteiligten Lehrfächer möglich würde, wenn man die seit der Reform von 1892 ganz wertlose lateinische Stilbildung beseitigte und sie durch eine Uebersetzung aus dem Lateinischen in wirkliches Deutsch ersetzte. Ganz davon zu schweigen, wie heilsam diese Einrichtung für die deutsche Stilbildung würde.
Mit der allgemeinen praktischen Durchführung der Idee war man schon 1850 in Dänemark, 1869 in Norwegen, 1873 in Schweden vorgegangen; das Lateinische wurde in die Untertertia, das Griechische in die Sekunda hinaufge-- schoben. Frankreich, einzelne Teile der Schweiz usw. folgten. Man hat hier also Erfahrungen, die teilweise ein halbes
resignierende Stimmung verliehen wird. Herr H. aber mit seinem stereotypen „Jawohl" brachte eS zu keiner wahrer Wirkung. Und auch beim Sekt zeigte der alte Studenten tollkopf keinen neu aufflackernden Enthusiasmus, sondern mehr philiströse Bierfidulität. Besser getroffen war der Vorsitzende des Lesekränzchens mit Apfelkuchen und Schlagsahne, der hoch wohlweise Rektor Arnftädt des Herrn Lach mann, der lautere L-'tteraturdeSinfektor, der in seiner schrankenloser. Thorheit Benedix' „Zärtliche Verwandten" als „auch eine jener verwerflichen Ausgeburten des modernen Realismus" von den Pforten LudwigSwaldcS weist.
Die so oft betrogene, immer aber unverantwortlicher Weise verzeihende Frau Antonie Lenz, eine Frauengestal! ohne rechte Farbe, gab Frl. Schoelermann doch wohl nicht ganz mit der Bestimmtheit und Ruhe, die die Rolle verlangt. Frl. Sch. hat eine eigentümliche Art der Bewegungen, namentlich der Schultern, die beim Gehen als wunderlich auffällt. Diese Eigentümlichkeit abzulegen dürfte einer Künstlerin von dem Range des Frl. Sch. nur geringe Mühe verursachen. Die Ruhe der sentimental angehauchten Sabine führte Frl. Kugler vielleicht mit zu großer Konsequenz durch. Ein Flemming fordert von seinem Weibchen ganz gewiß mehr Temperament. Viel Heiterkeit erregte das Klatschbasenduo der Damen Ernst und Kruse, in dem die erstere mit WHem Kaffeetantenton und stechendem Vipernblick die Ober- sttmme zu führen hatte. Beide Gestalten haben einen schon nicht mehr eichten ^stich in der Karrikatur, und das wurde ouch m der Darstellung weit mehr betont als verleugnet. Auch Frl. Eichenwald hatte sich ein außerordentlich natur frohes Ludwlgswalder Kind zurecht gemacht.
DaS schöne Lied von der Mandol.ne ist heute längst nicht mehr zeitgemäß. In dieser Beziehung hätte man wohl nicht den Autoren, die das Stück vor 10 Jahren geschrieben haben, folgen sollen, sondern er wären die erfreulichen Fort schritte auf dem edlen Gebiete der Berliner Tingeltangelpoesie zu berücksichtigen gewesen. Ein ganz moderner Theaterregiffear hätte sich und unS flugs mit einem funkelnagelneuen Wo! zogen'ichen Ueberbrettlsingsang bekannt gemacht. Das hätte eingeschlagen! P. W.
Jahrhundert umfassen. Was lernen wir daraus? Die Ueberbürdung wurde dadurch nicht nur nicht beseitigt, sondern viel größer. So konstatierte für Schweden eine ärztliche Kommission in den 80er Jahren, daß die obligatorische Arbeitszeit in den vier oberen Klassen ein Minimum täglich zwischen 8,55 und 9,23, ein Maximum zwischen 12,9 und 14,30, ein Mittel zwischen 10,15 und 10,48 Stunden und Minuten täglich (ohne Turnunterricht) betrug, und daß von 11 210 untersuchten Schülern von Gymnasien und Realschulen 44 Prozent keine normale Gesundheit hatten. Auch wurde den Eltern und Schülern die Wahl des künftigen Verriss und der richtigen Schulgattung, was man bei uns von dem gemeinsamen Unterbau erwartet, nicht erleichtert, da man auch mit 12 bezw. 13 Jahren in der Regel über diese Fragen nicht klüger ist als mit 9. Endlich wird sogar bestritten, daß die erwarteten sozialpolitischen Vorteile eingetreten seien, die ja ohnedies auf einer sehr optimistischen Auffassung der wirklichen Verhältnisse beruhen, konsequent durchgeführt, wie die norwegische Demokratie es versucht, muß die Nivellierung der Bildungsverhältnisse zu einem allgemeinen Sinken der Sirultur führen. Ein solches Experiment kann sich ein isolierter Bauernstaat gestatten/aber kein Großstaat mit kulturellen Aufgaben. Aber ganz übereinstimmend hat sich -ein anderes Ergebnis des Hinausschiebens der alten Sprachen eingestellt: der altsprachliche Unterricht verkümmerte. In Schweden ist das Griechische, in Norwegen sogar das Lateinische seit 1896 als obligatorisches Lehrfach beseitigt worden, in Frankreich und der Schweiz sind von Unterrichtsbehörden ähnliche Ansichten nicht nur ausgesprochen, sondern auch zum Teil durchgeführt worden. Darf man aus Verwandtem auf Verwandtes schließen, so liegt auch bei uns diese Entwickelung nahe; sie paßt in das Programm einer mächtigen Bewegung, die durch die Einheitlichkeit der Schulbildung, trotz der gegenteiligen Erfahrungen in anderen Ländern, zur Ausgleichung der Standesunterschiede beitragen zu können wähnt und die Schule, wie bei uns stets, in ihrem Einflüsse durchaus überschätzt.
Ob uns die Erfahrungen mit dem Reformgymnasium wirklich viel neues zeigen werden, bleibt abzuwarten: wahr- cheinlich ist es nach dem Vorherbemerkten nicht. Auch drängt die gesamte Entwickelung unseres höheren Schulwesens nach einer ganz anderen Seite. Thatsache ist, daß das humanistische Gymnasium mit den modernen Bildungseleinenten nicht ausreichend ausgestattet werden kann, weil es eben unter ganz anderen Voraussetzungen entstand; die lateinische Bildung aber, die es verlieh, fann uns nicht mehr als ausreichend gelten. Das Griechische trat am Ende des 17. Jahrhunderts ständig in den Kreis der alten Lateinschule, und vermutlich wird es — bedauerlicherweise — auch zuerst wieder ausscheiden; die letzte Schulkonferenz sollte es eigentlich schon fakultativ machen. Weil aber das alte Gymnasium nicht mehr den Anforderungen späterer Zeiten genügen konnte, traten ihm andere Schularten zur Seite, die aber, auch infolge ihrer Einseitigkeit, dem Bedürfnisse ebenfalls nicht völlig entsprachen. Wenn wir die von den verschiedenen Schulgattunaen verliehene Vorbildung als gleichwertig für das Studium an Universitäten und Technischen Hochschulen erachten, wozu wir ja schon in der Theorie gelangt sind, so wird dadurch der U e b e l st a n d einer recht ungleichmäßigen Vorbildung nicht beseitigt. Eine gewisse Ueber- einstimmung ist aber notwendig, wenn die innere Einheitlichkeit der Hochschulen, die jetzt schon erschüttert ist, nicht völlig verloren gehen soll. Die Einrichtung von Ergänzungskursen an diesen kann höchstens eine vorübergehende Maßregel sein, ist an und für sich wertlos und widerspricht auch unserer Schulentwickelung, die nach langem Tasten erst dazu gelangte, die Vorbildung den Schulen zuzuweisen. Tas Ziel einer Reform, die auch nach dieser Richtung befriedigen oll, wird die richtige Vereinigung dessen sein müssen, was zu einer gemeinsamen nationalen höheren Bildung notwendig, und dessen, was für die einzelnen jungen Leute zweckmäßig ist. Unsere jetzigen Schulgattungen, jede für ich, leisten das nicht, wie die Erfahrung zeigt, sondern zu diesem Zweck müssen durch gemeinsame Thätigkeit aller Beteiligten Bildungskreise festgestellt werden, die vom ersten Schuljahre an bis zur Vollendung der Schulbildung aufzubauen sind. In diesen sind bestimmte Fächer für alle Schulen verbindlich, für andere herrscht eine weitgehende Wahlfreiheit. An dieser Neuschöpfung werden sich die Volkschule, die höhere Schule und die Hochschule beteiligen müssen, und ihrer gemeinsamen Thätigkeit wird ein guter Erfolg nicht fehlen. Freilich, ehe wir dazu gelangen werden, werden uns vermutlich jüngere Völker, die nicht im Banne einer vielhundertjährigen Tradition stehen, geeignetere Wege aufweisen, und nach gewissen Erscheinungen der letzten zehn Jahre ist es nicht unwahrscheinlich, daß Nordamerika auch, auf diesem Gebiete dem alten Europa die einst empfangene Kulturgabe reichlich zurückerstatten wird.
Deutscher Reichstag.
Berlin, 1. Febr.
Bei fortgesetzter Beratung des Etats des Reichs» a m t s des Innern fragt
Abg. Dr. Müller-Sagan (fr. Vp.) an, wie es mit der Umwandlung der biologischen Abteilung des Reichsgesundheitsamtes in ein selbständiges Institut stehe, und regt die Beteiligung der zoologischen Wissenschaft unb der Malariaforschung an.
Staatssekretär Graf P o s a d o w s k y erwidert, daß das biologische Institut hauptsächlich von der Tomizilfrage abhänge.
Abg. Antrick (Soz.) bespricht die zu angestrengte Beschäftigung und zu geringe Entlöhnung des Personals in Krankenhäusern. Man kann sagen, die Wärter müssen stehlen, weil sie so jämmerlich bezahlt werden. Wie wollen Sie mit einem solchen Personal den Aufgaben der Kranken- häufer, der öffentlichen Hospitäler gerecht werden, wenn einmal eine Epidemie ausbricht? Daß die Gemeinden besser bezahlen können, dafür hat man ja Beispiele Tie Pflegeschwestern erhalten höhere Sätze. (Zwischenruf des Abg. Dr. Langerhans: Tas sind gelernte!) Ja, aber auch die gelernten Wärter und Wärterinnen bekommen nur 23 bis 27 Mark als Anfangsgehalt. Man trägt das Christen- 11 nü) China unter Aufwendung von Hunderten von Millionen; hier ist eine viel schönere Gelegenheit, praktisches Christentum ru treiben. '
Geh. Medizinalrat Dr. P i st o r : Wenn der Lohn bemängelt worden ist, so darf man nicht vergessen, daß es
den Kommunen, abgesehen von Städten wie Berlin, Frankfurt a. M., sehr schiver ist, darin weiter zu gehen, als geschehen ist. Im übrigen möchte ich bitten, wenn Mißstände vorkommen, uns die Namen zu nennen, damit die zuständigen Behörden einschreiten können. Es giebt Schwestern, die vier W.ochen lang ununterbrochen gewacht haben, ohne daß es ihnen schadete. (Hört, hört!)
Abg. Dr. Endemann (natl.) hält es für geboten, daß die Veterinärärzte eine bessere Vorbildung erhalten, damit sie in Bezug auf die Anforderungen des Fleischschaugesetzes allen Ansprüchen genügen. Wenn neulich ein Redner der Rechten gesagt hat, man müsse Häckels „Welträtsel" verbieten, dann könnte man mit demselben Recht auch die mikroskopischen Forschungen in der biologischen Station verbieten. (Zustimmung links.) Leider ist das Interesse selbst im Reichstage für diese Forschungen noch sehr gering. Als der Präsident des Reichsgesundheitsamts im vorigen Jahre zu einem Vortrage über dieses Thema Einladungen ergehen ließ, damit man das geplante Institut kennen lernen soll, hat sich leider nur eine geringe Anzahl der Kollegen eingefunden, obgleich der dort vorgezeigte Pestbazillus an der Kette lag und also nicht beißen konnte. (Heiterkeit.) In Bezug auf die Krankenhäuser werden ja wohl manche Beschwerden verbreitet, aber davon gilt auch das Wort: Calumniare audacter, semper aliquid haeret.
Abg. Dr. Hahn (kons.) wünscht Erhöhung der für die biologische Abteilung vorgesehenen Summe, um das Studium der Protozoen zu fördern.
Abg. Dr. Langerhans (fr. Vp.) tritt für obligatorische Leichenschau und für die fakultative Feuerbestattung ein. Es ist ein unhaltbarer Zustand, daß die Feuerbestattung in Preußen verboten, in Hamburg und Gotha u. a. O. aber erlaubt ist. Es werden heute so viel Verbrecher begraben, deren Verbrechen nie ans Tageslicht gekommen sind (Heiterkeit), da wird es bei der Feuerbestattung auch nicht schlimmer werden. Ter Redner geht dann auf die Verhältnisse der Tierärzte ein und verlangt als Vorbedingung für das tierärztliche Studium die Bestehung der Maturitätsprüfung.
Abg. Singer (Soz.): Antrick hat nicht alle unsere Krankenhäuser in Grund und Boden verurteilt, er hat aus seinen eigenen traurigen Erfahrungen Mitteilungen gemacht, darüber, wie es in solchen und noch dazu Verhältnis^ mäßig gut geleiteten Krankenanstalten zugeht. Wie muß es nun erst in Krankenhäusern zugehen, die nicht mit den Mitteln Berlins ausgestattet sind? Können infolge der Ueberlastung des Wärterpersonals Tinge Vorkommen rn den Krankenhäusern, wie sie Antrick vorbrachte, so verlieren die Hinweise auf die schönen Instruktionen jeden 2£ert. Nicht auf die schönen Instruktionen kommt es an, sondern darauf, daß sie auch innegehalten werden.
Abg. Antrick: Ansteckungen können vermittelt werden dadurch, daß den Raum, wo das Sputum und die Exkremente von Jnfektionskranken bis zur Untersuchung ausbewahrt werden, alle Kranken der Station, die sich zum. Kloset begeben wollen, passieren müssen. Dagegen hat der Kommissar nichts Zutreffendes vorgebracht. Die Badewannen sind trotz aller Vorschriften nicht gereinigt worden. Wenn Dr. Endemann die in seinem Citat enthaltene Beleidigung auf mich.chat beziehen wollen, so finde ich keinen parlamentarisch zulässigen Ausdruck zur Entgegnung. Diese Bemerkung enthält einen so schweren Vorwurf, daß ich eine solche Handlung, wenn es parlamentarisch zulässig wäre, nur als ehrlos und gemein bezeichnen könnte. (Unruhe bei den Nationalliberalen.)
Abg. Dr. Suedekum (Soz.) bringt als Vertreter von Nürnberg die Milzbranderkrankungen der Arbeiter in Pinselfabriken und Roßhaarspinnereien zur Sprache und kommt dann auf den bekannten in der Universitätsklinik in Jena vorgekommenen Fall einer Wasserentziehung bei einem Diabeteskranken, weswegen, der behandelnde Assistenzarzt Dr. Strubel scharf angegriffen, von dem leitenden Professor Stinzing aber verteidigt wurde. Die Krankenhausärzte hätten zum Teil kein richtiges Gefühl dafür, wie sie mit den ihnen anvertrauten Kranken umzugehen haben. Der Kranke sei in ein Zimmmer eingeschlossen und die Entziehungskur lediglich zu wissenschaftlichen Untersuchungszwecken mit ihm vorgenommenworden. Der-Kranke sei allmählich von so kolossalem Durste gequält worden, daß er die eisernen Gitterstanqen aus dem Fenster herausgebrochen hat und zu entfliehen versuchte. Bis zu welchem Grade seine Verzweiflung infolge des furchtbaren Durstes gestiegen war, geht daraus hervor, daß er 1400 Kubikzentimeter seines eigenen Urins getrunken hat. (Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.)
Staatssekretär Graf Posadowsky verweist darauf, daß in Bezug auf die Krankenhausverwaltung und bezüglich der Leichenverbrennung es sich um Befugnisse der Einzelstaaten handle. Betreffend der Desinfektionsvor- fchriften werde auf möglichst wirkungsvolle Ausgestaltung hingewirkt. Die obligatorische Leichenschau sei nicht durchführbar.
Sachsen - Weimarscher Leaationsrat Paulsen rechtfertigt den Jenenser Vorfall mit der Einwilligung des betreffenden Patienten, für den die Kur selbst zweckentsprechend war, obgleich die Schwere des Falles eine Heilung unmöglich machte.
Abg. Prinz Schönaich-Carolath zieht diese Freiwilligkeit in Zweifel und verlangt Remedur gegen ähnliche Ausschreitungen der Wissenschaft, deren Vertreter mit Experimenten an lebenden Körpern vorsichtiger sein müßten.
9fbg. Dr. Suedekum: Der Versuch des Bevollmächtigten für Weimar ist mir unverständlich. Es handelt sich nicht um ein Verbrechen, sondern um einen Uebereifer, der aufs höchste mißbilligt werden muß.
Persönlich bemerkt
Abg. Dr. Endemann: es ist mir nicht eingefallen, daß ich; das erwähnte Sprüchwort gegen Herrn Antrick gerichtet habe, noch hat es an ihn gerichtet werden sollen. Ich bedauere aber, daß die bedingte Beleidigung seitens des Herrn Antrick (gegen mich „ehrlos und gemein" mir ins Gesicht geschleudert worden ist, ohne Remedur seitens des Präsidenten gefunden zu haben. Ich erkläre Herrn Antrick, daß mir derartige Beleidigungen von seiner Seite Luft sind.
Das Kapitel wird bewilligt. Nach einer kurzen Bemerkung des Abg. Grafen Oriola (ntl.) zum Titel der Büreaubeamten des Reichsgesundheitsamts und nach einer kurzen Erwiderung des Staatssekretärs Grafen Posadowsky wird das Kapitel bewilligt. — Bei dew Ausgaben für das Patentamt, in dem ein Direktor nut) 8 Stellen im Hauptamte in Zugang kommen sollen, führt


