Ausgabe 
2.6.1901 Erstes Blatt
 
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Nr. 127

Erstes Blatt

151» Jahrgang

Sonntag 2. Jun. 1901

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2. August 1852 an General v. Gerlach:Ter Sohn ist, und zwar nach Gottes Barmherzigkeit leicht und glücklich, ge­

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dessen gewaltige Wucht, ausführlichere Betrachtung ange­sichts seines frühen Todes.

Graf Wilhelm Bismarck, in der Familie kurz Bill ge­nannt, war das jüngste der drei Bismarckschcn Kinder. Er wurde in Frankfurt a. M., wo der Vater damals preusti-

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Adresse für Dkpesche», Anzeiger Stehen.

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Gießen, 29. Mai 1901.

detr.: Vertilgung der der Land- und Forstwirtschaft schädlichen Vögel.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

au die Groflh. Bürgermeistereien deS Kreises.

Diejenigen von Ihnen, welche unserer Auflage vom -6. Mai l. IS. (Gießener Anzeiger Nr. 107) noch nicht ent« Prochen haben, werden an deren Erledigung erinnert.

v. Bechtold.

Bekanntmachung.

DaS Grotzh. Steuer-Kommissariat Gieße» au die Großh. Bürgermeistereien deS Bezirkes.

Wir ersuchen Sie, die Ihnen zugegangenen Gewerbe­scheine (Gewerbspatente) auszufertigen, die aufgeklebten Stempelmarken vorschriftsmäßig zu entwerten und die von Ihnen unterschriebenen, nach Nummern geordneten Scheine bis zum 10. Juni l. I. hierher zurückzufenden.

Gießen, den 1. Juni 1901.

Dr. Metzler.

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Gymnasium seiner Vaterstadt ernannt, nachdem er drei Jahre früher dort einen Verein turnender Gymnasiasten gegründet hatte. Nachdem er 1849 die Abiturientenvrüfung bestanden, studierte er in Göttingen Philologie und später Mathematik. 1852 bestand Lion die Staatsprüfung, sein Probejahr hielt er in Hildesheim ab, dann nahm er eine Hauslehrerstelle in Großschneen und 1856 eine Lehrerstelle in Großgerau bei Darmstadt an. 1858 wurde er als Lehrer an die Realschule zu Bremerhaven berufen, wo er 4 Jahre blieb. ________

Aus Frankfurt a. M. schreibt man uns: In der erneuten Juni-Ausstellung im Kunstsalon Hermes am Lpemplatz haben Kollektiv-Ausstellungen veranstaltet Pcrül Hoecker-Rom mit 11 Gemälden und W. Hieronimus-Tresden mit 20 Gemälden. Max Lieber-nann sandte sein neustes BildReiter am Meeresstrande", Adolf Menzel ein größeres WerkTie letzten Gäste im Cafehause" unb: Fritz ThaulowEine Mondnacht". Von Hans Thoma sind zu bemerken 6 Gemälde aus des Meisters bester Zeit, von F. v. Lenbach, 5 Portraits, darunter ein Bismarch aus dem Jahre 1894, von G u st a v S ch ö n l e b e r 4 Land­schaften und von Ad. Schreyer ein großes BildArabische

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boren, gerade als es zum letzten Mal Mitternacht schlug. Ist das am 1. oder 2. August?" Bei der Taufe am 22. September waren sowohl der Prinz von Preußen als auch der Ministerpräsident Otto v. Manteuffel als Taufpathen vertreten.

In der Kindheit war der Knabe, obwohl körperlich kräftig, viel von Krankheiten heimgesucht; besonders in den Jahren 185962 finden sich zahlreiche Notizen über rheumatische Beschwerden Bills in den Briefen des Vaters. Im April 1866 aber bezog er mit seinem älteren Bruder Herbert das Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin und machte auch mit ihm zusammen am 3. März 1869 das Abiturientenexamen. Ostern' 1869 bezogen beide die Uni­versität Bonn und blieben dort bis zum Ausbruche des Krieges mit Frankreich, den Wilhelm zuerst als Einjährig Freiwilliger, später als Offizier bei dem 1. Garde-Tra goner-Regiment mitmachte. In der Schlacht bei Mars- la-Tour sah ein Tragoner den Grafen Bismarck kopfüber vom Pferde stürzen, als wäre er durch den Kopf geschossen; er wurde denn auch tot gesagt; auch Graf Herbert erhielt, selbst schwer verwundet, diese "Nachricht. Indessen hatte die Kugel nur das Pferd in die Fessel getroffen, und das jäh stürzende Tier hatte den Reiter mit sich zu Boden ge­rissen. Fürst Bismarck erwähnte einmal, sein Sohn sei durch den Schuß, der das Psersd tgestnoffen, vor größerem Unheil bewahrt worden, denn nachdem dieses wieder in die Höhe gesprungen war, benutzte es Graf Wilhelm, der nun zu Fuß den Rückweg antrat, als Teckung gegen die feindlichen Geschosse.

Am andern Morgen fand er seinen Bruder Herbert unter den Verwundeten auf dem Gutshofe Mariaville. Bald darauf", so erzählt dieser in feinem Kriegstagebuch, erschien zu meiner Freude mein Bruder. Er versorgte uns reichlich mit Wasser, indem er selbst einige Eimer hinauftrug/' Am 2. September traf ihn der Vater. Er schrieb am 3. September feiner Gemahlin aus Vendresse: Bill sprach ich gestern, wie schon telegraphiert, und um­armte ihn angesichts Seiner Majestät vom Pferde herunter, während er stramm im Gliebe stand. Er ist sehr gesund und vergnügt. Es wird den gefangenen französischen Offi­zieren komisch vorgekommen sein, einen preußischen Ge­neral einen gemeinen Tragoner umarmen zu sehen." Von einer drolligen Szene aus denselben Tagen erzählte der Bundeskanzler damals bei Tisch: Ich entdeckte an meinem Sohne eine rühmliche Eigenschaft: er besitzt eine aus­nehmende Geschicklichkeit im Schweinetreiben. Er hatte sich das fetteste ausgesucht, da die am langsamsten gehen und nicht leicht entwischen. Zuletzt trug er's fort auf dem Arme wie ein Kind. Auch Major v. Roon schrieb, daß er Bill beim Requirieren eines Schweinesbelauscht" hätte, eine köstliche Szene zum Malen". j

Ende September wurde Graf Wilhelm Offizier; im Sommer 1871 ging er wieder zur Universität, studierte bis zum Herbst des folgenden Jahres in Berlin und unter­zog sich bann dem Referendar-Examen, das er vorzüglich bestand. Während der nächsten Jahre arbeitete er an dem Amtsgericht in Wiesbaden, an dem Kreisgericht in Schlawe und endlich am Kammergericht; den praktischen Arbeiten folgte 1878 die zweite juristische Prüfung. Zunächst atta- chierte sich ihn der Vater, dann entsandte er ihn als kommissarischen Hilfsarbeiter in das Bureau des kaiser­lichen Statthalters, Freiherrn von Manteuffel, nach Straß­burg. In einem Briefe an den Reichskanzler aus dem Tezember 1879 rühmte dieser den klaren Blick und das gesunde Urteil, das Graf Wilhelm in seiner Stellung be­wiese. Ebenso zutreffend zum mindesten ist aber Posch in- gers gelegentliches Urteil:Es war ein gemütlicher junger

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fürchten, eine Einbuße an Ansehen; denn darüber kann man sich doch nicht täuschen: den großen Verkündigungen, den heroischen Noten, dem so stark markierten deutsch englischen Abkommen ist die Ehamade gefolgt."

Tie WienerNeue freie Presse" urteilt folgendermaßen:

Andere Mächte waren unmittelbar beteiligt, England hatte vitalere Interessen und Rußland lag dem Schauplatze näher, warum also, fragte man sich in Deutschland, sollte gerade von deutscher Seite der Führer einer internationalen Expedition nach China gestellt werden, deren Gelingen auch deshalb nichts weniger als zweifellos war, weil man sich über das gegenseitige Mißtrauen nicht täuschte, mit welchem die Mächte unter dem notgedrungenen Schlagwort der erforderlichen Sühne für das beleidigte Völkerrecht sich zur Gemeinsamkeit entschlossen? Und es kam doch auch sofort zu Tage, daß in Petersburg eine besondere Freude über Waldersees Ernennung nicht bestand, denn sehr entschieden wurde dort bestritten, daß der Zar zu derselben die Initia­tive ergriffen haben sollte. Graf Waldersee hatte auch noch nicht auf chinesischen Boden den Fuß gesetzt, so erfolgte die Erklärung Rußlands, daß es feine Truppen aus Peking zurückzuziehen beschlossen habe. Das waren nad), der über­aus demonstrativen Art, wie Waldersees Ernennung und Abreise erfolgt waren, wenig gemütliche Zeichen......

Ueberblicft man jetzt, da die chinesische Verwicklung er­sichtlich ihrem Ende entgegengeht, das Ergebnis derselben, so empfängt man den Eindruck, daß nicht blos das chinesische Problem ungelöst; geblieben ist, sondern daß es niemals von der Lösung entfernter war, obgleich sie niemalshborljer mit größerem Applomb in Aussicht gestellt und mit mäch­tigerem Aufwand militärischer und finanzieller Mittel in Angriff genommen wurde. Nichts ist erzielt worden, nicht die Herstellung eines gesicherten Rechtszustands und eines verläßlichen Fremdenschutzes in China, nicht die Erweiterung und Ausbreitung des ostasiatischen Handels-Verkehrs, nicht die exemplarische Belehrung des Maildarinentums über die Superiorität der europäischoamerikanischen Zivilisation und die Macht der Zwangsmittel, die ihr zur Verfügung stehen. Im Gegenteil, der Zwiespalt unter den Mächten und der Gegensatz ihrer Interessen ist den Chinesen aus nächster Nähe offenkundig geworden, den chinesischen Unterhändlern ward es leicht gemacht, die Mächte gegeneinander auszu­spielen, und weniger als je steht zu hoffen, daß der Respekt vor der europäisch>-amerikanischen Zivilisation in Zukunft ein Hindernis neuer Fremdenbedrohungen und Völkerrechts- Verletzungen sein werde. Rußland ganz allein hat den Vorteil, es steht in der Mandschurei, auf die es unter dem Titel des notwendigen Schutzes feiner ostasiatischen Eisen­bahn die Hand gelegt hat und die es schwerlich- wieder herausgeben wird, obgleich von sämtlichen Mächten feierlich verkündet worden war, daß die internationale Expedition den territorialen Bestand Chinas nicht verändern dürfe. Mit der Anweisung auf die vierhundertfünfzig Millionen Taels, welche die Entschädigungsansprüche befriedigen sollen, werden die Mächte aus China abziehen, um die höchst unerbauliche Erfahrung bereichert, daß der im größten Stile unternommene Versuch ihre zivilisatorische Gemein­schaft zu erproben, an dem chinesischen Problem gescheitert ist."

TerVorwärts" meint:

Nichts ist erreicht, als daß wir sehr viel Geld und politisches Ansehen los geworden sind. Vor ein paar Mo­naten stand das fast ausschließlich- in sozialdemokratischen Blättern zu lesen und heute liest man es fast in der ganzen nichtoffiziösen Presse. Die China-Affaire hat allerdings einen großen Triumph gezeitigt den der sozialdemokra- tischen Kritik, die am Beginn des Abenteuers allein aus-

Gras Wilhelm v. Bismarck.

Wir haben gestern unsere Beurteilung des verstorbenen Grafen Wilhelm Bismarck unverhohlen zum Ausdruck ge­bracht, äu der wir aus unserer weiteren Kenntnis der ost- preußischen Verhältnisse gelangen mußten. Doch immerhin verdient der Verstorbene um des großen Namens willen, den er trug, allerdings ohne das besondere Gefühl für

Vorposten". Außerdem sind, wie gewohnt, fast alle ersten Meister, wie Leibi, Uhde, Lösftz, Bachmann rc. mit her­vorragenden Einzelheiten vertreten.

Wiesbaden, 31. Mai. Im Verlauf der Verhand­lungen des Allgemeinen deutschen Vereins für Schul­gesund heitspslege, wurde an den Kaiser ein Hut- digungstelegramm abgefanbt. Nach verschiedenen Vorträgen über speziell schulhygienische Fragen, Aufhebung des Abi­turientenexamens und der Vorprüfungen, Beseitigung der Vorschulen^ Gleichberechtigung aller neunklassigen Schulen, Mitwirkung der Aerzte bei der Schulreform, Ersatz des Wdrtlernens durch den Anschauungsunterricht und Be­seitigung bezw. Einschränkung des deutschen Alphabets wird oer Kongreß geschlossen. Ter nächste Kongreß findet in Weimar statt.

Kassel, 30. Mai. Ter Kongreß des Tiers ch u tz - Verbandes nahm einen Antrag Leipzig, an den Reichstag zu petitionieren, eine Kommission einzusetzen, die das ge. samte Material zur Vivisektionsfrage einer unparteiischen Prüfung unterziehen soll, an, um eine Klarstellung zu. erzielen.

Der Ausgang der China-Operationen.

Bei wichtigen politischen Ereignissen ist es interessant, den Lesern eine Uebersicht der Presse zu geben, um die Äußerungen und die Stellungnahme der verschiedenen Parteiblätter in Zeitungsausschnitten zu zeigen. Bei diesem hochpolitischen Ereignis des Endes des Chinafeldzuges ist auffallend die völlige Uebereinftiinmung aller Parteien. § Sehr richtig sagt dieRh.-Weftf. Ztg.":Ob konservativ, ober freisinnig, ob offiziös oder unabhängig, ob rechts ober links, alle Blätter finb sich in bem Gefühl einig, baß ein großer Stein vom Herzen bes Volkes genommen ist. Mit bem kürzlich viel zitiertenUff der Erleichterung" Eugen Richters nahm ganz Deutschland die frohe Kunde hin. Nun wird aber das Facit des kostspieligen Experi-, mentd gezogen; auch in der ungünstigen Beurteilung sind sich so ziemlich! alle Parteien gleich"

Des Fürsten Bismarck ehemaliges Leibblatt, dieHamb. Nachx." schreiben:

Trotz des großen dekorativen Aufwands, mit dem die chinesische Aktion Deutschlands vor bald einem Jahre unternommen wurden ist, trotz der Hymnen, welche die vffiziöse Presse der neuen, auf diese Weise eingeleiteten LN'ltmachtspolitik spendete, hat das deutsche Volk sich nie dafür begeistern können. . . . Tie Stimme der nicht künst­lich beeinflußten öffentlichen Meinung ging dahin, daß Mr keinen Grund hätten, in China schärfer anfzutreten, als die dort ähnlich interessierten Großmächte, als Frank­reich oder England ober Amerika. Statt besten würbe eine Expedition .ausgerüstet, welche die aller anbereu Mächte an Kopfzahl uno Kostspieligkeit übertraf; man erlangte auf bekannte Weise ben Oberbefehl über die gesamten Kon­tingente und Graf Bülow versuchte in diplomatischen Noten dm Gang der Entwickelung in China seinerseits zu be­stimmen. Vor dem deutschen Volke aber wurden diese Maßnahmen, die uns in eine ganz unnötig exponierte Stellung bringen mußten, mit dem Hinweis darauf be­gründet, daß mir durch den Tod unseres Vertreters ganz besonders engagiert feien. Wer damals feine Bedenken flogen diese Auffassung geltend zu machen suchte, lief Ge­fahr, von der offiziösen Presse des Vaterlandsverrats ge­ziehen zu werden. . . . Jetzt werden diejenigen Truppen mtb Schiffe zurückberufen, deren es in China wobl über- hiupt nicht bedurft hätte. Was zurückbleiben wird, hätte ss ah r schein lich allein die Aufgabe erfüllen können, die zu losen war. Man beklagt die Verluste an Leben, Gesundheit intb besonders an Nationalvermögen, die diese Expedition -tiit sich gebracht hat. Zu diesen Opfern tritt noch, TUie wir

Prof essorDr. C ar l Iu stus Lio n 7. Tie Turner- qdaft trauert am Sarge von Carl Justus Lion, der sich Wn das ganze deutsche Turnwesen hochverdient gemacht bet. Er war seit 1862 als Direktor des gesamten Leipziger Glj-ulturnenS thätig, 1874 wurde ihm die Beaufsichtigung pks Turnunterrichts an den sächsischen Schullehrersemi- jmr en übertragen und 1895 erfolgte feine Ernennung zum Dwjessor. Frühzeitig schon schrieb er in Zeitschriften be- josstcnswerte Abhandlungen über das Turnen und er hat ijigenbe, der Turnsache dienende unb biefelbe hebenbe Driften veröffentlicht:Tas Stoßfechten" (Hof 1882), -^erkzeichnungen von Turngeräten" (Hof 1883 in dritter Äiijnage),Leitfaden für den Betrieb der Ordnungs- und Srcüüburtgen" (siebente Auflage, Bremen 1888),Katechismus fcir Bewegungsspiele" (mit Wortmann 1891),Bemerkungen fiiec den Turnunterricht in Knaben- und Mädchenschulen" (bieKte Auflage, Leipzig 1888),Die Turnübungen des ge- toiiidhten Sprunges" (Dritte Auflage, Hof 1893). Lion jnrfce 1829 in Göttingen geboren, wo fein Vater Privat- tyent war. 1848 wurde er zum Leiter des Turnens am

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger v

Amts- und Anzeigeblatt für ben Kreis Gießen

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