Ausgabe 
2.5.1901 Zweites Blatt
 
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Nach einer Meldung des Reuterschen Bureaus aus 'Peking teilt der Gouverneur von Schansi Li-Hung-Tschang telegraphisch mit, 3000 Franzosen befänden sich, von 2000 bewaffneten eingeborenen Christen begleitet, innerhalb der Provinz Schansi und verursachten große Not und Verwirrung, wohin sie kämen. Dem gegenüber steht eine Pariser Meldung, derzufolge der französische Konsul in Mong-tze, Francois, berichtet, er habe an der Grenze von Wnnan Abgesandte des Vizekönigs mit einer Eskorte angetroffen. Chinesische Truppen hätten ihm zehn Kilometer vor Mong-tze Ehrenbezeugungen erwiesen und die Spitzen der Mandarine hätten im Namen der chine­sischen Negierung ihr Bedauern über die Vorkommnisse im Juni vergangenen Jahres ausgesprochen.

Der Vizekönig von Nanking Liukunji hat in einer Tenk- schrist an den Thron um die Erlaubnis nachgesucht, eine öffentliche Sammlung von Beiträgen einzuleiten, um die Regierung bei der Bezahlung der chinesischen Truppen zu unterstützen.

Dem Militärwochenblatt zufolge, wurde Generalmajor X). Gayl, Oberquurtiermeister beim Armee-Oberkommando in Ostasien, als Nachfolger des Generals Groß von Schwarz­hoff, zum Chef des Generalstabs dieses Oberkommandos ernannt.

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Telegramm des Gießener Anzeigers.

Loudon, 1. Mai. DerStandard" meldet aus Tientsin vom 29. April: Die Lage ist derartig, daß die fremden Truppenkontingente gegenwärtig nicht verringert werden dürfen. Chinesische Elite-Truppen sollen in beträchtlicher Stärke bei Paotin gfu stehen.

Engländer und Buren.

Aus den amtlichen Berichten Kttcheners, den Reuter'schen und privaten Meldungen vom südafrikanischen Kriegsschauplatz läßt sich schlechterdings beim besten Willen kein zutreffendes Bild von den Vorgängen machen, die sich dort in der letzten Zeit abgespielt haben. Kitchener läßt die Welt in seltsamer Ungewißheit über seine Lage, seine GeheimniSthuerei wird von Tag zu Tag bedenklicher. Aus seinen Verlustlisten muß mau sich mit Mühe einzelne Vorfälle herauskonstruieren, über die sonst kein Wort bekannt wird. Aus der neuesten Liste vom 29. April ergiebt sich z. B., daß General Run die auf dem Marsche von Harrismith nach Bethlehem in den Tagen vom 21. bis 24. April einen Verlust von 2 Toten und 9 Verwundeten hatten, und daß außerdem zwei Mann seiner Truppe vermißt werden. Rundle hat also in dem zerklüfteten Bergland des nordöstlichen Oranjefreistaates, wie eS scheint, erheblichen Widerstand gefunden und Verluste er­litten. Gegenüber der Thatsache, daß Kitchener die Gefangen­nahme jeder Handvoll Buren aufs peinlichste registriert, ist diese Behandlung der eigenen,unangenehmen Zwischenfälle" recht sonderbar und wahrlich nicht geeignet, der Meinung, daß die englische Berichterstattung der Schönfärberei huldige, den Boden abzugraben.

Aus R o S m e a d meldet vom 30. d. M. Reuters Bureau: Augenscheinlich ist Rhenosterberg noch das Haupt­quartier eines Buren-Kommandos, da häufig kleine Abteilungen beobachtet werden, die sich dorthin begeben oder von dort kommen. Bon den Zuurbergen her wurden gestern Schüffe gehört.

Ein Bericht derFriedensboten", die nach dem Kap gegangen waren, um den Afrikanderboud zu bewegen, die Buren zur Ergebung zu überreden, ist veröffent­licht worden. Nach diesem Bericht ist die Mission voll­ständig gescheitert. Der Obmann des Bundes hat sich geweigert, die Vollmacht der Abordnung anzuerkennen und die holländischen Minister lehnten eS ab, einen Schritt in der Sache zu thnn, solange die Unabhängigkeit der Republiken nicht anerkannt werde.

Deutsches Reich.

Berlin, 30. April. Der diesmalige Besuch des Kaisers auf der W a r t b u r g war, wie aus Eisenach be­richtet wird, nur der Ruhe und Erholung gewidmet, so daß die geplanten Jagdausflüge ausfielen; dagegen unter­nahm der Monarch in Begleitung des Großherzogs Wil­helm Ernst mehrfach Spaziergänge, bei denen u. a. die hohe Sonne" besucht wurde. Tie Abreise des Kaisers er­folgte heute vormittag 10 Uhr 30 Min. Der Monarch machte in Weimar Station, um in der Fürstengruft daselbst für den verstorbenen Großherzog Carl Alexander persönlich einen Kranz niederzulegen. Durch Ordensdekorationen wur­den ausgezeichnet: der Schloßhauptmanu v. Hopffgarten (Kronenorden 2. Kl.), Bezirksdirektor Tr. Eucken (Kronen­orden 3. Kl.), erster Bürgermeister Dr. v. Fewson (roter Adlerorden 4. Kl.) und der Justizrat Tr. Werich (Kronen­orden 4. Klasse). Kurz vor 1 Uhr erfolgte die Abreise des Kaisers n a ch B e r l i n, wo er um 5 einhalb Uhr am Abend eintraf.

In der Ka n al ko m m i s s i o n des Abgeordneten­hauses beantragte Abg. Engelbrecht (freik.) die Einstellung einer Summe bis zu 100 000 Mark für die Aufstellung eines Kostenanschlages für einen Kanal vom Dortmund-Ems- Kanal über Oldenburg nach der Unterelbe. Minister von Thielen sprach sich gegen den Antrag Engelbrecht aus. Der Nordkanal sei nicht geeignet, den Mittellandkanal zu er­setzen. Tie Staatsregierung sei nicht in der Lage, darauf einzugehen. Es sei vielmehr die Aufgabe Hamburgs, den Nordkanal vorzubereiten, da er für Preußen nicht von be­sonderer Bedeutung sei.

,. Kronprinz ist nicht, wie es bisher hieß, als o al gl; in n a s iast bei einer juristischen Fa - [u l1 ohne vorherige Nachprüfung immatrikuliert wor- den. Dieser Vorzug gebührt vielmehr dem Landgerichtsrat Ehmcke am Landgericht Berlin I. Chmcke, der 1870 nach bestandener Kriegsreifeprüfung als Einjährig-Kriegsfreiwil liger bei einem Infanterie Regiment der 2 Divisionu Danzig eingetreten und mit dem Ersatz nach Frankreich gegangen war, wurde bei eine der Schlachten in der Nor­mandie verwundet, und verlor ein Bein. Als er nach seiner Gesundung die Königsberger Universität bezog, studierte er anfangs Naturwissenfck)aften. Durch den Verlust des Beines behindert, gab er dann jenes Studium auf, nackchem er auf sein Gesuch von dem dainaligen Kultusminister Tr. F-atk

die Erlaubnis erhalten hatte, sich ohne jede Nachprüfung bei der juristischen Fakultät einschreiben zu lassen. Der Justizminister hatte gleichzeitig erklärt, daß Ehrncke aus­nahmsweise auch als Realschulabiturient nach zurückgeleg­tem Rechtsstudium zur Referendar Prüfung zugelassen wer­den solle, wie dann geschehen ist.

B r e s l a u, 30. April. Tie Massenverhastungen in Russisch-Polen wegen nihilistischer Umtriebe haben ungeheure Dimensionen angenommen. Bis heute sind 600 Personen verhaftet, lieber 200 wurden mittels Sonderzuges von Pebrikau nach der Warschauer Zitadelle verbracht, darunter ein Reichsdeutscher. Die Ort­schaften Sosnovice, Stalee und Dombrowa sind von 3 Kom­pagnien Kosaken besetzt. In Stalee fand man eine Korre­spondenz, die eine Massenverschwörung des gesamten War- schauer Gouvernements verrät._____________

Ausland.

London, 30. April. Tas Unterhaus bestätigte mit 251 gegen 148 Stimmen die bei der Budgetberatung ange­nommene Resolution betreffend die Einführung des Zucker­zolls. In einem Schreiben an den Herausgeber des BlattesGas World" erklärt der Schatzkanzler Hicks Beach, Koks falle unter den Kohlenausfuhrzoll.

Brüssel, 30. April. Tie Heereskommission hat ihre Arbeiten beendet. Folgende Beschlüsse sind gefaßt: Tas Heer rekrutiert sich aus Freiwilligen und jährlich Ausgehobenen. Den Freiwilligen werden besondere Ver­günstigungen gewährt. Tie Stellvertretung wird aufgehoben, der Militärdienst ist persönlich abzuleisten. Die Dienstdauer wird herabgesetzt. Ter jetzige Friedens- Effektivbestand wird beibehalten. Ter Krieg-Effektivbestand beträgt 180 000 Mann.

Paris, 1. Mai. Bürgermeister Max Regis und dessen Bruder gerieten in einer Wirtsck^ast Algiers in Streit mit dem Direktor des republikanischen BlattesRe­vanche du peuple". Während der Keilerei wurden beide Regis durch Revolverschüsse verwundet. Max Regis erhielt eine Kugel in das Gesicht. Die Verwundungen cheinen nicht schwer zu sein.

Wien, 30. April. Abgeordnetenhaus. Der Prä­ident beantwortete die Anfrage des Abts Treuinfels wegen )es Abdrucks konfiszierter die Satzungen und Einrichtungen )er katholischen Kirche schmähender Artikel im tenographischen Protokolle in Form von Interpellationen und erklärt, als überzeugungstreuer Katholik müsse er dieses Vorgehen lebhaft beklagen, als Präsident des Hauses und vollbewußt seiner schweren politischen Verantwortung liege ihm jedoch die Verpflichtung ob, objektiv seines Amtes zu walten und persönliche Gefühle und Empfindungen zu­rückzustellen. Die Geschäftsordnung biete keine Handhabe, um in dem vom Interpellanten gewünschten Sinne den täglichen Interpellationen Einhalt zu gebieten. Ein Antrag Pernerstorfer, mit Rücksicht aus die Maifeier morgen von einer Sitzung Abstand zu nehmen, wird abgelent.

Sofia, 30. April. DieAgence Bulgare" giebt fol­gende Darstellung der am Sonntag in Küstendil vorge­kommenen Ruhestörungen: Infolge einer Rauferei zwischen Knbena, bei der ein bulgarischer Knabe in die Synagoge geschleppt worden war, kam es am Sonntag während der Abwesenheit des Präfekten zu einer Bewegung gegen die jüdischen Einwohner, deren einige mißhan­delt wurden. Tie Hauptschuldigen wurden verhaftet.

Petersburg, 30. April. Zu der Abreife des fran­zösischen Ministers des Aitswärtigen Del cässe schreibt dieNowoje Wremja": Man kann hoffen, daß nach dem Besuche Delcasses in Petersburg die Gerüchte über Miß­verständnisse, die in letzter Zeit die gegenseitigen Be­ziehungen zwischen Frankreich und Rußland angeb­lich verdüstert haben sollen, verstummen werden. Die ausländische Presse beschäftige sich eifrig damit, die an­geblichen Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Bundesgenossen aufzubauschen, indem sie dabei jede halb­wegs passende Gelegenheit benutzte. Das enge franzö- isch-russische Bündnis sei, führt das Blatt aus, licht nur auf politischer, sondern auch auf wirt- ch a f t l i ch e r Basis aufgebaut. Die Franzosen besäßen bekanntlich einen großen Teil russischer Staatswerte, außer­dem sollen sie an belgischen industriellen Unternehmungen in Rußland mit einer halben Milliarde Franken beteiligt ein. Tie von diesen Unternehmungen augenblicklich durch­lebte Krisis habe den französischen Kapitalisten bedeutende Verluste gebracht; die französischen Kapitalisten beschuldig­ten die Regierung, die guten Beziehungen zu Rußland nicht genügend gepflegt zu haben. Die Reise Delcasse's sei so­mit auch in dieser Beziehung sehr gelegen gekommen; man werde sich in Frankreich nunmehr überzeugen, daß obige Beschuldigungen grundlos sind. Ueberhaupt werde der Auf­enthalt Delcasses in Petersburg noch größere Harmo­nie in der Handlungsweise-der beiden Verbündeten, so­wohl in Ostasien, wie an anderen Orten, wo russische und französische politische und ökonomische Interessen sich berühren, Herstellen. Das Blatt erklärt schließlich, es sei anzunehmen, daß in der Gruppierung der Mächte Veränderungen eintreten werden, da neue Kom­binationen in Aussicht seien. So seien Oesterreich und Italien jetzt längst nicht mehr von dem Be­wußtsein der Nützlichkeitdes Bündnisses mit Deutschland durchdrungen, auch die Stellung E n g- l a n d s, der europäischen Kleinstaaten und der Vereinigten Staaten von Amerika habe in letzter Zeit Verschiebungen erfahren. Daher sei es in diesem Augenblicke von beson­derer Wichtigkeit gewesen, das feste Fortbestehen des Zwei­bundes deutlich zu beweisen.

Das Explofions-Unglück in Griesheim.

Bei den fortgesetzten Aufräumungsarbeiten auf der Griesheimer Unglücksstätte wurden heute vier weitere Tote aufgefunden. Sie lagen unter dem eingestürzten Neubau des Reduktionshauses, wo auch fast alle anderen Verunglückten hervorgeholt worden sind. Vier Personen werden vermißt. Den im städtischen Krankenhaus zu Höchst untergebrachten vier Schwerverletzten geht es besser. Ebenso melden alle Hospitäler Befferungen im Befinden der Verletzten. Besondere Gefahr ist nur bei der schwerverletzten Frau Gers­feld vorhanden.

Das Werk Rheinfelden der Chemischen Fabrik GrieS- hemr Elektron veranstaltete Montag eine Gedächtnisfeier « - -u .Dpfct. d» Brand, und Explosions-Katastrophe in Griesheim. Zu derselben Stunde, als man die Unglücklichen

auf dem Friedhöfe in Griesheim zur ewigen Ruhe bettete, versammelten sich die Beamten, Aufseher und Arbeiter deS Werks in dem Saal der Fabrik. Der evangelische Kirchen- gesavgvereiu sang das LiedBergpsalm"; dann hielt der Betriebsvorstand Dr. Wagner die Gedächtnisrede. Der Ar­beiter Ausschuß entsandte zu der Trauerfeier in Griesheim eine Abordnung aus dem ältesten Aufseher und den zwei ältesten Arbeitern des Werks mit dem Auftrage, an dem Maffengrabe in Griesheim einen Kranz der Rheinfeldner Mitarbeiter niederzulegen.

Ker llküt Werfrlder MitarbesrriLusS'Plrreß.

XIV.

Elberfeld, 30. April.

Tie Verhandlungen erstreckten sich, wie' wir bereits gestern meldeten, auf die Beweisaufnahme in den Anklage­fällen Weyersberg, Eickenscheidt und Stern. Der Handlungs­gehilfe Pa.nl Weyersberg aus Oberpilghausen ist 1894 und 1895 bei den Ersatzgeschäften wegen schwack>en Körper­baues ein Jahr zurückgestellt worden. Beim Ersatzgeschäft 1896 wurde er zur Feldartillerie gezogen, begab sich nach Halberstadt, wurde dort von Tr. Schimmel untersucht, und für dauernd unbrauchbar erklärt. Als sein Vater ge­hört, daß er, der Sohn, vom Militär freigekommen sei, habe der Vater von seinem Plane, in Halberstadt -ein Geschäft zu gründen, abgesehen. Die militärische Untersuchungs- lommission hat Weyersberg für dienstuntauglich bezeichnet, hält ihn aber zum Landsturm für tauglich Generalarzt Dr. Her ter: Meiner Meinung nach ist gerade dieser Fall geeignet, zu illustrieren, wie mißlich der Versuch ist, nach Jahren durch eine ärztliche Nachuntersuchung eine llebereini'timmung des gegenwärtigen Befundes mit einem früheren Befunde nack-zuweisen. Ich glaube, daß es im allgemeinen genügt, wenn man zu der Ansicht kommt, ob der Musterungspflichtige untauglich ist. Wir streben bei der Aushebung nicht nach genauer klinischer Diagnose. Uns liegt nur daran, festzustellen, ob jemand tauglich ist oder nicht. Oberstabsarzt Tr. Schimmel: Für Anämie giebt es keine Rubrik in der Heerordnung. Ajs der Vorsitzende den Geheimrat Prof. Dr. Schultze darauf auf­merksam macht, daß sein früher abgegebenes schriftliches Gutachten von dem heutigen etwas abweicht, erwidert Ge­heimrat Schultze: Ich ersehe daraus, daß man. selbst; wenn man mehr Zeit hat zur Untersuchung als ein Militär­arzt, den Ausdruck nicht mehr so trifft, wie man sich bei nachhaltiger Ueberleguna ausdrücken würde.

Der Landwirt Karl Eickenscheidt aus Kray hat sich am 12. Mai 1896 als Einjähriger beim Kürassier-Re­giment Nr. 4 in Münster gemeldet, wurde von Dr. Linde­mann untersucht und mit dem BefundeNach Attest des Geh. Rats Tr. Mooren Hemeralopie (Nachtblindheit) für jetzt dienstunbrauchbar" abgewiesen. Am 1. Juni 1896 stellte er sich der Ober-Ersatzkommission in Wernigerode, zu der Tr. Schimmel gehörte, und wurde für dauernd unbrauch­bar erklärt. Dr. Schimimel: Dr. Mooren galt bei uns als ein so berühmter Augenarzt, daß wir uns sagten, wenn er jemand für untauglich erklärt, trifft dies auch zu. Es war aber auch unnötig, den Mann weiter zu untersuchen, nachdem der Herzfehler konstatiert war. In der Dienst­anweisung heißt es: Wenn ein Fehler nach Anlage 4 b fest- gestellt ist, kann die Uniersuchung abgebrochen werden. Generalarzt Tr. Her ter entgegnet dem Geheimrat Prof. Sämisch daß, sobald Nachtblindheit in irgend einem Grade estgestellt sei, die Brauchbarkeit zum Militärdienst ausge- chlossen sei. Tie Anklagebehörde nimmt an, daß Eicken- cheidt durch die Angeklagte Witwe Dieck Haff freigemacht worden ist, weil deren verstorbener Mann einen nahen Verwandten Eickenscheidts freigemacht hat. Auch im Falle Stern' soll Witwe Dieckhoff die Freimacherin ge­wesen sein. Sie bestreitet dies indes ebenso wie im Falle Eickenscheidt. Auch bestreiten die Angeklagten Eickenscheidt und Stern jede Strasthat. Der Klempner Stern aus Essen wurde beim Ersatzgeschäft 1896 in Charlottenburg zur Jn- anterie geschrieben, beim Oberersatzgeschäft in Halberstadt von Dr. Schimmel untersucht und zur Ersatzreserve über­wiesen. Als besonders belastend sieht die Anklagebehörde an, daß Albert Stern ein Vetter von Adolf Hirschland ist, 5er, wie er kürzlich bekundet hat, von seinem Onkel Abraham Herz beredet worden ist, sich freimjachen zu lassen, und der zu diesem Zwecke mit einer Frau, nach Ansicht der Staatsanwaltschaft Frau Dieckhoff, in Verbindung gebracht worden ist. Stern ist ein schwächlicher Mensch Oteneralarjt Tr. Stricker: Ich glaube, einen Mann von solcher ge­ringen Größe und so schwachem Körper, der dazu noch kleine Fehler, wie Plattfüße und kleine Zehen hat, würde kein General einstellen. Hauptmann Storch vom 111. In­fanterie-Regiment in Rastatt, früher Adjutant der 14. Jw fanteriebrigaie, bekundet, daß der damalige General ge­wünscht habe, daß bei der Aushebung immer nur die besten und gesundesten Leute auszusuchen seien, damit nicht der Bedarf mit minderwertigem Material .gedeckt werde, während am Schlusse Leute besserer Qualität als überzählig zurückgestellt werden müßten. Tie Fortsetzung der Verhandlung wurde auf Tienstag Vormittag vertagt.

Elberfeld, 30. April. Divisionsarzt Oberstabsarzt Tr. Hecker-Düsseldorf protestiert dagegen, zu oen gut­gläubigen Aerzten zu gehören, die sich täuschen lassen: eine Täuschung bei den Untersuchungen zur Aushebung sei bei ihm ausgeschlossen; er habe vor diesem Prozeß die Namen B a u m a n n und Dieckhoff niemals gehört und weder mit diesen, noch mit anderen Freimachern jemals irgend welche Beziehungen gehabt; auch sei es unwahr, daß er seiner Frau ein Reitpferd halte. Oberstabsarzt Tr. Stock- Paderborn und Oberstabsarzt a. D. Weber- Kreuz' nach äußerten sich in ähnlicher Weise. Letzterer bemerkte, in seiner 30 jährigen Thätigkeit als Militärarzt sei nie­mals auch nur der leiseste Versuch gemacht worden, ihn zu einer Pflichtverletzung zu verleiten; deshalb sei er empört, daß das Ermittelungsverfahren gegen ihn ein** geleitet worden fei.

Aus Stadt und Land.

«tetzw, 1. Mai 1901.

*' Der Mai ist gekommen! so erscholl eS in vergangener Nacht um 12 Uhr aus 1000 Kehlen. In vielen Lokalen wurde unter Gesang dem jungen Mai ein feuchtfröhlicher Willkomm entboten und bis in früher Morgenstunde die Maifeier" begangen.

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