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Nr. 102 Zweites Blatt.
151. Jahrgang.
Donnerstag 2. Mai 1901
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GietzenerAnzeiger
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
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Amtlicher Teil.
Bekanntmachung.
Die Löberstraße wird neu eingedeckt und eingewalzt nnd deshalb zwischen Goethe^ und BiSmarckstraße am 2. und 3. b. MtS., zwischen Bismarck und Gartenstraße am 4., 5. und 6. d. MtS. für den Fuhrwerksverkehr gesperrt.
Gießen, den 1. Mai 1901.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Hechler.
Arifis.
Wir meldeten bereits vorgestern, daß der deutsche Botschafter am goldenen Horn, Freiherr von Marschall, Berliner Gerüchten zufolge auscrsehen sei, demnächst die erschütterte Stellung des jetzigen Reichskanzlers einzunehmen. Wir begleiteten diese Mitteilung mit einem sehr großen Fragezeichen. Inzwischen aber ist die'Meldung von verschiedenen Seiten mit solcher Bestimmtheit wiederholt worden, daß Frecherr von Marschall gesonnen sei, nach Berkan zurückzukehren, um „wieder ein hohes Regierungsamt zu übernehmen", daß man die Sache doch wohl etwas ernster zu nehmen hat. An das Reichskanzleramt denkt Herr von Marschall jedenfalls selber nicht, doch irgend ein Reichsministcr-Portefeuille scheint allerdings thatsächlich für ihn in Frage zu kommen. Selbstverständlich kann dieses nur ein Reichsamt sein, zu dessen Wahrnehmung wirtschaftspolitische Kenntnisse und rednerische Begabung in gleichem Maße erforderlich sind. Denn die parlamentari- schen Schlachten der nächsten Zukunft werden um Zolltarif und Handelsverträge geschlagen werden. Nach alle dem dürfte anzunehmen sein, daß die amtliche Laufbahn des Herrn von Marschall gewiß nicht im Oriente ihren Abschluß finden wird, daß er vielmehr für das Reichsschlatzam t ausersehen ist. Er hat bereits bei den Verhandlungen über den russischen Handelsvertrag den Befähigungsnachweis voll erbracht. Durch ungewöhnliches Wissen uno glänzende Rednergabe wuchs Herr v. Marschall sozusagen über sein Ressort (Auswärtiges Amt) hinaus, wurde er dem Grafen Caprivi und auch später dem Fürsten Hohenlohe ein erwünschter Mitstreiter in Fragen der Handels- und Wirtschaftspolitik. Der gegenwärtige Staats-Sekretär des Auswärtigen, Frhr. v. Richthofen, wird in den parlamentarischen Kämpfen der Zukunft nicht entfernt diese Rolle spielen. Er ist ein hochverdienter, vortrefflicher Beamter, aber auch nur dieses. Der überragenden- staatsmännischen Eigenschaften erlnangelt er. So werden die Kosten des Kampfes um die Zölle in der Hauptsache zu bestreiten haben: Der Reichskanzler, der Staatssekretär des Inneren Graf Posadowsky — er verfügt vor den Beratungen des Wirtschaftlichen Ausschusses her über die gründlichste Spezialkenntnis — und der Reichsschatzsekretär. Noch ist allerdings Frhr. v. Thielmann als solcher thätig. Aber er klammert sich nicht an sein Amt. Es ist offenes Geheimnis, daß Frhr. v. Thielmann lieber heute wie morgen in den diplomatischen Dienst zurücktreten würde, den just Frhr. v. Marschall zu verlassen nicht abgeneigt ist. Auch die Unterstaatssekretär-Krisis schwebt noch im Reichsschatzamt; man ist noch .im Ungewissen, wer den kenntnisreichen Herrn Dr. Aschenborn ersetzen soll.
Daß es auch im preußischen Ministerium bereits feit einigen Wochen kriselt, ist bekannt. Ter Kaiser ist gestern nach Berlin zurückgekehrt und in den nächsten Tagen schon soll dem Vernehmen nach ein Kron rat stattsinden zur Erörterung der politischen Situation, die insbesondere durch die mißglückte Kanalvorlage geschaffen wird. In erster Reihe handelt es sich um die Frage, oh die Auflösung des Abgeordnetenhauses erfolgen soll? Fürst Hohenlohe empfahl nach dem Fall der ersten Kanalvorlage diese Maßregel; Herr v. Miquel aber drang mit seiner Auffassung durch, daß die Auflösunanur Verwirrung stiften würde. Auch heute soll Herr v. Miquel auf demselben Standpunkte stehen. Herr v. Thielen und Handelsminister Brefeld dagegen, die voraussichtlich die Ablehnung der Kanalvorlage mit ihrem Rücktritt zu quittieren haben, werden wohl dafür sein, daß auch dem Abgeordnetenhaus sein Teil wird. Als dritter geht nach allem, was man hört, der Landwirtschaftsminister Frhr. v. Hammerslein. Herr v. Dfiquel aber wird sich eine Gelegenheit aussuchen, die ihm einen effektvollen Abgang von der politischen Bühne gewährt, als ein solcher Personenwechsel im großen. Sperr v. Miquel kann sich das leisten, denn der Kaiser will ihn nur sehr ungern missen. Die Behauptungen von einer Verminderung seines Ansehens und seines Einflusses sind ganz gewiß aus der Luft gegriffen. Ebensowenig Glauben können Mitteilungen der „Spamfc. Nachr." beanspruchen über einen angeblichen „heftigen Kampf des Sperrn v. Lucanus .fegen Graf Bülow, weil dieser jenem zu mächtig geworden sei". Die gestrigen Abendblätter äußern sich sehr skeptisch Wer diese Mitteilungen. So schreibt die „Voss. Ztg.": „Daß sich der Kabinettschef v. Lucanus zu Jntriguen gegen den Reichskanzler hergiebt, bezweifeln wir. Aber wir bezweifeln nicht, daß es Leute giebt, am Hofe wie anderwärts, bie ihn gerne dazu mißbrauchen möchten . . ." Die „Nat.- ;]tg." häl: das Ganze für eine Jntrigue, gerichtet gegen den Grafen Bülow, in der Hoffnung, daß doch „etwas hängen bleibe". Zu demselben Urteile gelangt das „Berk. Tagebl."
Zn den nächsten Tagen werden also voraussichtlich wichtige Entscheidungen fallen. Auch über Form und Inhalt der neuen Zolltarif-Vorlage ist nach der Rückkehr des Kaisers die Entschließung zu treffen.
Politische Tagesschau.
Die Budgetkommissto» des Reichstages hat am Dienstag die Beratung des GarantiegejetzeS für die ost- afrikanische Eisenbahn begonnen, doch nur unwesentlich gefördert. Man kam über allgemeine Bemerkungen nicht hinaus. Das interessanteste Moment lag in der Erklärung deS Staatssekretärs Freiherrn v. Richthofen, daß Eecii Rhodes bei feinem Besuche am Berliner Hofe vor einigen Jahren sich erboten habe, in der deutschen Kolonie eine Eisenbahn von Osten nach Westen zu bauen. DaS Auswärtige Amt wollte jedoch warten, bis sich deutsches Kapital für die Bahn interessiere, und habe den Rhodesscheu Vorschlag abgelehnt. DaS war wohlgethan. Denn wenn auch der „ungekrönte König von Südafrika" dabei hauptsächlich sein eigenes Geld riskiert hätte, so wären doch die deutschen Interessen am schlechtesten weggekommen. Der Handel OstasrikaS würde auf die britischen Bahnen im Süden und Norden deS Schutzgebietes übergeleitet worden sein, so daß die Deutschen am Ende nicht mehr Herren im eigenen Hause gewesen wären. Man kennt ja die geschickten Praktiken des Herrn RhodeS zur Genüge. Jetzt wird ihm die Lust an afrikanischen Bahnprojekten wohl vergangen sein. Für die „Uneigennützigkeit" seiner höchst,egenden Pläne hatten die Buren nicht das rechte Verständnis. Er scheint seine „Napoleonrolle" auSgespielt zu haben.
Die Lage in China.
Eine deutsche Brigade unter dem Beseht des Generalleutnants v. Lessel hat nach den übereinsttmmenden deutschen amtlichen und privaten Berichten die in die Provinz Tschili eingedrungenen chinesischen Truppen nach zweitägigen Ge- sechten in toilbe Flucht aus dem internationalen Okkupationsgebiet wieder hinausgejagt. Nach dem deutsch-feindlichen Londoner Bureau Reuter freilich soll bei den Kämpfen in den Schansi-Pässen ein Teil der deutschen Truppen in einer Schlucht beim Kukuan-Paß in eine Falle geraten sein, und in einer Abteilung von 80 Mann soll es 45 Unfälle gegeben haben. Die Chinesen behaupten, ihre Verluste seien nur minimal. Tie Wirkung der deutschen Operationen wird in London selbstverständlich zumeist recht ungünsttg beurteilt. Tie Chinesen sagen, die Deutschen seien unter schweren Verlusten znrückgettieben, und die Masse des chinesischen Volkes glaubt dies, dem Reuterschen Bureau zufolge, so dürfte es angebracht sein, diesen Aeußerungen britischer Freundschaft gegenüberzustellen, was sich ein englisches Blatt, die „Morning-Post" aus Paotingfu berichten läßt:
„Tie Deutschen trifft jedenfalls nicht die Schuld an den von Zeit zu Zeit an den Grenzen von Tschili ausbrechenden Kämpfen. Die Chinesen gingen so weit, in einem unverschämten Schreiben dem deutschen Kommandeur zu untersagen, auch nur einen Fußbreit über eine 60—70 Kilometer innerhalb der Grenzen von Tschili gelegene Stadt hinaus vorzurücken. In Antsuling, wo sie auf eine Parlamentärflagge feuerten, waren sie wenigstens 47 Kilometer außerhalb ihrer eigenen Abgrenzungslinien. In Huolo, unterhalb Tsck)entingfu, stehen sie den Franzosen an einem Passe gegenüber, der ebensoweit über die Mauer von Schansi hinausliegt wie Antsuling. Vor einigen Tagen erhielt General v. Kettler ein Schreiben von Hsiliang, dem Gouverneur von Schansi, worin es hieß, nach einem kaiserlichen Erlaß müsse die Mauer von Schansi die Grenzlinie zwischen ausländischen und chinesischen Truppen bleiben. Dabei wurde ihm bedeutet, sich an diese Weisung zu halten. Das Schreiben war anmaßend in der Fassung und nach chinesischer Anschaung gröblich beleidigend, da die chinesische Regierung zwei Stufen über der Linie genannt war unb die Ausländer in der Linie selbst erwähnt wurden.
Ter Befehlshaber dieser chinesischen Truppen, General Liu, war dann später, wie erwähnt, auf Veranlassung der Verbündeten von Li-Hung-Tschang aufgefordert worden, die Provinz Tschili zu verlassen. Er hatte aber nur zum Schein eine geringfügige Rückwärtsbewegung gemacht und sich in dem Gebiet östlich der Mauer an den Straßen verschanzt. Infolgedessen wurde eine aus Franzosen und Deutschen zusammengesetzte Truppenabteilung gegen ihn in Bewegung gesetzt. Tie Franzosen rückten über Tschengtingsu und Huvlu gegen Tsingsing und Kukwan vor; die Deutschen gingen in vier Kolonnen in der Richtung auf Heischankwan am Kreuzungspunkt des Hutho mit der großen Mauer und chließlich auf den Kreuzungspunkt des Thaoho mit der großen Mauer und auf Kukwan vor.
Tie deutschen Berichte besagen nun, daß etwa 5000 Mann deutscher Truppen die 25 000 Mann des Generals Liu, in dessen Heer sich die Nanking-Truppen befanden, die besten, über die China verfügt, mit verhältnismäßig geringen Verlusten über die große Mauer nach der Provinz Schansi zurückgetrieben haben. Es sind das die ersten ernsteren Gefechte nach der Einnahme Pekings, die ersten, an denen überhaupt deutsche Truppen in größerer Anzahl beteiligt gewesen sind.
Nun ist es ja bekannt, daß bereits seit Monaten die Friedensverhandlungen stattfinden und man hat cttvartet, daß es zu kriegerischen Maßnahmen überhaupt kaum mehr kommen werde. Erst am letzten Montag hat in Peking eine Konferenz der Generale wieder stattgefunden, in der beschlossen wurde, den Gesandten mitzuteilen, daß Mmach- nngen in Bettess der Zurückziehung der Truppen möglich seien, wenn die Gesandten in der Lage seien, eine von China als GesamtentsckMigung zu zahlende Summe anzugeben und wenn die Chinesen sich zur Zahlung dieser Summe bereit erklären. Ferner wurde beschlossen, den Chinesen zu gestatten, allmählich die Verwaltung von Peking wieder übernehmen, bis die bürgerliche Gewalt wieder ganz in ihren .Händen sei und von den Militärs nur eine passive Oberaufsicht ausgeübt werde. Schließlich wurde in der Konferenz über die Frage beraten, ob das Kommando über die Gesandtschaftswachen in die Hände eines einzigen Offiziers zu legen sei oder vb die einzelnen Wachen unabhängig bleiben sollen.
Also die Mächte sind im Begriff, den Chinesen wieder die Verwaltung Pekings in die Hände zu geben, während gleichzeitig mit chinesischen Truppen blutige Kämpfe stattsinden.
Ueber die Nichtbeteiligung der französischen Streitkräfte an den Kämpfen haben wir gestern bereits berichtet. Es ist bekannt, daß unsere Truppen in China mit de« Franzosen bisher immer gute Waffenbrüderschaft gehalten haben. Nun ist an die französischen Truppen der Befehl ergangen, sich an Gefechten nuht zu beteiligen, und bie Waffenthaten den Deutschen allein zu überlassen. Die „Nat.-Ztg." erfährt dazu von zuverlässiger Seite, daß die Annahme einiger Blätter durchaus unrichtig sei, als ivären die Franzosen' unter Bailloud unthätig gewesen. Tie Franzosen als die später Eingetrosfenen hätten die Flankendeckung übernommen und seien infolgedessen nicht inv Feuer gekommen. Eine Ordre zur Zurückhaltung war ihnen nicht erteilt worden.
Doch dieser Erklärung steht der amtliche Bericht des Grasen Waldersee entgegen, der ausdrücklich von dem Befehl an die französische Kolonne spricht, die Chinesen nicht anzugreifen. Dieser Befehl läßt sich nicht aus der Welt schaffen. Man wird kaum sehlgehen, wenn man diese offenbar aus Paris kommende Ordre mit der Reise des Ministers Telcasse nach Petersburg in Zusammenhang bringt. Die heutige (unter Ausland von uns mitgeteilte) russische offiziöse Kundgebung über die französischamssischen Beziehungen usw. läßt daraus schließen. Telcasse hat seine bisher deutschfreundliche Chinapolitik auf eine Linie mit der russischen gebracht, und man wird in nächster Zeit wohl schon sehen, daß sich das russisch-ftanzösische Bündnis auch in China stärker geltend macht. Rußland braucht dort vor allem Japan gegenüber einen Rückhalt an Frankreich. Hat es diesen, dann ist es sogar nicht unwahrscheinlich, daß zwischen Rußland und Japan eine Verständigung über die chinesischen Fragen zu stände kommt, denn der vereinten russischen und sranzösischen Macht gegenüber wird es Japan nicht auf einen Konflikt antommen lassen. Von solch einer Verständigung ist aber nur ein Schritt zu einem russisch- franHösisch-japanischen Dreibunde in chinesischen Angelegenheiten. Tie erste Handlung, in der sich diese Verständigung manifestteren würde, wäre die möglichste Räumung Pekings und der Provinz Tschili von den Truppen der drei Michte. Es blieben dann dort von größeren Kontingenten — das österreichische kommt nicht in Betracht, und ist übrigens, neuesten Meldungen zusolae, auch im Begriff, reduziert zu werden, — nur noch die deutschen und die englischen Truppen nach, oder mit anderen Worten, den Deutschen siele so gut wie allein die Aufrechterahltung der Ordnung und die Durchsetzung der Entschädigungsforderungen zu. Schon jetzt wird aus Marseille berichtet, zwischen der französischen Regierung und verschiedenen Schiffahrtsgesellschaften seien Unterhandlungen über Rückbeförderung eines Teiles des chinesischen Expe- ditionskorps int Gange. Insbesondere solle zunächst die Hälfte der aus algerischen Truppen bestehenden Brigade Bailloud zurückbefördert werden. Und wie wenig wir auf die Engländer rechnen können, zeigt die Erklärung, die der Unterstaatssekretär des Auswärtigen Cranborne im Unterhause abgab: aus Tiensin, Weihaiwei und Hongkong würden einzelne brittsche Truppenkörper jetzt zurückgezogen, eine Verminderung der Garnison in Shanghai werde hingegen zurzeit nicht beabsichtigt. Aus Shanghai natürlich nicht! Tort will England sich, während es uns in der Provinz Tschili allein läßt, sich recht sesffetzen. In letzter Zeit wurden englischerseits allerlei alarmierende Gerüchte über drohende Beunruhigungen im Pangtsegebiet ausgesprengt. Tas soll vermutlich als Vorwand für eine Konzentrierung der englischen Trappen in diesem Gebiet dienen. Tanft fehlt nur noch eine Verständigung mit Rußland und Frankreich über das Yangtsethal, und — wo bleibt dann unser Vertrag mit England, nebst all den Vorteilen, die er uns in diesem Teile Chinas sichern sollte? Wir haben dann das Recht, in Tschili allein zu sitzen, dort die Boxer abzuwehren, und zu warten, zu warten und wieder zu warten — bis die Mächte sich über die Entschädigungsforder^ urigen geeinigt haben. Tte anderen aber haben es gar nicht o eilig, denn sie haben schon, was sie brauchen, die Fran zosen in Südchina, die Engländer im Aangtsethal, die Russen in der Mandschurei, die Japaner nach ihrer Verständigung mit Rußland in ftorea. Uns dürfte schließlich die Ehre )es glanzenden Alleinseins doch zu kvsffpieltg werden.


