Ausgabe 
2.5.1901 Erstes Blatt
 
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Abg. Rintelen (Centr.) beantragt hierzu einen Zusatz, daß die Urheber von Bühnenwerken oder von Werken der Tonkunst ausschließlich die Befugnis der Aufführung behalten, jedoch nur, wenn sich der Urheber auf dem Titelblatt das Recht dazu vorbehalten hat.

Abg. Richter (fr. Bp.) beantragt, die $$11 und 27 miteinander zu verbinden.

Unter Ablehnung aller Abänderungs-Anträge werden die $$ 11 und 27 in der Kommissionsfaffung angenommen.

Weiterberatung morgen; auf der Tagesordnung steht noch die Be­ratung der Etat-Resolutionen.

Schluß der Sitzung um 6V4 Uhr.

Vermischter.

* Herr v. Eickstedt. Der, wie mitgeteilt, wegen ge­werbsmäßigen Glückspiels verhaftete Hans v. Eickstedt stand vor Jahren bei den Leib-Dragonern in Darmstadt und übernahm, nachdem er den Dienst quittiert hatte, das Familieugut Eickstedtwalde bei Pasewalk, das er in wenigen Jahren derart belastete, daß es ihm unmöglich wurde, es weiter zu halten. Ein Beweis für v. SickstedtS wirtschaftliche Tüchtigkeit ist der Umstand, daß er um eines der großen Anwesen einen Zaun schlagen ließ, der ihn fast 100,000 Mk. kostete. Nach Verlust seines Vermögens und Gutes und der Scheidung von seiner Frau machte v. E. dadurch von sich reden, daß er, um einen Druck auf seine früheren Schwieger eitern auszuüben und Geld zu erpressen, in Gemeinschaft mit seinem jüngeren Bruder BobiSlav, der schon wiederholt die Hin- und Rückreise über deu Ozean hatte antreten müffen, seine Kinder, die bet der Mutter in Wiesbaden erzogen wurden, auf offener Straße mit Gewalt zu entführen suchte. Bor sechs bis steben Jahren lebte v. E. bei einer Frau Beggerow in Berlin in der Kanonierstraße mit einer Dame der Halbwelt und bestritt seinen Lebensunterhalt durch Spielen in CafoS, wo ihm feine StandeSgenoffen ängstlich aus dem Wege gingen.

* Zum Konitzer Mord. In der Synagoge und dem jüdischen Badehause zu Könitz wurden vergangene Nacht von unbekannten Thätern fiebzehn Fensterscheiben ein­geworfen.

*Das ist mir Wurst, das ist mir Pipe.- Ge­wöhnlich erklärt man diese Redensarten so, daß man in Wurst- undPfeife- typische Bezeichnungen für eine ver­achtete Kleinigkeit sieht; mau vergleicht Wendungen, wiedas ist Blech, Kohl, Mist, das ist mir Pomade-, für die jene Auffassung zutreffen mag. AberWurst- undPfeife­können dergleichen verächtliche Dinge nicht bezeichnen, wenig­stens nicht in den Kreisen, denen die Redensarten geläufig find. Vielmehr ist die Wurst, wie der Geh. Hofrat Prof. Dr. Otto Behaghel, der Germanist unserer Landes- Universität, in derZeitschrift für deutsche Wortforschung" ausführt, ein typisches Beispiel dafür, daß man in einer Sache so oder so verfahren kann: Denn die Wurst kann an der einen wie an der anderen Seite aufgehängt oder an­geschnitten werden. Das Charakteristikum derPfeife" ist aber, daß man darauf pfeifen kann; also besagtdas ist mir Pipe" nichts anderes als:Das ist ein Ding, worauf ich pfeife", ein bekannter Ausdruck der Mißachtung.

* Paris, 29. April. Ins St. Germain-Spital wurde die zwanzigjährige bildschöne Schlossersgattin Dufour ge­bracht. Die Aerzte fanden an ihren Armen und Beinen stark entzündete Stellen. Die Patientin klagte über furcht­bares Brennen, war aber nicht zu bewegen, die Kranken­geschichte zu erzählen. Erst durch ihre Mutter wurde die Wahrheit bekannt. Wegen vermeintlicher Untreue fesselte Dufour seine Gattin bei den Armen und Beinen und in­jizierte ihr an mehreren Stellen Schwefelsäure. Dann drohte er sie zu erschießen, wenn sie den Spitalärzten nicht Selbst­beschädigung vorlüge. Dufour wurde verhaftet.

* Ueber den künftigenPrinzen von Rom" schreibt mau aus Rom:Das erste Kind des ita- ljienischen Königspaares soll erst in einigen Wochen geboren werden, aber um den künftigen Weltbürger wird schon jetzt ein wahrer Legendenkreis gewoben. Französische Blätter haben sich in pikanter Weise mit der angeblichen Ammenwahl für den erwarteten KönigSsprößling beschäftigt. Die ganze Geschichte war frei erfunden und entbehrt jeder Unterlage, denn die Königin Elena ist fest entschlossen, ihr Kind selber zu stillen. Au Wiegen stehen dem kommenden KönigSkinde bereits zwej ganz prachtvolle zu Gebote. Die eine hat die Königin Margherita geschenkt, die andere die Stadt Rom. Diese zweite Wiege kostet 40,000 Lire. Sie ist aus eitel Silber, vielfach vergoldet, nach einem pracht­vollen Entwurf des Bildhauers Senator Monteverde an. gefertigt. Auch die Namen des künftigen Prinzen denn ein Prinz muß es unbedingt sein, die Geburt einer Prin zessin würde als Nationalunglück betrachtet werden stehen bereits fest.

* D'er Tabak in Marokko. Bekannt ist die große Borliebe aller Orientalen für das duftende Rauchkraut, von den Ufern des Gelben Meeres bis an den Senegal. Da zwischen liegt aber auch Marokko, und die dortigen Macht­haber wußten mit dem Angenehmen auch das Nützliche in­sofern zu verbinden, als sie den Tabakverkauf zum Staats-

Monopol erhoben. Gelangten da aber die Gelehrten deö Sultans Muley Haffan, die allda eine maßgebende Roll' spielen, eines schönen Tages zu der Ueberzeugung, besagter Tabak dürfte denn doch ein sündhaftes Kraut sein, beste Genuß den Gläubigen verboten werden müsse. Die bezüg­liche Koranstelle lautet nämlich nur allgemein:Haram, fünb haft ist alles Berauschende" und diese Eigenschaft ist auch dem Nikotin ja keineswegs ganz abzusprechen. Sultan Muley Hassan schloß sich dieser Auslegung jener Koranworte an und erließ das Tabaksverbot. Damit mußte selbstver­ständlich aber auch das Staatsmonopol fein Ende nehmen. Auch wurden sämtliche Tabakvorräte in den RegierungS- magazinen ins Freie geschafft, reichlich mit Petroleum be gossen und feierlich zu Asche gebrannt. Dabei verbrannte i-in Wert von mehreren Millionen Francs. Es gab nun in Marokko keinen Rauchtabak mehr, denn für den Schnupf­tabak wurde ein Hinterthilrchen offen gelassen, und eine Prise alsHeilmittel gegen Kopfschmerz und benommene Sinne" statthaft erklärt. Damit waren aber die zahlreich int Lande Marokko lebenden Europäer keineswegs einverstanden, sou« der» wußten e5 durchzusetzen, daß seitens des Sultans die Einfuhr von Tabak und Cigarrenfür den Privatgebrauch der Ausländer-wieder gestattet wurde. Für einen im Reiche behördlich verbotenen Artikel konnte es nun auch keine Rubrik imZZolltarif geben, sodaß er einfach abgabenfrei ins Land kam. DerPrivatverbrauch der Ausländer" steigerte sich jedoch von Tag zu Tag, indem die Marrokkaner, die mit der neuen Koranauslegung nicht einverstanden waren, selbst auch wieder tüchtig mit zu rauchen anfingen, sodaß im Lande nun wieder ebensoviel Tabak verbraucht wird, wie früher zur Zeit deS Monopols.

Jahresversammlung des hesfischeu Pfarrvereius.

-k. Friedberg, 30. April.

I.

Im Hotel Trapp wurde heute die 11. Jahresversamm­lung des hessischen Pfarrvereins von dem Vorsitzenden, Pfarrer Schrimpf-Butzbach, durch eine Ansprache über Phil. 3, 1214 und Gebet bei starker Beteiligung eröffnet. In seinem Jahresbericht geht der Vorsitzende 'besonders ein auf die Thätigkeit des Vorstandes im vergangenen Jahre, gedenkt der sieben verstorbenen Mitglieder, deren Erinnerung durch Erheben von feiten der Versammlung geehrt wurde, erwähnt kurz die glücklich gelöste Totenfest­angelegenheit, sowie das zu aller Zufriedenheit zu stände gekommene Gehaltsgesetz, das, wenn auch nicht das gleiche Einkommen wie den mit gleicher Vorbildung aus­gerüsteten Staatsbeamten, aber doch ein solches zusichert, das den vorhandenen Bedürfnissen entspricht. Der Schrift­leiter des Kirchenblattes, Pfarrer Fr i t s ch - Ruppertsburg, kommt auf all die Fragen zu sprechen, die im .letzten Jahre das Kirchenblatt und durch dasselbe den gesamten ffarrstand beschäftigten. Dem Schriftleiter wird ein- timmig auch für das nächste Jahr dieses Amt übertragen. Die Rechnungsablage erstattet der Vereinsrechner Pfarrer Röschen-Freienseen. Wegen großer einmaliger Aus­gaben schließt die Rechnung mit einem kleinen Deficit ab. Auch der Rechner wird weiterhin die Vereinskasse führen.

Nach Antrag des Rechners wird eine Kommission vor­geschlagen, die die Rechnungen des Vereins, der Sterbe- und der Hilfskasse nach der technischen Seite hin zu prüfen hat. Ter Schriftleiter macht die Mitteilung, jedem Mit­glied foll ein stenographischer Bericht über die letzten Shnodalverhandlungen, in denen die Totenfestangelegen- heit und das Gehaltsgesetz zur Beratung standen, gegen )en Preis von 75 Pfg. eingehändigt werden, wodurch auch zugleich das Defizit könnte gedeckt werden. Daraufhin tehen zwei Anträge von Nebel-Laubach zur Beratung; sie lauten: 1) Tie Hauptversammlung wolle den Vorstand des Pfarrvereins beauftragen, beim Großh. Oberkonfistorium und der Landessynode die Neuregelung des geistlichen Bau­wesens erneut in Anregung zu bringen. 2) Ter Vorstand wird beauftragt, beim Großh. Oberkonfistorium und der Landessynode zu beantragen, daß gesetzliche Garantien ge- chaffen werden, welche unwürdigere Präsentatoren die Aus­übung dieses Rechtes entzieht, zugleich wird die Erwart­ung ausgesprochen, daß diejenigen Mitglieder des Pfarr­vereins, welche der Landessynode angehären, dieser An­gelegenheit ihre Aufmerksamkeit schenken. Beide Anträge werden einstimmig angenommen.

Tas .Hauptreferat des Tages hat Pfarrer März-Albig über das Thema:Sonntagsheiligungin Nhein­hesse n". Ter Redner entwirft in anschaulicher Weise das Bild eines rheinischen Sonntags auf dem Lande zur Zeit der Ernte und der Weinlese, erörtert die Schäden, die die vielen Feste in geistlicher, sozialer, wirtschaftlicher und gesundheitlicher Beziehung bringen, kommt auf die vielen Vereine zu sprechen.

An den Vortrag, der mit großer Aufmerksamkeit an­gehört und unter starkem Beifall ausgenommen wurde, schließt sich eine lebhafte Debatte, die zu dem Ergebnis ührt, daß der Antrag angenommen wurde:Die Versamm­lung nimmt die Anregung des Referenten dankend an und wünscht, daß der Vortrag im Kirchenblatt erscheint." Zugleich wird eine aus vier Mitgliedern bestehende Kom­mission erwählt, die die Bearbeitung der Frage energisch betreiben soll.

Verschiedene Begrüßungen waren eingelaufen, worunter diejenige des Geh. Kirchenrats T. Tiegel, des treuen Lehrers der meisten Anwesenden, dankbar ausgenommen wurde. Auf heute abend ist eine öffentliche Versammlung im großen oaale des Hotel Trapp vorgesehen, in der unter Mitwirkung des Musikvereins verschiedene Vorträge gehalten werden.

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 1. Mai 1901.

Personal-Nachrichten. Mit Ermächtigung deS Groß­herzogs wurden seitens des Ministeriums des Innern mit der Versetzung der Stelle eines Assistenten bei der Großh. Gewerbeinspektion Darmstadt der Betriebsingenieur Dr. Heinrich Müller ans Oppenheim, bei der Großh. Gewerbe Inspektion Offenbach der Maschineningenieur Karl Schwei- ckert aus Alzey und bei der Großh. Gewerbeinspektion Gießen der Betriebsingenieur Dr. Wilhelm Schneider aus Butzbach beauftragt. Der Großherzog hat den Stations­assistenten bei der Main-Neckar-Eisenbahn Karl Andrea« auf fein Nachsuchen in den Ruhestand versetzt und ihm die Krone zum Silbernen Kreuz des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen.

** Hessische Handelshochschule. Von Darm­stadt aus geht uns ein größeres Schriftstück zu, dasBe­gründung und Antrag der wirtschaftlichen Korporation Darmstadts behufs der Errichtung und Angliederung an die Technischen Hochschulen" enthält. Wir begnügen uns damit, die Schlußworte mitzuteilen, die darauf hinaus- lanfen, daß die Großh. Regierung und die Landstände beider Kammern ersucht werden, Schritte einzuleiten, die bewirken,daß die alsbaldige Errichtung einer Hessischen Handelshochschule, im Anschluß an die Technische 5?ochschule Darmstadts, als derjenigen höheren Lehranstalt, an welcher die Angliederung am wirkungsvollsten und unter den niedrigsten finanziellen Opfern vollzogen werden kann beschlossen und ausgeführt werde".

§ Butzbach, 1. Mai. Heute vormittag verließ das hiesige Bataillon unsere Stadt, um sich zu den großen Uebungen im Griesheimer Lager bei Darmstadt zu begeben. Gegen­wärtig ist man an dem Wiederaufbau eines durch den Brand zerstörten Teils der Küchel'scheu Ockerfabrik beschäftigt. In dem benachbarten Pohl-GönS wird nächstens mit dem Bau eines Rathauses begonnen, besten Einrichtung schon längst ein dringendss Bedürfnis ist.

W. Bad-Nauheim, 30. April. Gestern wurde hier die F r ü h j a h r S v e r s a m m l u u g d e r L e h r e r des Kon ferenzbezirks Friedberg unter dem Vorsitz des Kreisschul­inspektors Süß abgehalten. Nach Bekanntmachung der Ver­änderungen in der Besetzung der Stellen und der Neu errichtung von solchen, sowie der Erledigung einiger dienst­licher Angelegenheiten erhielt Lehrer Fleischhauer von Rödgen das Wort über das Thema:Jugendbibliothek" zu referieren. In eingehendster Weise verbreitete er sich über deren Zweck, Anforderung und Organisation. In der Dis­kussion zeigte es sich, daß man mit den Ausführungen ein­verstanden war. Es wurde noch zur leichteren Orientierung auf diesem Gebiet der Litteratur auf die von einzelnen Vereinen und Firmen herausgegebenen Verzeichnisse guter Jugendschriften hingewiesen. Nunmehr ergriff der Kreis cr^tx Medizinalrat Dr. Matthias, das Wort, um einen längeren Vortrag über Schülererkrankungen zu halten. Um 1 Uhr wurde die Konferenz, die so viel Anregendes und Belehrendes geboten hatte, geschlossen.

W. Reichelsheim i. d. W., 30. April. Am letzten Sonntag hielt hier der B i e n e n cht e r v e r e i n für Reichelsheim und Umgegend eine Versammlung ab, in der die verschiedenen Komitees ernannt wurden, die bei der Wander-Versammlung des Oberhessischen Bienenzüchter­vereins, die bekanntlich am 15. und 16. September d. I. hier stattfindet, thätig sein sollen.

W. Staden, 30. April. In einer Sitzung des Orts- und Schulvorstandes, an der von der Kreisschulkommission Friedberg die Herren Kreisrat Geh. Rat Tr. Brade n und Schulinspektor Süß, sowie Baurat Schnitzel teil- nahmen, wurde beschlossen, hier eine zweite Schul­te l l e zu errichten. Ein neuer Schulsaal mit Wohnung wird später erbaut werden.

Gerichtsstml.

Könitz, 30. April. Der Rechtsanwalt und Notar Dr. Karl Willutzki nu8 Flatow wurde von der Strafkammer wegen zahl­reicher Unterschlagungen unter Wegfall der gegen ihn berdts er­kannten Gefängnisstrafe von fünf Jahren und sechs Monaten zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt.

Mainz, 30. April. Der 20jährige Arbeiter Eugen Wolff wurde von der Strafkammer wegen Majestätsbeleidigung zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Der Angeklagte hat in einer Backsteinfabrik in Herrnsheim bei Worms gelegenttich eines Gespräches über die Kaiserfamikie eine unbesonnene Aeußerung gethan und ist von seinen Arbeitsgenoffen angezeigt worden.

Spork.

Hundesport. Man bittet uns folgendes zu veröffentlich«: Eine freudige Ueberraschung wurde demVerein zur Züchtung reiner Hunderaffen" in Gießen zu Teil, indem sein Mitglied Herr C. R. mit seinem deutschen Kurzhaar-Vorstehhvnd beim Klub Kurzhaar Derby West" in Niedermendig den ersten Preis (Mk. 50ü), sowie Ehrenpreis des Klubs Kurzhaar errang. Außerdem wurde ihm auch der Züchterpreis im Betrage von Mk. 100 zuerkannt.

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