Nr. 102 Erstes Blatt.
151. Jahrgang.
Donnerstag 2. Mai 1901
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
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' Amtlicher Heil.
Einladung
zur 584. ordentlichen Oeueral Versammlung befl La»deSpferdezucht°BereinS im Großherzogtum Hessen, am Sonntag, dem 12. Mai 1901, nachmittags 3 Uhr,
zn Friedberg im „Hotel Trapp". TageSordnnng.
1. Bericht des Vorstandes über die Wirksamkeit des Vereins im Jahre 1900.
2. Vorlage der JahreS-Rechnung nnd Entlastung des Schatzmeisters.
3. Ergänzungswahl im AnSschnß.
4. Revision der Statuten nnd Erwerbung der Rechtsfähigkeit für den Verein.
5. Fohlenimport im Jahre 1901 und Wahl der Mitglieder der Ankaufs Kommissionen.
6. Stutenkörung im Jahre 1901. Referent: Herr Landstallmeister v. Willich.
7. Ueber die Fohlenweide Merlau. Referent: Herr Oekonomierat Leithiger.
8. Antrag der Züchter-Vereinigung: „RheinhesfischeS Stutbuch", betr.: Einfuhr von Sangfohlen und älteren ©inten ans dem Rheinlande unter denselben Vergünstigungen, wie bei der Fohlen«Einfuhr aus Oldenburg und Belgien.
Darmstadt, den 1. Mai 1901.
Der Präsident: v. Westerweller.
Bekanntmachung.
Die landw. HauShaltungSschule zu Lindheim beginnt ihren 2. diesjährigen bmonatlichen LehrknrfuS Montag, den 1. Juli.
Die Schule hat die Aufgabe, junge Mädchen zur Führung einer wohlgeordneten, einfachen bürgerlichen Haushaltnng vorzubereiten.
Gegenstände des Unterrichts sind:
Hauswirtschaft und Milchwirtschaft, Gemüsebau, Obst- verwertnng, Gesundheils- und Ernährungslehre, Krankenpflege, Rechnen, Abfaffung von Aufsätzen und Briefen, Buchführung, sowie weibliche Handarbeiten. Auch ist für gute Lektüre gesorgt und wird der Gesang gepflegt.
Die Schule besitzt einen Garten beim Hause, eigene Molkerei und Geflügelhaltung.
Die unmittelbare Leitung der Anstalt untersteht einer Vorsteherin (Hausmutter) und einer Assistentin (Jndustrie- lehrerin.) Sowohl diese als die Mädchen wohnen im Anstaltsgebäude. Für Unterricht und Logis sind 20 Mk. pro lkursuS und für Kost und Verpflegung 1 Mk. pro Tag zu entrichten. Außerdem find nur noch etwaige Ausgaben für Arzt und Apotheke zu bestreiten.
Ausführliche Programme, ans denen das Nähere über die Anmeldungen, die möglichst frühzeitig erbeten werden, zu ersehen ist, find von dem Unterzeichneten, sowie von Herrn Oberamtmann Westernacher zu Lindheim erhältlich.
Büdingen, den 15. April 1901.
Der Vorsitzende des landw. Bezirksvereins. Jrle, Großh. Kreisrat.
Die Memoiren von Albert DreyfuS die heute, am 1. Mai, in allen Weltsprachen erschienen sind, und in denen jener vielgenannte Märtyrer selbst fünf leidensvolle Jahre seines Lebens uns erzählt, enthalten eine Anzahl Partien, die man nicht ohne Mitgefühl lesen wird.
Furchtbarer, als die Steinwürfe in Xia Rochelle, ärger als die eisernen Bügel, in die man seine Füße steckte, schmerzte Treysas die Trennung von seiner Familie, die Sorge um .seine Frau, um seine Kinder, der Gedanke an die seelischen Qualen, die seine Gattin erdulden mußte. In allen den Briefen, Aufzeichnungen, Tagebuch-Blättern, die wir zu einem stattlichen Bande vereinigt vor uns erblicken, tritt der Familiensinn des Märtyrers von der Teufelsinsel zutage. Er ist es, der ihn in seinen Leiden aufrecht erhält, er giebt ihm den Mut, sich immer wieder von neuem zu erheben, wenn ihn seine Qual zu Boden zu drücken droht. .... Ich darf nicht sterben, bevor ich die Ehre meiner Kinder wiederhergestellt habe, so klingt es wieder und immer wieder durch die Memoiren. Und eine große Entschlossenheit bemerken wir bei Dreyfus' Gattin, der mutigen Lucie tzadaward.
Wir entnehmen dem heute zur Ausgabe gelangten Buche nachfolgende Schilderungen und Briefe von Dreyfus:
Während meines Aufenthaltes auf der Insel Re wurde ich jedesmal ausgezogen und untersucht, wenn ich von dem Spaziergang zurückkam, den ich auf dem eingezäunten Platz vor meiner Zrile machen durfte. Dieser Hof war von allen Gebäuden und Höfen, welche zum Gefängnis gehörten, durch eine hohe Mauer streng isoliert; die Thüre, die hinein führte, wurde nur in dienstlicher Angelegenheit geöffnet. Wenn ich spazieren ging, so bildeten alle Wächter der Mauer entlang Spalier.
Die Briefe, die ich in dieser Zeit mit meiner Frau wechselte, geben unsere damaligen Empfindungen wieder. Es sollen einige Auszüge daraus angeführt werden:
Insel Re, 19. Januar 1895.
Donnerstag Nacht hat man mich, aufgeweckt, um mich hierher zu bringen, wo ich erst gestern abend an langte. Ich will Dir nicht von meiner Reise erzählen, um Dir nicht das Herz zu zerreißen; aber das sollst Du wissen, daß ich den berechtigten Empörungsschrei eines Volkes gehört dem gegenüber, den es für einen Verräter, für den Elendesten der Elenden gehalten. Ich weiß nicht, ob ich noch ein Herz in der Brust habe. . . .
Willst Du die Güte haben, beim Minister folgende Autorisation, die nur er erteilen kann, einzuholen oders einholen zu lassen: erstens die Bewilligung, daß ich an alle Glieder meiner Familie, Vater, 9)hittcr, Brüder, Schjwester schreiben darf; und zweitens, daß ich in meiner Zelle schreiben und arbeiten darf. . . .
Gegenwärtig habe ich weder Papier, noch Feder, noch Tinte! Man übergiebt mir nur das eine Blatt, auf welchem ich schreibe, dann nimmt man mir Feder und Tinte wieder weg.
Dann möchte ich Dir noch ans Herz legen, daß Du, bevor Du herkommst^ Dich mit allen nötigen Autorisationen für Deinen Besuch versiehst, daß Du um die Erlaubnis nachsuchst, mich umarmen zu dürfen usw. . . .
Insel Re, 21. Januar 1895.
Ms man mich kürzlich in La Rochelle verhöhnte, wäre ich am liebsten meinen Wärtern entflohen und hätte mich mit entblößter Brust jenen gegenüber gestellt, die mich zur Zielscheibe ihrer gerechten Entrüstung machten, und hätte zu ihnen gesprochen: „Beschimpft mich nicht, meine Seele, die Ihr ja nicht kennen könnt, ist frei von jedem Makel; wenn Ihr mich aber für schuldig haltet, hier habt Ihr meinen Leib, ich überliefere ihn Euch ohne Bedauern." Vielleicht hätte man dann, wenn ich in den heftigsten Qualen, während der Bitterkeit der körperlichen Marter- mit dem Rus: „Es lebe Frankreich, es lebe die Armee" hingesunken wäre, an meine Unschuld geglaubt. . . .
Ich kenne nur zwei glückliche Augenblicke im Tag; sie sind herzlich kurz. Der eine: wenn man mir dieses Blatt bringt, damit ich an Dich schreiben kann, und ich ein paar Momente zubringe, mit Dir zu plaudern; der zweite, wenn man mir Deinen täglichen Brief übergiebt. . . .
Ich wage nicht über die Kinder zu sprechen. Wenn ich ihre Photographieen ansehe, wenn ich ihre guten sanften Augen betrachte, steigt mir das Schluchten aus dem Herzen in die Kehle. . . .
Insel Re, 23. Januar 1895.
Ich erhalte Deine Briefe täglich, doch hat man mir noch keine Zeile von irgend einem andern Familienglied überbracht, und ich selber habe auch die Erlaubnis noch nicht, an sie zu schreiben. Seit Sonnabend schrieb ich, täglich an Dich, hoffentlich bist Du im Besitz meiner sämtlichen Briefe. . . .
Wenn ich so denke, was ich vor wenigen Monaten noch war, und es mit meiner heutigen elenden Lage vergleiche, so überkommt mich, ich kann es nicht verhehlen, das Gefühl ttostlosester Schwäche, und ein erbitterter Zorn über die Ungerechttgkeit des Geschickes. Ich bin thatsächlich das Opfer des entsetzlichsten Rechtsirrtums in unserem Jahrhundert. Manchmal sttäubt sich mein Verstand dagegen, es zu glauben, und mir scheint, daß ich der Spielball einer furchtbaren Hallueination sei, und daß alles plötzlich zerstieben werde, ach, aber die Wirklichkeit um- giebt mich von allen Seiten. . . . Alfred.
Von meiner Frau:
Paris, 24. Januar 1895.
Endlich habe ich einen Brief von Dir' Er ist erst heute früh in meine Hände gelangt, ich war außer mir vor Unruhe. Ich habe das Fetzchen Papier mit Thränen benetzt, es war doch etwas, was nach all diesen Tagen der Todesangst von Dir zu mir kam. Und dazu datieren die Nachrichten von. Dir schon vorn 19., dem Tage nach Deiner Ankunft, und ich erhalte sie erst am 24., also fünf Tage später. Was müssen das für hartherzige Menschen sein, die es über s ich bringen, zwei arme Wesen so zu quälen, die sich anbeten, die nichts weiter kennen, als grade, ehrliche Empfindungen, die kein anderes Ziel, keinen anderen Traum haben, als: den Schuldigen zu finden und ihren Namen, den Namen ihrer Kinder, den man ungerechterweise heruntergerissen, zu rehabilitieren . . .
P a r i s, 27. Januar 1895.
Heute früh erhielt ich Deinen lieben, guten Brief, er hat mir einen frohen Augenblick bereitet. Vergieb mir meine ersten, verzweifelten Briefe, ich war wirklich einen Moment völlig mutlos. Ich hatte keine Nachricht von Dir und war außer mir vor Besorgnis.
Doch das ist nun vorbei, die Willenskraft hat die Oberhand gewonnen, ia, bin wieder kampfbereit und stark. Wir müssen alle beide am Leben bleiben, wir müssen Deine Rehabilitierung erlangen, es muß Licht werden. Wir dürfen erst sterben, wenn wir unsere Pflicht gethan, wenn unser Name von diesem Makel rein gewaschen ist. Dann wird das Glück zu uns zurückkehren, ich werde Dich so von ganzem Herzen lieben. Deine Kinder werden in ihrer Dankbarkeit Dich mit solcher Zärtlichkeit umgeben, daß die Erinnerung an Dein Leiden, wenn es auch entsetzlich gewesen, sich verwischen wird.
Ich weiß ja schon, daß alle diese Worte Dir das
gegenwärtige schreckliche Leid nicht fortnehmen können; oder Tu hast Deine Seelengröße, einen eisernen Willen, ein vollkommen freies Gewissen, und mit diesen Waffen mußt Tu widerstehen, müssen wir alle beide uns halten Rinnen.;
Heute morgen unterhielt Pierre sich damit, alle Deine Photographieen zu betrachten, Dein Reiterbild, das Bild von der Reise, von Bourges. Er freute sich darüber, daß er sie dem Schwesterchen zeigen, und ihr aussührlicy alle Beobachtungen, die ihm durch den Kopf fuhren, darlegen konnte. Jeanne hörte ihm andächtig zu. . .
Paris, 10. Februar 1895.
Ich! habe mich wie ein Kind gefreut, als ich gestern abend die Erlaubnis erhielt, Dich zweimal wöchentlich zu besuchen.
Endlich rückt der Augenblick näher, wo ich das unsägliche Glück haben werde, Dich an mein Herz zu drücken, und Dir durch meine Gegenwart neue Kräfte zu verleihen.
Es thut mir in der Seele weh, daß Du meine Briefe nicht erhältst, ich habe es nicht einen Tag versäumt, mit Tir zu plaudern. Ich kann mir den Grund zu dieser Härte nicht erklären; unsere Briefe enthalten doch nur, was sich mit der strengsten Rechtlichkeit pereinbaren läßt, den Kummer über eine so unverdiente furchtbare Lage und die Hoffnung auf eine palbige Rehabilitierung. Lucie.
Ein weiterer Artikel folgt.
Deutscher Reichstag.
»erlitt, 30. April.
Am BundeSraisttsche btfinben sich die Staatssekretäre Graf Posadowsky und v. Niederding.
Auf der Tagesordnung steht die Fortsetzung der Beratung deS Gesetzentwurfs übet die privaten Versicherung- - Unter- nehmu nge».
S 121 der KommtssionSfassung hebt die landeSrcchtlichen Vorschriften auf, welche den Abschluß von Feuerverficherungen von vorheriger polizeilicher Genehmigung abhängig machen, sowie dirjenigm Vorschriften, wodurch der mittelbare Abschluß von Feuerversicherungen mit solchen Vertretungen verboten wird, welche sich nicht im Staats« gebiete befinden, und berührt die Verpflichtungen, die nach dem Stand ojn 1901 den Feuerversicherungen der Bundesstaaten obliegen. Die Regierungsvorlage des $ 121 läßt die erwähnten landesrechtlichen Vor- schr»ften unberührt. Ein Antrag Richter zu S 121 will erstens den letzten Satz der Kommissionsfassung aufheben, zweitens einen Zusatz machen, wonach alle für den Betrieb von den Versicherungen zu ent« richtende Abgaben, sowie die Berechtigung zur Auferlegung solcher Abgaben aufgehoben wird.
Abg. Gamp (Rp.) giebt dem Abg. Richter zu, daß die biS- berigen Zustände in Preußen vielfach für diejenigen ungünstig seien, welche einer Versicherung beitreten wollen. Dagegen sei die Präsentio- kontrolle aus dem platten Lande sehr günstig. Es sei unrecht, ganz auf die Kontrolle zu verzichten.
Staatssekretär Gras PosadowSky schließt sich insofern dem Vorredner an, als an Nein en Orten die Polizei durär genaue Kenntnis der Verhältnisse sehr nützlich gegenüber den Versicherungen wirken könne. In diesem Sinne sei die Präsentivkontrolle eine wertvolle Waffe gegen Brandstiftung.
Abg. Spahn (Zentrum) ist für die KommtssionSsaffung.
Abg. Richter (srs. Vp.) bestreitet entschieden, daß nach der Fassung deS § 121 die Polizei daS Recht habe, die Giltigkeit des Versicherungsvertrages in Frage zu stellen und auf die Herabsetzung der Versicherungssumme zu dringen.
Geheimrat Jecklin erörtert die Vorzüge der landwirtschaftlichen Präsentivkontrolle.
Abg. Büsing (ntl.) hält es für einen Irrtum, daß die Präsen- liokontrolle eine Sicherheit gegen Brandstiftung bilde. Seine Partei stimme für die Kowmissionsbefchlüsse. Wünschenswert sei eine einheitliche Regelung der Besteuerung der Versicherungsgesellschaften.
Nach weiteren Bemerkungen der Abgg. Franken und Richter werden sämtliche Anträge abgelehnt und ■§ 121 in der KommisstonS- fassung angenommen.
Abg. Richter (srs. Vp.) beantragt einen S 121a, der die doppelte Besteuerung der Policen beseitigen will, und sührt auS, dieser Antrag berühre nicht das Verhältnis der Landes- zur Reichsgesctzgebung, sondern soll einfach einem allgemein empfundenen Uebelstande abhelfen.
Der Antrag wird abgelehnt. Der Rest des Gesetzes, sowie die Resolution der Kommission auf Vorlegung eines Gesetzes über die pnvLtrechtliche Sette des Versicherungswesens wird angenommen.
ES folgt die dritte Beratung deS Gesetzentwurfs betreffend daS Urheberrecht in Verbindung mit der dritten Beratung des Gesetzes betreffend daS Verlagsrecht.
Eine Anzahl der in der zweiten Lesung abgelehnten Anträge sind wieder eingebracht worden, darunter der Antrag betreffend die AuSdebnung der Schutzfrist auf 50 Jahre.
Abg. Müller-Meiningen (fr. Vp.) meint, mit dem litterarischm Urheberrecht könne man zufrieden fein, waS aber die Werke der musikalischen Autoren betreffe, so habe sich der Reichstag Mühe gegeben, ein Gesetz gegen sie zu schaffen. Die Komponisten seien durch dieses Gesetz schlechter gestellt, als bisher.
Abg. Oertel (kons.) meint, die Frage der Quellenangabe bei vermischten Zeitungsnachrichten sei wohl etwas ausgebouscht worden, ebenso die Frage der Verlängerung der Schutzfrist, obwohl er entschieden für letzteren eintrete. Die Bevorzugung der mechanischen Instrumente sei höchstens vom wirtschaftlichen Standpunkte zu verstehen, in sich sei sie nicht begründet. Ebenso wenig laffe sich logisch die Ausnahmestellung der Gefangv«reine verantworten. Seine Partei trete für die Verlängerung der Schutzftist ein, werde aber, auch wenn diese Bestimmung falle- doch für das Gesetz stimmen.
Abg. Werner (Ref.) spricht seine Freude aus, daß die Schriftsteller, welche bisher ausgebeutet wurden, durch dieses Gesetz geschützt werden. Für die Komponisten thue das Gesetz zu wenig.
Abg. Dietz (Soz.) erkennt die nicht unerheblichen Fortschritte der zweiten Lesung an. In der Frage der Schutzfrist sei seine Partei nach wie vor der Ansicht, daß 30 Jahre vollständig genügend seien. Seine Partei habe es auch für chre Pflicht gehalten, den Antrag, betr. Beseitigung des fliegenden Gerichtsstandes auch jetzt wieder einzubringen.
In der Spezialdebatte werden S 1 bis 10 debattelos genehmigt.
S 11 handelt von der Befugnis der Urheber.


