Nr. 52 Zweites Blatt.
151. Jahrgang.
Samstag 2. März 1901
Redaktion, Expedition und
•rndrrrt Schnlftratze 7.
Erscheint täglich mit Nu-uahme des Montags.
Die Gießener Familien- Blätter werden dein 'An- yigrr im Wechsel mit „Hess. Landwirt" und „Blätier fflr Hess Volkskunde" vier« »al wöchentlich br,gelegt, «»»ahme von ttnieiftn IM der na4mitt«g8 für den fclgenben Tag rrfchelnenden Rümmer b,s norm 10 Uhr Tddeftellnngen fpäteßen» efctnb» vorher
MetzenerAnzeiger
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Anzeiger Gießen.
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Amtlicher Feil.
Bekanntmachung.
Der landwirtschaftliche BezirkSverein will auch in diesem Jahre den gemeinschaftlichen Bezug von Saatkartosfel» auS fremde» Gegende» übernehmen. Es ist insbesondere beadfich. tigt, bte bcroäortcn Sorten: Professor Wohltmann, Professor Märker, Richters Imperator und Si lesia zu beziehen, aber auch, im Falle größerer Bestellungen, andere Sorten mitzubeschaffen. Bis jetzt sind angeboten Professor Wohltmann zu 4 Mk, Professor Märker zu 2 50 Mk, Richters Imperator zu 2.50 Mk. und Silefia zu 4 Mk. i Gentner. Es wird darauf Bedacht genommen werden, nur gesunde, gute Ware zu kaufen und die Lieferung bei frost freiem Wetter Ende März, spätestens erste Aprilwoche zu sichern:
Die Bedingungen des Bezugs sind:
1. Bestellungen sind bis spätestens 10. März bei dem Unterzeichneten zu machen;
2. Bei Bestellungen von BereinSmitgliedern werden die Kosten des Eisenbahntransportes bis Gießen oder der nächsten Eisenbahnstation beS Be pellungSorteS bis zum Belauf einer Bestellung von 40 Mk. auf die BereinSkasie übernommen. Bei größeren Bestellungen haben die BereinSmitglieder die Transportkosten insoweit zu übernehmen, als die Bestellung den Betrag von 40 Mk. übersteigt;
3. Bestellungen von Landwirten, die nicht Mitglieder des Vereins find, werden ebenfalls übernommen; dieselben haben aber die Transportkosten zu vergüten.
4. Die Zahlung erfolgt bei Empfang; für Säcke ist 30 Pfg. pro Stück zu vergüten.
Ich ersuche die Herren Bürgermeister, Vorstehendes als bald ortsüblich bekannt zu machen, die Bestellungen entgegen zunehmen, und bis spätestens 10. März an mich ein zusenden.
Gießen, den 27. Februar 1901.
Der Direktor des landwirtschaftlichen Bezirksvereins, v. Bechtold.
Bekanntmachung.
Der Ortsvorstand von Alsfeld beabsichtigt, mit dem am 29. Juli ds. IS. zu Alsfeld statlfindenden sogenannten »Prämienmarkte- eine Verlosung von Vieh und landwirtschaftlichen Geräten zu verbinden.
Großh. Ministerium deS Innern hat die nachgesuchte Erlaubnis zur Veranstaltung dieser Verlosung unter der Be dingung erteilt, daß nicht mehr als 10 000 Lose, zu 50 Pfg daS Stück, ausgegeben werden dürfen, und mindestens 60 Prozent des Bruttoerlöses auS dem Verkaufe der Lose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden sind.
Zugleich ist der Vertrieb der Lose in der Provinz Ober- Hessen gestattet worden.
Gießen, den 27. Februar 1901.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Bechtold.
Deutscher Reichstag.
Berlin, 28. Febr.
Das Haus setzt die Beratung des Militär-Etats fort.
Bei Titel „Militär-Justiz-Verwaltung" bemerkt
Abg. Beckh-Coburg, daß die aus dem preußischen Mi- kitärgerichtswesen übernommene Figur des Gerichtsherrn dem Verfahren einen antiquarischen Anstrich gebe. Tie Befugnisse des Gerichtsherrn widersprechen den modernen Rechtsanschauungen. Die militärischen Interessen würden gegenüber den juristischen bevorzugt. Ungeheuerlich sei es, daß die Befugnisse des obersten Kriegsherrn der Bestätigung und der Strafmilderung auf den Gerichtsherrn übertragen werden können. Die Militärgerichts-Ordnung bedürfe dringend der Oeffentlichkeit. Es sei noch nicht festgestellt, vb im Mörchinger Fall die Oeffentlichkeit ausgeschlossen war oder nicht.
Kriegsminister v. Goßler führt aus, er habe nicht geglaubt, daß die Militärstrafgerichtsordnung, nachdem sie erst ein Jahr besteht, schon einer so scharfen Kritik unterzogen werden würde. Die Beratungen der Reichstagskommission waren so eingehend, daß Zweifel eigentlich nicht bestehen könnten. Die Disziplin verlangt, daß auch im gerichtlichen Verfahren das Ansehen des Vorgesetzten gewahrt bleibt. In Bayern ging man früher noch viel weiter. Im Mörchinger Fall war die Oeffentlichkeit nicht ausgeschlossen, sondern nur bei einzelnen Vernehmungen. Im übrigen ist sowohl von dem Gerichtsherrn wie auch von dem Angeklagten Revision angemeldet.
D?r Titel wird hieraus bewilligt.
Bei dem Titel „Höhere Truppenbefehlshaber" wünscht Abg. Haußmann - Böblingen (Vp.) Abänderung der
Dienstzeit für die Kavallerie. Das würde auch der Landwirtschaft nützen.
Bei Kapitel „Geldverpflegung der Truppen" beantragt die Kommission einige Abstriche, ferner liegt eine Resolution des Abg. Grafen Carm er (kons.) vor, daß eine Prämie von 1000 Mark, welche die Unteroffiziere nach zuverlässiger Dienstzeit erhalten, im Falle des Wetterdienstes in Staatspapieren angelegt und dienstlich verwaltet werden solle.
Abg. Paasche (nl.) empfiehlt eine Resolution bezüglich der (Ähöhung der Gehälter der Korps-Roßärzte und wünscht eine bessere Vorbildung derselben.
Abg. M.üller-Sagan (frf. Vp.) beantragt, daß die Ober-Roßärzte in die Resolution mit eingefügt werben.
Die Resolution wird in dieser Fassung angenommen.
Abg. Jacobskötter (kons.) wünscht eine Abschaffung der Oekonomiehandwerker, welche ohne Waffe dienen. Die Heeresverwaltung habe versprochen, zu versuchen, ob man sie entbehren könne. Die umfangreichen Vorbereitungen bei der Chinaexpedition seien aber wieder nicht an die Zivilhandwerker vergeben worden.
Kriegsminister v. Goßler führt aus, in der Budgetkommission des Reichstags sei dieser Gegenstand eingehend erörtert worden. Der Vorwurf des Vorredners sei unberechtigt, weil die Zahl der Oekonomiehandwerker beständig im Abnehmen begriffen sei. Die Einberufung der Oekonomiehandwerker vor der Expedition erfolgte, weil wir in einer Notlage waren. Es besteht bei diesen Mannschaften dieselbe Verpflichtung zu Uebungen, wie bei denen mit der Waffe. Die vom Vorredner gegebene Charakteristik der Bekleidungsämter müsse er zurückweisen; der Abgeordnete hätte zu seinen Vorwürfen gegen die Kammerverwaltung keine Veranlassung.
Abg. Jacobskötter (kons.) meint, die Verhandlungen in der Budgetkommission könnten ihn nicht abhalten, diesen Gegenstand hier öffentlich zu behandeln im Interesse seines Standes und seiner Wähler.
Hierauf begründet Graf Gartner (kons.) seine Resolution, deren Abstimmung ausgesetzt wird.
Abg. Wurm (Soz.) erhebt Widerspruch- daß die Wirte in Plauen, welche ihre Lokale zu Generalversammlungen der Konsumvereine hergegeben hätten, von der Militärverwaltung boykottiert worden seien.
Zu Kapitel „Naturalverpflegung" liegt eine Resolution der Kommission vor: 1) Die Normalsätze für die Vergütung der Naturaloerpflegung dem heutigen Stande der Naturalienpreise einer Revision zu unterziehen. 2) Hierbei diejenigen Gegenden zu berücksichtigen, wo außergewöhnlich häufig Naturalverpflegungen zu verabreichen seien.
Abg. Müller-Sagan (frf. Vp.) erinnert an die im Vorjahr gefaßte Resolution, den Mannschaften möglichst einmal während ihrer Dienstzeit freie Fahrt in die Heimat zu gewähren.
Kriegsminister v. Goßler teilt mit, der Reichskanzler habe bereits angeregt, die Kilometergelder von 1,5 auf 1 Pfg. herabzusetzen. Der Bundesrat müsse noch die nötigen Beschlüsse fassen.
Abg. Dietrich Hahn (Bd. d. Ldw.) wünscht möglichste Ausdehnung des Ernte-Urlaubs.
Abg. N i ßler (kons.) klagt, daß die bayerischen Soldaten in den Reichslanden fast gar keinen Urlaub erhalten.
Der Kriegsminister erwidert, die bayerische Brigade in Metz sei eine vorzügliche Truppe und solle möglichst bei den Urlaubs-Erteilungen berücksichtigt werden.
Abg. Hasse (nl.) befürwortet die Resolution.
Abg. Graf Oriola (nl.) hält die Resolution für zu weitgehend.
Abg. Gröber (Ztr.) tritt besonders für den zweiten Teil der Resolution ein.
Die Resolution wird hierauf angenommen.
Bei Kapitel 28 beantragt die Budgetkommission eine Resolution, betreffend die Gehaltsaufbesserung der Militär- Apotheker, sowie Aenderung ihrer Ausbildung.
Abg. Graf Oriola (nl.) befiirwortet die Resolution und weist darauf hin, daß die Vorbildung der Apotheker ihrer Stellung in der Armee durchaus nicht entspreche.
Abg. Hermes (frf. Vp.) schließt sich dem Redner an und betont, die jetzigen Zustände seien unhaltbar; es sei angebracht, die Apotheker den einjährig-freiwilligen Aerzten gleichzustellen.
Die Resolution wird angenommen.
Hierauf wird die Beratung auf morgen vertagt; auf der Tagesordnung steht außerdem der Etat der Zölle und Verbrauchssteuern.
Schluß der Sitzung um 5 Uhr 15 Min.
Politische Tagesschau.
Zu den Legenden, mit denen in Deutschland die Abneigung gegen England genährt wird, gehört eine oft wiederholte Erzählung von einer Besudelung des Bildes des deutschen Kaisers, das er den Offizieren des Regiments Royal Tragoons geschenkt hatte, zur Zeit des Telegramms an den Präsidenten Krüger. Die „National- Ztg." veröffentlicht nunmehr darüber das folgende amtliche Schriftstück:
Ich habe die Korrespondenz gelesen, die Sie mir gezeigt haben und die den Offizieren der Royal Dragoons ein Benehmen zuschreibt, das dieselben, wenn sie die Behauptungen gesehen hätten, wohl sicher unter ihrer Würde gehalten hätten, zu dementieren. Ls handelt sich
um die angebliche Besudelung des Bildnisses des deutschen Kaisers, das Seine Majestät als Inhaber des Regiments so liebenswürdig war, dem Regiment zu verehren. Da der Kommandeur des Regiments augenblicklich in Südafrika ist, übernehme ich es als früherer zweit- kommandierender Offizier des Regiments, die in dem Briefe enthaltenen Behauptungen aufs bestimmteste als unwahr zurückzuweisen. Es ist kein Körnchen Wahrheit darin, und ich darf wohl hinzufügen, daß, wer auch nur die geringste persönliche Bekanntschaft mit den Offizieren des Regiments hat, niemals denselben ein solche» Benehmen zutrauen würde. I. E. Lindley, Oberstleutnant, früher Major der Royal Dragoons. 18. Februar 1901. Die Richtigkeit obiger Uebersetzung bezeugt: Zürich, bei 21. Februar 1901. I. C. Milligan, britischer Vizekonsul.
Man schreibt uns aus Jndustriekreisen:
Die Nachricht, daß das Roheisensyndikat eine Ermäßigung der Preise ablehnt, muß Verwunderung erregen. Es ist doch kein Geheimnis, daß auf der einen Seite der Verbrauch von Roheisen in fast alle* darauf angewiesenen Industriezweigen beträchtlich zurück- gegangen ist, und daß auf der anderen Seite noch große Bestände von Roheisen aus den Zeiten des Glanzes bei Abnahme harren. Die enorm gesteigerten Roheisen-Preise stehen in feinem Verhältnis mehr zu der gegenwärtige« Wirtschaftskonjunktur. Ueberall macht sich das Bestrebe« geltend, durch Preisherabsetzungen mit den gefüllten Lagen aufzuräumen und zu neuen Bestellungen zu animieren. Daß das Roheisensyndikat diesen Weg nicht beschreiten will, wurde von der Berliner Börse ungünstig aufgefaßt, zumcck das Zustandekommen der riesigen Vereinigung amerikanischer Stahlwerke die Besorgnis erregt, daß der lang gefürchtete Konkurrent nunmehr ernstlich im Anrücken begriffen ist.
Aus dem Reichstage schreibt unser parlameu- torischer Mitarbeiter unterm 28. Februar:
Die Bewilligung des Gehalts des preußischen StriegS» ministers hat die Debatte über den Militäretat abflauen lassen. Heute herrschte im Reichstag eine bei weitem freundlichere und ruhigere Stimmung, als gestern. Nur einmal gab es einen ziemlich wuchtigen und zugleich überraschenden Zusammenstoß. Es ereignete sich das Ungewöhnliche, daß ein Mitglied der Konservativen gegen be« Kriegsminister Front machte, und zwar der Abg. Jacobskötter. Er führte scharfen Tones Beschwerde darüber, daß die Militärverwaltung, trotz der auch aus dem Reichstag laut gewordenen Wünsche, noch so viel Oekonomiehandwerker beschäftige und bei der China-Expedition die Zivilhandwerker nicht berücksichtigt habe. Krieg sm inifter v. Goßler erwiderte ebenso scharfen Tones, er bedauere den Angriff. Die Zivilhandwerker würden so weit als möglich von der Militärverwaltung beschäftigt. Abg. Jacobskötter, seines Zeichens Schneidermeister in Erfurt, ergriff nochmals das Wort, und bestand, unter mehrfachem Beifall rechts, auf feiner Meinung. Zu der vom Reichstag angenommenen Resolution wegen Ordnung und Aufbesserung der Bezüge der Militär-Apotheker hielt Abg. Dr. Hermes (frf. Vp.), auf Grund persönlicher Erfahrungen, einen humorvollen und mit dankbarer Heiterkeit aufgenommenen Vortrag. Aus der übrigen Diskussion erwähnenswert sink kritische Aeußerungen des Abg. Beckh (frf. Vp.) gegen den „schwerfälligen Apparat" des neuen Militärstrafverfahrens. Herr v. Goßler ersuchte, doch erst weitere Erfahrungen abzuwarten— und die Befürwortung des Abg. Hauß mann- Böblingen (D. Vp.), die Dienstzeit für die Kavallerie her- abzusetzen. Kenner der Verhältnisse hielten auch hier bad dritte Dienstjahr für entbehrlich. Die Frage sei im Auge zu behalten.
Aus den nunmehr vollständig vorliegenden vorläufigen Mitteilungen über die Bevölkerung des Deutschen Reiches nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1900 ist festzustellen, daß die Bevölkere ugßzuuahme io den einzelnen deutschen Staaten in den letzten sünf Jahren überaus verschieden gewesen ist. Im ganzen Reich hat eine Zunahme um 7,78 v. H. seit der Zählung vom 2. Dezember 1895 stattgefunden, während sich von 1890 bis 1895 die Einwohnerzahl nur um 5,70 v. H. vermehrt hatte. Don den Einzelstaaten zeigen die Hansestädte die stärkste Volksvermehrung; diese betrug in Lübeck 16,14 (von 1890 bis 1895 nur 8 94) v. H., in Bremen 14,41 (8,84) und in Hamburg 12,72 (9,49) v. H. Hamburg, das in der vorletzten Zählungsperiode die stärkste Bevölkerungszunahme gehabt hatte, hat sich also in der letzten Periode von den beiden anderen Hansestädten in der Intensität der Zunahme überflügeln lasten. Rach den Hansestädten folgt das Königreich Sachsen mit einer Zunahme um 10,88 v. H., während von 1890 bis 1895 dort nur eine Zunahme um
8 v. H. stattgefunden hatte. An nächster Stelle steht daun gleich Preußen mit einer Zunahme von 8,19 v. H. gegen 6,31 in der voraufgegangenen Periode, in der Braunschweig, Anhalt und beide Reuß eine stärkere Vermehrung gehabt hatten als Preußen. Einzelne preußische Provinzen weise« bei der letzten Volkszählung eine ganz enorme Zunahme aus- Es sei nur darauf hingewiesen, daß das Rheinland mr 12,79 v. H. eine stärkere Zunahme hat als Hamburg, uuo daß die Vermehrung in Westfalen mit 18,01 v. H. un^erc^ dasteht. Absolut hat die Bevölkerung des RhetnlandeS sich


