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2.2.1901 Erstes Blatt
 
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Nr 28 «rke8 Blatt. Samstag dm 2. Februar 151, Jahrgang 1901

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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Amtlicher Teil.

Warnung

Neuerdings wird wieder in hiesigen und auswärtigen Blättern durch Reklame-Jnferate, dieWo Linderung, da Besserung",ohne Besserung keine Heilung", durch Nacht zum Licht" und ähnlich überschrieben find, derechte russische Knöterich-Thee (Polygonum aviculare) von Ernst Weidemann in Liebenburg a. H a's fichereS Heilmittel gegen Erkrankungen der Luftwege (Husten, Heiserkeit, Asthma rc.) und besonders gegen Lungen leiden angepriesen.

Die Pflanze, aus der dieser Thee besteht, ist der Bogel- knöterich (Polygonum aviculare). Dieser wächst auch hier­zulande auf Aeckern, Wiesen und in Gärten in großer Menge und besitzt die ihm zugeschriebeue Heilwirkung nach der Ansicht von Sachverständigen nicht im entferntesten. Der Preis des TheeS ist ein Verhältnis- l äßig hoher.

Dieselbe Pflanze wird auch unter dem Namen Homeriana als Heilmittel gegen Lungenschwindsucht angepriesen. Der OrtsgesundheitSrat zu Karlsruhe hat schon wiederholt durch öffentliche Bekanntmachungen auf das Schwindelhafte dieser Anpreisungen aufmerksam gemacht.

Gießen, den 30. Januar 1901.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen, Hechler.

Warnung.

Neuerdings werden Prospekte des Kurpfuschers HanS PeterJürgensen in Herisau (Schweiz) (früherinCoblenz) verbreitet, die seine Behandlung von offenen Beinschäden, Krampfadergeschwüren, Hautkrankheiten, LupuS rc. anpreisen. Das angebliche Heilverfahren ist purer Schwindel. Wir sind daher veranlaßt, hiervor zu warnen, dies umsomehr, als Jürgensen, um sein gemeingefährliches Treiben ungestört und unbehelligt von den inländischen Gerichten fortsetzen zu können, vor nicht allzu langer Zeit seinen Wohnsitz ins Ausland ver­legt hat.

Zur Charakterisierung des rc. Jürgensen, vor welchem schon seit Jahren durch öffentliche Bekanntmachung der Be Körben gewarnt wird, diene die nachstehendeWarnung" der König!. Polizei-Direktion Coblenz vom 21. März 1898.

Gießen, den 30. Januar 1901.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Hechler.

Warnung vor dem gemeiuschädlicheu Treiben deS Kur­pfuschers Jürgensen:

Der frühere Elementarlehrer HanS Peter Jürgensen, wohnhaft in Coblenz, Adamstraße 10, wegen Beilegung eines ärztlichen Titels und wegen Ausübung der Heilkunde im Umherziehen durch die erste Strafkammer des König!. Land gerichtS zu Coblenz am 15. November 1894 zu einer Geld­strafe von 100 Mk. bezw. 10 Tagen Haft verurteilt, kün­digt in einer großen Zahl von Lokalblättern in weitem Um­fange sein Heilverfahren gegen offene Beinschäden, Krampf­adergeschwüre und Hautkrankheiten (Lupus freßende Flechte) an.

Wie die wiederholte Untersuchung ergeben, bestehen seine Mittel in gewöhnlichen Salben (von Blei, Zink Pflastern, Kräutern und Medikamenten, die ohne ärztliche Verordnung jedermann im Handverkauf in der Apotheke zugänglich und allgemein bekannt sind. Diese Mittel läßt er aus der Apo theke von Größer in Trier in großen Mengen unter Post­nachnahme zu Beträgen bis 8 Mk. und darüber beziehen.

Die Forderungen, welche er für seine im Auflegen von Salben, Pflastern und Einwickelung von Binden bestehende Behandlung stellt, und im Weigerungsfälle rücksichtslos ge­richtlich einzutreiben sucht, find unerhört. DaS ganze Ver­fahren ist nur darauf berechnet, unglückliche Kranke, welche an hartnäckigen, schwer oder garnicht heilbaren Uebeln leiden, durch angebliche günstige Erfolge anzulocken und auszubeuten. Er berechnet z. B. für eine Verordnung in seiner Wohnung 6 Mark, für einen Besuch in hiesiger Stadt 12 Mark, nach auswärts entsprechend höher. Für das Auflegen von Pflastern auf Lupus-Geschwüre hat er wie die bezüglichen Zeugen- aussagen ergeben jedesmal 12 Mark genommen. Einem Kranken, welcher wegen LupuS 200 Tage ohne Erfolg von ihm behandelt worden, hat er eine Rechnung von 200 Mark gemacht

Vor dem gemeinschädlichen Treiben des rc. Jürgensen wird hiermit öffentlich gewarnt.

Coblenz, den 21. März 1898.

Der König!. Polizei-Direktor

(gei.) von Stedmann.

Reichspost und Reichssprache.

Herr von Podbielski hat den Bewunderern seiner Schneidigkeit am letzten Freitag eine schmerzliche Ent- äuschung bereitet, und nicht ihnen allein, sondern jedem, der dem Vordringen des Polentums in unserer Ostmark und seinem wachsenden Uebermut mit aller Entschlossen­heit gewehrt wissen will. Dreist ist die Reichspost von )en Polen herausgefordert worden, nichts weniger versuchen ie, als der deutschen Reichspost ihre Sprache aufzuzwingen. Ihre Briefe und Pakete tragen polnische Aufschriften mit dem unnützesten Beiwerk, und ferner muten sie der Post zu, die Namen uralter deutscher Städte im polnischen Wörterbuche aufzusuchen.

Wir wünschen keinen Kampf mit kleinlichen Mitteln. Die Politik der Nadelstiche ist immer die Politik des Schwachen, das Deutsche Reich aber ist groß und stark. Wir finden es ganz in der Ordnung, daß die Post dem lothringischen Bauern, der kein deutsch versteht, entgegen­kommt, und daß sie der mangelhaften deutschen Schrift des dänischen Hofbesitzers in Schleswig, und des wajser- pollakischen Bergarbeiters in Oberschlesien ihre Findigkeit leiht. Wenn jedoch ein ganzes Volk mit System und Me­thode die Post zu Handlangerdiensten für seine deutschen­feindlichen Bestrebungen mißbrauchen will, so darf die ein­zige Antwort des Reiches und des Staates nur sein: die deutsche Reichspost kennt für den inneren Verkehr allein die deutsche Reichssprache.

Herr v. Podbielski hat diese Antwort nicht gegeben. Er hat im Gegenteil erklärt, daß er der Politik nicht dienen werde, und daß er den postalischen Vorgängen in Posen völlig fern stehe. Ja, er hat gar geglaubt, seine Hände in Unschuld waschen zu müssen, denn er hat weiterhin versichert, er habe es abgelehnt, eine allgemeine Verfügung über die polnischen Postsendungen zu treffen, damit kein Oel ins Feuer geschüttet werde. Seine Rede war alles eher als eine Verteidigung, worin der Hieb die beste Deckung ist.:

Es war bisher der Brauch, daß die Staatssekretäre für ihr Ressort die Verantwortung übernehmen, allerdings nicht für die Versehungen eines einzelnen Beamten, aber doch für die Grundsätze, nach denen die Verwaltung geleitet werden soll, und dann für den Geist, der die Bestimm­ungen ausführt. Von Herrn v. Podbielski durfte man diese Praxis um so eher erwarten, als die große Postarmee vor ihm stramm steht, und man nach seiner ganzen Vergangen­heit annehmen muß, ohne seinen Willen falle kein Sper­ling vom postalischen Dache. Nun aber sagt Herr v. Pod­bielski, daß er von der Sperrutta der Post für polnische Sendungen erst gehört habe, nachdem die Weisungen der Posener Oberpostdirektion in Kraft getreten seien. Das ist sehr merkwürdig.

Doch das nicht allein. Nach dem Parlamentsberichte einer großen Provinzzeitung hat Herr v. Podbielski auch geäußert, er habe keine Verfügung ergehen lassen,so sehr man auch in ihn gedrungen sei". DerReichsanz." bringt diese Auslassung nicht, allein daraus muß noch nicht ge­folgert werden, daß sie nicht gefallen sei. Ist sie gefallen, dann fragt es sich, welche Stelle diesesman" ist. Viel­leicht der preußische Minister des Innern, der wenige Tage zuvor im Abgeordnetenhause verkündet hatte, es müsse den Polen klar gemacht werden, daß sie Deutsche seien und Deutsche bleiben,so lange der preußische Adler seine Schwingen regt?"

Zielbewußt, einheitlich und geschlossen soll die Reichs­und Staatspolitik sein. Mit diesem Programm ist der Reichskanzler Graf Bülow vor die Oeffentlichkeit getreten. Vielleicht.hat er sich seiner Willensmeinung am Tage der Post- und Polendebatte erinnert. Zwischen Reich und Staat scheint etwas nicht in Ordnung zu sein, und als Konsul wird er nach dem Rechten sehen müssen, damit kein größerer Schaden entstehe.

Schwer liegt der Fall zur Zeit noch nicht. Herr von Podbielski hat die Weisungen der Posener Oberpostdirektion zwar nicht ausdrücklich gebilligt, aber , er hat sie auch nicht geradezu verurteilt. Seine Unschlüssigkeit, so peinlwh sie auch berührt, hat das Gute gehabt, daß endgiltig nicht allzuviel verdorben worden ill. Offiziell kann noch immer erklärt werden: Für die deutsche Reichspost giebt es im innern Dienst nur die deutsche Reichssprache. Und es sollte uns auch des Herrn v. Podbielski wegen freuen, wenn es so käme, denn es thut uns in der Seele weh, ihn in dieser Lage zu sehen.

Aber wenn die Polen kein Deutsch verstehen? Wäre es so, so hätte die deutsche Volksschule in Posen ihres Amtes schlecht gewartet. Die Volksschule in Posen trägt freilich einen Januskopf: vorn ist sie deutsch, und hinten ist sie polnisch. Nun hat zwar der preußische Unterrichts­minister Dr. Studt angeordnet, daß der Religionsunter­

richt auf den Mittel- und Oberstufen der Schulen der Stadt Posen in der deutschen Sprache erteilt werde, von einer Erweiterung dieser Vorschrift auf die ganze Provinz hat man jedoch nicht gehört.

In den Mängeln der Volksschule liegt der Urquell aller deutschen Verdrießlichkeiten in Posen und Westpreußen. Vor einigen Jahren wurde in Oberschlesien gerichtlich festge- teilt, daß ein Dorfschullehrer trotz Lokal- und KTeisschul- inspektion nie anders als polnisch unterrichtet babe. Wenn das aber am verhältnismäßig grünen Holze oer Wasser- wllakei möglich war, wie mag es dann am dürren in Kujawien, Kassubien, Pommerellen, Pommeranien und den anderen schönen Landschaften der echten Pollakei sein? Man durfte erwarten, daß der Staatsetat für die Landschulen in Posen und Westpreußen in Anbetracht ihrer Bedürftigkeit und in Anbetracht der Thatsache, daß die deutsche Volks­chule der erste Träger der deutschen Volkssprache ist, be­deutende Mittel auswerfen werde, allein diese Erwartung ist enttäuscht worden. Anscheinend glaubt Herr v. Miquel, mit dem deutschen Theater, der deutschen Bibliothek und dem deutschen Museum in Posen sei den Kulturaufgaben im Osten genug gethan.

Wir wollen keine Politik der Gewalt und Unter­drückung. Lasse man die Polen ihre Sprache und Sitten iflegen, aber andererseits sei unsere Politik frei von jeder Halbheit und Schwäche. Die Sprache der Schule, der Rechtspflege und der Verwaltung muß deutsch sein. Auch die deutsche Reichspost darf im Osten nur die deutsche Reichssprache kennen.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 31. Jan.

Das Haus setzt die Beratung des Etats des Reichs- amts des Innern fort. Bei Titel400000 Mark zur Förderung der Hochseefischerei" empfiehlt

Abg. Träger (fr. Vp.) ausgiebigere Unterstützung der Heringsfischerei.

Abg. Dr. P ach nicke (fr. 23er.) wünscht Förderung des Genossenschaftswesens unter den kleineren Fischern und Durchführung einer internationalen Vereinbarung betr. Schonzeit.

Staatssekretär Graf Posadowsky: Unsere Beihilfe hat die Seefischerei wesentlich gefördert; so ist in der Ost­see die Lachsforellen-Fischerei gehoben rvorden. Ein neuer Fischkuttertyp ist geschaffen. Wir unterstützen gern die Fischerei-Genossenschaften, können aber natürlich nicht für die Erfolge garantieren. Eine weitere Unterstützung der Heringsfischerei soll erwogen werden. Eine Vereinbarung betreffs Schonzeit wird von Deutschland nach.Möglichkeit gefördert. Das Vorhandensein von Mißständen in der See­fischerei, insbesondere die Schädlichkeit der Raubfischerei, erkennen wir an. Internationale Vorbesprechungen hier­über sollen am 1. Mai beginnen.

Abg. Hilbck (natl.) tritt für die Unterstützung der Fischerei-Gesellschaft in Emden ein.

Der Titel wird hierauf bewilligt. Bei TitelHeraus­gabe von Nachrichten für Handel und Industrie" sprechen sich die Abgg. Dr. Müller-Sagan (fr. Vp.), Moller (natl.) und C a h e n s l y (Zentr.) sehr anerkennend über bie^ Mitteilungen aus. Bei TitelSubventionierungder Dampferlinien nach Afrika" bemerkt

Abg. Dr. Oertel (kons.): Die Konservativen stimmten der Subventionierung seinerzeit nur ungern zu. lieber die subventionierten Linien seien scharfe Tadel laut geworden, besonders über die Verzögerung der Güterbeförderung, Ver­nachlässigung der deutschen Häfen gegenüber den englischen und portugiesischen, Ueberlastung oer Schiffe und schlechte Behandlung des Personals. Redner fuhrt als Gewährs­mann den Arzt Prof. Küttner an.

Staatssekretär Graf Posadowsky - Nach dem Aus­bruch des südafrikanischen Krieges wünschten sehr viele Deutsche Afrika zu verlassen. Sie brauchten dazu die Ost­afrikalinie. Dadurch ist eine erhebliche Ueberfüllung der Schiffe und manche andere Unbequemlichkeit entstanden. Gegenüber dem abfälligen Urteil des Professors Küttner haben Hans Meyer und viele englische Schriftsteller der Ostafrikalinie das größte Lob ausgesprochen.

Zur Förderung des Absatzes der landwirtschaftlichen Er­zeugnisse und zur Unterstützung wissenschaftlicher und tech­nischer Bestrebungen auf dem Gebiete der Landwirt­schaft werden 50 000 Mark gefordert.

Abg. Frhr. v. Wangenheim (Bd. d. Lw.) dankt dem Staatssekretär, daß dieser Titel endlich in den Etat des Reichsamts des Innern eingestellt sei. Für den Handel seien 7 Millionen Mark ausgeworfen. Fast alle Landwirte, die in Paris ausgestellt hatten, seien durch Preise und Anerkennungen ausgezeichnet worden. Redner wendet sich dann gegen einige Bemerkungen des Abg. v. Siemens und gegen den BauernvereinNordost". M ,

Präsident Graf Ballestrem bittet den Redner, bei der Sache zu bleiben. , e . ,

Abg Steinhauer (ft. Der.) bemerkt, daß ^®uebi' vereineNordost" den Bauern nie abgeraten habcn,