Geleise legte, stürzten die entgleisten Wagen rechts die hohe Dammböschung hinunter. Der hinter dem Packwagen angehängte Wagen vierter Klasse wurde gänzlich zertrümmert, die Seitenwände desselben sind ineinandergeschachtelt. In diesem Wagen befanden sich cruch die getöteten und schwerverletzten Fahrgäste. Entsetzlich zugerichtet war dre auf der Stelle getötete Frau des Hilfsbremsers Krause aus Lövenich. Die Unglückliche hing mit ihrem Leibe zwischen den Trümmern, und nur schwer konnte die Leiche geborgen werden. Dem Hilfsbrcmser Krause ist der Brustkasten eingedrückt worden. Das Geleise befand sich, wie schon gesagt, in tadelloser Verfassung. Es war vor kurzer Zeit neu gelegt, aber schon gut eingefahren.
Vermischtes.
• Bern, 29. Noo. Auf dem Luganer See ereignete sich Donnerstag Abend ein schreckliches Familiendrama. Der Bibliothekar Biedermann aus Winterthur, der mit seiner Frau und einem 12jährigen Töchterlein in einem Kahn auf den See hinausgerudert war, erschoß hier Weib und Kind und verübte dann Selbstmord. Die Beweggründe zu dieser Schreckensthat sind unbekannt.
'Wien, 29. Noo. Der wegen Unterschlagung steckbrieflich verfolgte Handlungsreisende Pulz aus Dresden wurde hier verhaftet.
'Konstantinopel, 29. Noo. Wegen eines Pest- falleS wurden sämtliche Quarantäne-Vorschriften in Konstantinopel wieder in Kraft gesetzt.
Gerichtssaat.
D. Gießen, 30. Nov. (Strafkammer.) Der mehrfach wegen Eigentumsdelikten vorbestrafte Martin Meyer von Hanau ist beschuldigt, durch mehrere selbständige Handlungen fremde bewegliche Sachen in der Absicht rechtswidriger Zueignung chrem rechtmäßigen Eigentümer entwendet zu haben. Vom 1- auf den 2. April — so konstatiert die Anklageschrift — schlich! er sich bei dem Landwirt Koch in Alsfeld ein und entwendete ihm verschiedene Wertgegenstände und einen Barbetrag von 800 Mk.; am Abend des 2. April wiederholte er den Diebstahl bei dem Bäcker und Gastwirt Karl Kurtz I. zu Alsfeld; am 4. auf den 5. Mai bestahl er den Fabrikanten Karl Waldeck von da, Ende April oder in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai eignete er sich verschiedene dem Dienstknecht Grosselich in Alsfeld gehörige Wertsachen an; an demselben Orte stattete er der Witwe des Karl Klingelhöffer einen Besuch ab und entwendete ihr verschiedene Gegenstände; in der Nacht vom 2L auf den 22. April bestahl er den Landwirt Weider in Bremen bei Eisenach. Den letzteren Diebstahl verübte er auch unter Anwendung falscher Schlüssel, sämtliche Diebstähle sind durch das Moment des unbefugten Einschlechens oder Einsteigens qualifiziert. Der Angeklagte leugnet fast
durchweg. Es muß deshalb eine große Reihe von Zeugen eingehend vernommen werden, die den Beweis der Anklage erbringen. Die Staatsanwaltsck)aft beantragt gegen den Angeklagten unter Ausschluß mildernder Umstände auf eine Gesamtzuchthausstrafe von 15 Jahren zu erkennen — unter Einschluß einer von der Strafkammer zu Hanau gefällten dreijährigen Zuchthausstrafe —, chm die bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von zehn Jahren abzusprechen und Stellung unter Polizeiaufsicht anzuordnen. Der Angeklagte entgegnet nichts. Die Kammer erkennt auf eine Gesamtzuchlhausslrafe von insgesamt 11 Jahren 9 Monaten. Tie bürgerlichen Ehrenrechte werden auf die beantragte Dauer aberkannt, Polizeiaufsicht beschlossen. Ter Vorsitzende begründet die erkannte Strafe in längerer Ausführung. — Wegen Beleidigung eines hiesigen Schutzmanns war der Gärtner Johann K"uba in Gießen durch Urteil des hiesigen Schöffengerichts vom 25. Oktober in eine Geldstrafe von 20 Mk. verurteilt worden. Gegen das verurteilende Erkenntnis hat der Angeklagte Berufung eingelegt. Der Verteidiger beantragt heute Freisprechung, die Staatsanwaltschaft Herabsetzung der verhängten Geldstrafe. Das Urteil lautet auf eine Gefängnisstrafe von zwei Tagen. — Der Arbeiter Wilhelm Löb in Lauterbach ist beschuldigt, im August 1901 zu Lauterbach in rechtswidriger Absicht eine inländische öffentliche Urkunde, einen Eintrag in seinem Militärpaß, verfälscht und zum Zwecke der Täuschung von ihr Gebrauch gemacht zu haben. Der Angeklagte ist geständig. Dem Antrag der Staatsanwaltsck)aft gemäß erkennt das Gericht auf eine Gefängnisstrafe von 14 Tagen, die durch die Untersuchungshaft als verbüßt erachtet wird. Der Angeklagte erkennt die sofortige Rechtskraft des Urteils alsbald an. — Der Arbeiter Wilhelm Thomas in Klein- Bockenheim ist angeklagt, vom 9. äuf den 10. Juli zu Vilbel den Eduard Liebich von da vorsätztlich mittelst eines Messers — eines gefährlichen Werkzeugs — körperlich verletzt und an der Gesundheit beschädigt zu haben. Der Angeklagte ist geständig, schützt aber Notwehr vor. Die Staatsanwaltschaft beantragt gegen den Angeklagten eine Gefängnisstrafe von 4 Monaten unter Annahme mildernder Umstände. Die Kammer erkennt auf eine solche von fünf Monaten, die durch die erlittene Untersuchungshaft als verbüßt erachtet wird. — Dem vorbestraften Tagelöhner Georg Friedrich Lenz von Ober-Schwitten legt die Anklageschrift zur Last, am 24. August zu Langd eine Taschenuhr mit Gehäuse und Kette dem Ludwig Roth von da in rechtswidriger Absicht weggenommen zu haben. Der Angeklagte leugnet hartnäckig. Nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme besteht jedoch kein Zweifel an seiner Schuld. Die Staatsanwaltschaft beantragt gegen tijn eine Gefängnisstrafe von 9 Monaten. Das Gericht erkennt auf eine solche von 4 Monaten und Tragung der Kosten des Verfahrens.
Theater, Kunst und Wissenschaft.
— Aus Frankfurt a. M. schreibt man uns: In der Dezember-Ausstellung des Kunstsalons Hermes in Frankfurt a. M,
ist vertreten Paul Machieu, Brüssel mit 12 neuen Gemälden, P. iS Keller, Reutlingen mit 9, Hans Busse, Rom mit 4 und Hang Thoma mit 5 Gemälden. Von Arnold Böcklin sind 6 Ißetit und von A. Lier t 2 erstklassige Landschaften auägcftelÜ. Vor» Lenbach ist zu bemerken außer einem lebensgroßen Portrait deS Fürsten Bismark und mehreren Studienköpsen das Selbstbildnis des Künstlers mit seinem Töchterchen aus dem Jalire 1894. Her» vorragende Einzelwcrkc sandten Walther Firle, Viktor Gilsoul, L. v. Hofmann, A. Fink, G. Schönleber, H. Zügel und viele Andere mehr. Von Professor Walter Schott, Berlin i|t zu besichtigen eine Kollektion von 6 Werken aus Bronze und Marmor.
Meteorologische Beobachtungen
der Station Gießen.
November
Barometer aus 0° reduziert
Temperatur der Luft
Absolute Feuchtigkeit
Relative Feuchtigkeit
Windrichtung
Windstärke
Wetter
29.
2“
753,6
+ 2,2
4,8
89
w.
2
bew. Himmel
29.
9M
752,5
+ 4,5
5,5
87
NW.
6
bed. Hm. Regen
30.
• 7»
752,9
+ 5,0
5,6
86
W.
2
beb. Himmel
öchste Temperatur am 28. bis 29. Nov. 4- 5,1° C.
tiedrigste „ , 28. „ 27. „ 4- 0,5° C.
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