Ausgabe 
1.9.1901 Zweites Blatt
 
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Deutsches Reich.

Berlin, 30. Ang. heute vormittag wurde in der Siegesallee das vorletzte der geplanten Standort der, das pes Kurfürsten Johann Sigrsmund mit den Büsten des Grafen Fabian zu Dohna und Thomas von dem Knesebeck, von Professor Peter Breuer, enthüllt. Zu der' Feier halten sich die Damen und Herren der Umgebung der Majestäten, das Hauptquartier, die Kabinettschefs, die Minister Frhr. v. Rheinbaben und Frhr- v. Hammerstern, die bei den früheren Enthüllungen regelmäßig mit Ein­ladungen bedachten Persönlichkeiten, sowie Vertreter der Familien Dohna und Knesebeck, darunter Fürst Dohna- Schlobitten und Vize-Oberzeremonienmeister Frhr. von dem Knesebeck, eingefunden. Tas Kaiserpaar erschien im offenen Wagen vom Potsdamer Bahnhof her. Beide Ma­jestäten unterhielten sich zunächst längere Zeit mit den Herren v. Dohna und von dem Knesebeck, sowie mit den beiden Ministern und besichtigten dann nach dem Fallen der Hülle eingehend das Denkmal. Der Kaiser überreichte dem Künstler den Roten Adler-Orden Vierter Klasse. Die Kaiserin nahm aus den Händen des Tiergartendirektors Geitner einen Nelkenstrauß entgegen.

In den Blättern der verschiedensten Parteirichtungen lesen wir folgendes:

Aus der Geschichte des Bürgerlichen Gesetzbruhes er­zählt der Berliner Jurist Professor D e r n b u r g in seinem soeben erschienenen WerkeDas bürgerliche Recht des Deutschen Reiches und Preußens", von der zweiten Kom­mission zur Durchberatung des Entwurfs, daß der Kaiser der Sitzung am 13. November 1895 beiwohnte. Der Kom­mission gehörte auch Professor Sohrn an. Von ihm und dem Kaiser berichtet Dernburg in einer Fußnote wörtlich: In dieser Sitzung wurde Professor Sohm zum Bortrage über die Regelung des bäuerlichen Agrarrechts bestimmt. Mit beredten Worten hob Sohm hervor, daß die Er­haltung des deutschen Bauernstandes noch mehr als von Gesetzen von dem 'idealen Sinne der deutschen Bauern zu erwarten sei; der Kaiser sagte, zu seinem Nachbarn gewendet:Ich möchte doch dem Professor einige meiner märkischen Bauern vorführen, um sie auf ihren idealen Sinn zu untersuchen."

Königsberg, 30. Aug. Ter kommandierende Ge­neral Graf Finck von Finckenstein hat die U e b e r f ü h r u n g des Marlen von Gumbinnen nach Danzig ange­ordnet.

W e i m a r, 29. Aug. Das weimarische Justizministerium hat den Referendaren und Assessoren angeraten, einen Teil ihrer Vorbereitungzeit, etwa 36 Monate, im praktischen Dienst bei größeren Bankinstituten oder anderen gewerblichen Großbetrieben zu verbringen. (Sehr nachahmenswert! Hoffentlich aber nehmen die jungen Herren Juristen diese Zeit ihrer Ausbildung auch genügend ernst. D. Red.)

Cronberg, 30. August. Die Kronprinzessin Sofie von Griechenland sieht demnächst einem freu- digen Familienereignis entgegen.

Straßburg, 30. Aug. Wie dieVerite francaise" wissen will, soll ein Schreiben des deutschen Kaisers den Bischöfen in Straßburg und Metz nahegelegt haben, keine französischen Kongregationen zur Nieder­lassung in Elsaß^Lothringen zu autorisieren. Bei diesem Verbot hätte die Berliner Regierung nur den Wunsch ge­habt, der französischen Regierung angenehm zu sein. Weder aus Furcht, ein neues deutsch-feindliches Element im Lande zu haben, noch aus Feindseligkeit gegen die Orden überhaupt sei das Verbot ergangen.

Ausland.

London, 30. Aug. DiePall Mall Gazette" erfährt, Lord Salisbury denke ernMich an seinen Rücktritt von der amtlichen Laufbahn und werde voraussichtlich nach der Krönung des Königs den Premierposten nieder­legen. Sein Rücktritt würde die Umbildung des Ka­binetts zur Folge haben. 'Ta die unionistische Partei wünsche, daß der nächste Premier gleichzeitig ihr Führer im Unterhause sein solle, so würde wahrscheinlich Balfour die Premierschaft übernehmen.

Paris, 30. Aug. Tas für morgen auf der hiesigen türkischen Botschaft anläßlich des Jahrestages der Thronbesteigung des Sultans anberaumte Fest wurde abgesagt. Ter Kriegsminister hatte übrigens der Militärkapelle, die beim Festje konzertieren sollte, ihre Mit­wirkung verboten. Gestern nachmittag empfing Constans den Geschäftsträger der türkischen Botschaft. Tie Unter­redung scheint Constans befriedigt zu haben. Er erfuhr, daß der Großvezir plötzlich erkrankte und der Sultan einen außerordentlichen Ministerrat einberief, der dem Nachgeben auf ganzer Linie sich für geneigt er­klärt habe. Sollte diese Nachricht sich bestätigen, so würde Constans nach einigen Wochen der Erholung auf seinem französischen Landsitze Sembelles nach Konstantinopel zurück­kehren und der türkische Botschafter Munir Bey, welcher derzeit als Privatmann hier weilt, seine Funktionen wieder aufnehmen.

Konstantinopel, 30. Aug. Obgleich der Minister des Aeußeren Tewfik Pascha dem französischen Botschafter Constans in der Mte vom 24. August anzeigte, daß das Jrade, welches die Staden-Gesellschaft in den Genuß ihrer Rechte einsetzt, öffentlich bekannt gegeben sei, und obgleich Constans hierauf sich als in der Staden-Angelegenheit zufriedengestellt erklärte, ist das Jrade selbst bis gestern abend bei der Pforte nicht eingegangen. Nach dem vor­gestern im Nildiz-Palaste abgehaltenen Ministerrate soll Tewfik, Pascha der türkischen Botschaft in Paris auf tele- grahpischem Wege gewisse Mitteilungen über den türkisch- französischen Konflikt übermittelt haben. In wolstinfor­derten Kreisen glaubt man sicher, der Sultan werde zur Vermittlung und Beilegung der Angelegenheit eine oder dre andere befreundete Macht angehen.

Mailand, 30. Aug. In italienischen .Hofkreisen wird versichert, daß König Alexander von Serbien, nachdem er femeu Besuch in Petersburg abgestattet hat, nach Rom wmmen werde, wo zu gleicher Zeit der Schwiegervater des Koings V«ktor Emanuel, Fürst Nikita von Montenegro ein- «ft ? v r ben ausdrücklichen Wunsch des Zaren Este Zusammenkunft ein Erbfolgevertrag b" r b ie n u n Mont enegr o vereinbart werden, wonach beide Dynastien sich aeaenieitia im Tolle forr !id)ern sollen. Der Vertrag

fall festfetzen, bei dem Erlöschen einer der beiden Tn- Äde^Staaten^ mil)crCT1 Thronbewerbung

follen durch Personalunion vereinigt werden

Aus Stadt und Land.

Nachrichten von allgemeinem Interesse sind uns stets willkommen und werden angemessen honoriert.

Gießen, 31. August 1901.

" Archivar Dr. Adolf Buff f. Am 30. August ist der Stadt-Archivar Dr. phil. Adolf Buff in Augsburg im Alter von nahezu 63 Jahren gestorben. Dr. Adolf Buff ist am 1. September 1838 zu Gießen als Sohn des Geh. Finanzrats und ordentlichen Professors der Physik Dr. Hein­rich Buff (t 1878), geboren. Er studierte Philologie und Geschichte an den Universitäten Gießen und Bonn. Im Jahre 1861 wurde er Erzieher des Prinzen Leopold, Herzogs von Albany. Auch nach dem Ausscheiden aus dieser Stellung wurde er durch manche Beweise des Vertrauens seitens der Königin Victoria von England ausgezeichnet. So hat er bei der Anwesenheit des deutschen Kaisers und des Prinzen Hein­rich in London deren Erzieher, Geheimrat Hintzpeter, vertreten. Nach Ablauf seines Auftrages privatisierte er in Heidelberg und in München und wurde dann 1874 als städtischer Archivar nach Augsburg berufen. Hatten sich früher seine Studien auf dem Gebiete der englischen Geschichte bewegt, so wandte er sich jetzt, in der Lage, eines der reichsten und wichtigsten Archive Deutschlands zu benutzen, dem Studium der Geschichte Augsburgs, insbesondere auch nach der kulturhistorischen und kunsthistorischen Seite zu. Er hat sich schriftstellerisch nach dieser Richtung verschiedentlich bethätigt. U. a. veröffentlichte er 1893 ein BuchAugsburg in der Renaissancezeit".

** Zum Jubiläum der Firma Heyligeustaedt & Co. macht uns Herr Bürgermeister Köhler in Langsdorf der übrigens auf seiner Postkarte an uns den Gießener Anzeiger nach Lich verlegt freundlichst darauf aufmerksam, daß um die Ent­wicklung der genannten großen und weithin bekannten und angesehenen Fabrik der leider früh verstorbene Mitbegründer Alexander Sartorius aus Lich als genialer Kaufman große Verdienste sich erworben hat.

** Hessische Handwerkskammer. Den Eingaben des Tarif­amts der deutschen Buchdrucker zu Berlin und des deutschen Buchdrucker-Vereins zu Leipzig entsprechend, wurde dieser Tage für das Buchdruckgewerbe die Festsetzung einer vierjährigen Lehrzeit beschlossen. Den im Großherzogtum Hessen ihre Gesellenprüfung ablegenden Handwerks-Lehrlingen wird ein künstlerisch ausgestatteter Lehrbrief ausgefertigt werden. Hierzu wird gemäß einem Beschluß des Vorstandes demnächst ein Preisausschreiben erlassen, wobei den eingegangenen drei besten Entwürfen Prämien zugesprochcn werden sollen. Für den 2. deutschen Handwerkskammertag, der vom 26. bis 28. September in Darm stadt stattsindet, sind die Vorbereitungen im Gange. Dieser Tage sind Empfangs-, Wohnungs- u. s. w. Ausschüsse in ihre Thätigkeit eingetreten. Das Bureau dieser Ausschüsse wird sich am 26. und 27. Sep­tember bis zum Beginn der Verhandlungen im Saale der Restauration Schmitt, gegenüber« den Bahnhöfen, befinden. Nach Schluß der Verhandlungen werden die Teilnehmer aus den« gesamten Reiche dürften mindestens 200 Personen in Darmstadt anwesend sein gemeinsam die Ausstellung der Künstler-Kolonie und die^Ludwigshöhe" besuchen.

** Erweiterung des Fernsprechverkehrs. Wie wir in unserer Nr. 202 berichteten, ist unsere Stadt vom 1. September ab zum Fernsprechverkehr mit Leipzig nebst Markranstadt und mit Hamburg, Altona, Wandsbeck, Schiffbeck, Bergdorf, Blankenese und Harburg sowie mit Schweinsberg zugelassen. Wir führten heute probeweise das erste Gespräch mit Ham­burg, und zwar mit demHamb. Generalanzeiger". Die Verständigung war verhältnismäßig gut, besonders wenn man in Betracht zieht, daß die Verbindung nicht direkt, sondern über Frankfurt a. M. hergestellt wird.

** Aufhebung fester Rundreisehefte. Wenn man geglaubt hatte, die Einftihrung der 45tägigen Rückfahrkarten werde nur für den inneren Verkehr Preußens, bezw. Deutschlands, die Aufhebung von Rundreisekarten zur Folge haben, so täuschte man sich, wie eine neue durch die Blätter gehende Mitteilung ergiebt. Nicht nur werden die bisher verausgabten festen Rimdreisehefte im Verkehr mit Süddeutschland und im rhein.- norddentschen Verkehr aufgehoben, sondern auch folgende Rundreisehefte im Verkehr mit dem Auslande: Rheinisch - süddeutsch - österreichischer Rundreiseverkehr, deutsch- schweizerischer Rundreiseverkehr, internationaler Rundreise­verkehr mit Frankreich und England, desgleichen mit Italien, französisch-belgisch-deutsch-ständinavisch-finländischer Rundreise­verkehr, Cooks Rundreisen, rheinisch-belgischer Rundreiseverkehr. Unseres Erachtens hätte man wenigstens die Rundreisehefte im Verkehr mit England, Frankreich und Italien beibehalten sollen, da diese Länder nicht in das Abkommen bezüglich der zusammenstellbaren Rundreisehefte mifgenommcn sind. Es wäre jedenfalls erwünscht, daß man jetzt, nachdem feine R^nd- reisehefte nach Italien ausgegeben werden, die italienischen Rundreisehefte, die bisher nur in Chiasso zu beziehen waren, auch auf deutschen Stationen erhielte, wie das mit den schweizerischen und belgischen Abonnements bereits der Fall ift. Die zusammenstellbaren Rundreiseheste werden natürlich nach wie vor ausgegeben.

-e- Daubriugeu, 31. Aug. Dem Vernehmen nach will die sozialdemokratische Partei für 'die Gemeinderats- wabl, die demnächst hier stattfindet, zwei eigene Kandidaten auMellen. Die drei ausscheidenden Gemeinderäte gelten in jeder Hinsicht als tüchtige, erfahrene Bürger und man würde eine Wiederwahl derselben gewiß nur freudig begrüßen.

Bad Nauheim, 29. Aug. Tie Zahl der Badegäste betrug bis zum 29. August 18,149. Bis zu diesem Tage wurden 254,902 Bäder verabreicht.

Hungen, 30. August. Die Prinzessin Friedrich zu Solms-Braunfels, die Gemahlin des derzeitigen Vor­mundes des Fürsten, wurde am 29. August in Braunfels von einer gesunden Prinzessin glücklich entbunden. (Die Prinzessin Friedrich ift eine geborene Gräfin von Westphalen und mit dem Prinzen Friedrich, der als Oberleutnant im 2. Garde- Ulanen-Regiment steht, seit dem 23. September 1896 ver­mählt.) Am vorigen Mittwoch früh wurde, wie dieHung. Landpost" mitteilt, auf dem hiesigen Friedhöfe die Leiche des fn'iheren hiesigen fürstlichen Kammerdieners Muschenbeim aus­gegraben, um mittels Leichenwagens nach Frankfurt a. M. überführt zu werden. Kammerdiener Muschenheim ist vor 15 Jahren freiwillig aus dem Leben geschieden. Der Sarg aus Tannenholz war noch unversehrt, der Leichnam selbst gut

erhalten; bei der Herausnahme fiel jedoch das Knochengerüst zusammen.

Rieder-Ramstadt, 26. Aug. Am 1. September soll das erste Jahresfest der Hessischen Epileptischen Anstalt Viktoria--Melita-Stift" hier gefeiert werden. Es dürfte ans diesem Anlaß eine kurze Notiz über die Entwick­lung dieser Anstalt, die wir derDarmst. Ztg." entnehmen, interessieren. Am 1. Oktober 1900 wurde die Anstalt mst 2 Pfleg­lingen eröffnet. Bis jetzt, also in noch nicht ganz 11 Monaten, sind 26 Pfleglinge mit einer Ausnahme lauter Hessen ausgenommen worden, ein Beweis, wie sehr man durch die Gründung der Anstalt einem in unfcrm Lande stark sich geltend machenden Bedürfnis entgegengekommen ist. Ein Pflegling, der vorher schon längere Zeit in den Bodel- schwinghschen 9(nftolten zu Bethel bei Bielefeld gewesen war, ist, als wesentlich gebessert, von seinen Angehörigen zurück- genommen worden, so daß die Zahl der Kranken zur Zeit 25 beträgt. Welcher Schätzung sich die Anstalt bei den Be­wohnern und der städtischen Verwaltung Darmstadts erfreut, erhellt daraus, daß gegenwärtig nicht weniger als 7 Pfleg­linge aus Darmstadt vorhanden sind. Im Uebrigen über­wiegt weit die Zahl der Kinder von« Lande. Außer den 7 Darmstädtern befinden sich nur noch 3 Städter (2 aus Mainz und 1 aus Offenbach) in der Anstalt. Die vom Lande ver­teilen sich auf die Kreise wie folgt: Kreis Darmstadt 1, Kreis Benshein« 1, Kreis Dieburg 3, Kreis Erbach 1, Kreis Groß- Gerau 2, Kreis Offenbach 1, Kreis Büdingen 2, Kreis Schotten 1, Kreis Alzey 1. Außerdem ist noch ein Knabe aus Wiesbaden, da und ein Pensionär.

8. Darmstadt, 30. August. Gestern sanden Erdarbeiter bei Ausgraben des Fundaments zu einen« Neubau an der Heidelberger- und Beffungerstraße ein vollständig erhaltenes Skelett. Die sofort angestellten polizeilichen Nachforschungen­waren bisher ohne Erfolg. Der Platz war früher im Besitz der Stadt und ging dann in die Hände eines Gärtnerei­besitzers über, der das Terrain jetzt zu Bauplätzen verwertet. Wie der hiesigen Polizei gemeldet wurde, haben Wald­arbeiter in der Nähe des von hier ca. 2 Stunden entfernten ForsthausesEinsiedel" zwei schon in Verwesung über­gegangene Kinder gestmden. Man hat bis jetzt keinerlei An­haltspunkte über deren Herkunft. Trotz aller gegentheiligen Nachrichten ist man in hiesigen eingeweihten Kreisen fest da­von überzeugt, daß das russisch^ Kaiser paar in der zweiten Hälfte des September aufs Schloß Wolfsgarten ein­treffen wird.

Darmstadt, 30. Aug. Der König von England traf gestern mittag 5 Uhr in Wolfsgarten ein, nahm mit dem Gtzoßherzogspaare und dem ebenfalls zu Besuch, amvesenden Prinzenpaar von Battenberg den Thee und das Souper ein nud reifte um 10 Uhr nach Hornburg zurück. In seiner Be- glcitung befanden sich General Clarke, Kapitän Ponsonby und der englische Geschäftsträger am Großherzoglichen Hofe Mr. Johnstone. Heute mittag traf Großfürst Cyrill von Rußland in Wolfsgarten zum Besuche ein.

Darmstadt, 29. Aug. Schon seit Frühjahr steht dir Thatsache fest, daß Beigeordneter Schliephacke in den Staatsdienst zurücktritt. In den oberen Verwaltungsbehörden dürsten sich alsdann etwa zum 1. Oktober folgende Verände­rungen vollziehen: Kreisrat Braden in Friedberg geht in Pension, an seine Stelle tritt Kreisrat Fey zur Zeit iw Erbach i. O., wogegen Beigeordneter Schliephane zun« Kreis­rat in Erbach avanciert.

Mainz, 30. Aug. Gestern Nachmittag wurde die Polizei in das Ha««s eines Bewohners der Neuthorstraße gerufen mit der Nachricht, daß sich ein dort wohnender Magazinier Namens Reinhard erschossen. Die Nachricht hatte sich nur teilweise bestätigt, es wurde von der Polizei konstatiert, daß sich der Man«« allerdings eine Kugel in den Kopf gejagt hatte und daß die Verletzung voraussichtlich eine tätliche sei. Der Ver­letzte wurde darauf in das Hospital verbracht. Nunmehr konstatierte aber die Polizei, daß die Wohnung des Rein­hard vollständig zerschossen, alle darin befindlichen Möbel zeigten Spuren, daß in dieselben Kugeln eingedrungen waren, ebenso waren Bilder und Wände überall mit Schuß­spuren bedeckt. Die Frau teilte dann auf Befrage«« mit, daß. ihr Mann schor« seit einiger Zeit geistesgestört sein müsse, denn jeden Tag und bei jeder Gelegenheit, wenn ihr Mann sie gesehen hätte, hätte er seinen Revolver gegen sie abge­schossen, ohne sie glücklicher Weise aber z«r treffen, eine An­zeige habe sie dieserhalb aber bei der Polizei nicht n«achen ivollen. Vor einiger Zeit ist ein Kind des Mannes a«j§ dem dritten Stock in den Hof gestürzt; das Kind ist aber so weit wieder hergestellt. Die Rücksicht, welche die gequälte Frau, die ihrem Manne als Zielscheibe für Reoolverkugeln dienen mußte, genommen hat, erscheint «ms doch z«r weit gegangen.

Nieder-Jngelheim, 29. August. Der Afrikareisende Baron Karl v. Erlanger kau« dieser Tage mit seinen Begleitern Karl Hilpert, Vern und einem Neger aus Abessynien hier an. Es wurde ihm ein ehrender Empfang bereitet.

** Kleine Mitteilungen aus Heffen und den Nachbarstaaten. An« 4. Juli 1857 «vurde der Barbier Keller vom Frank­furter Schwurgericht zum Tode verurteilt, aber zu lebens­längliche!«« Zuchthaus begnadigt. Wie ein Berichterstatter mitteilt, lebt Keller heute noch in« Zuchtharrse zu Dietz. Sein damaliger Verteidiger war Dr. Sin«on Maas, der kürzlich seine«« 80. Geburtstag in bester Gesundheit gefeiert hat. Die neunzehnzährige Elisabetha Wiener in M ainz wurde am Mittwoch Nachmittag vor dem Gauthor von Passanten auf einer Bank bewußtlos aufgefunden. Tas Mädchen, das bisher in der Konservenfabrik gearbeitet, hatte Salzsäure zu sich genommen. Die rasch herbeigeholte Polizei des 3. Bezirkes ließ das schwerkranke Mädchen mit dem Krankenwagen nach dem Rochushospital verbringen, «vo ihm der Magen ausgepumpt «vurde, doch ist sie am folgenden Tage gestorben. Die Wiener soll die That auS Liebesgram begangen haben. Wegen der Aufhebung der ^onn- tagsfahrkarten nach Frankfurt a. M. und anderen Orten sind nunn«ehr an die preußisch-hessische Eisenbahndirektwn Eingaben aus der Bürgerschaft zu Mainz in Vorbereitung, die sich gegen die Aufhebung aussprechen. Prinz Friedrich Karl von Heffen hat seinen Dienst als Kompagniechef der achten Kon«pagnie des in Frankfurt a. M. garnisonierenden 81. Regiments wieder übernommen. Die Familie des Prinzen ist von Frankfurt a. M. bereits nach Schloß Fridrichshof übergesiedelt. Ein benachbartes Blatt meldet unter bet