Nr. 205
Zweites Blatts
151. Jahrgang.
Sonntag 1. September 1901
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
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Amtlicher Teil.
Bekanntmachung.
In der Zeit vom 24. bis 30. August 1901 wurden in hiesiger Stadt gefunden: 1 silberne Taschenuhr, 1 Mistgabel und 1 Pferde-Ohrenklappe, verloren: 1 Portemonnaie mit Inhalt und 1 Brosche.
Die Empfangsberechtigten der gefundenen Gegenstände belieben ihre Ansprüche alsbald bei uns geltend zu machen. Gießen, den 31. August 1901.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
I. V.: Roth.
Sedan.
Sedantag 1901! Er wird ein denkwürdiges Datum bleiben. In diesem Jahre ist die große Herbstparade, die seit 30 Jähren auf dem Tempelhoser Felde, an dem erinnerungsreichen Tage abgehalten wurde, abgesagt worden. Man hegt als Folge der Danziger Zweikaiserbegegnung und des daran sich anschließenden Besuches des russischen Zarenpaares in Frankreich die „Hoffnung aus Anbahnung einer engeren, ernstlichen französisch--deutschen Annäherung"; man kennt die Rücksichten auf die Empfindungen und auf das Gefühlsleben der Franzosen, die Kaiser Wilhelm gern nimmt, und so „erscheint es nicht ausgeschlossen, daß die auf allerhöchsten Befehl angeordnete Abbestellung der Herbstparade des Gardekorps am 2. September im Zusammenhang mit der Zarenreise zu bringen sein dürfte". Jin übrigen heißt es dann, daß der Zeitpunkt der Revue nicht günstig lag, der sich schlecht in die Dispositionen des Ausbildungsdienstes einfüge. Dies dürftige Mäntelchen wird nachträglich der allerhöchsten Ordre um gehängt. Aber 30 Jahre hat die Ausbildung der Garderegimenter nicht unter diesem Revuedatum gelitten. Wenn nur auch die Franzosen so zartfühlend wären! Aber sie haben den Grafen Walder- see vergebens auf das Großkreuz der Ehrenlegion für seine chinesischen Verdienste hoffen lassen, und der zum Sterbebette seiner Mutter eilende Prinz Heinrich hat im letzten Augenblicke auf die Ausschiffung an französischer Küste und Reise durch Frankreich verzichtet, und den weiteren Wasserweg zum Sarge der Kaiserin Friedrich vorgezogen. Aus besonderer Liebhaberei nicht. Das sind die Franzosen gegen uns, und sie taufen uns zu Liebe ihre Brücke von Jena zum demnächstigen 100jährigen Gedenktag des tieftraurigen Tages kaum um; nicht einmal den angebeteten. Russen gegenüber versteigt sich ihre Liebenswürdigkeit bis zu einer Selbstaufgabe großer Erinnerungen, und wahrscheinlich findet Zar Nikolaus II. nichts darin, wenn zwei Seinebrücken auch ihn an die Tage von der Ulwa und von Austerlitz erinnern, wo die Generäle seiner Vorfahren empftndlich geschlagen worden sind.
Es ist etwas sich Ausdrängendes in der deutschen Politik seit dem Rücktritt Bismarcks von ihrer Spitze, und je heißer von hier aus um die Liebe der Nachbarn geworben wird, desto kühler werden die letzteren; sie fühlen sich in der giolle der alten Großmächte, bald hätten wir geschrieben „Geschlechter" der jungen gegenüber, für deren fortdauernde Freundschaftsbezeugunaen sie nur mit vielsagender Höflichkeit bezahlen. Auch oie Entrevue in D-anzig ftndet v o r der dortigen Rhede statt.
Heute wird übrigens schon wieder bekannt gegeben, daß statt der großen Festparade ein Manöver größerer Dimensionen am Montag auf dem Tempelhofer Felde und Umgegend abgehalten wird, mit schließlicher Parade der manövrierenden Bataillone vor dem Kniser. Ist von irgendwoher schon wieder leise abgewinkt worden, oder will man nur „ein bissel so und ein bissel f j thun, damit man nicht sagen könne, man thut so oder so"?
Prinz Tfchnrr
hat geredet! In einem Gespräche über seine Reise nach Berlin äußerte er sich folgendermaßen: „Ich komme nicht nach Berlin", sagte er, „um mich dort feiern zu lassen. Als man mir in Shanghai, im Reiche meines Bruders, ein Fest geben wollte, habe ich es abgelehnt, indem ich betonte, daß in dieser Zeit des Leidens und nach so vielen über unser Volk gekommenen Schrecken es sich nicht gezieme, Feste zu begehen. Ich sehe nichts, was inzwischen die Lage meines schwer geprüften Bruders und Kaisers und die Lage meines Volkes geändert hat, und so gilt vollends unter den jetzigen Umständen für mich das in Shanghai gesprochene Wort: „Ich mag keine rauschenden Festlichkeiten. Ich mag sie aber nicht nur nicht, weil mein Land und mein Kaiser und mein Volk leiden. Ich verstehe auch sehr wohl den Ernst meiner Mission. Es giebt Leute, die mich für zu jung halten, als daß ich den vollen Ernst meiner Aufgabe begriffen haben iönnte. Diese Leute irren sich sehr und kennen weder meinen Charakter noch meine Erziehung, die von früher Zeit an dem Studium unserer Weisen und Klassiker gewidmet war. Ich will aber in Deutschland auch lernen, uni) da erscheint meine Jugend mir sogar als Vorzug. Und um des Lernens willen habe ich mich auf die Reise ■ gefreut, zumal die Herren meiner Umgebung mir in liebevollster Weise schon auf der langen Fahrt übers Meer Verständnis für die Dinge in Deutschland beizubringen suchten. Darum bedaure ich aber auch aus tiefttem Herzen, daß die Erfüllung meiner Mission eine Verzögerung erfahren hat."
Nun, Mangel an Selbstgefühl wird man dem gelben jungen Herrn kaum nachsagen können! Aber gerade weil er die Möglichkeit des Gefeiertwerdens als gewissermaßen selbstverständlich in Betracht zieht, wird man ihm in Berlin mit nicht minder selbstverständlicher Kühle zu begegnen haben. Prinz Tschun meinte schließlich, er bedauere die Verzögerung seiner Mission aus tiefstem Herzen. Wer anders hat denn aber die Verzögerung verursacht als er selbst? Dieser Hang, die Schuld von sich abzuwälzen, läßt wieder so recht den Asiaten erkennen. Er ist ein angehender Li-Hung-Tschang, dieser „Sühneprinz". Aber man sollte doch auch bei Uebersetzungen aus dem Chinesischen recht vorsichtig sein; es ist vorgekommen, daß die Uebertraaung oft ganz anders lautet, als die Ursprache. Die Ursache der prinzlichen Kolik ist übrigens auch kein Geheimnis mehr. Man besteht am deutschen Kaiserhofe darauf, daß der Empfang der chinesischen Deputation nach dem in China üblichen Zeremoniell vor sieb gehe.
Die Berliner — so wird uns aus Berlin geschrieben — mit ihrem schnoddrigen Witze ergehen sich natürlich über die bauchkriechenden Gesandten bereits in den boshaftesten Redewendungen und künden für das kommende Jahr schon eine Preiskonkurrenz für das neueste „histo- rische" Gemälde an. Und doch ist die Geschichte gar nicht so lächerlich. Der Prim ist von einer nicht kleinen Gesellschaft begleitet, welche der Sühneaudienz alle beizuwohnen haben. Diese ganz in den Sitten und Anschauungen ihrer Heimat steckenden Herrschaften müssen die Abbitte im chinesischen Geiste und nach; chinesischer Weise leisten, oder sie halten es nicht für eine solche und machen sich heimgekehrt über das mit uns getriebene Spiel nur lustig. Jedes uach unseren Begriffen mit uns nicht auf der gleichen Zivilisationsstufe stehende Volk muß nach seinen Gewohnheiten behandelt werden, und wenn der polnische Bauer seine Unterwürfigkeit bekundet, indem er den Rocksaum eines Herrn küßt, oder der Russe Väterchen Brot und Salz überreicht, so ist das ebenso sehr oder so wenig lächerlich, als wenn die chinesische Gesandtschaft vor dem fremden Kniser wie vor dem eigenen den „Kotau" macht. Prinz Tschun hat die Bedeutung des „Kotau" für diesen Augenblick wohl erfaßt, oder der ihn begleitende neue chinesische Gesandte für Berlin, der nach allem, was man von ihm hört, ein Muster schlitzöhriger Verschlagenheit zü sein scheint. Darum nach der Bekanntgabe des in Berlin beschlossenen Zeremoniells die Krankheit mit einer 1200 Fr.-Depesche an den chinesisck)en Hof. Der letztere hatte den Sühneprinzen zu einer in chinesischen Augen bedeutungslosen Komödie ausgeschickt und diese Absicht ist jetzt durch die Berliner Forderung durchkreuzt. Natürlich! will sich der Sühneprinz vergewissern, ob die kaiserliche Tante nichts dagegen hat und sein Kopf nach der Heimkehr sicher sitzt, was vielleicht nicht der Fall wäre, wenn er aus eigener Machtvollkommenheit auf das Berliner Verlangen eingegangen wäre. Die Krankheit ist darum als eine Art „Mensurfieber" zu erklären.
Ein Schlag gegen den Export.
Aus Handelskreßsen wird uns geschrieben:
Tie Ankündigung des Belagerungszustandes in Kapstadt und der anderen Häfen dort ist geeignet, den vielen Schädigungen, die der Ueberseehandel durch den südafrikanischen Krieg bereits erlitten hat, eine weitere hinzuzusügen. Tas kommt selbst den englischen Geschäftsleuten zum Bewußtsein, in deren Namen dieKapstädter Handelskammer gegen diese drakonische Maßregel Kitcheners entschieden protestierte — mit wenig Aussicht auf Erfolg, wie gemeldet wird. In der That, eine Ironie der Geschichte: die jahrelangen Bemühungen der Engländer, durch brutales Zurückdrängen der anderen Nationen den Handel in Südafrika zu beherrschen, werden durch diesen in frivolster Weise heraufbeschworenen Krieg illusorisch gemacht, der Chamberlainsche Gewaltstveich trifft die Briten selbst, und zwar an ihrer verwundbarsten Stelle: dem Handel. Noch auf der letzten Jahresversammlung der Kapstädter Handelskammer im April ds. Js. bemerkte der Vorsitzende triumphierend, der Handel des Kaplandes mit Großbritannien sei sehr gewachsen, der mit den anderen Kolonieen, namentlich den australischen und asiatischen, habe sich fast verdoppelt; eine neue Aera des Aufschwungs sei eingeleitet. . • .
Heute ist das Bild ein anderes, leider nicht nur für die englische Handelswelt. Auch dem Verkehr zwischen Deutschland und Südafrika eröffnet die veränderte Kriegslage und die drohende Verhängung des Belagerungszustandes über die südafrikanischen Häfen eine ungünstige Perspektive. Es ist bekannt, daß vor dem Kriege trotz aller Chikanen von englischer Seite der .Handel Deutschlands mit Transvaal und dem Kaplande sich derart entwickelte, daß die Ausfuhr deutscher Produkte dorthin größer war, als nach irgend einem anderen von der Ostafrikalinie berührten Gebiet. Die steigende Bedeutung dieses Handels veranlaßte die Negierung und den Reichstag zur Erhöhung der Subvention an die erwähnte Schiffahrtslinie um jährlich 300000 Mk. Ter südafrikanische Krieg durchkreuzt Deutschlands Programm. England sandte seine Kriegsschiffe in die südostafrikanischen Gewässer, ließ, wie bekannt, die fremden Handelsdampfer nach Gutdünken auf „Kriegskontre- bande" untersuchen und so vor allem deutsche Reichspostdampfer beschlagnahmen. Ta schließlich eine ordnungsmäßige Abfertigung der deutschen Schiffe in den kap- ländischen Häfen unmöglich gemacht wurde, sah sich die deutsche Regierung im Juni v. Js. veranlaßt, den L>ub- ventionsvertrag mit der Ostafrikalinie vorübergehend zu ändern. Darnach werden jetzt an Stelle der zweiwöchentlichen Rundfahrten um Afrika zwei vierwochent-
liche ausgeführt, einmal von Westen her um das Kap nach Delagoabai und zurück, dann östlich durch den Suezkanal nach Durban und zurück. Die Schädigung der deutschen Handelsinteressen ist dadurch einigermaßen beschränkt worden, insofern als der Löscl>- und Ladeverkehv der Schiffe wenigstens im englischen Turban, dem Hafen der Kolonie Natal, bewerkstelligt werden kann.
Die Verhängung des Belagerungszustandes über Durban kann oen Händel Deutschlands mit Südafrika nahezu lahm legen. Die Delagoabai eign:1 sich unter den heutigen Verhältnissen nicht zum ausschließlichen Stapelplatz für den Durchgangsverkehr nach Süd- afrrika. Außerdem ist zu befürchten, daß die portugiesischen Behörden in Lourenzo Marguez, mehr denn je zu Schergendiensten für England bereit, auf einen Wink von britischer Seite hin den deutschen Kapitänen das Leben schwer machen werden. Man kennt diese Taktik zur Genüge. Ta nun obendrein die Verhängung des Belagerungszustandes " den englischen Handel selbst trifft, werden die Engländer um so rücksichtsloser gegen ihre Konkurrenten, die Deutschen, zu verfahren sich verpflichtet glauben. 'Die den deutschen Exporiindustriellen sowie den Anteilseignern der Ostafrikalinie durch den südafrikanischen Krieg entstandenen Verluste dürften sich erst in Jahren wieder einholen lassen. ___________________________
Römische Tagesschau.
Nachrichten aus Danzig lassen die Möglichkeit durchblicken, daß Kaiser Wilhelm seinen kaiserlichen Gast vielleicht nach Fredensborg begleiten werde. Die dänischen Besuchstage werden dann wohl sehr zusammengedrängt sein, da Zar Nikolaus jedenfalls vor dem 20. September das großväterliche Schloß verlassen wird. Für diesen Tag hat König Oskar von Schweden die dänischen Herrschaften zu seiner üblichen Hasenjagd nach der Insel Hveen im Oeresund geladen, und der Zar vermeidet eine Zusammenkunft mit dein Schwedenkönig — Finnlands wegen.
Tie „Münch. Allg. Ztg." wendet sich mit ziemlicher Schärfe gegen die Versuche, die Person des Kaisers in den jetzt entbrannten wirtschaftspolitischenStreit zu zerren. Sie hält ein solches Hineinziehen der kaiser^ lichen Person für höchst bedenllich und auch! für sachlich ungerechtfertigt. In letzterer Beziehung schreibt das manchmal zu offiziösen Veröffentlichungen verwendete Blatt:
„Alsdann aber liegt in dem Zuhilferufen des Monarchen und in dieser Verfügung über seinen Willen nach dem Muster der bekannten Devise: „Und der König absolut, wenn er unseren Willen thut", ein starkes Bekenntnis der eigenen Schwäche. Wenn es dann weiter gelegentlich der zum vorliegenden Zwecke vorgenommenen Revision des monarchischen Bewußtseins der äußersten Linken heißt, daß es der persönliche Wunsch des Kaisers, sei, daß Handelsverträge unter allen Umständen abgeschlossen werden, so darf daran erinnert werden, daß vor Anbeginn der Kanzlerschaft des Grafen Bülow folgender Gesichtspunkt als maßgebend betrachtet werden konnte: Deutschland verkehrt und verhandelt mit anderen Mächten nur auf dem Fuße der Gleichberechtigung; nur bei Erlangung gleichwertiger Zugeständnisse ist die deutsche Regierung bereit, anderen entgegen zu kommen. Auf die Redensart von den unter allen Umständen abzuschließenden Handelsverträgen können also die freiwilligen demokratischen Nothelfer des Monarchen in Zukunft gut und gerne verzichten."
Engländer nud Buren.
Der „Daily News" wird aus De Ar gemeldet, daß bei K r a n k u i l, einer Station zwischen den Stationen Orange River und De Aar, Bluren am Sonntag die Bahrr-i linie überschritten hätten. Die Nacht war außerordentlich dunkel, und der Platz, den sie zum Uebergang ausgesucht hatten, war sehr flach und sandig. So war es ihnen möglich, ohne viel Geräusch die Drähte zu durchs schneiden und unbemerkt davon zu kommen, 0>enerai French, der sich gerade in der Station Orange Rrver be-> fand, besichtigte den Platz, wo man schon am nächsten Morgen in aller Frühe die Spur gesunden
Ansicht nach betrug die Zahl über 2o, aber.nicht mehr als 50. Die Linie ist durch Blockhäuser geichutzt und cmßer^ dem mit Draht ein gefügten, M3
Spinngewebe aussieht. Außerdem sind noch überall Sel st- schüsse angebracht, die sich entladen, wenn der ^raht burd^, schnitten wird. Unglücklicherweise "En diese Arbecken gerade an dieser Stelle noch nicht ganz vollendet. Der Orangefluß selbst ist dicht besetzt, und die Untresen sind alle besonders bewacht. Außerdem zreht^rch erne Lrnie Volnei quer durch das ganze Land. Am Drenstag wurde eine Abteilung Buren am Tigerberg gesehen, einer kleinen Höben kette südlich von Paauwpan, der ersten Station südlich von Krankuil, die Abteilung war ungefähr 50 Mann stark. 70 Mann von den Kings Royal Rifles wurden zur Verfolgung nachgeschickt.
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Telegramm deS Gießener Anzeigers.
London, 31. August. Der „Standard" meldet aus Prätoria vom 29. August: Ende Juli befanden sich in den Konzentrationslagern Transvaals 62479 Personen, darunter 10000 Männer, über 23 000 Frauen mit über 28 000 Kindern von einem bis zwölf Jahren. Bis Ende Juli sind 1067 Personen gestorben, darunter 860 Kinder.


