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151. Jahrgang.
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gietzen sbe
Zwei Trinksprüche Kaiser Wilhelms*
Ter Kaiser hat am Mittwoch, nach der Besichtigung der zweiten Garde-Br igckde eine Rede gehalten, der man im Auslande vielleicht besondere politische Bedeutung beilegen wird. Am 29. Mai führte einst Prinz Wilhelm im Schloßt pcrrk von Charlottenburg dem totkranken Kaiser Friedrich diese Brigade vor. Ter heutige Kaiser erinnert sich jenes Tages in lebendigem Geiste. Aber zugleich stand er unter dem Eindruck zweier neuen Thatfachen. Ter Zar hatte ihm soeben seine Befriedigung über den Abschluß der chinesischen Wirren ausgedrückt. Und wie neulich nach dem Schrippen- fefl wohnten französische Offiziere dem Festmahl bei. EÄ t>errschte eine freudig erregte Stimmung im Offizierskasino des zweiten Garde Regiments; der Kaiser, der eine Reihe Offiziere durch Zutrinken auszeichnete, verweilte drei Stunden lang, die französischen Kameraden noch eine Stunde länger. Während der Tafel brachte der Kaiser folgenden Trinkspruch aus:
„Meine Sperren! Am heutigen Tage habe ich die Ehre gehabt, an der Spitze der zweiten Garde-Jnfanteriebrigade zu kommandieren. Es ist dieser Tag ein ganz besonderer Gedenktag, den ich immer hochgehalten habe und hoch- t>alten werde, der Tag, an dem die Brigade vor dem hochscligen Kaiser Friedrich exerziert hat. Wir weihen deut Andenken an ihn ein stilles Glas! (Tie Anwesenden trinken.) Füllen Sie die Gläser aufs neue. Es freut mich, gerade heute mitteilen zu können, daß es im fernen Osten zu Friedensabschlüssen gekommen ist, und daß die Truppen zurückgezogen werden können. Es sind mir aus diesem Anlaß von vielen Seiten Anerkennungen und Tanksagungen zu Teil geworden, auch eine vom Kaiser von Rußland persönlich abgesandte Depesche habe ich heute erhalten, sie lautet:
„ftftr die Dienste in China sage ich Eurer Majestät meinen herzlichsten Dank. Graf Waldersee hat eiue schwere, undankbare Sache mit Würde und Geschick ge- führt; ich bezeuge meine volle Sympathie."
Mit den, heutigen Tage ist der Brigade eine ganz besondere Ehre schpn zu Teil geworden, indem sie zwei Offiziere der französischen Armee in ihrer; Mitte willkommen heißt; es ist dies das erste Mal, ebenso wie deutsche und französische Truppen zum ersten Mal Schulter an Schulter gegen einen gemeinsamen Feind in guter Waffenbrüderschaft und treuer Kameradschaft gekämpft haben. Tie beiden Herren Offiziere und ihre gesamte Armee Hurra! Hurra! Hurra!"
Tie Rede des Kaisers berveist, daß die Vorgänge in Ehina, welche Gegensätze zwischen den Mächten und besonders znüschen Teutschland und Rußland auch zeitweilig yervortratcn, keine persönliche Verstunmung zwischen den Herrschern zurückgelassen haben. Tie Kundgebung des Zaren schließt sich an die jüngsten Vorgänge von Metz an, wo Kaiser Wilhelm II. den Geburtstag des Zaren feierte und der russische Botschafter mit seinem Personal an dem Feft in der „lothringischen Hauptstadt der französischen Irredentisten", wie ein chauvinistisches Pariser Blatt sich eiusdrückte, teilnahm. Wie jenes Fest nur einen Beweis hergebrachter Höflichkeit bedeutete, so wird man auch in dem Gruß des Zaren an Kaiser Wilhelm nur ein Zeichen sehen dürfen, daß die Beziehungen zwischen Rußland und dem Deutschen Reich ungetrübt sind, und in Petersburg keine Neigung herrscht, den Traht nach Berlin zu zerreißen.
Taß der Kaiser bemüht ist, die Beziehungen Teutsch- lauds zu Frankreich so freundlich zu gestalten, wie es die Verhältnisse gestatten, hat er wiederholt bewiesen, ohne dabei immer das erwünschte Entgegenkommen auf fran- chsischer Seite zu finden. Wir erinnern nur an die Zuriick- iveisung des Ordens pour le merite durch Pasteur. Ter Kaiser hat Jules Simon ausgezeichnet; er hat die fran- zösischen Kadetten begrüßt; er hat manche andere Aufmerksamkeit französischen Staatsmännern und Künstlern er- mefen. Tas hat den französischen Kriegsminister Andre nicht gehindert, noch dieser Tage seiner Sehnsucht nach dem Tage Ausdruck zu geben, wo Frankreich den Sieg erringe und seine frühere Stellung im Völkerreigen wieder einnehme. Ten Sieg wber wen?
Tas Hurra des Kaisers galt dem Generalmajor Bonnal und dem Oberstleutnant Galtet und der von ihnen vertretenen französischen Armee. Ter Kaiser hatte deutsch ge- sprvcken; General Bonnal ist ein wohlerzogener Mann; er franfte in seiner Muttersprache warm und verbindlich für die ehrenden Aufmerksamkeiten, die ihm vom Kaiser und den deutschen Offizieren zu teil geworden, und schloß mit den Worten: „Tas deutsche Heer und sein Soldaten- saifer hock), hoch, hoch!" Auch an Tusch und Nationalhymne fehlte es nicht, ob auch die Marseillaise gespielt worden sei, wird nicht berichtet.
Es wird gestattet sein, der überschwänglichen Auffassung, als bedeuten diese Höflichkeiten den Beginn einer neuen Aera in den Beziehungen zwischen Teutschland und Frankreich, mit einigem Skeptizismus zu begegnen. Es wäre sicherlich schön, wenn die gute Waffenbrüderschaft in Vhina, die die Franzosen halten mußten, weil der Zar es siv wollte, auch auf Europa einwirken sollte. Aber wir sckrchten, daß diese .Hoffnung eitel ist und die Franzosen allesamt an die Vergeltung für Sedan denken, auch wenn jüe nicht allesamt davon sprechen. General Bonnal hat a.in Tage vor dem Feftmahl davon aesprochen, daß beide ioeere würdig seien, sich mit einander zu messen. Auch tn hatte dabei schwerlich nur Paraden und Manöver im
Sinn. Und vielleicht thut man ihm nicht Unrecht, wenn man annimmt, daß er bei dem Hoch auf die deutsche Armee zugleich den Wunsch hegte, sie möge von den Franzosen geschlagen werden.
Immerhin, die Freundlichkeit des Kaisers ist um so bemerkenswerter, je weniger sie als Schwäche gedeutet werden kann. Und findet sie jenseits der Vogesen nicht den Widerhall, den man wünschen sollte, so kann sich Teutschland trösten, daß das Unrecht nicht auf seiner Seite ist.
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Am Tonnerstag hat der Kaiser bei dem Diner zu Ehren der jugendlichen Königin von Holland eine minder politische Ansprache gehalten, die aber gleichen freudigen Widerhall über die Grenzen des Reiches hinaus finden wird. Sie lautet:
„Richt als Fremde dürfen wir Euere Majestät am heutigen Tage bei uns begrüßen. Schon einmal hatte dieses Haus die Ehre, von Eurer Majestät besucht zu sein, und wiederum ist es uns vergönnt, in denselben Räumen Euere Majestät willkommen zu heißen. Tas erste Mal in zartem Kindesalter, diesmal von der Fülle des Lenzes umgeben, an der Seite des geliebten Gemahls aus kerndeutschem Stamme, grüßen diese Hallen die Urenkelin Luise Henriettes, die Rose aus dem Hause Oranien. Wie sollte auch die Königin der Niederlande auf brandenburgisch-preutziscl)em Boden anders wie ein Glied der Familie des Hauses begrüßt werden, bei den innigen Beziehungen, die Jahrhunderte lang zwischen meinen Vorfahren und den Vorfahren Euerer Majestät geherrscht haben. Ich erfülle daher nur noch einmal die Tankesvflicyt, wenn ich von ganzem Herzen betone, wie viel das Haus Brandenburg-Hohen- zollern dem Hause Oranien Tank schuldet. Die Arbeit für das Volk, das Leben, Streben und Weben mit demselben haben meine Vorfahren in den Niederlanden gelernt. Tas Einsetzen der Person für Glauben und Freiheit und das freudige Leben, Arbeiten und Wirken für die Unterthanen, das sind hervorragende Eigenschaften des .Hauses Oranien, die meine Vorfahren und mein Haus sich von ihm angeeignet haben. Tarum gipfelt heute mein Denken in dem Wunsche, daß der gnädige Gott Euer Majestät Leben und das Eurer Majestät erlauchten Gemahls zum Heile Oraniens und zum .Heile .Hollands, was dasselbe bedeutet, erhalten und beschützen möge, woran ich zugleich das Gelöbnis knüpfe, daß die Liebe und Freundschaft Brandenburg-Preußens für das Hans Oranien und die Niederlande nie aufhören wird, in den Herzen meines Hauses und meiner Unterthanen auch für Eure Majestät fortzuleben. In diesem Sinne trinke ich auf das Wohl Euerer Majestät."
Tie Musik spielte hieraus die niederländische Volks- Hymne. Königin Wilhelm in a erwiderte:
„Euerer Majestät danke ich für die liebevolle Gastfreundschaft, welche die eben vernommenen Vergangenheit und Gegenwart berührenden freundlichen Worte bestätigt haben. Auch ich wünsche von ganzem Herzen, daß die altbewährten Beziehungen unserer blutsverwandten Häuser stets fortbestehen mögen zum Heil derselben und unserer Völker. Ich bekräftige diesen Wunsch, indem ich mein Glas erhebe auf das Wohl Ihrer Majestäten des Kaisers und der Kaiserin."
Tie Musik spielte hierauf die preußische Hymne.
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Zum Trinkspruch Kaiser Wilhelms auf die französische Armee wird uns aus Berlin, 30. Mai, geschrieben:
Der Trinkspruch hat unter den Mitgliedern der hiesigen französischen Kolonie hohe Ueberraschnug und Freude hervorgerufen. Eine diesen Kreisen nahestehende Persönlichkeit versichert, daß Kaiser Wilhelm durch diese Ehrung die Herzen aller Franzosen im Sturme erobert habe. General Bonnal — er hielt bekanntlich einem Interviewer gegenüber für angemessen, den preußischen Parademarsch mit einer Reminiszenz an Austerlitz in Verbindung zu bringen — sei durch den „Soldatenkaiser- beschämt worden, und wohl kein vornehm denkender Franzose könne ein Gefühl des Mißbehagens über diese — gelinde gesagt — rednerische Entgleisung Bonnals unterdrücken. Kaiser Wilhelm habe sich, als er vor einigen Jahren an der norwegischen Küste dem französischen Kadettenschulschiff „Iphigenie- einen Besuch abstattete und damit den Fuß auf französischen Boden setzte, Anwartschaft aus die volle Sympathie Frankreichs erworben. Das der Armee, die nun einmal der Stolz der Franzosen sei, ofsiziell dargebrachte Kompliment werde den Namen Kaiser 2BiL Helms auch jenseits der Vogesen volkstümlich machen und die Beziehungen zwischen den beiden Ländern nachhaltig und denkbar günstig beeinflußen. . . . Die gleiche Zuversicht spricht aus Den Bemerkungen eines Teiles Der heutigen Abendblätter über den kaiserlichen Trinkspruch. Die „Kreuz-Ztg.- veröffentlicht den ihr soeben übermittelten Privatbrief eines Offizier- aus Ostasien, der da- überaus herzliche Einvernehmen zwischen deutschen und französischen Truppen, Offizieren wie Soldaten, an mehreren Beispielen illustriert, und zu dem Schluffe kommt, daß die einstigen Spaltungen der siebziger Jahre völlig verwischt scheinen. Die „Kreuz-Ztg." selbst meint, die Früchte der gewonnenen
Einigkeit dürften erst zu Tage treten, wenn die Soldaten daheim von ihren Eindrücken und sreundschaftlichen Beziehungen im fernen Osten berichten würden.
politische Tagesschau.
Der gestern gemeldete Tod des Oberpräfidenten Grafen Wilhelm von Bismarck erfolgte nach sechstägigem, qualvollen Leiden infolge einer Bauchfell-Entzündung. Die Beisetzung findet am nächsten Montag statt. Graf Wilhelm war al- der jüngere Sohn de- Fürsten Bismarck am 1. August 1852 zu Frankfurt a. M. geboren, besuchte 1866 bis 1869 das Friedrich-Werder sche Gymnasium in Berlin, studierte in Bonn StaatSwiffenschaften, machte den Krieg gegen Frank- reich im ersten Garde-Dragoner-Regiment und als Ordonnanz- Offizier des Generals v. Manteuffel mit, studierte dann wieder in Berlin, arbeitete bei dem Amtsgericht Wiesbaden, beim Kreisgericht Schlawe und beim Kammergericht Berlin und wurde, nachdem er 1878 die Affefforprüfung bestanden hatte, im Herbst 1879 Hilfsarbeiter bei dem Statthalter v. Manteuffel in den Reichslanden. Bon 1881 bis 1884 wurde Graf Bismarck.in der Reichskanzlei beschäftigt, nm dann Vortragender Rat im preußischen StaatSministerinm, 1885 Landrat in '»Hanau, 1889 Regierungspräsident in Hannover unter Bennigsen und 1895 Oberpräfident in Königsberg zu werden. Schon 1878 wurde er für Mühlhausen i. Th. Mitglied des Reichstages, jedoch nur bis 1881. Für die Legislaturperiode 1882 bis 1885 vertrat er den Wahlkreis Schlawe-Rummelsburg im preußischen Abgeord- netenhause. Er gehörte der deutsch konservativen Partei an. Seit 1896 ist er mit Sibylle v. Arnim vermählt. Der Ehe sind zwei Töchter und ein Sohn entsprossen. Graf Wilhelm Bismarck hat als Politiker keine leitende Rolle gespielt. Als Oberpräsident der Provinz Ostpreußen, wie auch in seinen früheren amtlichen Stellungen hat er sich die Sympathien des Bürgertums nicht zu erwerben verstanden. In Königsberg kamen gerade infolge seines Verhaltens^ in den ersten Jahren mannigfache unerquickliche Konflikte vor. durch die er sich in weiten streifen unbeliebt gemacht hat. Bekannt ist fein schroffes Vorgehen in Sachen der Königsberger Bürger-Ressource, in Sachen des Direktors Dr. Dullo, der als Stadtrat in Königsberg nicht bestätigt wurde. Auch bei der Wahl des verstorbenen Berliner Bürgermeisters Brinkmann hat sich der Einfluß des Grafen Bismarck unliebsam bemerkbar gemacht. — Der Provinz Ostpreußen thäte heute ein Oberpräsident im Geiste Theodors von Schön not. — Der Tod des Grafen Wilhelm giebt uns Veranlassung zu einer kurzen Betrachtung über das Geschlecht derer v. Bismarck. Nach dem „Stammbuch des Fürsten und der Familie v. Bismarck« sind seit dem Jahre 1200 bis zur Gegenwart 480 Stammesgenossen — die eingeheirateten Frauen, 136 an der Zahl, find in dieser Zahl nicht einbegriffen — zu verzeichnen, wovon 270 männlichen und 210 weiblichen Geschlechts sind. Im vergangenen 19. Jahrhundert bestand das Geschlecht aus 249 StammeSgenoffen und zwar 103 männlichen, 105 weiblichen und 41 eingeheirateten Frauen, zur Zeit leben 125 Träger und Trägerinnen — 53 männliche, 45 weibliche, 27 eingeheiratete Frauen (wovon 12 Witwen) — des Namens v. Bismarck, unter denen Fürst und Fürstin Herbert, 9 Grafen und 11 Gräfinnen v. Bismarck hervorzuheben find. Die Seniorin des Geschlechts ist 1815, der Senior (nach Fürst Bismarcks Tode) 1834 geboren, Hierbei interessiert die Mitteilung, daß von der älteren lebenden Generation 1 der diplomatischen Laufbahn, 5 dem Staatsdienst, 20 der Armee (teils aktiv, teils inaktiv), 6 anderen Stellungen, zum teil als Landwirte, angehören, während von der jüngsten Generation nach 20 ihrem Berufe entgegengehen.
Die Enthüllung des Bismarck-Denkmals, die der Kaiser für Montag angesetzt hat, könnte aus Anlaß des Todes des Grafen Wilhelm nur durch allerhöchste Bestimmung verschoben werden. Man glaubt jedoch, daß eine Hinausschiebung des Termins nicht stattfinden werde, da die Einladungen an zahlreiche auswärtige Ehrengäste ergangen find. (Wir nennen im lokalen Teil unseres heutigen Blattes die Teilnehmer an der Feierlichkeit von Seiten unserer Universität.) Freilich wird man unter den eingetretenen Verhältnissen auf die Anwesenheit des Fürsten Herbert und der anderen Mitglieder der Familie Bismarck verzichten müssen.
Dem Wahlsieg der Liberalen bei der Reichstags-Stichwahl in Greifswald-Grimmen wird von der Presse der Linken symptomatische, über den Wahlkreis hinauSgehende Bedeutung und Tragweite beigemeffen. Man weist darauf hin, daß ein seit achtzehn Jahren in konservativem Besitz befindlicher Wahlkreis mit überwiegend ländlicher Bevölkerung in Pommern, der „preußischen Bendee", der Rechten zu einer Zeit entrissen sei, wo die Frage der Erhöhung der Getreidezölle im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stehe. Das ist in der That bemerkenswert. Andererseits darf daran erinnert werden, daß der freisinnige Bauern-Verein „Nordost",


