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1.1.1901 Erstes Blatt
 
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Schulprahe Nr. 7.

unb im mit Er- unb

stände«; indem es aber den Stoff bewältigte, verlor es sich selber vielfach an den Stoff. Erfolganbeterei, Byzantinis-

Politischer Rückblick auf das Jahr 1900.

Das Jahr 1900 war außerordentlich ereignisreich, nicht nur für uns, sondern auch für die Staaten und Völker um uns her. Wenn man Yor Jahresfrist auch nicht Voraus­sagen konnte, was dieses Jahr uns bringen würde, so deuteten doch bereits alle Anzeichen auf politischen Sturm. Dort waren es feindselige Strömungen, die durchs Volk gingen und infolge der Ausdehnung, die der Welt-Ver­kehr genommen hatte, die Möglichkeit von Konflikten boten, hier waren es unsichere Allianzen, die sich über Nacht zu­spitzen konnten und dann zu offenen Feindseligkeiten ge­führt hätten; das war die Lage, in der wir das Jahr 1900 antraten.

Auf der südlichen Halbkugel rang in blutigem Kriege ein niederdeutscher Volks st amm um sein Recht und um seine politische Selbstänbigkeit. Wenn dieses Volk durch seinen Heldenmut auch die Bewunderung und Sym- pathieen der ganzen Welt sich errungen hatte, so dar dabei nicht vergessen werden, daß an dem Ausgang diese; Krieges die Weltstellung eines Staates hängt, der au: die besonderen Interessen der übrigen Staaten durch seine gewaltige Seemacht und feine sonstigen Handels- und Ver­kehrseinrichtungen einen sehr erheblichen Einfluß auszu­üben versteht.

Zu diesem politischen Gewitter kam bann noch das

MUS und Mammondienst sind die unverkennbaren Flecken in dem glänzenden Bild der Gegenwart.

Hier setzt die große Aufgabe deS 20. Jahr-

der tieferen Bedürfnisse von Geist und Herz neben den Fort­schritten der äußeren Kultur. Nicht ziemt es sich, um des Lebens willen deS Lebens wahre Güter preiszugeben. Daß solche Erkenntnis überall auf deutscher Erde Gemeingut werde Aller, die unseres theueren Vaterlandes Kinder heißen, ist einer der sehnlichsten Wünsche, mit denen wir in daS neue Jahrhundert binüberschreiten.

Jawohl, Erlösung, langer Leiden Sühne Ist Amt des Lebens auf der Erdenbühne; Doch soll von Teufel, Neid und allem Bösen In sich der Mensch hienieden Gott erlösen."

Unwetter im äu ß e r st e n O st e n , das alle großen Mächte Europas, Amerikas und Asiens in Mitleidenschaft ziehen mußte, sobald das Wetterleuchten zu einem Gewitter sturm überging. Diese bedrohlichen Anzeichen hatten zunächst zur Folge, daß alle europäischen Mächte bemüht waren, wenig­stens in Europa den Frieden zu erhalten.

Obgleich die kleinen ganzen und halben Selbständig­keiten - der Balkan-Halbinsel bis über die Zähne be­waffnet sich gegenüberstanden, gelang es der vereinten Diplomatie Europas, diese Krisis glücklich und ohne Blut­vergießen zu überwinden. Deutschland, Oesterreich-Ungarn, Rußland und der Sultan dürfen für sich das Verdienst in Anspruch nehmen, dieses Feuer im Keim erstickt dadurch einen Weltkrieg vermieden zu haben. Noch April schien Bulgarien große Lust zu einem Kriege Macedonien zu haben und nur langsam drang die kenntnis durch,- daß das Zusammenstehen Rußlands Oesterreich-Ungarns für diesen Boden den Frieden be-

Ieujaßr 1901.

Gott der Jahrhunderte und Jahre, Demtausend Jahr' find wie ein Tag", Dein Morgenstern, der wunderbare. Siegreich durch jedes Dunkel brach. Mit deinem Wort erfüll die Erde, Die Menschheit adele dein Ruhm, Herr, daß dein Name herrlich werd« So wtrbs ein Gnaden-Säkuluml"

Ein heiliger Ernst durchdringt die Mitternachisfiunde teS letzten Jahrestages von 1900. Noch einmal spricht zu u»S die ganze gewaltige Vergangenheit des 19. Jahrhunderts und fordert uns heraus, ein wenig stille zu stehen und feines Wesens Kern nachzuspüren.

Nicht immer gleich schnell vollzieht sich der ewige Wandel deS Menschheitsgeschickes. Der Gang der Entwickelung während deS nun verfloffeuen 19. Jahrhunderts läßt weit hinter sich, was die Allgemeinheit von dem Fortschritte früherer Epochen weiß. Man stelle sich vor, ein Mensch, der vor hundert Jahren sein Leben beschlossen hat, erstehe etwa in der Art, wie der französische Romandichter Edmond About in seinem BucheDer Mann mit dem abgebrochenen Ohre" eS schildert, in unseren Tagen zu neuem Erdendasein. Würde er nicht überall um sich einen Märchenzauber empfinden, die Welt als ein phantastisches Theater ansehen? Was bedeuteten die Schranken von Raum und Zeit damals und was bedeuten sie heute! Dampf­schiff und Eisenbahn, Telegraph und Telephon, Phonograph _ und Gramophon haben diese Schranken in ungeahntem Maße vermindert. Und wie mit Raum und Zeit, verhält es sich auch mit vielen anderen Schranken. Von Triumph zu Triumph find Stoffbewältigung und Naturüberwindung vor­wärts geschritten. Seit in der Menschheit Händen der elek- rrffche Funke, in der Menschheit Augen der Fleiß der Technik glüht und blüht, haben unsere Städte und Häuser ein anderes Aus­sehen erhalten, und mit allem diesem hat sich auch die Kunst geändert, die heute von dem alternden Menschen nicht mehr verstanden wird.

Mit wie verschiedenem Inhalt find die Jahre 1800 und 1900 gefüllt! Damals ein in unzähligen Sonderintereffen zerklüftetes Deutschland, das teils in unwürdiger Gefolgschaft der Franzosen, teils in stolzer Erinnerung an die Thaten Friedrichs des Großen sich aufbäumend und bald von Na­poleon niedergeworfen, zum Spielball im Rate der Völker verurteilt schien. Heute daS Deutsche Reich fest zusammen­gefügt durch den Willen der Fürsten und der verschiedenen Stämme, nicht wankend, ob auch die Gründer des Reichs von ihren Posten abgerufen wurden, an der Spitze ein kraft­voller Kaiser und sein Kanzler, die sich bemühen, des Reiches Ansehen mächtig zu erhalten. Damals Unwissenheit und Flachheit in weitesten Schichten der Bevölkerung, heute eine Blüte der exatteu Wissenschaften bis in die untersten Schichten der Gesellschaft, an vielen Orten lebendiges Gemeindeleben, gewaltige Entfaltung der LiebeSthätigkeit.

Aber verhehlen wir uns nicht die Schäden unserer Zeit! Biele Ideale sind dahingeschwunden im Leben der Staaten und der Einzelnen. Um Goldes Lohn geht in unserem Volke EhrlichkAt und Sittlichkeit verloren, vor dem Golde weicht die Heiligkeit des Eides. In vielen Kreisen raffinierte Ge­nußsucht, daneben eine niedrige Art der Volksbelustigungen, wie Beides in den schlimmen Zeiten der heidnischen römischen Kaiser kaum schlimmer war, dazu die Pietätlosigkeit vor. schreitend im öffentlichen und im Familienleben. Auf der anderen Seite Zusammenschluß der einzelnen Gesellschafts­kreise zur Aufrechterhaltung ihrer geistigen und materiellen Güter, Opferfreudigkeit und völlige Hingabe der Einzelnen. Aber der Menschheit mangelt eS an Ernst. Unruhe und nervöse Hast erfüllen daS Leben der Menschen im 19. Jahr­hundert. Unser äußeres Dasein ist außerordentlich viel reicher als das vsraufgegangener Epochen, aber die innere Befriedigung hat damit nicht gleichen Schritt ge hallen. Dankbarkeit und Bescheidenheit lehren uns wohl die Dichter der vergehenden Zeit, nicht die, denen die Zukunft gehört. Das 18. Jahrhundert, das Jahr- hundert der Lessing und Herder, der Kant, Goethe und Schiller, war das Jahrhundert des Idealismus; es hat uns ein un-

Politische Tagesschau.

In Berlin fand sich am 29. b. M. eine überaus große Anzahl der geschädigten Real-Obligationäre der Deut­schen Gruudschuldbank ein, um darüber zu ent­scheiden, ob die Angelegenheit der falliten Bank durch die formelle Eröffnung des Konkurses erledigt werden sollte oder ob durch Stundung der zu zahlenden Zinsen von Real- Obligationen eine anderweite eventuell sich günstiger ge­staltende Regelung der Affaire vorgenommen werden soll. Mehr als vier Fünftel der Werte der gesamten in Umlauf befindlichen Real-Obligationen war durch ihre Besitzer ver­treten, sodaß die Versammlung Werte in'Höh^von Üngefähr 80 Millionen Mark repräsentierte. Als Vertreter der Re­gierung waren Regierungsrat Hoppe und Bank-Inspektor Hartmann erschienen. Nach fast fünfstündiger Debatte wurde schließlich einem Anträge zu gestimmt, durch den die !a u ß e r- gerichtliche Liquidation der Deutschen Grundschuld- bcmk festgesetzt wird.

Auch über die fallite HofbankAnhaltLWagner Nach f." ist die außergerichtliche Liquidation beschlossen worden. Gegen den Kommerzienrat Eduard Schmidt, General-Konsul von Schweden und Norwegen, Inhaber der Bankfirma Anhalt & Wagner Nachf., ist von der Staats­anwaltschaft am Landgericht I in Berlin der Haftbefehl erlassen worben.

Der Ruin der Spielhagenbanken ist wohl hauptsächlich auf die Machinationen des Kommerzienrats Sanden zurückzuführen, der es verstanden hat, die wichtigsten Posten der Banken mit Verwandten teilweise sehr nahen Grades zu besetzen. So war der mitverhaftete Subdirektor Pnch- müller sein Schwager unb der stellvertretende Direktor )er Deutschen Grundschuldbank, Berthold W a r s i n s k i, ein Neffe. Im Aufsichtsrat der Banken saßen ferner nahe Verwandte Sandens, ebenso hatte den wichtigen Posten eines kündigen Revisors ein Verwandter des Bankdirektors inne. Der zuletzt verhaftete Subdirektor Warsinski hatte übrigens chon lange vor dem Ausbruch der Krisis eine genaue Kennt- iis der ganzen Sachlage. Er hatte sich vorsichtigerweise chon vier Wochen vorher in das Ausland begeben und war trotz mehrfacher Aufforderungen, an den Generalversamm-

Ür unsere politische Erwägung eigentlich nur England, Frankreich, Rußland, die Vereinigten Staaten unb Japan in Betracht. Mit all diesen Mächten steht Deutschlanb in lebhaftem Jnteressen- Zusammenhang unb ist bemüht, ben Frieden zu erhalten unb seine anerkannte Machtstellung zu behaupten. Der afrikanische Krieg, der gegen unseren Wunsch unb Rat t 1 r « . w z ausgebrochen war, forderte von uns strenge Neutralität,

hundert« ein. Es gilt eine Verschmelzung der vorauf- und »Deutschland ist deshalb auch im Januar 1900 der gegangenen Gegensätze zu höherer Einheit, eine Beftiedigung I rechtswidrigen Beschlagnahme desBundesrat" unb bes

gemein reiches Geistes- und Gemütsleben beschert, aber den Aufgaben realer Weltbemeisterung stand es machtlos gegen» über. Das 19. Jahrhundert, das Jahrhundert der Technik, hat die Wirklichkeit wie kaum ein zweites zu meistern ver-

dente; so begnügte man sich denn mit einigen räuberischen Einfällen, die aber glücklicherweise nicht znrn Kriege führten. Das rnaeedomsche Komitee in Sofia giebt noch heute die Hoffnung nicht auf, die bestehenden Fesseln zu durchbrechen; es richtet seine Agitation sowohl gegen Rumänien, wie gegen Griechenland unb hofft immer noch .die Aufhebung des Berliner Traktates zu erreichen. Wenn die Bemühungen dieser Wühler jetzt auch nicht mehr ge­fährlich werden können für den Gesamtfrieden Europas, so wird man doch auch im kommenden Jahr mit denselben zu rechnen haben. Serbiens Haltung befindet sich ins­besondere seit der Verheiratung des Königs Alexander ganz unter dem Einfluß Rußlands, die Stellung des Fürsten Ferdinand ist nichts weniger als fest, während das Ansehen Montenegros erheblich gestiegen ist.

Rußland und England rivalisieren an der ©ft» lüfte von Arabien infolge einer in der Türkei be­gonnenen Agitation, die an die viel mißhandelten arme­nischen Elemente anknüpft. Auch auf diesem Gebiete ist Deutschland bemüht, den Frieden zu wahren und darf als ein guter Freund des Sultans angesehen werden.

Glücklicherweise giebt es außer der orientalischen keine internationale Konfliktsfrage in Europa. Nur durch die Zusammenhänge der außereuropäischen Weltpolitik wird die Situation zurzeit beherrscht. Da an derselben aber Oesterreich-Ungarn und Italien nur so weit Anteil nehmen, als ihre Würde als Großmächte es verlangt, da Spanien zurzeit erschöpft ist, und die kleinen Mächte nur im Ge- olge einer Großmacht Geltung gewinnen können, kommen

General" energisch entgegengetreten und hat sich be­friedigende Satisfaktion verschafft. Unsere Machtstellung zur See wurde durch die Annahme des Flottengesetzes im Reichstage bedeutend gefördert. Die Annahme dieses Gesetzes hat wesentlich dazu beigetragen, für die Zukunft denjenigen Mächten gegenüber eine größere Selbständig­keit zu zeigen, die gewohnt waren, ihr Uebergewicht zur See zu mißbrauchen. Drei Tage nach der Annahme des Flottengesetzes am 18. Juni wurde Freiherr von Ketteler, der deutsche Gesandte in Peking ermordet; dadurch war Deutschland gezwungen, zur chinesischen Frage Stellung zu nehmen. Unsere Position in Kiautschou war so gewählt worden, daß sie mit der Provinz Petschili keinerlei direkte Berührung hatte. Das südliche Schantung stieß weder an die von uns sorgsam geschonten russischen In­teressengebiete noch an Korea, noch störte es die eng­lischen oder französischen Kreise. Deutschland wünschte nichts weiter als feine*3ntereffen an diesen Küsten unb an der Sübsee zu behaupten, wozu cs durch den Vertrag mit China durchaus berechtigt war. Die englisch-russischen Gegensätze aber führten Konflikt mit den weißen Mächten unb Japan herbei unb zwar bot ben ersten Anlaß hierzu ber Versuch Englands, die Russen aus Port Arthur zu ver­treiben, als zu Anfang 1898 Rußland 90 Millionen Rubel zum Ausbau seiner Flotte bestimmt hatte. Alle Anzeichen beuteten bamals auf einen russisch-englischen Krieg, ber seitens Rußlanbs baburch verhindert würbe, baß es im Haag ben Antrag stellte, über eine allgemeine Abrüstung zu beraten. Es folgte bie Besetzung von Port Arthur durch bie Russen, von Weihaiwai burch bie Englänber unb jener russisch-englische Eisenbahn-Vertrag, burch ben Rußlanb ge­wissermaßen in ben Besitz ber Mandschurei gelangte. Also weniger bie Missionen, als bieje russisch-englische Okku­pation mögen bazu beigetragen haben, ben Haß ber Chi­nesen auf alle Weißen unb insbesondere auf alles Christ­liche zu lenken. Die Gährung in China nahm immer mehr yi unb führte schließlich zu ber erwähnten Ermorbung oes Freiherrn von Ketteler. Der uns hierburch auf- gezwungene Krieg wirb als eine Zufallsnotwenbigkeit be­trachtet werden müssen, und so wird in Deutschland die Freude doppelt groß sein, wenn die nächsten Monate uns einen wirklichen Frieden mit China bringen würden.

Die inneren Verhältnisse Deutschlands haben sich auch in diesem Jahre nicht wesentlich geändert. Die Politik der Regierung ist so ziemlich dieselbe geblieben, nur daß sie am Schlüsse des Jahres einen neuen Leiter bekommen hat, der die Zügel etwas straffer anzieht, als sein Vorgänger. Graf Bülow wird hoffentlich die großen Fragen unserer inneren Politik mit selbsteigener Hand zum Guten zu führen wissen, und so glauben wir in mannig­facher Beziehung halbwegs ruhigen Mutes dem kom­menden Jahre entgegensehen zu dürfen.

Nr. 1

Dienstag den 1. Januar

Jahrgang

1901

SießenerAnzeiger

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