Mr. 255 GEes Blatt Mittwoch den 31. Oktober 15V. Jahrgang isoo
Heimat-Anzeiger
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Amtlicher Heil.
Bekanntmachung.
Betr.: Maul« und Klauenseuche.
In Allendorf (Lahn) ist in zwei Gehöften die Maul- und Klauenseuche festgestellt und Gehöstsperre an- ^cordnet worden.
Gießen, den 30. Oktober 1900.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
I. V.: Boeckmann.
Bekanntmachung.
Bei der Stallschau des Zuchtvereins Homberg am 26. d. MtS. sind folgende Preise verteilt worden:
Rindvieh.
Gruppe I über 10 Stück.
I. Preis 30 Mk. Konrad Schneider Guntershausen, II. Preis 20 Mk. Wilhelm Hißerich I Homburg a. O. Gruppe II 5 bis 9 Stück.
II. Preis 20 Mk. Karl Schildwächter Homberg a. O., II. Preis 20 Mk. Ludwig Schepp Homberg a. O., Anerkennung 5 Mk. Hch. Pfeil Homberg a. O.
Zuchtschweirre.
Gruppe II von 1 bis 2 Stück.
I. Preis 20 Mk. Johs. Löber Homberg a. O.,
III. Preis 10 Mk. Friedrich Fischer Homberg a. O., III. Preis 10 Mk. Wilhelm Schepp Homberg a. O., HI. Preis 10 Mk. Konrad Fischer Homberg a. O., III. Preis 10 Mk. Balthasar Zecher Homberg a. O., III. Preis 10 Mk. Louis Zecher Homberg a. O., Anerkennung 5 Mk. Wilhelm Seitz Homberg a. O. Anerkennung 5 Mk. Georg Michel Hißerich Homberg a. O., Anerkennung 5 Mk. Louis Frese Homberg a. O., Anerkennung 5 Mk. Philipp Pfalzgraf Homberg a. O. Summa 185 Mk.
Gießen, den 29. Oktober 1900.
Der Direktor des Kreiszuchtvereins. Boeckmann.
Bekanntmachung,
Wegen Vornahme von Straßenbauarbeiten wird der Riegelpfad- und zwar
a) die Teilstrecke vom Eisenbahn-Uebergang bei der Zentralwerkstätte bis zur Ebelstraße für die Zeit vom 30. Oktober bis einschließlich 1. November, b) die Teilstrecke Ebelstraße—Ludwigstraße für die Zeit vom 1. bis einschließlich 4. November l. I. für Fuhrwerke, Radfahrer und Reiter gesperrt.
Gießen, 29. Oktober 1900.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Hechler.
Des neuen Kanzlers erste Spuren.
Mit lebhafter Spannung verfolgt die gesamte Oeffent- lichkeit die ersten Kundgebungen des neuen Kanzlers, um Schlüsse zu ziehen auf die Zukunft. Ist doch Graf Bülow «>a?L ?(l$erne*ner Auffassung in der Frage der inneren « /in unbeschriebenes Blatt, und Hoffnungen und «esurcytungen wirbeln bunt durcheinander. Ist doch auch! seine Auffassung der während der nächsten Jahre so stark sich! in oen -Vordergrund drängenden handelspolitischen Probleme noch ineinen dichten Schleier gehüllt. Daß Graf Bulow unmittelbar nach Eröffnung des Reichstaas ein allgemeines Progranim aufstellen wird, ist anzunehmen; aber schwerlich wird er sich von vornherein die Hände binden und genau fixierte Zollsätze als da^ A und das O seines Glaubensbekenntnisses verkünden- ein vorsichtiger Staatsmann weiß, daß er nicht allein die Zukunft zu gestalten vermag, es sei denn, daß er den Mut und die Kraft in sich fühlt, steten Konflikten zu trotzen. Und Graf Bülow fühlt hierzu weder Beruf noch Anlage. Er mag Klugheit und auch eine gewisse Zähigkeit, ehrliche Absichten und diplomatischen Blick besitzen, aber zu jenen Charakteren, die eher brechen, als sich biegen wollen, gehört er u. E. nicht.
Und so liegt denn ein gewisser melodramischer Reiz darin, daß die erste Aeußerung des Grafen Bülow überdies handelspolitische Problem zu uns auf dem von schlichtem Familiensinn und häuslichem Wesen zeugenden Umwege über die Schwiegermama zu uns gelangt ist. Aus den kurzen Mitteilungen, die aus Italien, der Heimat der Lebensgefährtin des neuen Kanzlers, zu uns gelangt sind, läßt sich! zwar nicht erkennen, ob die ehrwürdige Dame aus eigener Initiative ihren Schwieger
sohn über seine Pläne interviewt hat, ob sie von befreundeten Interessenten angeregt wurde, oder ob Faustens Wissensdrang in ihr lebendig war, oder ob nicht vielleicht der Kanzler von sich aus das Bedürfnis fühlte, sein Herz der Schwiegermutter auszuschütten. Es ist ja nicht mehr neu, daß Damen in der Politik eine gewisse Rolle spielen, schon Ruma Pompilius ist zu Egeria zu verschwiegener Aussprache gewandelt. Die Königin von Dänemark hat lange genug Europas Schwiegermutter geheißen. „Ein edler Mann wird durch ein gutes Wort der Frauen weit geführt", heißt es in Goethes Iphigenie. Und jso erfahren wir denn, daß Graf Bülow seiner Schwiegermama geschrieben hat, er hege zwar für Italien die besten Gefühle, allein trotzdem werde er gezwungen sein, die Interessen der über allzustarken Lebensmittelimport klagenden deutschen Landwirtschaft in Rechnung zu ziehen. Das ist eine Aussicht, deren Worte zu nichts verpflichten. Denn der eine kann diese Interessen schon gewahrt glauben durch einen Schutzzoll von einem Thaler, während der andere sich nach einem Zehnmarkstück sehnt. Und selbstverständlich ist es auch, daß ein deutscher Kanzler njicht den 'Vorteil Italiens, sondern den Nutzen des Reiches im Auge hat. Immerhin bleibt als erfreulicher Rest die Thatsache bestehen, daß der neue Kanzler durch die Innigkeit seiner Beziehungen zur Frau Minghetti, die s. Z. schon von dem alten Nibelungensänger Wilhelm Jordan in seiner derben ostpreußischen Art energisch widerlegte Legende von der allgemeinen Abneigung gegen das Institut der Schwiegermütter so offen Lügen straft.
Aber wenn diese Korrespondenz mit der wissensdurstigen Signora mehr dem Frohsinn Nahrung bietet, so hat doch Graf Bülow auch andere und ernstere Wege gefunden, um seine Ideenwelt in allgemeinen Umrissen darzulegen. So hat er in der'ersten Sitzung des Bundesrates, die unter seinem Vorsitz stattfand, es als eine seiner vornehmsten Aufgaben bezeichnet, das gute Einvernehmen unter den Regierungen unver- m i n d e r t zu erhalten. Wir wissen alle, daß man namentlich in Bayern und in Lippe zuweilen mit bitterem Empfinden den Lauf der Dinge verfolgt hat, von dem lächerlichen Reuß ä. L. ganz zu schweigen. Noch' die Geschichte der Militärstrafreform und der Flottenvorlage sicherte nicht allgemein die Ueberzeugung, daß das Verhältnis der Vormacht zu den Einzelstaaten in der rechten Art behandelt worden ist. Indem Graf Bülow, der als preußischer Minister des Auswärtigen ressortmäßig auch mit den Bundesregierungen zu verhandeln hat, gerade die hier angedeuteten Gesichtspunkte in den Vordergrund stellt, deutet er auch leise an, daß er selbst in der Vergangenheit die richtigen Grundsätze nicht als durchweg gewahrt anzuerkennen vermag. Und ebenso liegt eine leise Rüge vergangener Zustände in den Worten, mit denen er den Vorsitz in dem preußischen Staatsministerium übernahm, in der Versicherung, daß er eine einheit- l i ch e und geschlossene Regierung als eine N o t- wendigkeit und als die unerläßliche Vorbedingung für jene Stetigkeit und Zielbewußtheit in der inneren Politik ansehe, die das Land verlange und brauche. Man wird auch diesen Worten willig zustimmen können, wenn anders sie nicht blos Worte bleiben, sondern sich in die mannhafte That umsetzen. Denn an der Zerfahrenheit der Aktion, an deni Eigenwillen des Ressorts, an der Zerflossenheit des allgemeinen Programms haben wir genugsam gekrankt, und es bedurfte seiner Zeit gar nicht des bekannten Briefes, den Fürst Hohenlohe an den Prinzen Carolath richtete, es bedurfte auch nicht des Streites um die Kanalvorlage und die Disziplinierung der Beamten, um die inneren Widersprüche aller Welt klar zu machen. Frau Jlsebill wollte nirgends so, wie ihr braver Mann, der Fischer, es wollte, und Fürst Hohenlohe' und Herr von Miquel haben nie leine innige Herzensgemeinschaft geheuchelt. Wir haben stramm ^konservative und stramm liberali- I sierende Minister in engster Gemeinschaft erblickt, und zuweilen haben Staatssekretäre sich kühn hinweggesetzt über die Absichten ihres Chefs. Graf Bülow wird, wenn anders er mit seinem Programm Ernst machen will, sich kaunk hinwegsetzen können über die berühmte Kabinettsordre voni Jahre 1852, über die Fürst Bismarck gestürzt ist. Man wird eben auch hier, wie so vielfach, zur alten Liebe I zurückkehren müssen. , |
Was bisher über positive Absichten des neuen Kanzlers I berichtet wird, ist vorläufig zu wenig beglaubigt, I daß sich Schlüsse anfügen ließen. Er soll entschlossen sein, I die Kan a kv o r la g e vorläufig preiszugeben, anderer- ] seits soll er geneigt sein, die Jesuiten heimzube - | r it f e tt. Wir glauben das eine nicht, und ebenso- I wenig das andere. Denn allzu energisch hat Kaiser Wil- I Helm am Dortmunder Hafen versichert, daß er und seine I Regierung „fest und unerschütterlich" entschlossen seien, I den Kanalbau durchzuführen. „Das Wort sie sollen lassen I slahn." Und die Jesuiten? Gewiß, Graf Bülow kann mit l
ihrer Heimberufung das Zentrum gewinnen; aber der Preis, den er zahlen würde, indem er das allgemeine Mißtrauen des ganzen evangelischen Deutschlands erntet/ dürfte ihm denn doch zu hoch erscheinen.
Politische Tagesschau.
In der Zeit vom 1. April bis zum Schluß des Monat« September 1900 sind im Deutschen Reich folgende Einnahme« (einschl. der kreditierten Beträge) an Zöllen und gemeinschaftlichen Verbrauchssteuern, sowie andere Einnahmen nach dem „Zentralblatt für das Deutsche Reich" zur Anschreibung gelangt:
Zölle 240591620 Mk. (gegen das Vorjahr + 9088894 Mk.), Tabaksteuer 5 349 257 Mk. (— 41131 Mk ), Zuckersteuer und Zuschlag zu derselben 59615268 Mk. (+ 11090943 Mk.), Salzsteuer 22681139 Mk. (+ 383418 Mk.), Maischbottich- und Branntweinmaterialsteuer 401302 Mk. (+ 586761 Mk.), Verbrauchsabgabe von Branntwein und Zuschlag zu derselben 65021930 Mk. (— 1747345 Mk.), Brennsteuer 325189 Mk. (+ 164162 Mk.), Brausteuer 16637834 Mk. (+ 496 670 Mk.), Uesser- gangsabgabe von Bier 2041660 Mk. (+ 42172 Mk.), Summe 411218217 Mk. (+ 20024544 Mk.). Stempelsteuer für: a. Wertpapiere 13871 389 Mk. (+ 4249776 Mk.), b. Kauf- und sonstige An« schaffungsgeschäfte 6772112 Mk. (— 1275 262 Mk.), c. Lose zu: Privat« lotterten 2532390 Mk. (+ 131142 Mk.), Staatslotterien 7327483 Mk. (+ 712368 Mk.), d. Schiffsfrachturkunden 227509 Mk. (4- 227509 Mk.), Spielkartenstempel 658222 Mk. (+ 23375 Mk.) Wechselstempelsteuer 6 365407 Mk. (+ 517771 Mk.), Post- und Telegraphen-Verwaltung 188 269821 Mk. (+ 9778175 Mk.), Reichseisenbahn - Verwaltung 47552000 Mk. (+ 3793000 Mk.).
Die zur Reichskasse gelangte Ist-Einnahme, abzüglich der Ausfuhrvergütungen und Verwaltungskosten, beträgt bei den nachbezeichneten Einnahmen:
Zölle 221729633 Mk. (+ 7923 664 Mk.), Tabaksteuer 5063016 Mark (+ 26597 Mk.), Zuckersteuer und Zuschlag zu derselben 58679183 Mark (+ 8877602 Mk.), Salzsteuer 22679028 Mk. (+ 1182111 Mk.), Maischbottich- u. Branntweinmaterialsteuer4959142 Mk. (+ 594 896 Mk.), Verbrauchsabgabe von Branntwein und Zuschlag zu derselben 55872196 Mark (— 2 351562 Mk.), Brennsteuer 325189 Mk. (+ 164162 Mk.), Brausteuer und Uebergangsabgabe von Bier 15875 776 Mk. (+ 457629 Mark), Summe 384532735 Mk. (+ 16321905 Mk.) — Spielkartenstempel 723239 Mk. (+ 44 736 Mk.).
Zu der in der letzten Zeit in Süddeutschland sehr lebhaft betriebenen Agitation zu Gunsten einer Erhöhung des Schutzzolles für den iuläudischeu Tabak schreibt die Handelskammer zu Lahr in ihrem soeben erschienenen Jahresbericht für 1899 anknüpfend an den günstigen Verkauf des vorjährigen Tabaks: „®ie nächste Folge des günstigen Verkaufs wird nun nach dem bekannten Zirkel, wieder eine Vermehrung des Anbaues sein, bis wieder eine geringe, namentlich für die Zigarrenfabrikation nicht oder schwer verwendbare Ernte mit naturgemäß ungünstigem Absatz und niedrigeren Preisen kommt, und dann wird sich der Anbau wieder vermindern und wieder in alter Weise über den Rückgang und die Unrentabilität des badischen Tabakbaus geklagt und, wie auch in letzter Zeit wieder geschehen, das bekannte fragwürdige Mittel: Herabsetzung der Steuer auf inländischen und Erhöhung des Eingangszolls auf ausländischen Tabak, wieder vorgeschlagen und gefordert werden, ein Mittel, das, wie schon öfters auseinandergesetzt, unter den Prodnktions-, Absatz- und Konsumverhältnissen, mit denen unsere Zigarrenfabrikation heute zu rechnen hat, für den inländischen Tabakbau keineswegs den gewünschten Erfolg, sehr leicht aber für beide Teile recht unerwünschte Wirkungen haben könnte." Das Gelände, welches in dem Bezirk der Handelskammer zu Lahr mit Tabak bepflanzt wird, beträgt 14 v. H. der in ganz Deutschland mit Tabak bepflanzten Fläche und 33 v. H. der im Großherzogtum Baden mit Tabak bepflanzten Fläche.
Aus Stadt und Fand.
Gießen, 30. Oktober.
O Unser zukünftiger Bürgermeister, Herr Mecum, hat nach hier die Erklärung abgegeben, daß er die auf ihn gefallene Wahl annehme. Die Genehmigung unserer Regierung dürfte auch nicht lange aus sich warten lassen, sodaß der Gewählte das Amt bald übernehmen dürfte.
** Konzert. Soeben geht uns die Nachricht zu, daß am 23. November die Meininger Hofkapelle in ihrer ganzen Stärke, aus 56 Künstlern bestehend, unter Direktion des Generalmusikdirektors Fritz Steinbach hier konzertieren wird. Man kann, ohne zu Übertreiben, diesen Künstlerbesuch geradezu für ein musikalisches Ereignis halten. Das Arrangement liegt in den Händen des Herrn Ernst Challier. Es handelt sich hierbei um ein Extra-Kon- zert, das zu den Vereinskonzerten nicht mitzählt.
** Verein für innere Mission. Auf den Mittwochabend 8V4 Uhr im Saale des „Hotel Einhorn" stattfindenden


