Dienstag den 31. Juli
Nr. 176 Zweites Blatt
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nur Schlimmes in Deutschland, und als sogar der Versuch, ihn zu einem Kaufmann auszubilden, kläglich ge- cheitert war, kehrte er nach seiner Heimat zurück, nachdem er seine moralischen Eigenschaften in negativer Richtung vervollkommnet hatte, soweitdieS nur rgend möglich war. Er führte nun in Kamerun ein recht lockeres Leben und erregte oft den Aerger der dortigen Beamten durch seine Unehrlichkeit und Jntriguensucht. . . . Und nun plötzlich wird Mpundo, weil er sich einem Matrosen gegenüber als „Prinz" ausgegeben hat, von einem Beamten, »er kaum einige Monate im Lande weilt, zu der für die DuallaS empfindlichsten Strafe, zu Hieben, verurteilt. Noch schlimmer liegt der zweite Fall, mit Viktor Bell, dem Sohn Manga Bells, des ersten aller Dualla«Häuptlinge, der infolge seiner etwas praktischeren in England genossenen Erziehung aus einer weit höheren Stufe steht als sein Kollege der King Akwa, der ferner in der letzten Zeit, nachdem er von seiner allerdings begreiflichen Anglomanie gründlich geheilt worden ist, sich als beste Stütze des Gouverneurs er- wiesen hat. Dazu ist Viktor Bell selbst ein ganz harmloser Junge, von dem außer seiner Eigenschaft eben gerade als Sohn Mangas nichts weiter zu sagen ist. Wenn er den Materialienverwalter, einen ehemaligen Unteroffizier und jetzigen Subalternbeamten nicht gehörig gegrüßt hatte, so würde eine Ohrfeige von Seiten des Herrn Materialver« Walters, wenn absolut das Prestige der Weißen aufrecht erhalten werden sollte, auch genügt haben.
Der „Hamb. Korr.", der sonst ein geflisientlicher Förderer unserer Kolonialpolitik ist, schließt seine Ausführungen mit folgenden Sätzen:
So aber stehen wir hier wieder vor einer jener schlimmen Früchte, die der in unserer Kolonial» Verwaltung herrschende AssessoriSmuS hervorbringt. Diese Vorfälle hätten verhängnisvoll für die ganze Kolonie werden können, wenn man bedenkt, daß DuallaS faßt an sämtlichen Flüssen Kameruns bis tief ins Inland als Händler sich niedergelassen haben und es ihnen ein Leichtes wäre, die ebenso dummen wie leichtgläubigen Buschneger gegen die Europäer aufzuhetzen, wie dies schon öfters, meist auS handelspolitischen Interessen, geschehen ist.
und
Vr. 7.
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König Humbert, mit seinem vollen Namen Rainer Karl Emanuel Johann Ferdinand Eugen Humbert, Sohn Viktor Emanuels II., war am 14. März 1844 in Turin geboren, hat also nur ein Alter von 56 Jahren erreicht. Am 9. Ja» nuar 1878 bestieg er den Thron Italiens. Schon am 22. April 1868 hatte er sich mit seiner Kousine Margherita Maria Theresia (geb. 20. Nov. 1851), Tochter des Herzogs Ferdinand von Genua, vermählt. Dieser Che entstammt als einziges Kind der jetzige König, Victor Emanuel III., geboren 11. November 1869, vermählt seit Oktober 1896 mit der Prinzessin Helene von Montenegro (geb. 8. Januar 1873) in bisher kinderloser Ehe. König Viktor Emansel HL, der bekanntlich am 6. Mai d. IS. an den Feierlichkeiten aus Anlaß der Großjährigkeitserklärung des deutschen Kronprinzen in Berlin teilgenommen hat, ist Ritter des hohen Ordens vom schwarzen Adler und steht L la suite des Husaren-RegimenlS König Humbert von Italien (1. Hess.) Nr. 13, das bekanntlich in Frankfurt am Main und Mainz steht und dessen Chef bisher sein königlicher Vater war.
Telegramm deS Wietzener Anzeigers.
Frankfurt a. M., 30. Juli. Der Atterr- täter heitzt Angelo Brieet, ist 31 Jahre alt und stammt auS Preto iu ToSeaua. Er wurde sofort verhaftet.
H« l*l<igtn zu der —chmtttag» für b* ••• "ichclumden Nummer M Htm. W Mr. ipittrfttn» **M Hrfrr.
Adrrfsr für Depeschen: Anzeiger ^U|M>
Fernsprecher Nr. 51.
Zwei verhängnisvolle Urteile.
Zu recht unbequemer Zeit wird in Kamerun die Erinnerung an die Thaten des Richters Wehlan und des Kanzlers Leist wieder ins Leben gerufen. Der „Hamb. Corresp.", ein Blatt, dessen Kolonialfreundlichkeit außer Zweifel steht, sieht sich genötigt, folgende Mitteilungen aus einem zuverlässiger Quelle" entstammenden Privatbriefe zu veröffentlichen:
„Vor dem Tode des Herrn v. G ... sind z w e i F ä l l e hintereinander vorgekommen, wie sie sich seit der Okkupation durch die deutsche Regierung noch unter keinem Richter ereignet haben.
1. Mpundo Akwa erhielt im Disziplinarwege durch Herrn v. G. 2 5 Hiebe, weil er sich einem Matrosen S. M. S. .Habicht" gegenüber „Prinz" genannt hatte.
2. Victor Manga, der zweite Sohn Manga's, erhielt ebenso 25 Hiebe auf Befehl des Herrn v. G. weil er den Materialien- verwaltet Herrn O. nicht ordentlich gegrüßt, seinen Hut nicht vom Kopfe abgenommen hat.
Bevor die 25 Hiebe an dem Viktor vollstreckt waren, ging Manga sofort, nachdem er davon Kenntnis gehabt hatte, daß sein Sohn 25 Hiebe kriegen soll, zu Herrn v. G.. und bat ihn deshalb um Verzeihung. Seiner Bitte wurde jedoch von Herrn v. G. kein Gehör geschenkt. Diese beiden brutalen Thaten haben die Einwohner der Dualla in hohem Grade peinlich berührt. Ich glaube, daß, falls Manga nach Deutschland kommen würde, er dem Auswärtigen Amt die Angelegenheit vortragen würde.
Von den Einwohnern Duallas hatte niemand geträumt, daß Manga's Sohn 25 Hiebe bekommen kann, weil dieser doch der angesehenste von allen Häuptlingen ist."
Der „Hamb. Corresp." kommentiert diese Vorkommnisse in scharfer Weise und sagt u. A.:
Es sei unterlassen, Schlüsie auf den C a u s a l v e r b a n d der beiden Strafbescheide mit dem plötzlichen, fernab von Kamerun, in der Wildnis erfolgten Tode des Herrn v. G. zu riehen, der laut amtlicher Meldung einem „Sonnenstiche" erlag, was immerhin als eine recht vage Todesursache bezeichnet werden kann. Wer das hinterlistige und rachsüchtige Naturell, das, wie den meisten wilden Völkern, so auch den Duallas eigen ist, kennt, wird sich über den ganzen Fall seine eigenen Gedanken machen. Da sich jedoch hierüber wie über so viele im Innern des dunkeln Weltteiles geschehene Dinge völlige Klarheit nie wird schaffen lassen, hat eS für die breite Oessentlichkeit keinen realen Wert, weiter darüber zu sprechen, wohl aber verdient die Verurteilung zweier Söhne der beiden angesehensten Dualla- Häuptlinge zur Prügelstrafe, die schon der Schreiber des oben citierten Briefes „brutale Thaten" nennt, näher beleuchtet zu werden . . .
Betrachten wir nun die beiden Fälle, so handelt eS sich in dem ersten um Mpundo Akwa, den Sohn des aus der Zeit der Besitzergreifung Kameruns gewiß noch Jedem bekannten „King Akwa". Mpundo war als kleiner Junge nach dortiger Sitte von seinem Vater bei einem Weißen in Dienst gegeben worden, um sich bei diesem etwas Schlif und Kenntnisse europäischer Sitten zu erwerben, und sein damaliger Herr war, wie man sagt, recht zufrieden mit ihm. Als dann im Anfang der Kolonialbewegung bei unfl der Sport aufkam, junge Neger nach Deutfchland zu senden und dort alle möglichen und unmöglichen Erziehungsversuche mit ihnen zu machen, die zumeist recht nachteilige Folgen für den Charakter der armen Versuchsobjekte hatten, kam auch Mpundo in sein neues Vaterland. Als Häuptlingssohn wurde er gar sehr geehrt; Windthorst war sein Tauf- pathe und in Kiel wurde er in den höchsten Kreisen vorgeführt und gar ost mit sonst nur fürstlichen Perfonen zukommenden Titulaturen ausgezeichnet. Es ging aber unserem Mpundo wie den meisten seiner Schicksalsgenossen, er lernte
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
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Die Wirren in China.
Li-Hung-Tschaugs Erklärung, nach der sämtlichle Gesandten sich aus dem Wege von Peking nach Tientsin befinden, wird in Berliner wie in Londoner Meisen sehr pessimistisch aufgefaßt. Auch die weitere Meldung, nach! der es, wie wir am Samstag schon berichteten, infolge von Uneinigkeit unter den Boxern selbst zu Kämpfen gekommen und Prinz Tuan hierbei getötet sein soll, findet wenig Glauben. — Nach einer Meldung aus Shanghai veröffentlichen die dortigen Tagesblätter eine Erklärung eines chinesischen Großbankiers, der Peking am 7. Juli verließ und am 25. Juli in Shanghai eintraf, alle Gesandtschaften seien zerstört, alle Europäer verschwunden, ob ermordet, wisse er nicht. Das bestätigt auch der Bries eines chinesischen Vertreters der russischen Bank in Nintsainang an den Leiter der russischen Bank in Shanghai meldend: Einer unserer chinesischen Vertreter traf aus Peking ein und erklärt, alle fremden Gesandten seien ermordet; als die Chinesen durch Breschen in die Gesandtschaft einbrachssn, t ö t e t e n d i e B e l a g e r t e n d i e eigenen Frauen und Kinder. Sir Robert Hart beging Selbstmord. Der Minister des Auswärtigen in Paris, Delcasse, brach jede Beziehung zu dem Gesandten Chinas ab bis zum Eintreffen einer authentischen Antwort Pichons. Die japanische Gesandtschaft in London behauptet, daß alle Gesandten in Peking längst tot seien, daß, China mit LügenmeldungeN-iur Zeit gewinnen will.
„Daily Expreß" läßt sich aus Shanghai melden, Li- Hung-Tschang habe vollständig den K o p f v e r l o r e n über eine Botschaft, die ihn heimlicher Jntriguen gepen den Thron beschuldigt und den Prinzen Tuan offiziell zum Reichsverweser ernennt. — Einem Hongkonger „Times - Telegramm zufolge ist das Berlin e r M i s s i o n s h a u s im Norden der Provinz Kwan tung von Rebellen ge- b rau d sch atzt worden. In Schensi werden die eingeborenen Christen massakriert; fünf Europäer sind ermordet worden. — „Central News" bringt ent Shanghaier Telegramm, demzufolge sich die Nachricht über Greuelthateu in Partingfu bestätigt. Dreizehn europäische Missionare und eine bedeutende Anzahl chinesischer Christen wurden e mordet, die Missionsgebaudesind nieder ge brannt. - Aus Tsäfifu bringt ein Dampfer die Nachricht, daß die amerikanische Baptistenmiss in Tschingohanfu zerstört worden isü - Von der kaiserlichen Zollbehörde ist in {’Ä
getroffen, daß infolge der drohenden Zustande in Mongts
König Humbert von Italien ermordet.
W. Gießen, 30. Juli 1900.
Heute früh erhielten wir folgende Telegramme:
Rom, 80. Juli. In Mouza fchotz ein Maun uameus Bvieei dreimal mittels Revolvers auf König Humbert, ihn tödlich verletzend, sodatz der König kurz darauf verstarb.
Mailand, 30. Juli. Rach Beendigung eiueS Turnfestes iu Mouza wurde gestern abend 9 i/z Uhr auf König Humbert ein Attentat verübt. Bei Besteigen deS WageuS wurden Schüsse auf ihn abgegeben, von denen einer tödlich war. Der König starb vor Ankunft im Schlöffe.
Die Kunde von dem fürchterlichen Verbrechen wird die Welt mit dem tiefsten Abscheu aufnehmen. In der köstlichen Frische eines italienischen Sommerabends ist der ritterliche König von Italien von der Hand eines entmenschten Mordbuben erschossen worden, von dem man vorläufig noch nichts anderes weiß als seinen Namen, der sich aber mit seiner grausigen That einen weltgeschichtlichen Herostratischen Unruhm erworben hat, offenbar verführt durch die halb krankhaften Irrlehren des internationalen Anarchismus.
Der König hatte am Tage an einem Turnfest teil genommen. Das Fest war beendet und die Sonne untergegangen. Ein Sommerabend in Italien! Die Tageshitze ist sofort verschwunden, und eine kühlere Luft weht von den Bergen herunter. Die Vögel singen, die Grillen zirpen, süßer Dust strömt von den Oleandersträuchern und den verblühenden Magnolien aus, Nachtfalter und Käfer schwirren von Blüte zu Blüte. An einem solchen Abend hat König Humbert sein grauseS Ende gefunden, König Humbert unter den gekrönten Häuptern Europas eins der wenigen, die sich von der großen Politik stets so fern hielten, als es sich mit ihrem hohen Berufe irgend verträgt.
Dor 22 Jahren, am 17. November 1878, wurde auch ein Attentat auf ihn und die Königin Margherita, feine schöne Gemahlin, verübt, in Neapel, am Schluffe einer durch das ganze Land zurückgelegten Rundreise. Als der Bubenstreich damals gänzlich erfolglos vorübergegangen war, da erhob sich im ganzen Lande eine stürmische Kundgebung für den König und das Königtum. Und seine Volkstümlichkeit wuchs immer mehr und mehr. Die außerordentliche Menschenfreundlichkeit, Liebenswürdigkeit, Leutseligkeit und Herzensgüte, seine Unerschrockenheit und persönliche Kühnheit, die namentlich bei dem Erdbeben in Casamicciola 1883 und bei der Choleraepidemie in Neapel 1884 sich kundgab, wurde allgemein gerühmt, und seine Landeskinder liebsten den König, wie selten ein Volk seinen Fürsten liebt. Nun hat ihm einer seiner Unterthanen das Leben genommen. ...
ÄC’ era una volta un principe“ (es war einmal ein Prinz), so wird wohl einmal eine italienische Romanze beginnen, die von dem Leben und fürchterlichen Lebensende König HumbertS in rührenden Klängen vermeldet, und die man in Italien singen wird, wenns einem recht weh ums Herz ist. Das italienische Volk wird seinen Re Umberto nie vergessen.
Auch das deutsche Volk wird mit dem italienischen den Tod des engverbündeten Monarchen tief betrauern. Seit 1883, nach Abschluß des Dreibundes zwischen Deutschland, Oesterreich und Italien, war König Humbert auch in Deutschland eine populäre und hochverehrte Persönlichkeit. Damals besuchte unser nachmaliger Leidenskaiser Friedrich den König von Italien in Rom und fand den herzlichsten, freundschaftlichsten Empfang. Fünf Jahre darauf reifte Kaiser Wilhelm II. nach Italiens Hauptstadt zum Besuche des römischen Königshofes, und im Mai 1889 erwiderte König Humbert den deutschen Kaiserbesuch in Berlin, wo man ihm allseitig den glänzendsten, begeistertsten Empfang bereitete. Und schon int Jahre 1892 erneuerte König Humbert mit feiner Gemahlin den Berliner Besuch, als die nach ihrer hohen Patin Margarethe getaufte jüngste Schwester des deutschen Kaisers sich mit dem Prinzen Friedrich Karl von Hessen verlobte. Endlich aber stehen heute uns allen noch in lebhaftester Erinnerung jene Tage, da das italienische Königspaar am Kaisermanöver bei Homburg teilnahm. Damals gewann König Humbert sich mit seiner Gemahlin für immer Tausende deutscher Herzen.
In Monza ist das entsetzliche Verbrechen verübt worden, einer Kreisstadt bei Mailand, wo schon zu Theodorichs Zeiten ein Palatium sich befand, an dessen Stelle im 18. Jahrhundert ein palazzo imperiale (Kgl. Schloß) erstand, und das als Modicia Residenz der langobardischen Könige war.


