Ausgabe 
31.7.1900 Erstes Blatt
 
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König Alexander von

Standesamtsregister, eine zweiundvierzigjährige Dame, Witwe umb Mutter zweier Töchter. Draga, die früher Hofdame feiner Mutter war, übte schon seit einer Reihe von Jahren auf den jungen König einen bedeutenden Ein­fluß aus. Der König ist erst 24 Jahre alt. Dieses Er­eignis hat in Serbien starken Widerspruch gefunden; das Ministerium trat ab, der Oberstkommandant des serbischen Heeres, Exkönig Milan, legte seinen Befehl nieder, im Heere gährt es, und die orthodoxe Geistlichkeit schien eben­falls aufsässig zu werden. Zunächst wurde eingewendet, daß die Heirat mit der Witwe Maschsn eine befriedigende Lösung der Thronfolge ausschließe, auf die es in Serbien so sehr ankommt. Aber Alexander kümmert sich nicht um Staatsraison, er wollte seinen Willen haben, d. h. wenig­stens fürs nächste! Daß jetzt, nach der Hochzeit, die am gestrigen Sonntage stattsinden sollte neuesten Meldungen zufolge ist die Hochzeit auf Donnerstag verschoben die Kö­nigin Draga das Szepter Serbiens bald in Händen haben wird, ist kaum zu bezweifeln. Da es in Serbien immer noch Leute genug gibt, die sich durch den Glanz und die winkenden Vorteile eines Ministerpostens bestechen lassen, so hatte der König bald wieder ein Kabinett beisammen; den unzu­friedenen Offizieren schärfte er ein, daß der Wille des Königs für sie Gesetz sei, und was sonstige Widerspenstige angehl, so hat Alexander jetzt in dem Glückwünsche, also der Billigung des Zaren zu seiner Verlobung, alles er­halten, was er wünschen kann. Serbiens Politik ist damit in russisches Fahrwasser geleitet das ist einen Zaren­glückwunsch schon wert, er braucht ja auch nicht ganz auf­richtig zu sein.

Aus Transvaal wurden wieder einige Erfolge der Buren gemeldet, b)ie den Engländern beweisen, daß sie nod} lange nicht am Ziele ihm Wünsche angelangt sind, auch wenn sie jetzt schon über das künftige Schicksal der Buren­republiken Beschlüsse fassen.

Politische Tagesschau.

Die neue st e Rede des Kaisers in Bremer­haven bei der .Entsendung der für China bestimmten Truppen wird nur von einem Teil der Berliner Abend­blätter besprochen. Was dieKreuzztg." sagt, finden wir in unserer Wochenschau. DieDeutsche Tagesztg." schreibt, der Kaiser habe sicherlich nicht gemeint, daß unsere Sol­daten niemals Pardon geben sollen, sondern nur auf die Thatsache hingewiesen, daß der grausame Feind gegen den sie zu kämpfen haben, keinen Pardon giebt, eine Thatsache, Die sie zu um so größerer Tapferkeit und Entschlossenheit auffordern soll. DieBerl. N. N." meinen, wenn der Kaiser wirklich gesagt habe, Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht, so könne man nach dem formellen Zusammenhang der Worte vielleicht im Zweifel sein, ob sie sich auf die Chinesen oder auf die deutschen Truppen beziehen sollen. Dem Geiste nach sei aber jeder Zweifel ausgeschlossen. Es sei selbstverständlich unmögliche, daß unsere deutschen Soldaten bezwungene Feinde, seien es selbst chinesische Mordbuben, die sich' im Kampfe ergeben, und wehrlos sind, niedermachen. Eine solche Deutung habe sicherlich auch der Kaiser für seine Worte nicht entfernt zulassen wollen. Man müsse darin nur eine durchaus angebrachte Warnung vor der fanatischchrutalen Kampf­art der Chinesen sehen. DieVoss. Ztg." hält die Auf­forderung, keinen Pardon zu geben, keine Gefangene zu machen, für undurchführbar. Es widerstrebe der Natur des sittlich erzogenen Menschen, an einem überwundenen Feinde, der unschädlich gemacht ist und um Gnade bittet, eine blutige Rache zu nehmen, die keinen Zweck hat, zumal wenn man die einzelne Person gar nicht für den Urheber der Unthaten halten kann, wofür Sühne gesucht werden soll. Die Aufgabe, die unserer in China harrt, sei eine Aufgebe für das vereinigte Europa. Allein in China vorzugehen, hätten wir weder den Beruf noch die Möglichkeit. Die ^?olksztg." sagt, daß ihr die Erbarmungslosigkeit des Kämpfers weder imponiere, noch in den Lehren des Christentums speziell begründet erscheine. Das Blatt hält dafür, daß es ein Unglück für Deutschland wäre, wenn es die Kreuzzugspolitik in irgend welcher Art und in irgend welchem Erdteile wieder aufnehme. Zu dem von der in Bremerhaven erscheinendenNordwestdeutsche Ztg" ge­brachten Texte, den wir gleichfalls in unserer Wochenschau erwähnen, sagt dasBerl. Tagebl.": der Passus, der an die Hunnen unter König Etzel erinnert, werde großes Auf­sehen erregen. Darum sei von vorueherein hervorzuheben daß suinsere deutschen Truppen nun und nimmer wie die Hunnen in China Hausen werden. Dafür bürge schon die Disziplin, die den deutschen Truppen in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Oesterr e i ch i s ch e Blätter besprechen die Rede des Kaisers reserviert. Auch sie sind der Ansicht, daß die Rede des Kaisers vielfach mißverstanden worden sei. Der Kaiser habe Me Soldaten lediglich auf die Tücken und Grau- jam fetten der Chinesen aufmerksam machen wollen.

Unter den Vorlagen, welche dem deutschen Reichs-

Serbien und feine Braut.

tage voraussichtlich in seiner nächsten Tagung zugehen werden, dürste der neue Zolltarif-Entwurf das Hauptinteresse erregen. Wie dieNordd. Allg. Ztg." mit­teilt, werden die Arbeiten an dieser Vorlage gegenwärtig eifrig gefördert. In unterrichteten Kreisen wird ange­nommen, daß der aus der Bearbeitung des vorliegenden Materials hervorgehende Entwurf, der nicht blos das Taristchema, sondern auch die Zollsätze enthalten wird, vielleicht noch im November, aber jedenfalls noch im laufenden Jahre dem Bundesrate wird vorgelegt werden können. Man wird daraus rechnen können, daß der Reichs­tag den! Entwurf in benj,erstcn.Monatenldes.nächsten Jahres zugestellt erhalten wird. Neben dem Zolltarif-Entwurf dürsten wieder zwei Versicherungsgesetze die Zeit des Reichstages stark in Anspruch nehmen. Das eine be­trifft die priv aten Ver sichern ngsunternehm- nngen. Ein diesbezüglicher Entwurf wird sich unter den ersten, dem Reichstage zugehenden Vorlagen befinden. An dem zweiten Versich^rungsgesetze, der Novelle zur Krankenversicherung, wird gegenwärtig von den zuständigen Reichsverwaltungsstellen noch eifrig gearbei­tet. Tie dafür nötigen Vorarbeiten dürften sich noch recht­zeitig beendigen lassen, um bie für die nächste Reichstags­session schon in Aussicht gestellte Vorlage auch einzu­bringen. Ob die in Arbeit befindliche Umgestaltung der Militärstensions-Gesetzgebung schon für die nächste Reichstagstagung positive Ergebnisse zeitigen wird, muß abgewartet werden. Dagegen darf es als ziem­lich wahrscheinlich angesehen werden, daß das Reichsjustiz­amt mit dem Urheber- und mit dem Verlags­recht-Entwurf vor die gesetzgebenden Faktoren des Reichs treten wird. Das Reichsschatzamt dürfte, abgesehen von dem Zolltarifentwurf, an dem es in erster Linie be­teiligt ist, und dem Reichshaushaltsetat für 1901, den es vornehmlich, zu vertreten hat, voraussichtlich noch diesen oder jenen kleineren Steuergesetzentwurf zu unter­breiten haben. Als ziemlich sicher darf wohl angesehen werden, daß der Reichstag mit einem Schaumwein- steuergesetzentwurf befaßt werden wird, der bei den letzten Steuerberatungen des Reichstages in Aussicht ge­stellt wurde. Ob für Saccharin der Steuerweg oder ein anderer beschritten werden wird, bleibt abzuwarten. Jedenfalls ist schon aus dieser Aufzählung, die durchaus nicht den Anspruch auf Vollständigkeit macht, zu ersehen, daß der Reichstag auch in seiner nächsten Tagung ein reich­liches Arbeitsmaterial zu erledigen haben wird.

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 30. Juli 1900.

* Laubach, 29. Juli. Mit Ablauf der letzten Woche ist es in unserem Städtchen wieder ruhiger geworden. Die aus Frankfurt und Offenbach hier verweilenden Sommer­frischler haben es wieder verlassen, da der Beginn der Schulen in diesen Städten Alt mit Jung wieder zurück- ruft. Untergebracht waren hier zwei Ferienkolonien aus Frankfurt mit 55 Kindern. In einem Gasthaufe hatte sich ein Lehrer mit 6 Realschülern eingemietet, und außerdem hatten in Gasthäusern und Privatwohnungen etwa 50 Personen Unterkunft gefunden. Gar mancher unter ihnen hat der hiesigen Umgebung den Vorzug vor Taunusorten eingeräumt. Ganz besonders fand man den hiesigen Ort als Sommer­frische geeignet, da in unmittelbarer Nähe der Wald zu finden ist, der sich nach den meisten Seiten hin stundenlang ausdehnt. Insbesondere bietet der im Norden gelegene Ramsberg einen herrlichen Blick aus Vogelsberg, Wetterau, Taunus und Westerwald. Die Stadt sowie der Zweig­verein des Vogelsberger Höhenklubs haben für Anlagen ge­sorgt, überall finden sich bequeme Sitzbänke und Tische. Eine farbige Markierung der Waldwege ist neuerdings durch den stets rührigen Zweigverein (V. H. K.) vorgenommen worden. Wer Ruhe und Waldesluft sucht, wird sie hier sicher finden und angenehm enttäuscht sein, wenn er unsere Stadt mit Umgebung vielleicht seither geringschätzte.

§? Eichelsachsen, 27. Juli. Am Dienstag wurde unser Lehrer Trautmüller zu Grabe getragen, der sein 50jähriges Jubiläum im nächsten Jahre gefeiert hätte. Pfarrer Groth aus Wingershausen hielt eine ergreifende Leichenrede. Kreisschulinspektor Backes sprach im Namen der Kreis Schul-Kommission Schotten, die auch erschienen war, Lehrer Link aus Rudingshain, Obmann des BezirkS- Lehrervereins Schotten, dessen Mitglied dee Verstorbene war, legte im Auftrage des Bezirksvereins einen pracht­vollen Kranz nieder. Auch die Gemeinde ließ durch den Bürgermeister einen Kranz niederlegen. Jeder Schüler hatte dem beliebten Lehrer auch ein Sträußchen gewidmet. Ungefähr 40 Lehrer gaben dem Verblichenen das letzte Geleit, was beweist, wie sehr er unter den Kollegen geachtet und beliebt war. |

-t- Höckersdorf, 27. Juli. Heute wurde der Lehrer Da mb mann nach Hartmannshain versetzt. Au dessen Stelle tritt Lehrer Schmidt aus Volkartshain. Somit wird also eine der Stellen endlich besetzt, zu der fich nach wiederholtem Ausschreiben der Behörde niemand gemeldet hatte, trotzdem diese Stelle keine der schlechtesten ist.

Darmstadt, 28. Juli. Wir lesen in denN. Hess. Volksbl.":Herr Finanzminister Küchler hat sich wegen seines erneut aufgetretenen Halsleidens vor einigen Tagen im städtischen Krankenhaus einer schweren Operation unterzogen, die sehr gut geglückt ist, sodaß das Be­finden des Herrn Küchler zurzeit als befriedigend be­zeichnet werden darf. Wie wir aus absolut zuverlässiger Quelle erfahren, hat Herr Finanzminifter Küchler schon vor der Operation von Sr. König!. Hoheit dem Großherzog seinen Abschied erbeten, da seine Dienftfähigkeit aufgehört habe. Diese Nachricht wird im Lande großes Bedauern Hervorrufen, da Herr Küchler während der zwei Jahre seiner Thätigkeit, trotz seiner Krankheit, die seine Schaffenskraft vielfach lähmte, ganz Außerordentliches ge­leistet und sich die größten Verdienste um unser Land er­worben hat, welche man voraussichtlich erst in Zukunft in vollem Maße zu würdigen wissen wird.- Wir schließen uns diesen Worten des Bedauerns an. Sollte aber nicht auch das Scheitern der Volksschullehrer-Besoldungsvorlage an dem Rücktrittsgesuche des Herrn Finanzministers ein klein wenig schuld fein?

Offenbach, 27. Juli. In der Schuhfabrik von F. u. I. Segelhorft entstand heute kurz nach Beendigung der Mittagspause eine Explosion, die aus die Verwendung von Benzin zurückzusühren ist. Ein in der Putzerei be­schäftigtes Mädchen erlitt leichte Brandwunden. Im ersten Schreck spravg es aus dem ersten Stock in den Hof hinab und erlitt dabei einige Verstauchungen. Der entstandene Brand machte die Alarmierung der Feuerwehr notwendig, der es gelang, das Feuer alsbald zu ersticken und vor Allem jede Gefahr von der auf demselben Grundstück be­findlichen Celluloidfabrik abzuwenden.

Mainz, 28. Juli. Heute abend gab es vor dem Bureau der Westdeutschen Bau^Aktien-Gesellschaft einen großen Auslaus. Die Arbeiter dieser Firma konnten nicht ausgelohnt werden und nahmen eine so drohende Haltung an, daß Polizei herbeigeholt wurde. Auch das zahlreich versammelte Publikum nahm Partei für die Ar­beiter. Schließlich begnügten fich die Arbeiter mit einer Abschlagszahlung. Vor längerer Zeit desertierte, wie derM. A." berichtet, der Zahlmeister-Aspirant Mertens von der 4. Batterie des Feld Artillerie-Regi­ments Nr. 63 (ftüher beim F.-A.-Regt. Nr. 27), nachdem er ziemlich bedeutende Unterschlagungen amtlicher Gelder begangen hatte. Er hielt sich, wie man erfuhr, in Belgien und dann in Frankreich auf. Jetzt scheinen ihm die Geldmittel auSgegangen zu sein und tn seiner Notlage hat er sich in Kolmar der Militärbehörde gestellt. Gestern ist er in baß Militär-Arresthaus eingeliefert worden und erwartet dort sein Urteil.

Mainz, 27. Juli. Zur Mornbacher Affaire wirb bemM. I." geschrieben: Das Mädchen, Christina Friedrich aus Neu-Isenburg, wollte ihren Bruder in Mainz besuchen. Da aber auf dem Polizei-Revier die Wohnung desselben mangels noch nicht erfolgter Anmeld­ung "nicht festgestellt werden konnte, beabsichtigte das Mädchen, unverrichteter Sachte wieder nach, Hause zu gehen. Gegen 12 Uhr mittags begegneten ihr zwei Männer, die es nach dem Wege zur Kasteler Brücke fragte. Die Männer besannen sich eine Weile, forderten dann das Mädchen zum Mitgehen auf, sie würden ihr einen sehr nahen Weg zeigen. Die Gesellschaft ging nun aber gerade in entgegengesetzter Richtung nach Mombach zu, woselbst sie noch in einer Wirtschaft sich restaurierten. Alsdann führten die Männer das Mädchen in den nahen Wald und begingen ein Ver­brechen im Sinne des § 177 St.-G.-B. Der um Hilfe Schreienden hielten sie den Mund zu, drohten ihr mit dem offenen Messer, sie totzustechen. Schließlich! beraubten die Verbrecher ihr Opfer noch um die Papiere und 1 M. 50 Pfg. Die Papiere warfen sie nachher wieder weg. Das" Mäd­chen merkte sich außerordentlich das Signalement der Uebelthäter, was zur Verhaftung derselben führte. Auf­fallend erscheint es nur, wie das 21 jährige Mädchen sich der Gesellschaft dieser Männer von 124 Uhr nachmittags anschließen konnte, ohne zu einem Ziele zu gelangen. Sie scheint eine geistig und körperlich etwas vernachlässigte Person zu sein, doch machen die Depositionen durchaus den Eindruck der Wahrheit-

Homburg v d.^H., 29. Juli. Intendant v. Hülsen aus Wiesbaden, der die Nordlandsreise des Kaisers mit­machte, ist gestern hier eingetroffen, um die Festlichkeit in betreff der Grundsteinlegung für das Reichs-LimeS- Museum auf der Saalburg vorzubereiten. Vorgestern fand im Theater-Foyer durch Herrn v. Hülsen die Ein­teilung der Mitwirkenden, Gruppierungen rc. statt. Die Montierungsstücke, auch Rüstzeuge rc. kommen aus Berlin. Gestern vormittag fand im Stadthaus unter Vorsitz des Herrn v. Hülsen eine Versammlung statt, zu der die Vor­stände der mitwirkenden V reine geladen waren. Der Bau­rat Jacobi, Dr. Tettenborn u. a. waren zugegen. Daß Fest findet bestimmt am 11. August statt, wozu der Kaiser und jedenfalls auch die Kaiserin erscheinen.

31. Generalversammlung des deutschen und österreichischen Älpenvereins.

Straßburg, den 28. Juli.

Die 31. General-Versammlung des deutschen und österreichischen Alpenvereins wurde heute im großen Saale der Aubette abgehalten. Der Alpenverein zählt gegen­wärtig 263 Sektionen mit 47 500 Mitgliedern. Vertreten waren 142 Sektionen mit 2750 Stimmen. Die Versamm­lung wurde von dem ersten Präsidenten des Zentralaus­schusses, Ministerialrat Burkhard (München) eröffnet und geleitet. Darauf hielten Bezirkspräsident Halm im Auf­trage des Statthalters von Elsaß-Lothriugen, Bürger-