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31.5.1900 Erstes Blatt
 
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125 Erstes Blatt. Donnerstag den 31 Mai

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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Pariser Jntriguen.

Die Mehrheit der 50 ist dem französischenMini- sterium auch in der letzten Redeschlacht in der Kammes treu geblieben, aber für anständige Leute, wie Waldeck- Rlousseuu und Galliffet, die es zudemnicht nötig" haben, wird es nachgerade eine Aufopferung, unter dieser Repu-, btik Minister zu sein, und vor allem mit Galliffet, per fid), als Soldat und Fachminister den Ränken der Partei­politik fernzuhalten gewußt hat, würde man etwas tote: menschliche Sympathie empfinden, wenn er heute seinem Auftraggeber das Portefeuille vor die Füße würfe und für die Ehre dankte, fürderhin Lebensfreude und Gesund­heit aufs Spiel zu setzen. Es sind merkwürdige Dinge, die sich gegenwärtig in Frankreich zutragen. Wenn mau sie lediglich nach dem Buchstaben der Parlamentsberichte beurteilen wollte, so könnte man meinen, das Palais Bour­bon sei ein großes Narrenhaus, in dem die Insassen um Wahnvorstellungen einander an die Köpfe fahren und zer­fleischen. Den gespenstischen Mittelpunkt, um den das tolle Treiben wirbelt, bildet der Jude Dreyfus, der ehemalige Generalstubshauptmann, den man zweimal unschuldig ver­urteilt und dann unschuldig begnadigt hat. Nicht als ob er sich jetzt vordrängte oder im Parlament eine Partei ge­wannen hätte, die sich bestrebte, das doppelte und drei­fache Verbrechen zu ahnden und gut zu machen, das man an dem armen Teufel begangen hat; im Gegenteil, Dreyfus! selbst ist von der Bildfläche verschwunden, und niemand wagt es, in der Volksvertretung seine Sache zu führen, Die Regierung, die selbst das Verbrechen vollzogen hat, indem sie einem Staatsbürger, den sie unschuldig wußte, durch die Begnadigung den Stempel der Rechtlosigkeit auf­drückte, damit nicht in einenz neuen Prozeß der ganze un­selige Handel wieder auflebe, versichert jedetn, der es hören will, daß sie unter keinen Umständen dem Verfehmten die Hand leihen werde, um das zu erreichen, was sein Recht ist. Die Opposition versichert dasselbe und bekämpft trotz­dem ein Kabinett, dessen Lebensinteresso es ist, den Drey- fushandel niederzuhalten, unter dem durch die Thatsachw. widerlegten Vorwande, es wolle die Geschichte wieder auf- rüEjren. Das ist der politische Wahnsinn, mit dem der Puch der bösen That die Republik verblendet hat. Frei-! Kch hat 'auch dieser Wahnsinn Methode, und sie zielt dahin, der Republik selbst den Hals umzudrehen. Das ist heute «och so wahr wie vsor einem Jahre, als Waldeck-Rousseau sein auf die Sozialisten gestütztes Kabinett der republi- Innischen Verteidigung dem Lande vorstellte. Die Zeiten, wo der reine Republikanismus, sei es nun der Opportunis­mus oder der Radikalismus, das Land allein regieren konnte, sind unwiederbringlich dahin, die Konzentration,, die Samntlung von Opportunisten und Radikalen in einem Kabinett, ist stets nach kurzer Frist infolge der von Grund aus einander wider streiten den Prinzipien der beiden Par­teien auseinandergehalten, der Bund der Gemäßigten mit der Rechten ist unmöglich geworden, seit der chauvinistische Nationalismus, der die Republik selbst bedroht, darin über­mächtig geworden, und so blieb als der letzte Notbehelfs die Thür der Republik nach der anderen Seite, nach linkst in öffnen und die Sozialisten hinein zu lassen. Das nennt man jetztch fe Politik der republikanischen Verteidigung. Mine freilich behauptet, Waldeck-Rousseau habe mit den Sozialisten in die Festung, die er verteidigen wolle, den jeind eingelassen;. wer von beiden recht hat, wird die Lukunft lehren.

lieber die letzten generalstäblerrschen Umtriebe gegen dis Ministerium diene folgendes zur Information:

Einer der ersten Beschlüsse des Kriegsmmisters Gal- üffet war bekanntlich die Uebertragung des Kontrespio- nge-Dienstes, der vom zweiten Bureau in der Dreyfus- rffaire zu unzähligen Verbrechen mißbraucht worden war. 4 die zivile Sicherheitspolizei. Der Hauptagent des neu- »räanisierten Spionagedienstes, T o m p s , wurde zur Ziel- fyeibe verschiedener dunkler Machenschaften, die vom zwei­en Bureau ausgingen. Das zweite Bureau setzte sich zur lnjgabe, Tomps in den Verdacht des Landesverrats zu hingen. Dieser Schritt wurde gethan, nachdem Tomps - die Einzelheiten sind gleichgiltig in eine ihm gestellte falle ging. Das Ganze ist ein anekelnder Kampf im tofein, in dem ein kompletter Lump Namens Przybo- wwski, ehemaliger Agent des zweiten Bureaus, im Dienst d-s letzteren die Hauptrolle spielte

Politische Bedeutung gewann die Sack)e dadurch, daß Hauptmann Fritsch mit Hilfe des Przyborowskii und einer Freundin von diesem, einer Dame Mathilde, gegen Ionnps die Beschuldigung erheben konnte, nach einer ,,ne-ien Thatsache" zur Ermöglichung der Revision des rreyfus-Prozesses gesucht zu haben. Hauptmann Fritsch fet nun seinen monatelangen Umtrieben die .Krone auf- Mj'e kt indem er die Briefe dem nationalistisck)en Abg. Le Lciisse übermittelte, während sie vor dem Kriegsminister Mittet verheimlicht wurden!

Inzwischen aber hat die SenaiAitzung die Aufklärung fcjo-rgt Waldeck-Roussegu und Galliffet erbrachten den Schweis, paß Hauptmann Fritsch im Interesse

der Nationalisten eine spitzelpolizeiliche Jntrigue gegen die Regierung ins Werk ge­setzt hat. Fritsch wurde nun durch die A m t s e n t s e tz - u n g, d. i. ein zeitweiliger Ausschluß aus der Armee nebst einer Entziehung von dreifünftel des Solds bestraft, weitere zwei. Militärbeamte des zweiten Bureaus wurden in die Provinz versetzt.

Bezeichnend ist die Antwort des Fritsch auf die Frage des Kriegsministers nach den Beweggründen seiner Um­triebe:Ich habe eine politische Handlung vollzogen!" Mit anderen Worten, der subalterne Offizier erfrechte sich zum Eingeständnis, daß er bewußt auf den Sturz desMinisteriums hinarbei­tete!

Bis jetzt reichte Galliffet sein Entlassungsgesuch nicht ein, ist aber erkrankt. Der Arzt ist der Ansicht, daß GaUiffet nicht länger den Verhandlungen der Kammer ohne Gefahr beiwohnen konnte. Hauptmann Fritsch soll übrigens die Dreistigkeit gehabt haben, dem Ministerpräsidenten Wal­deck-Rousseau seine Zeugen zu senden. Bis jetzt ist das Gerücht nicht bestätigt.

Der Krieg in Südafrika.

Die Spannung, mit der man dem Ausgange des Vor­marsches von Lord Roberts auf die Goldstadt Johannes­burg entgegensieht, steigert sich! außerordentlich. Eine offizielle Meldung vom gestrigen Tage lautet:

General Roberts kam heute nachmittags in der Vor­stadt Germiston vor Johannesburg an und besetzte die Johannesburg, Pretoria und. Natal verbindende Eisen­bahn. Roberts vernahm, daß keine Mine zerstört sei. Er forderte den Kommandanten von Johannesburg auf, sich zu ergeben. Morgenmittag gedenkt Roberts in die Stadt einzuziehen.

Roberts selbst telegraphiert aus Germiston:

Wir trafen nachmittags ohne ernsten Widerstand ein. Bisher vom Zentrum keine Verluste. Von der Kavallerie und berittenen Infanterie werden sehr geringe Verluste gemeldet. Ter Feind erwartete uns erst morgen. Johannesburg ist ruhig. Wie ich erfahre, sind oie Minen unbeschädigt. Ick) werde morgdn früh den Kommandan­ten der Stadt zur Uebergabe auffordern. Ich erwarte keinen Widerstand und beabsichtige mittags mit der Armee in Johannesburg einzuziehen.

Demnach kann also die Nachricht von der Besetzung Johannesburgs durch! Roberts stündlich eintreffen. Die Buren hatten in dem Gelände um Johannesburg nicht den nötigen Rückhalt. Zudem kommt, daß, trenn man den englischen Berichten aus Lourenzo Marquez Glauben schenken will, die Buren sich in völliger Auflösung be­finden. Nach! dem Berichterstatter derTimes" dort soll dex Generalkommandant Louis Botha selbst gesagt haben, daß weder die Künste der Ueberredung noch die derbere Sprache der Peitsche die Buren bewegen könnten, stand­zuhalten, und daß die Briten sie in den letzten Gefechten wie eine Gänseherde vor sich hergetrieben hätten. Wir haben allerdings unsere Zweifel an der Zuverlässigkeit dieser Meldung: denn wir haben die Beobachtung gemacht, daß die über Lourenzo Marquez kommenden Nachrichten' immer eine rege Phantasie verraten. Immerhin muß man leider glauben, daß es mit der moralischen Widerstands­kraft der Buren nicht mehr gut bestellt ist.

Ein Telegramm vom Klipfluß vom 28. Mai meldet: Gestern abend bei der Sonntags-Kirchenparade prokla­mierte Marschall Roberts die Annektierung des Oranje- Vrystaates unter dem Namen Oranje-Flußstaat. Die Buren ziehen sich zurück, um, wie sie sagen, die Minen zu zer­stören.

Bei der Besetzung Senekals hatten die Engländer fünf Tote und vier Verwundete. Auf der Burenseite wurden zwei Feldkornetts und eine Anzahl Leute verwundet. Die Buren konzentrieren sich in Bethlehem.

lieber die Bewegungen der westlichen englischen Streit­macht liegt folgendes Reutertelegramm aus Pretoria vom 28. vor:Die Engländer besetzten heute vormittag Zeerust. Eine starke Streitmacht marschiert auf Lichtenburg." Es ist nicht ersichtlich, ob die auf Lichtenburg marschierende starke Streitmacht auch Zeerust besetzt hat. Beide Orte liegen gleichweit von Mafeking entfernt, nämlick) rund 65 Kilometer, nur liegt Zeerust nordöstlich, während Lich­tenburg südöstlich liegt. Man hat also wahrscheinlich zwei englische Mteilungen vor sich. Durch beide Orte führen Hauptstraßen nach Pretoria. Zwischen Mafeking und Lich­tenburg hatten die vor Mafeking zurückgeworfenen Buren bei Potfontein eine Verteidigungsstellung eingenommen; wahrscheinlich wird es also hier zum Kampfe kommen.

lieber die Kämpfe am Vaal und bei Klip River find folgende amtliche Berichte von burischer Seite ausgegeben worden: Britische Truppen haben am Samstag den Vaal- ftuß überschritten. General Lemmer hatte ein heftiges Gefecht am Klipflusse (der bei Vereeniging in ,ben Baal fließt); fünf Bürger wurden schwer verwundet, zwei ge­

fangen genommen. Die Bürger fochten schwach an Zahl, auf englischer Seite standen etwa 5000 Mann. Am 27. fand bei van Wijks Rust, 24 Kilometer südlich von Jo­hannesburg, ein Gefecht mit einer starken britischen Streit­macht statt, die vom Klipflusse aus durclMbrochen war.

Aus Pretoria wird vom 28. Mai gemeldet: Auf An­ordnung des Präsidenten werden der gestrige, der heutige und der morgige Tag im ganzen Lande als besondere Tage der Einkehr und Buße und des Gebetes um Be­freiung von der Unterjochung und um Erhaltung der.Un­abhängigkeit des Landes begangen.

Die Situation in Pretoria schildert ein Korrespondent: derDaily Mail", der sich verkleidet nach Pretoria ein-, geschlichen hat, folgendermaßen: Ueberall herrscht Panik und Verwirrung. In einiger Entfernung von Pretoria! steht ein Zug mit geheizter Lokomotive, um den Präsi­denten Krüger nach der Küste zu bringen, von wo er sich wahrscheinlich nach Holland begeben wird. Bereits sind nach Holland 36 Kisten mit Gold, jede 6500 Pfund ent­haltend, abgegangen. Im Schatze ist kein Geld mehr, son­dern nur Banknoten, die wertlos sind. Sobald Marschall Roberts in Pretoria einrückt, wird der Sitz der Regierung zuerst nach Watervalbouven, dann nach Lydenburg verlegt. Es find keine sichtbaren Vorbereitungen zur Verteidigung von Johannesburg und Pretoria getroffen worden. Die Eisenbahn ist überfüllt mit Burenflüchtlingen, die die Burenregierring vergeblich zu überzeugen bemüht, daß/ wenn sie an Ort und Stelle bleiben, ihr Eigentum wenigen durch die Engländer gefährdet ist, als wenn sie fliehen. Die Frage der Sprengung der Goldminen wird lebhafd debattiert. Der neu ernannte StaatsmineniNaeürieujr Munnik wurde privatim auf die persönliche Gefahr auf­merksam gemacht, der er sich aussetzt, wenn er die Minen, sprengen läßt. Er erklärte, keinerlei Absicht dazu zu haben. Das Gerücht sei nur aus gesprengt, um eine Inter­vention zu veranlassen. Andererseits besteht in allen; Kreisen der Durst nach Rache an den Uitländern. Im allgemeinen aber fühlt man, daß die Sache zu Ende ist, uno fängt an, sich mit der Situation abzufinden.

Nach einem Telegramm aus London sollen unter den Burenführern ernste Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich der Fortsetzung des Krieges entstanden sein. s)iad) einer Timesdrahtung aus Lorenzo Marquez sollen Botha und Steijn für die sofortige Kapitulation sein, während Krüger sich hartnäckig dagegen sträube.

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Telegramme des Gießener Anzeigers.

London, 30. Mai. Wie aus Pretoria vom 28. Mai gemeldet wird, sollen die Buren wirklich aufhören, fernerhin dem Vordringen der englischen Truppen Wider­stand entgegenzusetzen. Man ist der festen Ueberzeugung, daß die maßgebenden Personen in Transvaal Friedens- Unterhandlungen unmittelbar eröffnen werden, wenn sie nicht schon die ersten Schritte in dieser Richtung gethan haben. Gestern machten sie die letzten Versuche, telegraphisch in den verschiedenen Teilen des Landes nach- zusrageu, ob man noch die Hoffnung und den Wunsch habe, den Freunden, die außerhalb Pretoria gegen den Feind kämpfen, Hilfe zu bringen.

Loudon, 30. Mai. Lord Roberts hat dem Kriegsamt mitgeteilt, daß er Johannesburg besetzt hat.

Die Meldung von der Einnahme von Johannesburg wurde vom Kriegsamt in der Nacht bekannt gegeben. General French rückte in die Stadt ein, nachdem er die Buren in einem mehrstündigen Gefechte zurückgeschlagen hatte. Die Stadt wurde von Harrliton besetzt. Die Buren zogen sich in guter Ordnung mit sämtlichen Ge­schützen nach Pretoria zurück. Weiter wird versichert, daß in Johannesburg alles ruhig sei, und daß die Goldminen nicht zerstört seien, während andererseits verlautet, Johannesburg sei in einen Trümmerhaufen verwandelt und alle Minen zerstört.

London, 30. Mai. Ein Telegramm aus Klipriver vom Montagabend berichtet: General French ist auf seinem linken Flügel den ganzen Tag hindurch im Gefecht gewesen. Das Feuer seiner Geschütze ist noch zu hören. French wird sein äußerstes thun, um die Buren zu verhindern, abermals zu entkommen. Man hofft, daß die Schnelligkeit, mit der Roberts vorgedrungen ist, Johannesburg und die Gold­minen gerettet hat. Nach einem Telegramm aus New­castle habe Buller gestern begonnen, die Burenstellung bet Jngogo zu beschießen. Die Buren erwiderten das Feuer gelegentlich.

London, 30. Mai. Roberts will den Kommandanten von Johannesburg vorladen, und falls, wie er glaube, kein Widerstand geleistet wird, heute mit allen Truppen