Freitag den 30 November
150. Jahrgang
1900
General-Anzeiger
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RtAeftiee, Expedition und Druckerei: Nr. 7.
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Congers ausersehen sei. Dem „Globe" wird ferner mit* geteilt, daß die Regierung der Vereinigten Staaten sich gegen die Schleifung der Takuforts ausgesprochen habe. In Berliner unterrichteten Kreisen glaubt man nicht an eine Abberufung Congers und ist eher geneigt, in der Preßkampagne gegen ihn Machinationen amerikanischer Jnteressentengruppen zu erblicken.
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Buren und Engländer.
Wir teilten gestern mit, daß Lord Robertsdie Nachricht von der Entdeckung eines Anschlagesgegensein Leben bestätigt hat. Trotzdem sind wir etwas mißtrauisch gegen Verschwörungen, welche die Polizei in Transvaal entdeckt, nachdem sich herausgestellt hat, daß das Komplott, - wegen dessen der Deutschs HansCordua sein Leben lassen mußte, im wesentlichen 'Spitzelarbeit war. Daß die englische Polizei wieder einmal eine Verschwörung „entdeckt" hat, kann nach Roberts Meldung nicht mehr bezweifelt werden. Allem Anschein nach handelt es sich um einen anarchistischen Anschlag. Es wimmelt in Johannesburg von zweifelhaften Elementen, die in friedlichen Zeiten als Minenarbeiter und Goldsucher ihr Mück zu machen hoffen, jetzt aber unthätig ein kümmerliches Leben führen und aus Mangel an Beschäftigung aus thörichte Gedanken kommen. Es ist selbstverständlich, daß diese Gesellen streng bewacht werden müssen. Die englischen Blätter verlangen sofort energische Maßnahmen gegen alle sich noch in Transvaal aufhaltenden unerwünschten Ausländer. Der „Standard" fordert sogar die sofortige Ausweisung aller Fremden, deren Achtbarkeit nid)t außer Zweifel steht. Man sollte indessen .bedenken, daß auch unter der eingewanderten englischen Bevölkerung sich Leute von geringem moralischen Halt befinden, der für ihre durch den endlosen Krieg geknickten Hoffnungen auf ihre Art Vergeltung zu üben geneigt sind.
Aus C a p st a d t wird telegraphiert: Tie Entfremdung zwischen Holländern und Engländern nimmt ju und eine lebhafte gegen die Englän- länder gerichtete Propaganda ruft überall Unruhe hervor. Die holländische und die burenfreundliche Presse führt gegen die Politik Großbritanniens eine wohlorganisierte Campagne, reizt dadurch das holländische Nationalgefühl, und rüttelt viele Holländer auf, die sich bisher ruhig verhalten haben. Das >Uebel wird noch dadurch verschlimmert, daß in den Bezirken, die von Holländern bewohnt sind, sich noch Buren niederlassen, die freigelassen sind. Diese Leute werden zu thati- qen Trägern der Unzufriedenheit, und die zwischen beiden Teilen der Bevölkerung bestehenden Beziehungen werden immer gespannter. In wichtigen holländischen Punkten in der Kapkolonie herrscht bereits offener Aufruhr, und unter den vereinzelten treu Gebliebenen wächst' die Beunruhigung. _
„Daily Mail" meldet, daß eine englische Kolonne von 1000 Mann von Komatipoort abgegangen ist, um den General D e w e t und den Präsidenten S t e j n, die sich mit 3000 Mann in diesem Distrikte befinden sollen, ab- rufangen. Reuter meldet vom 24. November: Tewet hält Dewetsdorp besetzt. Dies wird von einigen als Anzeichen dafür angesehen, daß er beabsichtigt, in die Kap-Kolonie ein zu drin gen, um sich Ersatzmannschaften zu verschaffen. Von den Engländern werden deshalb alle Furten des Orangeflusses besetzt gehalten. Ohne Vermehrung der berittenen Mannschaften ist kein e H o f fnun g vorhanden, Dewet zu fangen.
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•t*. ?8( Zweites Blatt
läufig kein Ersuchen an die französische Regierung, die Vermittelung mit England zu übernehmen. Sein erstes derartiges Ersuchen wird erst bei der holländischen Regierung geschehen. Wahrscheinlich wird Krüger die Einberufung eines Schiedsgerichts durch Vermittelung der holländischen Regierung beantragen.
Heute mittag stattete Krüger der Schule Beaux arts einen Besuch ab. U. a. war auch der Bruder des Obersten Villebois erschienen, der ehemalige Unterrichtsminister Rambaud und viele Notabilitäten. Dann besuchte Krüger das Quartier Latin, wo ihm die Studenten Huldigungen darbrachtcn. Alsdann besichtigte er das Rousseaudenkmal. Dr. Leyds erklärte, Krüger werde wahrscheinlich am Samstag von Paris abreisen. Morgen wird ihm eine Erinnerungs-Medaille vom Gemeinderat überreicht werden.
Der „Gaulois" meldet, Präsident Loubet werde den Präsidenten tfrüger nochmals vor seiner Abreise von hier empfangen. .
In der heutigen Sitzung des Generalrates der Seine sprach sich dieser für die Ueberweisung der Transvaal- Angelegenheit an ein Schiedsgericht aus.
Der Fremde, der gestern aus einem oberhalb des Kontors des Norddeutschen Lloyd befindlichen Fenster des Grand Hotel Sousstücke unter die Krüger bejubelnde Menge warf, wurde heute durch die Polizei als ein englischer Offizier ermittelt,und ausgewiesen.
Telegramm deS Gietzeuer Anzeigers.
Paris, 29. November. In der Umgebung Krugers ist man mit dem Erfolg, den er bei der französi- sckien Regierung hinsichtlich eines Vermittelungs- v er such es gehabt hat, sehr zufrieden Da, wie verlautet, die Königin von Holland stch bereit erklärt hat, die Initiative zu einer Intervention zu übernehmen, wird Krüger nunmehr direkt nach dem Haag abreisen, und die Königin formell um ihre Intervention bitten, die dann u n t e r stü tz t v o n Fr a n kr e i ch, R u ß - land und voraussichtlich auch Amerika in Angriff genommen werden soll. (?)
Ohm Krüger.
Paris, 28. November.
Ueber die gestrige Unterredung des Präsidenten Krüger mit dem Minister De l c ässe meldet der „Temps": Beide Herren sprachen ihre Ansichten über die Transvaalfrage aus. Delcasse äußerte sich in keiner bindenden Form, gab jedoch zu verstehen, daß Frankreich selbst keine Initiative ergreifen, andererseits aber auch eine solche nicht verhindern würde. Krüger stellte vor-
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Deutsches Reich-
Berlin, 28. November.. Der Kaiser empfing gestern nachmittag im Neuen Palais den Maler Roechling in Gegenwart des Generalmajors v. Moltke, Kommandeurs der ersten Garde-Jnf.-Brig. Heute morgen hörte der Kaiser den Vortrag des Chefs des Zivilkabinetts v. Lucanus, empfing um 11 Uhr das Präsidium des .Reichst tag es. Der Präsident des Reichstages, Graf Ballestrem, und die beiden Vizepräsidenten, Dr. v. Frege- Weltzien und Büsing, fuhren mit dem fahrplanmäßigen Zuge um 10 Uhr bis zur Station Wildpark, von wo sie durch bereit gestellte königliche Hofwagen abgeholt und nach dem Neuen Palais befördert wurden. Der Kaiser — in Generalsuniform — begrüßte die Herren aufs freundlichste, wies darauf hin, daß auch der gegenwärtigen Tagung des Reichstages wieder bedeutungsvolle Aufgaben gestellt seien, und gab der Zuversicht Ausdruck, daß deren Erledigung zum Segen Deutschlands erfolgen werde. Besonders erwähnte der Kaiser die Forderungen für die China-Expedition. Ger nhätteerden Reichstag beim"Ausbruch der Wirren um sich versammelt. Das sei aber nicht möglich gewesen, weil sich die zu lösenden Aufgaben und die finanziellen Bedürfnisse zunächst nicht übersehen ließen. Er vertraue, daß die patriotische Gesinnung des deutschen ReiHStags sich auch diesmal bewähren würde. Unmittelbar darauf wurden die Herren von der Kaiserin empfangen, die ebenfalls in liebenswürdiger Weise besonders mit dem Grafen Ballestrem sich längere Zeit unterhielt und bei Herrn v. Fregc sich teilnahmsvoll nach dem Befinden der sächsischen Königsfamilie erkundigte. Durch Hofwagen wurden die Herren wieder zur Bahnstation zurückgeführt.
— Einer Mitteilung der „Korr. d. Schutzv. geg. agrar. Uebergriffe" zufolge werden in konservativen Kreisen der Staatssekretär des Reichsmarineamts v. Tirpitz und der Chef des Marinekabinetts v. S e n d e n - B i b r a n als die Persönlichkeiten genannt, auf welche die Andeutungen des Abg. Freiherrn v. Wangenheim über tendenziöse Berichter st attung an den Kaiser zielen.
— Der deutsche Botschafter in Paris, Fürst M ü n st e r, ist, wie die „Nordd. Allg. Ztg." hört, von seinem Posten mit Rücksicht auf sein hohes Alter zurück- getreten.
— Nach einer der „D. Versich.-Ztg." zugehenden Meldung soll der Ministerialdirektor im Reichsamt des Innern v. Woedtke (12 000 Mark-Angelegenheit) zum Präsidenten des nach dem Reichsversicherungsgesetzentwurf neu zu gründenden Auffichtsamtes für Privatversicherung in Aussicht genommen sein.
— Wie der „Vorwärts" wissen will, hat der preußische Eisen b a h n m in ist er für den neuen Etat 6 60 neue E i s e n b a h n s e k r c t ä r st e l l e n verlangt, von denen der Finanzminister nur 170 bewilligt hat.
Telegramm deS Gießerrer Anzeigers.
London, 29. November. Entgegen Washingtoner Meldungen wird den hiesigen unterrichteten Kreisen versichert, daß die letzte Note des Staatssekretärs! Hay keine günstige Aufnahme bei den Mächten gefunden hat. Rußland und Frankreich erteilten nur eine bedingte Zustimmung zu den amerikanischen Vorschlägen. Die Regierungen Englands, Deutschlands Und Japans seien in einen Meinungsaustausch hinsichtlich« eines selbständigen Vorgehens, das von der Politik Amerikas abseits stehe, getreten und hatten die Note daher noch gar nicht beantwortet. Da Cong er entgegen seiner Instruktion das von den Pekinger Gesandten vereinbarte Protokoll eigenmächtig unterschrieben habe, sei dessen sofortige Abberufung sicher.
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Der Krieg itt China.
Die Russen haben jetzt thatsächlich ihren Entschluß, die chinesische Norddahn an England auszuliefern, zurück- gezi.gen, und machen die Uebergabe derselben von der Zah- hing, der ihnen während der Besetzung der Bahn erwachsenen «umgaben abhängig. So unwahrscheinlich diese Nachricht auch klingt, so soll sie doch wirklich zutreffend sein. Am wbegreislichsten ist dabei die sonderbare Forderung einer kklls, chädigungSsumme, die doch höchstens auf das „internationale Konto" gesetzt werden könnte. GS ist deshalb sehr begreiflich, daß dieser plötzlich veränderte und so sonderbar begründete russische Standpunkt in England nicht geringe «llstegung verursacht hat. Dieselbe kommt denn auch recht deutlltch in der englischen Preffe zum Ausdruck, die — wie bie „TimeS" — von der ungeheuerlichen Forderung Rußlands spricht, und das Borgehen als einen direkten .Treubruch" kennzeichnet, der zwar den Oberkommanbierenden nicht« angehe, aber fraglos den Gegenstand eines Rechtsstreites zwischen England und Rußland bilden werde.
Diese jetzt offenbaren Sonderbestrebungen Rußlands In China erscheinen um so bemerkenswerter, als, wie wir gesti rn meldeten, zu gleicher Zeit auch der Bundesstaat Auslands, Frankreich, in Tientsin Besitz von tinsem Gebiete ergriffen haben soll, daS dreimal so groß sei als die jetzige französische Kouzession. Hier sollen die Franzosen durch öffentlichen Anschlag bekannt gegeben haben, daß sie dieses Gebiet dauernd ihrer Jurisdiktion intt ütoürfcn, und daß alle Besitzveränderungen seit dem 17. Juui ungiltig seien. Nach diesen Meldungen wird lein Mensch mehr an die Integrität Chinas glauben, und iusi-esondere wird man in der Annahme nicht fehl gehen, daß Rußland auf größeren Länderbesitz in China reflek- licctt. Beachtet man zu alledem die höchst problematische Stellung Amerikas in Ostafien, so wird man die in der Serlliner „Post" erschienene, anscheinend reichsosfiziöse Aus- laffiung erklärlich finben, die sich mit der Hinrichtung der chinesischen Haupträdelsführer befaßt und die Ansicht der dmt schen Regierung wiedergiebt. Nach dieser Kundgebung jade Deutschland sich nie auf die Hinrichtung bestlmmter Prrjsonen kapriziert, sondern den Hauptwert darauf gelegt, daß die Bestrafung der Schuldigen übereinstimmend von allen Mächten gefordert werde. Nach solchen Vorgängen lanu man das Gefühl nicht los werden, als ob es trotz dir immer und immer wiederholten „Einigkeit" der Machte doch sehr verschiedene Ansichten und insbesondere Arschiedene Endziele für die einzelnen Mächte giebt, die, jt länger die Krisis in China dauert, um so deutlicher znm 1uS druck kommen. Oder soll wirklich allmählich zum Rück- ipac geblasen werden?
Der Newyorker „Sün" veröffentlicht folgende Depesche: $ic Gesandten in Pe king haben von den chrnesr- jdjeit Kommissaren ihre Beglaubigungsschrerben »erlangt. Diese wurden in Ordnung befunden. Allem »nschein nach werden die Unterhandlungen alsbald be- tinnen. .
Nach einer Meldung aus Rom erklärte Li-Hung- lschang einem italienischen Korrespondenten gegenüber in feiner Unterredung am 25. November, die Bezahl- uit g der von den Mächten geforderten Ent- jch adigung sei unmöglich. Die Deckung einer An- leihie von eineinhalb Milliarden durch Verpfändung der M le sei ebenfalls unmöglich, weil dadurch die U n a b - hängig keit Chinas vernichtet würde. Eine Nkimere Anleihe, garantiert durch die Salzzölle, sei dis- hitiierbar. Kaiser Kwangsü sei völlig frei, er habe die Tikcete zur Bestrafung der für die Aufstände Verantworten selbst erlassen. Li argwöhnt, daß die Expedition des Obersten York die Einschließung von Schansi mar- lier en solle und ist besorgt wegen der Wendung der Er- tmiisse in der Mandschurei. Freilich versichert er, daß die Rückkehr des Kaisers nach Peking erst nach Unterzeichn nutig der Friedensverträge erfolgen werde.
Kabelmeldung der „Päris-Nouvelles". Die Kaiserin deniinnt den ganzen Ernst der gegenwärtigen Lage einzu- Seit einiger Zeit über enden die chinesischen Kom- Mre dem Wrlichen Hofe Berichte welche die Kaiserin mit Besorgnis erfüllen. In einem dieser Berichte wird huptet, daß die Fremden den Sturz der gegenwärtigen Tijmaftic herbeiführen wollen. -
Der Standard" berichtet aus schanghai. >00 kaiserlich« Reiter sind von Singanfu nach ^rng-hsiang abge- Mrgen, um den Prinzen verhaften.
Wie die „Morning Post" aus Wafhmgton berichte tiirii) in hohen Kreisen erzählt, daß C 6 5 «mArikanische Gesandte in Peking und P e r 1° 1
jtteunb der Kaiserin-Witwe, zum Nachfolger
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