Ausgabe 
30.10.1900 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

M. 254 Zweites Blatt. Dienstag den 30. Oktober 15V. Jahrgang LSQQ

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

Llle Anzeigen-Bermittlungsstellm deS In« und Ausländer nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen. Zeilenpreis: lokal 12 Pfg., auswärts 20 Pfg.

Erscheint täglich mit Ausnahme dcS

Montags.

Die Gießener AnmikieuSlätter werden dem Anzeiger im Wechsel mitHoff. Landwirt" u.Blätter für heff. BolkSkunde" wbchrl. 4 mal beigelegt.

Annahme von Anzeigen zu der nachmittags für de, -alßende« Tag erscheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr. Abbestellungen spätestens abends vorher.

^Bezugspreis vierteljährl. Mk. 2,20 monatlich 75 Pfg. mit Bringerlohn; durch die Abholestellen vierteljährl. Ml. 1,90 monatlich 65 Pfg.

Bei Postbezug Mk. 2,40 vierteljährl. mit Bestellgeld.

Amts- unb Anzeigeblatt fflt den Weis Gietzen.

Aedaktton, Expedition und Drucker«:

-Hntstraße Nr. 7.

GratisbeUagen: Gießener Familienblütter, Der hessische Landwirt, Mütter für hessische DolKsKnnde.

Adresse für Depeschen: Anzeiger <£ie&flU Fernsprecher Nr. 51.

Die Rede des Miuister-Präfidente« Waldeck-Rousseau in Toulouse.

Paris, 29. Oktober 1900.

Waldeck-Rousseau fand gestern in Toulouse trotz regnerischen Wetters sympathische Aufnahme seitens der Bevölkerung. Bei dem Empfang der Behörden be­nutzte der Minister die Gelegenheit, der Armee und dem Richter st and Anerkennung zu zollen. Gegenüber dem Erzbischof sagte Waldeck-Rousseau, die Regierung schütze die Geistlichkeit, solange sich diese politischer Umtriebe ent­halte. Dem Rabbiner antwortete er, die Republik müsse die Gleichheit aller Franzosen als Lebensprinzip ver­teidigen. Ter Antisemitismus, der einen vorübergehenden Rückfall in die Barbarei darstelle, habe keinen dauernden Boden in Frankreich.

Gestern abend hielt Waldeck die erwartete größte Bankett-Rede vor den Senatoren, Deputierten und Generalräten der Umgebung von Toulouse. Er betonte in der Einleitung, daß vielfache Kundgebungen des Volkes, insbesondere der Generalräte und der in Paris um den Präsidenten der Republik versammelt gewesenen Bürger­meister die Regierung ermutigen und verpflichten, mit einem festen republikanischen Aktiv ns-Pro- g r a m m hervorzutreten, nachdem es ihr gelungen, den erschütterten Frieden der Geister wiederherzustellen. In einem freien Lande wie Frankreich, habe die Gesamtheit des Volkes noch vor dem Parlament Anspruch daraus, über die Absichten der Regierung aufgeklärt zu werden. Die Regierung werde den Kammern eine Summe von Re­formen unterbreiten, die diese ausreichend bis zum Ab­lauf der Legislaturperiode im Frühjahr 1902 beschäftigen könne. Man habe der Regierung vorgeworsen, sie wolle ein sozialistisches Programm verwirklichen; das liege ihr natürlich fern. Aber ein republikanisches Reform-Pro­gramm dürfe deshalb soziale Reformen nicht aus­schließen. In Betreff der D r e y f u s - A f f a i r e habe die Regierung reinen Anlaß, sich vom Wunsche au trennen, den die Kammer im Mai aussprach, nämlich jeder Wieder­aufnahme der Affaire zu widerstrben. Frankreich! habe sich vom inneren Zwrst wieder erholt und nehme eine geachtete Stellung nach außen ein, was auch der großartige Erfolg der Ausstellung beweise. Im Innern kranke das Land insbesondere an zwei Gebrechen: es fehlen ihm vielfach selbstlose Politiker, und Beamte und Regierende selbst begehen vielfach den Fehler, zu viel zu ver­sprechen. Um den Beamtenstand zu verbessern, müsse die Republik darauf bestehen, daß die Staatsdiener aus Laienschulen, hervorgehen. Unter den Reformen, welche die Regierung zur Verbesserung der Finanz­lage Vorschläge, seien die Vorlagen über Erbrecht und Geträn ke st euer besonders dringend und die Kammer müsse neben der Budgetberatung Zeit zu ihrer Erledigung finden. Daneben bestehe die Regierung in erster Linie auf der Erledigung des Vereinsgesetzes. Die .Dreyfus-Affaire habe gezeigt, daß eine klerikale Orga­nisation bestehe, die selbst den Kirchenfürsten trotze, die ihr keine Vasallendienste leisten wollen. Diese Organi­sation beruhe auf den geistlichen Orden, deren Vermögen eine Milliarde überschreite und deren Einfluß die Repu­blik von Tag zu Tag mehr bedrohe. Der Klerikalismus sei ein ernster Feind, schon deshalb, weil er die Heran­wachsende Jugend in zwei Lager spalte. Waldeck-Rousseau geht dann zu fernerliegenden Reformen über und betont insbesondere die Notwendigkeit der Altersversicher­ung für die Arbeiter. Zum Schluß weist der Redner auf die leidenschaftlichen Kämpfe der letzten Jahre hin und sagt:Wir haben triumphiert über diese Todeskeime. Wir erschienen zerschmettert; heute sind wir wieder erstarkt, weil die zerbrochene Solidarität wiederhergestellt ist. Eine neue demokratische Partei kann sich bilden mit der Devise: Mehr Aktivität bei der Regierung, mehr Sicherheit bei den staatlichen Institutionen, mehr Freiheit, mehr Brüder­lichkeit und mehr Gerechtigkeit."

Der enthusiastische Beifall, den die Rede findet, er­neuert sich nach Schluß des Banketts auf der Straße. Die Rede des Ministerpräsidenten macht nicht nur wegen ihrer antiklerikalen Tendenz Eindruck, sondern auch wegen der offenbaren Tendenz, vor Zusammentritt der Kammer an die Wählermassen zu appellieren. Besonders bezeichnend ist die Zuversicht, womit der Redner sein Programm aus­drücklich bis zu den nächsten Neuwahlen ausdehnt.

Ein Raffen-Konflikt in Kanada. ~~

Montreal, 26. Oktober. In Valley field, 50 Meilen von Montreal, legten 3000 an dem Bau der Baumwoll­fabriken beschäftigte Maurer die Arbeit nieder. Die Aus­ständigen sind französische Kanadier. Eine große Anzahl Truppen und Miliz sind nach Valleyfield abgesandt. Die Lage ist bedrohlich und hat sich durch die Raffenfemdschaft, besonders aber durch die Anwesenheit englischer Truppen verschlimmert. Die Ausständigen, denen sich 2500 Weber

anschloffen, durchsuchten den ganzen Tag die Stadt nach Gewehren. Abends werden Unruhen befürchtet.

DemDaily Telegraph" wird aus Montreal ge- meldet: Französische Kanadier, welche in Balleyfield, Pro­vinz Dubec, streiken, überwältigten eine Abteilung Royal Scots Victoria-Schützen, die aus Montreal geschickt waren, um das Gebäude der Dominion Cotton Company zu schützen. Neun Soldaten sind verwundet. ES sind 25 Offiziere und 358 Mann als Verstärkung angekommen. Die Royal ScotS waren den Streikenden völlig preisgegeben. Die Offiziere mußten sich damit begnügen, ihre Revolver in die Luft zu feuern. Die Soldaten wurden inzwischen mit Steinen und anderen Gegenständen beworfen. Nur ein Streikender wurde am Arm verletzt. Vier Leute sind verhaftet worden. Die Streikenden drohen aber, sie befreien zu wollen.

DemD. Telegraph" zufolge ist Balleyfield meist von frayzöfischen Kanadiern bewohnt und der Rassenhaß dorr sehr groß. Kürzlich gab eS darüber Streit, weil Engländer in den Spinnereien angestellt werden sollten. Der gegenwärtige Streit ist eiu Loh »streit, aber er nimmt den Charakter eines Rassenkampfes an. Die An­wesenheit von englischen Rotröcken aus Montreal verschärft denselben.

Nach einer Meldung derCentral News" aus New- Aork suchte der die Truppen kommandierende Offizier ver­gebens den Bürgermeister und einen anderen städtischen Beamten, welche die Aufruhr Akte verlesen sollten. Beide hatten die Stadt verlassen. Der Bürgermeister war nach Montreal geflüchtet, weil er fürchtete, die Bevölkerung würde ihn lynchen. Verschiedene Friedensrichter wurden ersucht, die Aufruhr-Akte zu verlesen, aber diese lehnten es ab.

Nachträge zum Gedächtnis Moltkes.

Von Dr. Soltmann in Bremen erhält dieWes.- Ztg." folgende Zuschrift:

Als Beitrag zur Charakteristik Moltkes ser mir gestattet, eine Begebenheit aus demKriege 1870/71 zur allgemeinen Kenntnis zu bringen, die ich nirgends ver­öffentlicht gefunden habe; eine kleine Scene, deren Er­zählung ich selbst aus dem Munde des beteiligten Offiziers, des späteren Generaladjutanten Kaiser Wilhelms I., Ge­neralleutnant v. Steinäcker, gehört habe und die Moltkes völlig sicheres Beherrschen der gegebenen Situation und sein festes Vertrauen auf den unbedingten Gehorsam des von ihm geleiteten deutschen Heeres in geradezu ver­blüffender Weise vor Augen führt: Es war nach den blutigen Kämpfen um Metz; die deutschen Truppen rück­ten westwärts vor, immer in Fühlung mit dem Feinde und jeden Augenblick gewärtig, daß dieser sich durch eine Schwenkung zum Entsätze der in Metz eingeschlossenen Armee Bazaines anschicken würde. In Moltkes Quartier waren eines Abends die Ordonnanzoffiziere versammelt, um von ihm die Befehle an ihre Vorgesetzten in Em­pfang zu nehmeu. Moltke erteilte dieselben; doch kurz bevor er damit fertig war, langte die Nachricht au, daß die lange vorausgesehene Schwenkung des französischen Heeres nach Norden eingetreten fei. Moltke widerrief alle seine Befehle, beugte sich längere Zeit über seine Karten und erteilte dann den Offizieren neue Befehle. Als diese Herren das Zimmer verlassen hatten, wandte er sich an den allein zurückgebliebenen Oberst v. Stein­äcker mit den Worten:Und Sie, Steinücker, reiten zu Majestät'und sagen ihm, wir hätten ckn ... (er nannte eine Zahl) Tagen die Franzosen ber Sedan." Oberst v. Steinäcker, ganz verblüfft, fragte:Exzellenz, soll ich das Sr. Majestät wirklich melden?"Ja." Und da er diesen Auftrag noch immer nicht für möglich hielt, fragte v Steinäcker:Aber wie können Sie das, Exzellenz?!" Eine stumme Antwort wurde ihm zu Teil: Moltke zeigte auf seine Stirn und zuckte die Achseln.

N e w - N o r k, 27. Oktober. Der 100jährige Ge­burt s t a g M o l t k e s wurde Freitagabend von den deut­schen Vereinen in Newyork, Cincinnati und anderen Städten Amerikas festlich begangen.______________________

De^Krieg in China.

Bei dem durch eine Reutermeldung bekannt gewordenen Zusammenstoß zwischen deutschen und kaiserlich ch i n e s i s ch e n T r u p p e n nördlich von Paotingfu scheint es sich lediglich um eine glücklich verlaufene Erkundung deutscher Vortruppen gehandelt zu haben. Wenigstens wird demBerl. Lokalanz." darüber aus Ngansu vom 18. Ok­tober folgendes gemeldet: Den heutigen Ruhetag ver­wandte die Marinebatterie des Hauptmanns von Blottnitz zur notwendigen Auffrischung ihres Pferdebestandes. Hauptmann v. Blottnitz ging demgemäß mit seinen Offi­zieren und 50 berittenen Kanonieren frühmorgens süd­westlich vor. Der Generalftabsmajor v. Marschall, der

bekannte Herrenreiter Graf Königsmarck, Oberleutnant von Willamowitz und ich machten die Expedition mit. Fünf Kilometer südwärts erwischten unsere Reiter einen chine­sischen Kavalleristen, welcher dem Dolmetscher v. Tetten­born eingestand, im Dorfe Taiiwang, 15 Kilometer süd­westlich, wären viele Pferde und Maultiere; aber auch eine starke chinesische Truppenabteilung sei dort stationiert, Infanterie wie auch Kavallerie und Artillerie. Haupt­mann v. Blottnitz beschloß, hinzureiten, und wir erreichten um halb 11 Uhr vormittags Taiiwang. Unsere Spitze unter Oberleutnant Rempe traf dort das chinesische Militär in vollem Abzug begriffen an, als er vorsichtig in das Dorf einritt. Die Kavallerie, 300 Reiter, war schon fort, ein Bataillon und zwei bespannte Geschütze befanden sich aber noch im Dorf. Wir überraschten sie vollkommen, wurden jedoch mit einigen Schüssen empfangen, die sofort erwidert wurden. Hierbei wurde ein Chinese erschossen, einer schwer verwundet. Der kommandierende chinesische Major erklärte, auf jede unserer Bedingungen einzugehen. In Anbetracht der für uns ziemlich kritischen Lage be­gnügten wir uns mit der Fortnahme der beiden Geschütze, ferner von acht Fahnen, 100 neuen Gewehren, 25 Pferden und einer Menge Munition. Darauf traten wir den Rück­marsch an und langten mit sämtlichen Trophäen um 5 Uhr nachmittags wieder hier an. Die Geschütze sind Kruppsche Hinterlader. Morgen marschieren wir nach Pao­tingfu weiter.

Meldungen aus Tientsin zufolge beabsichtigt eine aus Deutschen und Russen bestehende Truppen-Ab- teilung den Posten südöstlich von Tung tschau anzu­greifen, wo 10000 Boxer und desertierte reguläre Truppen sich gesammelt 'haben. Französische Artillerie wird sich an dieser Expedition beteiligen.

Reuter meldet aus Paotingfu vom 20. Oktober: Die Kolonne der Verbündeten ist gestern eingetroffen. Sie fand Franzosen vor, die bereits im Besitze der Thore waren. G a l a s e e, begleitet von dem Stabe frem­der Offiziere, hielt mit dem Provinzialrichter eine Zu­sammenkunft ab und traf ein Abkommen mit ihm be­züglich der Uebergabe der Thore: heute ritt Gaselee mit dem Stabe, eskortiert von je 30 berittenen Vertretern der Nationalitäten durch die Stadt. Später wurde ein Kriegs­rat abgehalten und beschlossen, die Stadt in vier Distrikte einzuteilen, wovon jeder von einer Mteilung Soldaten der vier Nationalitäten unter dem Kommando des Majors W y n e k e n bewacht wird. Im Schatze wurden 74 000 Taals gefunden und von den Verbündeten genommen. Die fran­zösische Truppe, welche Tientsin am 1. Oktober verlassen hatte, war fünf Tage vor der zusammengesetzten Truppe eingetroffen. General Voyron hatte Boten an sie abgesandt, mit dem Befehl, Halt zu machen und auf die übrigen Verbündeten zu warten. Sie hatten dieselbe aber nicht getroffen. Die zur Tientsiner Truppe gehörige Ka­vallerie ist heute eingetroffen. Der Rest der Kolonne ist durch schlechte ssLege äufgehalten und wird morgen^erwartet.

Nach Berichten, die beim Generalstabe in Peters­burg am 26. eingegangen sind, wurden in Mukden große Vorräte an Kriegsmunition vorgefunden. Bei der Vernichtung des aufgefundenen Pulvers fanden mehrere Explosionen statt, bei denen 26 Soldaten verwundet wur­den. Infolge energischer Maßregeln zur Bekämpfung des Räuberunwesens leben Handel und Verkehr wieder auf. Ferner wird dem Generalstab berichtet, daß bei einer Besichtigung der russischen Truppen in Tientsin durch den Generalfeldmarschall Grafen W a l d e r s e e dieser seiner Zufriedenheit über das Aussehen und die .Haltung der russischen Truppen Ausdruck gab. Bon Tientsin bis Schanhaikuan ist der regelmäßige Eisenbahnverkehr wieder eröffnet, bei der Station Peitang war der Bahndamm unterminiert, es wurden ungefähr 40 Minen herausge­nommen, wobei einige Explosionen stattfanden, die aber nur unbedeutende Verletzungen von Personen zur Folge hatten.

Aus Shanghai wird vom 27. gemeldet: Der Gou­verneur von Schansi, Buhsien (welcher am 9. Juli eine ganze Anzahl Missionare in seinem Ä)amen in Tayuen niedermetzeln ließ"» hat Selbstmord verübt, weil er fürchtete, den Verbündeten ausgeliefert zu werden. Man sagt, daß Admiral Seymour sich nach .Hankau und Wutschang begiebt. Das würde eine Demonstration gegen den neu ernannten Gouverneur von Hupe seitens der fremden Kanonenboote bedeuten.

Aus Peking wird vom 27. telegraphiert: Die Ge­sandten hielten heute zum zweiten Male eine Sitzung ab, um den Vorschlag des französischen Mi­nisters des Auswärtigen zu prüfen. Alle waren der Ansicht, man müsse für die Hauptschuldigen bei den letzten Ereignissen Todesstrafe verlangen. Man hat Grund anzunehmen, daß, wenn die Mächte darauf be­stehen, die chinesische Regierung dieser Forderung gerecht wird. Auf die letzte Note Tschingo und Li Hung- T s ch a n g s wird keine Antwort erteilt.

e