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30.1.1900 Erstes Blatt
 
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*Die Eröffnung des englischen Parlaments.

Gießen, 28. Januar

Am Dienstag treten in London Ober- und Unterhaus 3ui- gewöhnlichen Tagung zusammen, nachdem das Parla­ment vor einigen Wochen ganz kurze Zeit einberufen wor­den war, um "die für den südafrikanischen Krieg notwen­digen Mittel zu bewilligen. Auch die bevorstehende regu­läre Session wird ganz unter dem Eindruck der Ereignisse in Kapland stehen, und die Regierung muß sich wappnen gegen die Angriffe, die ihr von der Opposition in reichem Maße zu teil werden dürften. Aber nicht nur die Oppo­sition allein wird dem Kabinett schwere Stunden bereiten, auch die Anhänger der Regierung dürften nicht umhin können, die ungenügende Vorbereitung zum Kriege, die mangelhafte Organisation der Armeeverwaltung, und die Untauglichkeit der Heerführer unter die Lupe zu nehmen. Was helfen alle Sitzungen des nationalen Verteidigungs- Komites heute noch? Wenn auch England über ungeheure Geldmittel verfügt, so kann es doch nicht Legionen über Legionen aus der Erde stampfen? Alles.inur irgend brauch- <mre Menschen material ist bereits in Südafrika angelangt oder doch auf dem Wege dahin; was jetzt noch rekrutiert werden kann, ist ein vollständig kriegsungeübter Haufen non Menschen, mit dem der tüchtigste Heerführer nichts auszurichten vermag, der ihm im Gegenteil bei allen Ope­rationen nur hinderlich sein muß. Unter diesem Gesichts­punkte muß man die Meldungen von weiteren Truppen­sendungen nach Afrika auffassen.

Wahrlich, das englische Parlament tritt in einer tziußerst kritischen Zeit zusammen, und diese Thatsache läßt rs begreiflich erscheinen, wenn der Gedanke eines Kabinet- wechscls jetzt ernster ventiliert wird. Vielfach spricht man offen davon, daß das Kabinet Salisbury sich überlebt habe, und wenn diese Anschauung auch im Unterhause Eingang findet und dort etwa die Oberhand gewinnt, dann ist es um die heutige konservative Regierung geschehen. Be­dauern können wir den jetzigen Premierminister Nicht, denn er durfte sich von Mr. Chamberlain nicht zu Entschlüssen yinreißen lassen, die England in eine ungemein schwierige Lage gebracht haben, und sein Prestige in Frage zu pellen qeeianet sind. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn Salisbury vor etwa zwei Jahren seine Demission gegeben hätte, wie es damals hieß. Heute vermag er sich keinen »Uten Abgang mehr zu sichern, und fein ganzer Ruf als Staatsmann, der immerhin große Verdienste um das Va­terland sich erworben hat, ist in Gefahr. Diese Gefahr be­gann schon damals, als er die Komödie Chamberlain- Rhodes-Jameson zuließ, und die Verdunkelung dieser As- faire nicht verhinderte.

Man muß also der diesmaligen Tagung des englischen Parlaments besondere Bedeutung beimessen, da es nur zu wahrscheinlich ist, daß sie einen Regierungswechsel her­beiführt, der nicht allein für das britische Reich folgen­schwer sein kann, sondern auch auf die internationale Lage, auf die Stellung Englands dem Auslande gegenüber seine Wirkung haben dürfte.

* Vom Kriegsschauplatz.

liegen weitere Meldungen über neue Ereignisse heute nicht vor. Wir ergänzen das Situationsbild durch einige Streif­lichter :

Verlusts der Buren und Engländer.

Rach einer Erklärung des Dr. Leyds dem Redakteur desEcho de Paris" gegenüber, betragen die Verluste der Buren 212 Tote, 1000 Verwundete und 200 Gefangene. Die Engländer haben dagegen an 8000 Tote, Verwundete und Gefangene. Dr. Leyos ist voll Zuversicht betreffs des Krieges.

Der Verlust der englischen Geschütze bei Coleuso.

Die amtlicheLondon - Gazette" veröffentlicht einen Bericht von »Buller über die Schlacht bei Colenso am 15. De­zember, worin er den Verlust der elf Geschütze folgender­maßen erklärt: Er habe dem schwer verwundeten Obersten Long, von dem er keine Erklärungen mehr erhalten könne, vor der Schlacht befohlen, unter der Deckung der sechsten Brigade vorzugehen. Auch habe er ihm genau den Ort angegeben, wohin er vorgehen sollte und ihm besohlen, nur mit den Flottengeschützen in Aktion zu treten. Statt dessen sei Long mit den Feldgeschützen so schnell vorge­gangen, daß er die Infanterie-Eskorte und die von Ochsen gezogenen Flottengeschütze weit hinter sich ließ, und habe eine Position innerhalb von 1200 Metern von dem feind­lichen Fort Wylie und von 300 Metern von den Schützen­gräben der Buren eingenommen.

Kriegsfreiwillige für Transvaal.

Mit dem aus Marseille abgegangenen Packetboot Yangtse" sind zahlreiche vom Pariser Transvaal-Komite engagierte Freiwillige nach Lourenco Marques abgereist, obwohl sie int Auftrage der Regierung vom Präfekten ver­ständigt worden waren, daß ihnen die portugiesischen Be­

hörden Schwierigkeiten bereiten würden; auch meh­rere ehemalige französische, holländische, deutsche, und russische Offiziere, welche in die Burenarmee eintreten wollen, befinden sich an Bord desYangtse". Die Deutschen stellten sich den Franzosen mit den Worten vor: Wir reisen an denselben Bestimmungsort wie Sie, meine Herren. Betrachten Sie uns, die wir in Afrika Ihre Waf­fengefährten sein werden, als Ihre guten Reisekameraden". Die Deutschen und die Franzosen wechselten sodann herz­liche Händedrücke.

Unter den Bureufrauen zu Haufe.

Es ist verwunderlich zu sehen, mit welchem Takt und Mut die Frauen die Bauernhöfe verwalten. Auf einem der Höfe fand ich überhaupt kein männliches Wesen. Zwei Frauen Mnd einige Mägde waren damit beschäftigt, einige Kühe zu impfen. Auf einem anderen Hof ging die Bäuerin hinterm Pflug; ihre Schwester leitete das Ochsengespann und eine Tochter hantierte die lange Peitsche. Am Abend sitzen die ermüdeten Frauen über die Bibel gebeugt und beten für Mann und Sohn. Aus ihren Unterhaltungen spricht überzeugtes Gottvertrauen.

Tapfere Buren.

Dem Privatbriefe eines Engländers entnehmen tvtr folgende Schilderung: Bei Eftcourt sah ich eine Helden- that, die einem englischen Soldaten sicherlich das Viktoria- kreuz eingetragen haben würde. Ein Mann in weißem Kittel verließ seine Deckung und kroch den Hügel hinan, von dem aus ein heftiges Feuer auf ihn und seine Käme- raden hinter ihm unterhalten wurde. Immer und immer wieder richtete er sich ein wenig auf, zielte und schoß wie am Scheibenstande. Eine Zeitlang blieb er allein; schließ­lich kamen ihm 12 Leute zu Hilfe, und mit diesen drängte er langsam die Mannschaften des äußersten linken Flügels b$r Engländer zurück.

Ehre deu Tapferen vom Black Watch Regiment.

Nach dem blutigen Gefecht bei Modderriver, wo das Regiment Black Watch schier völlig vernichtet wurde, richtete General Buller an den Kommandanten der Burentruppen das Ersuchen, ihm mitteilen zu wollen, wie viele Offiziere des Regiments gefangen genommen seien, da sich kein einziger zum Appell eingestellt habe. Die kurze Antwort lautete:Keiner!"

* *

London, 28. Januar. Ein Telegramm desBureau Dalziel" aus dem Burenlager bei Colenso meldet vom Mittwoch: Die Truppen von Lukas Meyer über­raschten und umzingelten eine starke Abteilung von be­rittener Infanterie des Generals Methuen. Die Engländer verloren 20 Tote und Verwundete, 15 wurden gefangen genommen. In militärischen Kreisen geht das Gerücht, das Verteidigungs-Komitee habe Lord Roberts die Genehmigung zur Kapitulation von Lady­smith erteilt. Es ist jedoch unmöglich, die Richtigkeit dieses Gerüchtes festzustellen. Tiefe Niedergeschlagenheit ruht über ganz London. Kein weiteres Wort ist über die Lage in Natal veröffentlicht worden, dagegen fand gestern nach­mittag auf dem Kriegsministerium eine schleunig ein­berufene Sitzung des nationalen Verteidi­gungs-Komitees statt unter dem Vorsitz Salisburys. Das Kriegsministerium erläßt eine Bekanntmachung, die am Freitag veröffentlichten Verluste bezogen sich nur auf Lyttle- tons Brigade, welche am Kampfe bei Spionkop nicht teil­genommen habe. Sie seien also eine Zugabe zu den von Buller angekündigten beträchtlichen Ver­lusten im Kampf um den Spionkop.

Berlin, 28. Januar. DasBerl. Tgbl." meldet aus Brüssel: Obwohl keine neuen Einzelheiten über die Kämpfe am Spionkop vorliegen, gilt die Niederlage der Engländer als eine vollständige, sodaß bis zum Eintreffen weiterer Ver­stärkungen eine Offensive Bullers ausgeschlossen erscheint. Die Buren werden kaum die Offensive ergreifen, solange Ladysmith nicht kapituliert hat. Die Buren verstärken erheblich ihre Stellungen bei Colenso.

Colenso, 28. Januar. Aus den letzten Telegrammen vom Kriegsschauplätze geht hervor, daß die 210 Tote, Verwundete und Gefangene vom 24. d. MtS. sich nicht auf die Truppen Warrens beziehen, sondern daß diese Ver­luste diejenigen des Generals Kyttleton sind, welcher auf der rechten Seite WarrenS gegen die Buren vordrang. Demnach haben die Engländer nicht eine, sondern zwei Niederlagen au demselben Tuge zu verzeichnen gehabt, die eine bei Spionkop und die andere in der Nähe von Brakfontein.

* * *

Telegramme desGießener Anzeiger".

London, 29. Januar. Bullers Depesche, wonach sich die englischen Truppen südlich vom Tugela zurückgezogen )aben, fiel hier wie eine Bombe in den ruhigen Sonntag. Ihre unklare Abfassung und namentlich der sonderbare Schluß haben verblüfft und em­pört. Sie bedeutet den Rückzug der ganzen Streitkräfte nach Chieveley. Man glaubt im Publikum nicht, daß die Moral der Truppen nicht gelitten habe. Weiter wird bemängelt, daß Buller kein Wort von den Verlusten am Spionkop und von den Verlusten der Division Dundonald bemerkt. Man macht sich auf die schlimmsten Nachrichten gefaßt. In Bank­kreisen wird Bullers Abberufung erwartet. De- peschen vom 24. Januar melden Anzeichen eines Aus- falles aus Ladysmith.

London, 29. Januar. Die Blätter veröffentlichen em Telegramm vom 25. aus Kapstadt: General Gatacre befinde sich augenblicklich in starker Stellung zu Febus in der Nähe von Sterkstrom. Er ist im Begriff, die Eisen­bahnlinie wiederherzustellen. Molteno ist nicht mehr isoliert.

Prätoria, 29. Januar. Ein Telegramm aus dem Burenlager berichtet, daß vr. Janson in der vergangenen Nacht durch eine Kugel ins Bein verwundet wurde.

Brüssel, 29. Januar. Alle Nachrichten bestätigen die Verluste des Generals Warr en, welcher minde­stens 3000 Tote und Verw undete verloren hat. Die Buren erbeuteten den ganzen Artillerie Park Warrens. Die Niederlage der Engländer artete in eine wahre Kata­strophe aus.

London, 29. Januar. Ein Telegramm aus einer Buren-Quelle bringt Einzelheiten über den An griff der Engländer auf den Spionkop vom 24. d. M. Die englische Infanterie griff die Stellung der Buren viermal hintereinander an. Die Truppen legten großen Mut an den Tag. Wir bemerkten, daß die Offiziere sie schließlich zurückhalten mußten. Ueber 2000 Granaten wurden von der englischen Artillerie verschossen, ohne je­doch den Buren großen Schaden zuzufügen. Beim Angriff auf Plattkop wurden 200 Engländer gefangen genommen.

London, 29. Januar. Die Blätter kommentieren die gestrigen Ereignisse und heben einen Artikel hervor, welchen Sir Charles Dille über das englischt Artillerie - Mate r ia l veröffentlicht hat. Derselbe erklärt darin, daß die englische Kavallerie und Artillerie gegenüber der französischen wertlos sei, besonders die Schnellfeuer-Geschütze hätten eine zu geringe Tragweite.

London, 29. Januar. Ein Telegramm aus Rens- bürg vom 25. meldet, die Burenstellung wurde von den Engländern bombardiert. Die Buren antworteten aber nicht. General French hat eine Annäherung nach der Gegend von Plesfesport ans geführt. General French be­fehligte selbst. Heftiges Artilleriefeuer wurde auch in der Gegend von Colesberg gehört. Während des ganzen Tages glaubten wir, es handle sich um eine Rekognoszierung des General French um die Burenstellung bei Plewrnan auf dem Wege nach Wagon Drift. Die Buren haben Trup­pen nach der Norväl-Brücke gesandt, um das dortige De­tachement zu verstärken.

Deutsches Reich.

Berlin, 27. Januar. Das anhaltende Regenwetter und die Hoftrauer beeinträchtigten einigermaßen die heu­tige Feier des Geburtstages des Kaisers. Trotzdem sand sich schon in früher Morgenstunde eine zahlreiche Menschenmenge Unter den Linden und vor dem Schlosse ein. Alle öffentlichen Gebäude und viele Privathäuser hatten Flaggenschmuck ange­legt. Viele Geschäftshäuser hatten in ihren Schaufenstern der patriotischen Feier entsprechende Dekorationen ange­bracht, und allenthalben sah man bereits die Vorbereitungen für die abends stattfickdende Illumination. Die Feier wurde eingeleitet mit dem großen Wecken, welches die Spielleute der 2. Garde-Jnsanteriebrigade mit den Hoboi­sten des 4. Garde-Regiments ausfuhrten. Im Schlosse selbst nahm die Geburtstagsfeier im engsten Kreise der Familie ihren Anfang. Die Kaiserin brachte, umgeben von allen Kindern, dem Kaiser ihre Glückwünsche dar. Später nahm der Kaiser die Glückwünsche des engeren Hofes und des Hauptquartiers entgegen und hierauf folgte tu der Schloß kapelle eine feierliche Andacht. Mittags begab sich der Kaiser nach dem Zeughause, in dessen Lichthofe )id) die Generalität, die Admirale, die Stabsoffiziere und Ab­ordnungen der Regimenter zur Parole-Ausgabe versam­melt hatten. Unter den Hochrufen des Publikum^ schritt der Kaiser die Front der vor dem Zeughause ausgestellten. Ehrenkompagnie ab. Im Lichthofe des Zeughauses be­grüßte der Kaiser die Offiziere und zeichnete mehrere der­selben durch Ansprachen aus. Alsdann gab er den Befehl