Ausgabe 
29.9.1900 Zweites Blatt
 
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Nr. 228 Zweites Blatt. Samstag den 29 September 150. Jahrgang LÄQO

Gießener Anzeiger

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Die Wirren in China.

Nach eitlem Londoner Telegramm erfährt der Washing­toner Berichterstatter derMorning Post", .Graf Hatzseldt und dem amerikanischen Geschäftsträger in London, Mr. White, seien am Dienstag im Auswärtigen Amt in Lon­don die Entwürfe der englischen Antwort auf die deutsche Note »gezeigt worden. Nach dem Bericht Whites an das Staatsdepartement sei Lord Salisbury grundsätzlich einverstanden mit dem deutschen Vorschlag, daß'die Leiter des Aufstandes bestraft werden müßten. Aber er sei der Meinung, daß dies die An­knüpfung von Friedensunterhandlungen nicht verhindern sollte. Lord Salisbury lehne es nicht ab, dem englischen Gesandten in Peking zu gestatten, über die Strafbarkeit der Boxerführer zu berichten.

Außerordentlich scharf nahmen dieTimes" Stellung zu Gunsten des deutschen Vorschlags. Allerdings ist die deutsche Politik in derTimes" wahrlich nicht häufig in so wohlwollender Weise beurteilt worden. Be­züglich der Führung der Untersuchung gegen die verdächti­gen Großmandarinen befürwortet dieTimes", die Fest­stellung des Sachverhalts vor einem unabhängigen Gericht, das zwar Chinesen als Zeugen vernehmen, aber keinen Chinesen als Beisitzer haben soll. Bekanntlich ist der deutsche Vorschlag allgemein gehalten und geht aus keine das gerichtliche Verfahren treffenden Einzelheiten ein. Diese werden erst später festgestellt werden müssen, es dürften aber, mindestens soweit Deutschland in Betracht Tonfmt, kaum Bedenken bestehen, sich dem von der Times" befürworteten Vorgehen anzuschließen.

DerPolitischen Korrespondenz" wird bestätigt, daß Japan sich ohne Vorbehalt der Note Bülows anae- schlossen hat. Die Antwort besagt im wesentlichen, daß Japan der deutschen Auffassung zustimmt, wonach die Be­strafung der an den Pekinger Verbrechen Schuldigen der Wiederaufnahme des diplomatischen Verkehrs mit Cbina vorangehen müsse, und daß oie japanischen Gesandten in Peking die entsprechenden Weisungen erhalten werden.

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Der französische Generalkonsul in Shanghai telegra­phiert unter dem 25. d. M. folgendes: Der General Ting-fu-tsiang ist zum Oberbefehlshaber der chine­sischen West- und Nordarmee ernannt worden. Nach­richten aus chinesischen Quellen zufolge haben die Vize­könige und Gouverneure vom kaiserlichen Hof Be­fehl erhalten, alle Ausländerzu bekämpfen und § u töten.

Der in Shanghai eingetroffene Präsident der kaiser­lichen Universität in Peking, Dr. Martin, erklärte, daß wenig Hoffnung auf Wiedereinsetzung des Kaisers vor­handen sei. Die reaktionäre Partei seizuallrnäch- ti g. Das gegenwärtige Chaos würde wohl geraume Zeit sortdauern.

Nach in Wien eingetroffenen Meldungen aus Taku sind dort bisher 60 075 Manninternationale Trup­pen gelandet. Bei der Einnahme vonPatatschu wurden die Boxer vollständig überrascht und getötet.

Daily News" melden aus Shanghai, die kaiserlichen Edikte vom 12. September verleihen Chunyi, dem Bruder der Kaiserin, der kürzlich in Paotingfu S e l b st- mord beging, wie Lipingheng, der in der Schlacht während des Vormarsches der Verbündeten nach Peking fiel, nachträgliche Ehrungen.Central News" welden aus Shanghai: DerShanghai Mercury" ver­öffentlicht eine Bestätigung der Meldung, daß Li- Hung-Tschang geheime kaiserliche Befehle erhalten hat, Trentsin und Peking wiederzunehmen, und daß er versprochen habe, 100 000 Mann Truppen auszuheben. Ein Petersburger Telegramm lautet: Nach den letzten Meldungen werden sämtliche chine­sische Kriegs Häfen blockiert, besonders Futschou und Kanton. Zum Schütze der Transportschiffe werden von den vereinigten Flotten schnellgehende Kreuzer ab- aesandt, um den Feind zu suchen. Bisher ist zwar von den chinesischen Kriegsschiffen kein Ueberfall zu verzeichnen, dennoch hat das Abda mp f e n d e r chi n e s i s ch e n Flotte aus Shanghai den europäischen Admiralen Besorg- n i s eingeflößt. Bisher haben folgende chinesische Kriegs­schiffe sich in das offene Meer begeben: 1 Kreuzer, 1 Panzerschiff, 6 schwimmende Batterien, 4 Kanonenboote, 3 Transportschiffe.

Nach einem Shanghaier Telegramm ist die Gefahr einer Hungersnot in Nordchina im Wachsen. Die Behörden in Shanghai haben daher gestattet, Reis nach Taku zu verschiffen. Schleunigste Hilfe soll nötig sein.

DerStandard" meldet aus Shanghai: Gerüchtweise verlautet, Graf W a l d e r s e e habe g e d r o h t, den ganzen, für den kaiserlichenHofbestimmten, im Pangtse- thale aufgefundenen Proviant zubeschlagnahmen und eine internationale Expedition zu orga­nisieren, um sich der Kaiserin und ihrer Urn- gebung zu bemächtigen, falls nicht die Anstifter

der Unruhen unverzüglich die verdiente Strafe erhielten.

DieTimes" besprechen! die Annexion der Mand­schurei und kommen zu dem Schlüsse, daß infolge der jetzigen! Lage in der Mandschurei die Anwesenheit zahl­reicher russischer Truppen keinen Anlaß zu Besorgnissen geben darf. Es hieße Rußland beleidigen, wenn man annehme, daß es entgegen der Versicherung seiner Regier­ung die Mandschurei dauernd besetzen werde.

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Die protestantischen Gebäulichkeiten von Mukden, schreibt ein Berichterstatter desNorth China Herald", waren am 30. Juli abgebrannt worden. Die jrönösch- katholische Kirche war bereits durch kaiserliche Artillerie zerstört. Am 5. Juli nahmen wir indes »den Zug von Tieling nach NiutschwaNg, ohne zu wissen, daß duf der Bahnstrecke gekämpft wurde. Unter den Reisenden be­fanden sich einige Ingenieure, einige Damen, die kn ach Port Arthur in Sicherheit gebracht werden sollten, tzwei französische Schwestern und andere Personen, die am Ende des Zuges in Pferdewagen untergebracht waren. Etwa 40 Li oder weiter nordwestlich von Mukden hielt der Zug. Ich schaute hinaus und sah eine große Schar Boxer so wenigstens hieß es, die in einem Felde vor der Bahn­strecke lagen. Die Lokomotive dampfte zurück; es churde ein heftiges Gewehrfeuer auf den Zug eröffnet, hoch wurde niemand getroffen. Die Eisenbahn ward aufgerissen. Am Abend kehrten wir nach der Stelle zurück, wo wir ange­griffen worden waren, und fanden eine Station zerstört; auch war der Schaden an der Strecke zu bedeutend, als daß er sofort hätte ausgebessert werden können. Am nächsten Morgen begaben wir uns nach Tieling, wo wir erfuhren, daß am Morgen ein Gefecht stattgefunden habe (6. Juli). 'Es hieß, 46 Chinesen seien getötet worden, die Russen hätten keine Verluste gehabt. Als einen Merkwür­digen Beweis für den Aberglauben, der bei der jetzigen Bewegung mitspielt, sei erwähnt, daß die chinesischen Truppen von einem Mädchen angeführt wur­den, das zu Pferde saß und kugelfrei sein sollte. Es wurde durch den Kopf geschossen, allein es hing die Fabel, Jpie sei wieder lebendig geworden. Von der Station aus konnte man die brennenden Dachsparren der katholischen Kirche sehen; schwere Rauchwolken stiegen von den presbyterianischen Missionsgebäuden auf. Der Tag blieb im übrigen ruhig, der folgende aber (7.) wurde für die Fremden recht bedenklich. Die etwa 3 Kilometer von der Station entlegene russische Niederlassung war zwar nicht in Gefahr, auf die Station selbst wurde jedoch ein nach­haltiger Angriff unternommen. Das feindliche Feuer war meist unwirksam. Im Lause des Tages wurde unter den Papieren eines Läufers, den ein Kosak ergriffen hatte, eine vierzehn Tage alte Nummer der (amtlichen) Pekinger Zei­tung gefunden mit einem Aufruf, wodurch die Kaiserin die getreuen Unterthanen ermahnt, sich gegen die Fremden und deren Religion zu erheben, da Taku Nun gefallen sei. Diese Entdeckung bestimmte die Ingenieure und Offiziere, Tieling sofort zu verlassen.Wir haben Soldaten genug, um die Eisenbahn gegen Räuber zu verteidigen, nicht aber, um Krieg zu führen", sagte einer der Ingenieure. Es wurde beschlossen. Nach Charbin im Norden zu reisen, da der Weg nach Süden gefährlich sein könne. Die Russen hatten damals etwa 200 Mann Fuß- und Reitertruppen sin Tie­ling zusammengezogen, waren aber nicht genügend mit Patronen versehen. Unter dem Schutz der Nacht trafen wir eine Auswahl unter unseren Sachen, warfen den Rest weg, steckten die Niederlassung in Brand und machten Uns bei Tagesanbruch auf.

Ein bemerkenswerter Umstand bei diesem Rückzug war, daß unsere Karawane von 200 katholischen Chinesen Le­gleitet war. Pater Lamasse aus Tieling hatte sich zu den Russen geflüchtet und eine große Anzahl Angehörige seiner Gemeinde in einem Hause untergebracht, das ein russischer Ingenieur zur Verfügung gestellt hatte. Für die Flucht hatte man etwa 20 kleine Karren auftreiben können. Unter den chinesischen Christen befanden sich zahlreiche Frauen und Müder. Was mit ihnen beginnen? Um sie zu retten, beschloß der Oberingenieur, eine halbe Million Rubel zu opfern, denn die Karren, die den Leuten zur Verfügung gestellt wurden, wären anders mit Silber be­laden worden. Nach etwa nenn Tagen waren von den chinesischen Christen Fcnim noch einige bei uns. Mehr als einmal, wenn wir dem Tode ins Auge .sehen mußten, hatten wir das feierliche und eindrucksvolle Schauspiel, daß die Leute zu einem langen Gebet niederknieten, mit Pater Lamasse und Pater Villemont zur Seite. Die Gebete wur­den in mancherlei Hinsicht erhört. Es war ja nicht im Winter, und wenn uns auch die Nahrungsmittel manchmal ausgingen und das Brot hart und das Wasser brakig war, hatten wir doch im allgemeinen genug. Das Schlafen unter freiem Himmel, wenn von Schlaf überhaupt die Rede sein durfte, war nicht unangenehm.

Während eines Marsches von 600 Li, der 11 Tage er­forderte, hatten wir mindestens fünf Gefechte zu bestehen, | daneben wurden dank der Vorsicht unserer Führer mehrere

Angriffe vermieden oder durch die rafche Bewegung unserer Truppen zurückgeschlagen. Wir empfanden feine Ver­achtung für die chinesischen Soldaten, sondern waren be­sorgt, uns so wenig wie möglich in Gefahr zu begeben, um die Zahl der Verluste nicht zu vermehren. Wenn ein Kamps aber wirklich notwendig wurde, dann wurde stink und sicher 'gehandelt. Das waren die Kennzeichen dieses geschickt geführten Rückzuges durch Tausende von bewaff­neten Feinden. Mit den Verstärkungen, die unterwegs tzu uns stießen, war die Zahl der uns hegleitenden Regulären nie höher als 350. Dazu kamen 80100 Eisenbahnarbeiter und Angestellte, die beritten und bewaffnet waren. Das erste Treffen fand am zweiten Tage nach unserem Aufbruch nordwestlich von Kaiyüan statt (9. Juli). Man sah, wie die Chinesen auf den Hügeln über dem Hintertreffen, unserer Kolonne schwärmten. Sie schossen bei weitem Nicht so genau wie die Russen; ihre Gewehre reichten bis etwa 700900 Meter. Ein Soldat neben mir wurde ins Bein getroffen. Wir hatten im ganzen nur drei Verwundete. Aus chinesischer Quelle hörte ich, daß verhältnismäßig viele Feinde durch unser^Feuer getötet wurden.

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Ein Mangel an Karten vom Schauplatz der Ereignisse ' in China ist wohl nicht empfunden worden, aber wenn wir hier auf die Politische Karte von China, heraus­gegeben von A. Seobel (Verlag von Velhagen HKlasing, Bielefeld und Leipzig), Hinweisen, so geschieht dies, weil uns das Blatt durch besondere Uebersichtlichkeit auffällt. Sie zeichnet sich aus durch .Hervorhebung der Freihandels­häfen, Angabe her neuesten fertigen und projektierten Eisenbahnlinien, sowie reiche Details aller Darstellungen. Wir können diesen interessanten und zuverlässigen Führer in der chinesischen Frage nur empfehlen, zumal her Preis (1 Mk.) im Verhältnis zu dem Gebotenen niedrig zu nennen ist.

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Telegramme deS Giesterrer Anzeigers.

London, 28. September. Nach einem Washingtoner Telegramm hat in Petersburg ein Meinungsaustausch zwischen den Mächten stattgesunden, worauf Rußland seine Meinung in Betreff der Zurückziehung der Truppen änderte. Jetzt sei beschlossen worden, eine Schutzwache für die Gesandtschaft in Peking zu belassen, deren Stärke der Anzahl der von den anderen Mächten zurückgelassenen Truppen entspricht. Ihre Zahl soll un­gefähr 200 betragen. Verschiedene Punkte zwischen Peking und Taku würden mit Besatzungen belegt und hie Forts von Taku demoliert. Das sei der Kern der jetzigen russischen Vorschläge.

London, 28. September. Aus Shanghai wird ge­meldet: Graf Waldersee traf am 24. September vor Tschifu an Bord derHertha" ein.

Washington, 28. September. Die Kritik, welche die ausländische Presse an der Antwort der Pereinig- ten'Staaten auf die Bülow'scheNote ausübt, macht hier einen großen Eindruck. Die meisten Blätter verteidigen die Politik der Regierung. DieNewyork- Times" erklärt, der wahre Zweck Deutschlands sei der einer Gebietseroberung. Hierauf sei die Wei­gerung der Vereinigten Staaten zurückzuführen. Man habe in Washington Deutschland im Verdacht, daß es V e r wick­ln n g e n h e r b e i f ü h r e n iv o l l e, die ^u einer großen kriegerischen Aktion unter der Führung Waldersees führen sollen. Der Zweck dieser militä­rischen Operation bestehe in der Besitzergreifung des Vougtse-Thales.

Washington, 28. September. Die Regierung hat ihren Gesandten in China, (Songer, angewiesen, sich mit Li-Hung-Tschang in Verbindung zu sletzen, um eine befriedi­gende Lösung der Krisis zu erzielen. (Songer soll indessen nur die amerikanischen Interessen wahrnehmen.

Washington, 28. September. Die Regierung hat be­schlossen, die Ernennung des Prinzen Tuan nicht anzuerkennen. Man wird aus dessen Nichtbeftätigung eine conditio sine qua non machen.

Peking, 28. September. General Chaffee ist nach Tientsin abgereist, um' Winter-Quartiere in Pungtsang einzurichten. Dieser Ort ist für die Verbündeten sehr wichtig wegen der Nähe der Eisenbahn und des Flusses.

Peking, 28. September. Eine große Anzahl von Boxern soll sich verkleidet in die Stadt geschlichen haben. Alle Boxer, die betroffen werden, werden mit dem Tode bestraft._____________________'_______________________________________

Der Krieg in Südafrika.

Bor zwei Monaten wurde in Kapstadt von berufener Seite der englische Plan für die nächste Zeit entwickelt. Die Truppen sollten zunächst die Bahnlinie Komatipoort- Pretoria in ihren Besitz bringen, die dann noch im Nord­osten verbleibenden Buren durch eine Truppenlime von dem Reste Transvaals absperren, sodann sollte nach endgilttger