Ausgabe 
29.8.1900 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 201 Aweitcs Blatt. Mittwoch de« 29 August

1900

Gießener Anzeiger

U<n4 *Ü M

General-Anzeiger

«MiaCltfet

U< Änjdgen-BennkHiixglfkflen btl Jn- uni KnflaaM «hmen Innigen für bat Eichener »azeiger eutgcfm. Aett«preis: lokal 19 Pfg., awlrotrtl 90 Pfg.

3»cjafl»prcl» vierldjährl. Mk. SM monatlich 76 Pfg. mit vrmgerloha» durch bte ÄbVokftti* »irrteljährl. Mk IM monatlich 66 Pfg.

©ci Postbezug Mk 9,40 vicrleljihM. mit ©cftellßrld.

Aintr* und 2lnjcigeblatt für den Ureis <Ricßeit.

RMta, «WidMin mtb f*H#«*ie >t. 1.

Gratisdella-«: «iche«r Famitienblätter, Der heWtze Landwirt, Kälter *8r heUsche Dsürskundc.

Ibttffc für Depeschen: Anzetger ft*e* Fernsprecher Nr. 5L

Telegramme bei Gießener Anzeigers.

Das österreichische SchiffMaria Theresia" telegra­phiert, daß das österreichische und deutsche Detachement am 18. August in Peking eingerückt sind und daß der Geschäftsträger Rosthorn mit den Verwundeten mit dem ersten Transport Nach Taku gebracht werde.

Das französische Ministerium des Auswärtigen teilt rnit, der französische Generalkonsul in Shanghai telegra- , d-?------ - . _

Wert heute, daß die Kaiserin, der Kaiser und Prinz I weil es auf dieser Strecke noch von Boxern wimmelt. Um

Loudon, 28. August. »Daily Telegraph- meldet aus Petersburg: General Grodekow berichtet, die ganze Amur­gegend sei pacificiert. Die Eisenbahn-Bauarbeiten konnten wieder ausgenommen werden.

Paris, 28. August. Im Ministerium des Aeußeren nimmt man als wahrscheinliche Ursache, daß der Gesandte Pichon bisher nur eine Depesche sandte. Folgendes an: Die Ankunft der von Peking nach Tienlsin per Kurier ab­gehenden Nachrichten ist noch immer eine reine Glückssache,

Tu an sich im Schansi-Gebiete befinden. Weiter telegra­phiert der Konsul, daß am 20. August die Gruppe der Missionare und Ingenieure in Schansinfu südlich von Peking noch lebend und gesund waren, jedoch war ihre Lage sehr verzweifelt. Eine Drahtung desDaily Tele- gnrph" meldet vom 19. August, die Kaiserin fliehe westlich mit einer Leibwache pon<ä5OO Maün durch gebirgige Gegend. Da Vs unmöglich sei für die Artillerie, aus Peking ihr dähin zu folgen, werde geglaubt, daß sie n ich t ver - folgt werden piürde. In einem Berliner Telegramm warnt dieKöln. Ztg." vor den englischen Sensations­depeschen, von denen die beiden letzten, welche die Ge­fangennahme der Kaiserin sowie die Kriegserklärung Ruß­lands an China meldeten, sich wiederum nicht bestätigten. Als besonders zuverlässig seien die russischen Depeschen anzusehen, da .aus diesen hervorgehe, daß die ftaifenn, der Kaiser (und die gesamte Regierung entflohen sei, wo­durch den verbündeten Mächten die Einleitung von Friedensverhandlungen sehr erschw er t werde. Insofern sei das Entwischen des ganzen bisherigen Re­gierungsapparates ein unerfreuliches Ereignis; daß aber diese Regierung im Innern Chinas große Truppenmassen aufbfeten wird, die den Mächten nachdrucksvollen mili­tärischen Widerstand Entgegensetzen würden, sei nicht an­zunehmen. Mit per militärischen Widerstands­kraft der Chinesen sei es vorbei.

General Doward hat zwar anr 23. ds. gemeldet, die Verbindungslinien in der Umgegend von Tientsin seien jetzt sicher, inzwischen aber mehren sich die Nachrichten, daß noch weiterer Widerstand zu überwinden sein wird. So meldet das Wolffsche Büreau aus Tientsin vom 27., die Eisenbahn Tientsin-Peking sei bis Yangtsun wieder­hergestellt, zugleich aber auch, daß große Scharen von Boxern sich 37 Kilometer nordöstlich von Yangtsun sam­meln. Militärisch betrachtet bedeuten diese Banden freilich keine Gefahr, aber je länger der Aufruhr dauert und Aufstände pflegen sich in China ins Unendliche hinzu­ziehen, um so mehr droht der friedlichen Bevölkerung das Gespenst der Hungersnot, und um so schwieriger wird auch die Verpflegung der Truppen der Verbündeten. Ja­panische Meldungen ob sie aus amtlichen Quellen fließen, ist nicht ersichtlich berichten ferner vom 23., Boxerund chinesischeTruppen seien abermals im Begriff gewesen, Peking anzu greifen; man erwarte, daß japanische und russische Kavallerie am 25. mit ihnen Zusammenstößen würde. Als Sammelort der Chinesen wird Namyen angegeben; wahrscheinlich ist das Nanyüan, ein zweiter Name für den großen, im Hüben Pekings sich dehnenden kaiserlichen Jagdpark, der gewöhn­lich als Nanhaitse bezeichnet wird. In derselben Meldung heißt es, daß von Schantung 9000 Mann mit 15 Geschützen gegen Peking vorrückten. Es kann sich dabei nur um das Heer Yuanschikais, die Kerntruppe der modern aus­gerüsteten und geschulten Abteilungen der chinesischen Ar­mee handeln. DieMorning Post" meldet aus Peking vom 18. August: Die gesamten amerikanischen Streitkräfte mit der britischen Artillerie marschierten auf die äußere Stadtmauer, um einen Angriff der aus dem Süden an­rückenden 30 000 Boxer zu erwarten.

Der Petersburger Berichterstatter derDaily Mail" erfährt, in den Unterhandlungen in Peking, deren Beginn fast sicher sei, würde Rußland auf In­tegrität Chinas, Erhaltung der Mandschudynastie, Zahlung einer Geldentschädigung und gesonderte Behandlung der Frage hinsichtlich der Mandschurei bestehen.

DieSachsen" ist am 26. d. Mts. in Port Saib ange- tommen. Der deutsche Konsul begab sich an Bord des Dampfers und händigte dem Feldmarschall Grafen Wal­de r s e e Weisungen seiner Regierung aus. Der Komman­dant derHalcyon" stattete dem Grafen Waldersee einen Besuch ab, ben der Kapitän derSachsen" im Namen des Grafen Waldersee erwiderte. Der Feldmarschall ging dann an Land und machte einen Besuch im deutschen Konsulat, worauf er sich wieder an Bord derSachsen" begab, die hierauf ihre Fahrt fortsetzte. .

Eine Firma in Chicago hat von Rußland einen Auf­trag zur Lieferung von sechs Millionen Pfund Ochsen fleisch für die russischen Truppen in China er­halten.

Die Wirren in China.

Der Gouverneur von Kiautschpu meldet telegraphisch unter dem 24. ds. nachstehenden Auszug aus dem Bericht des Grasen Soden, des Führers der deutschen See- soldaten-Schutzwache in Peking:

Am 21. Juni wurden die Feindseligkerten gegen bte Gesandtschaft eröffnet, diese am 22. Juni infolge Miß­verständnisses geräumt und nach englischer Gesandtschaft begeben. kurze Zeit darauf wurde die deutsche Gesandt­schaft wieder besetzt; öfterreichjsche und italienische in­zwischen abgebrannt. Von da ab unaufhörlich im Gefecht gegen chinesische Truppen des Tung- fuhsiang und Yunglu. Vom 16. Juli bis 9. August Wafferi- sttllstand. Tas Detachement besetzte inzwisck-en den Club. (Den Club hatte Herr von Ketteler zu der Zett, etts er Attache in Peking war, ins Leben gerufen.) Bis rum 14. August mörderisches Feuer aus näch­ster Nähe. Am 14. August früh Geschütz- und Gewchr- seuer außerhalb der Stadt hörbar. Die Chinesen verließen nachmittags diese Stellungen, als ein indisches Regiment erschien. Detachement ging nun vor, besetzte das Haitethor (das östlichste der drei Thore, die die Ta- tarenstadt mit der Chinesenstadt verbinden), erbeutete 8 Kanonen, eine Fahne, viele Waffen und Munition. 25 Mann hatten mehr als 1000 gegenübergestanden, von denen über 200 gefallen. Tie Seesoldaten haben sich hervorragend benommen, sämtliche Europäer haben ihre Ruhe, Unerschrockenheit und ihr gutes Schießen bewundert. Verwundet sind: Berger schwer an linker Kopf­seite, Reinhardt linker Arm; Weißhardt rechtes Gesicht, Gehör verletzt; Ekardts rechte Hand; Förster rechte Schulter; Wirts linkes Bein; Bencke Gesicht (geheilt); König Gesicht und Schulter (geheilt); Günter linker Arm, Hüfte, Lunge; Granlich Gesicht (leicht): Seiffert Bein (Bein steif); Klauß linker Ellbogen (Typhus, in der Besser­ung). Die übrigen gesund".

Aus diesem interessanten Bericht des Führers der deutschen Schutzwache erfahren wir, so knapp er ist, einiges Neue. Daß auch diese kleine Truppe, von der schließlich nur noch die Hälfte gefechtsfähig war, dem deutschen Namen Ehre machen würde, hatte man zwar allenthalben daheim erwartet, aber wir hören jetzt durch den Grafen Soden, daß ihr Verhalten darüber hinausgegangen, daß es von sämtlichen Europäern bewundert wurde, und daß am 11. August, als endlich der Entsatz heranrückte, die 25 deutschen Soldaten noch gegen 1000 Gegner lauter re­guläre Truppen, wie auch Graf Soden bestätigt zum Angriff vorgingen, ein Thor besetzten und acht Kanoneü und anderes Kriegsmaterial erbeuteten. Sie haben ferner nicht nur die deutsche Gesandtschaft, sondern auch das in der Nähe gelegene Gebäude des internationalen Clubs bis Kum Schluß gehalten. Der Kaiser richtete denn auch sofort nachstehendes Telegramm an den zweiten Admiral des Kreuzer-Geschwaders zur Weiterbeförderung nach Peking:

An Leutnant Graf v. Soden in Peking. Ich spreche Ihnen und Ihren) Mannschaften die herzlichsten Glück­wünsche sowie diejenigen der Armee und der Marine zu dem guten Erfolg Ihrer heldenhaften Ausdauer aus. Ihre deutsche Treue und Tapferkeit gereichen Ihnen zur höcbsten Ehre. Ich verleche Ihnen gleichzeitig den Roten Adler- Orden 4. Kl. mit Schwertern und erwarte Vorschläge zur Dekoration Ihrer Mannschaft".

Der kurze Bericht des Grafen Soden deutet an, daß erft die ausführliche Schilderung der Thaten und Leiden des Häufleins Ausländer, das inmitten der feindlichen Hauptstadt zwei Monate lang gegen die chinesische Sol­dateska Stand gehalten hat, sich lesen wird wie ein Sen­sationsroman, dem an Spannung kaum ein anderes Kapitel in dein' dicken Buche der Weltgeschichte gleich- konnnen dürfte.

Weiter meldet dieAgenzia Stefani" aus Taku unter den: 26.:In Peking wird jetzt eine Expedition zusammen­gestellt, die zusammen mit der Begleitmannschaft die Verwundeten, die Frauen und Kinder nach Tientsin bringen soll. Die Familie des italienischen Gesandten Salvago-Raggi wird sich diesem Zuge an­schließen, um sich für einige Zeit nach Japan zu begeben. Ein See-Offizier wird die verwundeten italienischen Ma­rinesoldaten nach Tientsin begleiten. In Peking stehen jetzt fünf Kompagnieen italienischer Marine-Infanterie. Am 29. werden italienische Truppen unter dem Befehl des Obersten Garioni, von Hongkong kommend, in Peking erwartet."

die Straße von Peking bis Taku völlig zu sichern, wären 100 000 Mann nicht zu viel. Diese stehen aber zu einem solchen Zweck nicht zu Gebote.

Washington, 28. August. Da« Ministerium des Innern hat eine Depesche von Conger und das Kriegsministerin« eine solche von General Chaffee erhalten. Den beiden Depeschen zufolge sind keinerlei Aenderungen weder in der diplomatischen noch in der militärischen Lage in China in den letzten Tagen eingetreten. Der Kreuzer Gastine-, der in Shanghai vor Anker lag, hat Befehl erhalten, sich nach Amoy zu begeben, wo Unruhen aus« gebrochen sind. Die Regierung beschloß, vor der Hand keinerlei Ersuchen an die Mächte zu richten, um sich an der Bildung einer internationalen Kommission zu beteiligen, die demnächst über die Frage betreffend die Zukunft China« beraten soll.

Der Krieg in Südafrika.

Robert- betrachtet die spannende Episode, die von De WetS kühnem Zuge durch das britische OkkupatiouS. gebiet auSgefüllt ist, als abgeschloffen. Sein letzter Bericht über den verwegenen Burenführer ließ das schon völlig klar erkennen. In diesem stellte er Betrachtungen darüber an, wie sehr sich seit dem Aufbruch De WetS aus Bethlehem die Dinge zu dessen Nnguusten verändert hätten. Im Frei­staat, nach dem sich De Wet nunmehr thatsächlich zurück- wendet, seien inzwischen von den Kämpfern 4000 5000 gefangen genommen und nach Ceylon geschickt worden. Die kleine Schar unter Olivier griff, wie Roberts aus Belfast vom 27. ds. meldet, am 26. Winberg von drei Seiten an, wurde aber von Bruce und Hamilton mit beträchtlichen Verlusten zurückgeschlagen. Dabei wurde Olivier- mit seinen drei Söhnen gefang'en genommen. De Wet selbst ist, wie ein früheres Telegramm von Roberts sagt, nur von einer schwachen Leibgarde umgeben und habe seine Artillerie in Transvaal gelassen. Eingeborene berichten, daß De Wet die Oranje-River-Kolonie bereits erreicht habe. Er hat seinen ganzen Train eingebüßt und seine Streit­kräfte seien auf 250 Mann zusammengeschmolzen. Der englische Oberkommandierende betrachtet also De WetS Unternehmungen im Oranje-Freistaat für die Zukunft als aussichtslos und hat beschlossen, ihn sich selbst zu über­lassen. Diese Argumentation erinnert ein wenig an die des Fuchses, dem die Trauben zu sauer waren, nachdem er festgestellt hatte, daß sie zu hoch hingen. Wenn sich Roberts nicht durch die vergebliche Vergeudung an Kraft und Zeit davon überzeugt hätte, daß es ihm so gut wie unmöglich ist, den schlauen Fuchs zu fangen, so würde er ihn schwerlich laufen lassen, um ihm in seinem Rücken weitere unangenehme Neberraschungen zu bereiten. Man kann nach den Erfahrungen der letzten Wochen mit Sicher­heit annehmen, daß das Häuflein De WetS von drei­hundert Mann in kurzer Zeit wieder erheblich an­schwillt. Wir möchten aus dem Zurücklassen der Geschütze in Transvaal schließen, daß De Wet in dieser Beziehung seiner Sache sicher ist, und darin eher eine Stärkung als eine Schwächung der Sache der Buren sehen, denn ihre Artillerie in Transvaal hat dadurch eine erwünschte Unterstützung erfahren, und gleichzeitig ersteht die Oranje - Artillerie zu neuem Leben. Weshalb De Wet nach diesem wage- halsigen Zuge nun wieder zurückkehrt, ist vorläufig sein Geheimnis. Den Grund, den sich Roberts dafür zurecht­gelegt hat, können wir nicht als stichhaltig ansehen: ein Mann, der mit Troß und Geschützen einen Marsch von mehr als 300 Km. mitten durch feindliches Gebiet so kann man den besetzten Oranje-Freistaat nennen gemacht hat, wird nicht davor zurückschrecken, ihn ohne wesentliche Gefahren, d. h. unter Bedrohung lediglich seiner rechten Flanke, nach Osten fortzusetzen. Viel wahrscheinlicher ist, daß er den Präsidenten Steijn sicher aus dem Bereiche der umklammernden englischen Abteilungen bringen, den nörd­lich kämpfenden Buren neue Hilfstruppen nach englischer Schätzung etwa 7000 Mann, lauter auf feinem Marsche gesammelte Leute zuführen und seinen eigenen Munitions­vorrat ergänzen wollte. Diese Aufgaben hat er gelöst; vermutlich glaubt er nun, der allgemeinen Sache der Buren mehr zu nützen, wenn er seine Guerillakriegführung, in der er unerreichter Meister ist und zu der er verhältnismäßig geringe Hilfsmittel nötig hat, im Oranje-Freistaat fortfetzt. Die Zukunft wird lehren, ob er darin recht hat.

Lord Roberts glaubt jedenfalls vorläufig an seme Unschädlichkeit. DaS ergibt sich nicht nur aus seinen eigenen Darlegungen sondern auch aus seinen neuesten Handlungen.