Sonntag den29. Juli
Zweites Blatt
Nr. 175
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Gießener Anzeiger
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RMM* «WadNtan und Druse*»: Nr. 7.
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Die Wirren in China.
Wir konnten in unserer gestrigen Nummer noch eine spät eingegangene Depesche veröffentlichen, der zufolge nach amtlicher Meldung ein Reitknecht deS Freiherrn von Ketteler Mitteilungen von dem Befinden der Fremden in Peking macht. Heute liegen noch weitere Nachrichten vor, die es fast als gewiß erscheinen lassen, daß die Fremden in Peking am 6. Juli noch lebten und die der Hoff- uanz Raum geben, daß sich die Gesandtschaften auch am 15. Juli noch verteidigten. Zunächst veröffentlicht eine Extra-Ausgabe der „Daily Mail" einen Bries von Sir Claude Macdonald, datiert Peking, 6. Juli, der lautet: „Die Behörden stehen uns nicht bei. Drei Legationen stehen noch, darunter die englische. Wir halten auch einen Teil der Stadtmauer. Die Chinesen bombardieren uns mit einem dreizölligen und mehreren kleineren Geschützen. Wir können jeden Augenblick vernichtet werden. Proviant und Munition mangeln. Wir wären längst zu Grunde gegangen, wenn die Chinesen nicht Feiglinge wären, und wenn sie einen systematischen Angriffsplan hätten. Wenn wir nicht sehr bedrängt werden, mögen wir noch 14 Tage aushalten können, sonst höchstens 4 Tage. Bisher halten wir 40 Tote und 80 Verwundete."
Der belgische Konsul in Tientsin berichtet vom 25. Juli: Der englische Gesandte habe ihm geschrieben, daß er vom 4. Juli ab darauf beschränkt gewesen sei, von Pferdefleisch zu leben, daß er jedoch noch einige Tage aushalten könne. — Der chinesische Gesandte in Paris erklärte in einem Interview mit einem Redakteur des „Släcle", seiner Ansicht nach seien die Fremden noch immer wohlbehalten, und er sei überzeugt, daß die Antwort des französischen Gesandten innerhalb 4 bis 5 Tagen eintreffen werde. Die chinesische Regierung sei keineswegs mit den Rebellen solidarisch. — Aus Tokio wird gemeldet, dort eingetroffene Pekinger Meldungen vom 19. ds. besagen, der Kaiser von China habe die Versorgung der Gesandten mit Lebensmitteln, sowie deren Eskortierung nachTientsin angeordnet. Die Kämpfe inPeking haben aufgehört.
AuS diesen Meldungen geht nun zwar keineswegs hervor, daß die Vertreter der anderen Mächte jetzt noch am Leben sind, aber ist es doch nicht ganz ausgeschlossen, daß China die Gesandten thatsächlich als Geiseln zurückhält. Während man bisher in Berliner maßgebenden Kreisen sicher an die Ermordung sämtlicher fremder Legationsvertreter glaubte, ist mau jetzt geneigt, diese erwähnte Thatsache als einen neuen Hoffnungsschimmer aus- zusassen. Man darf doch vielleicht noch hoffen, daß wenigstens ein Teil der Europäer in Peking noch lebt. Dadurch ist aber auch gleichzeitig die Möglichkeit nähergerückt, weitere zuverlässige Nachrichten über die Vorgänge in Peking zu erhalten. — Nach den „Berl. N. N." entspricht übrigens die französische Mitteilung, wonach die schwebenden Ver- Handlungen zwischen den Mächten die Annahme zur Grundlage hätten, daß die Gesandten noch am Leben seien und von der chinesischen Negierung als Geiseln zurückgehallen werden, nicht den Thatsachen.
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AuS London werden über die Lage in Tientsin ganz widersprechende Nachrichten gemeldet: „Daily Mail" zufolge richteten die Russen in Tientsin unter Frauen und Kindern ein entsetzliches Blutbad an und bajonettierten alle Chinesen ohne Unterschied deS Geschlechts; nach dem „Daily Chronicle" waren die Straßen deS Chinesenviertels nach der Erstürmung von Leichen bedeckt, aber kaum ein Leichnam einer Frau oder eines KindeS sand sich, weil alle vorher in Sicherheit gebracht waren. — Ein weiteres Telegramm besagt, daß die Gährung im Süden Chinas immer weiter um sich greift, obwohltäglich Flußpiraten und Boxer, die Munition verteilen, festgenommen und enthauptet werden. In Kirganfu sollen- 60 protestantische und katholische Missionare ermordet worden sein. — „Daily Expreß" meldet aus Shanghai, der Handel sei so vollständig lahm gelegt, daß die Zolleingänge nicht genügten, die nächste Zinszahlung auf die auswärtigen Anleihen zu leisten. — In Fuchau ist die Lazaristenmission zerstört worden.
Ferner wurden nach französischen Meldungen zwei Christengemeinden in Setchuan, sowie die Lazaristenanstalt in Laotschensu in der Provinz Kuangsi in Brand gesteckt. — Chinesische Streitkräfte befinden sich bei Aetsang, wo große Quantitäten Reis lagern. — Ein Privatbries aus Kanton berichtet, daß die als „DreisaltigkeitS-
buud" bekannte Geheimgesellschast einen Angriss auf den Stadtteil der Fremden Schamin plane, und daß das Gefühl der Unruhe in Kanton zunehme.
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Der Chef des deutschen Kreuzergeschwaders meldet unter dem 23. d. MtS. einen Auszug aus dem Kriegs- Tagebuch des Kapitäns z. S. von Usedom von der Expedition des Admirals Seymour. Das Wesentliche aus diesem Auszug ist bereits bekannt.
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D i e Antwort des Grafen Bülow auf die chinesische Verbalnote ist den „Berl. N. N." zufolge von der Gesandtschaft ohne Kommentar dem Vizekönig von Nanking zur weiteren Beförderung an den Staatsrat in Peking übermittelt worden. — Das Verhalten Amerikas in der ostasiatischen Frage wird in Berliner Regierungs- kreisen viel milder und ruhiger ausgefaßt, als man vielfach annimmt. Man glaubt nicht an die Isolierung der Vereinigten Staaten, ist vielmehr überzeugt, daß auch Amerika im Prinzip mit den Ansichten der anderen beteiligten Mächte vollkommen übereinstimmt. Wenn die Vereinigten Staaten in diesem Augenblick vielleicht auch einen anderen Weg, als den von den Mächten in'S Auge gefaßten, für richtiger halten, so dürsten sie sich doch sehr bald überzeugen, daß die sich aus einer Einzelstellung ergebenden Konsequenzen nicht zu unterschätzen sind.
Die Einschiffung der deutschen Truppen und eine Rede des Kaisers.
Die Ansprache, die der Kaiser an die heute abgegangenen Truppen unmittelbar vor der Abfahrt gehalten yat, lautet:
,Große überseeische Aufgaben sind es, die dem neu entstandenen Deutschen Reich zugefallen sind, Aufgaben, weit größer, als viele meiner Landsleute es erwartet haben. Das Deutsche Reich hat feinem Charakter nach die Verpflichtung, seinen Bürgern, sofern diese im Ausland bedrängt werden, beizustehen. Die Ausgaben, welche das alte römische Reich deutscher Nation nicht hat lösen können, ist das neue deutsche Reich in der Lage zu lösen. Das Mittel, das ihm das ermöglicht, ist unser Heer. In dreißigjähriger treuer Friedensarbeit ist es herangebildet worden nach den Grundsätzen meines verewigten Großvaters. Auch ihr habt eure Ausbildung nach diesen Grundsätzen erhalten und sollt nun vor dem Feinde die Probe ablegen, ob sie sich bei euch bewährt haben. Bewählt die alte preußische Tüchtigkeit! Zeigt euch als Christen im freudigen Ertragen von Leiden! Möge Ehre und Ruhm euren Fahnen und Waffen folgen. Gebt an Manneszucht und Disziplin aller Welt ein Beispiel! Ihr wißt es wohl, ihr sollt fechten gegen einen verschlagenen, tapferen, gut bewaffneten, grausamen Feind. Kommt ihr an ihn, so wißt: Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht!"
Die Truppen sollen nunmehr vor dem Feind die Probe ablegen, ob die Richtung, m der sich Deutschland in militärischer Beziehung bewege, die rechte sei. Die Kameraden von der Marine zeigten bereits, daß die Ausbildung und die Grundsätze, nach denen die militärischen Streitkräfte Deutschlands ausgebildet werden, die richtigen seien. An den Truppen sei es, es ihnen gleich zu thun. Der Kaiser erwähnte dann, daß es alle mit Stolz erfüllt habe, daß gerade aus dem Munde auswärtiger Führer das höchste Lob den deutschen Streitern zuerkannt würde, und wies ans die Größe der zu lösenden Aufgabe hin. Daß ein Volk, wie die Chinesen es gethan haben, tausendjährige alte Völkerrechte umgeworfen und der Heiligkeit des Gesandten und des Gastrechts in so abscheulicher Weise Hohn gesprochen worden, sei in der Weltgeschichte noch nicht vorgekommen. Der Kaiser wies dann darauf hin, daß jede Kultur, die nicht auf dem Christentum aufgebaut fei, zu Grunde gehen müsse Er fuhr ungefähr fort: „Ich sende euch hinaus, da ihr die alte deutsche Tüchtigkeit, Hingebung, Tapferkeit, das freudige Ertragen jedweden Ungemachs, bte Ehre und den Ruhm unserer Waffen und Fahnen bewahren sollt. Ihr sollt ein Beispiel von Manneszucht, Selbstüberwindung und Selbstbeherrschung geben und fechten gegen einen gutbewaffneten und gutausgerüsteten Feind. Aber ihr sollt auch rächen nicht nur den Tod des Gesandten, sondern den vieler Deutschen und Europäer. Rach tausend Jahren möge der Name Deutschlands in China in solcher Weise belhätigt werden, daß niemals roieber China es wagt, einen Deutschen auch nur scheel anzusehen" Der Kaiser erwähnte dann, daß mit der Uebermacht zu kämpfen sei, und das seien bte deutschen Truppen, wie die deutsche Kriegsgeschichte dies beweise, gewöhnt. Der Kaiser schloß etwa folgendermaßen: „Der Segen des Herrn sei Mit euch. Die Gebete des ganzen Volkes begleiten euch auf allen euren Wegen. Meine besten Wünsche für euch, für das Glück eurer Waffen werden euch folgen. Gebt, wo es auch sei, Beweise eures Mutes. Möge sich der Segen Gottes an eure Fahnen heften und er euch geben, daß das Christentum in jenem Lande Eingang finde. Dafür steht ihr mir mit eurem Fahneneid ein. Glückliche Reise! Adieu Kameraden!"
Ueber die Einschiffung des deutschen Expe- ditionskorpS meldet man aus Bremerhaven. Der Kaiser besichtigte schon von 7 Uhr morgens ab die auslaufenden Transportdampfer, noch ehe die Einschiffung begonnen harte. Zunächst besuchte er mit dem Prinzen Heinrich den Dampfer Batavia, der die Mehrzahl, über 2200 Mann aufnehmen soll. Später wurden die Schiffe Dresden und Halle besichtigt. Nach Beendigung des Rundganges durch die Schiffe begab sich der Kaiser aus die Hohenzollern I zurück, während die Kaiserin mit den Prinzen an Land
Der Krieg in Südafrika.
Drr Vormarsch Lord Stöberte’ -uf Middel. bürg gestaltete sich nach dem nunmehr aus englischen Zei-
kam, um ihrerseits die Dampfer zu sehen. Hierauf begann die Einschiffung der Truppen, die in einer Anzahl von Militärzügen eingetroffen waren.
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Telegramme deS Oteheaer Anzeigers.
London-, 28. Juli. Aus Shanghai wird gemeldet: Den verbündeten Truppen fehlt es vollständig an N a ch richten über die Bewegungen des Feindes. Dieser Mangel an Informationen machte sich besonders in den letzten Tagen fühlbar und verhinderte jede Bewegung der verbündeten Truppen.
London, 28. Juli. Der hiesige chinesische Gesandte teilte mit, ein kaiserlichesDekret vom 24. dS. besage, daß alle fremden Vertreter in Peking außer Ketteler wohlbehalten seien. Lebensmittel verschiedener Art würden iii die Gesandtschaften geliefert, um die Gefälligkeit der chinesischen Behörden darzuthun. — Ein Telegramm aus Shanghai berichtet, daß trotz der wiederholten Versicherungen Li-Hung-Tschangs, die fremden Gesandten seien in Sicherheit, doch die Ueberzeugung zunehme, daß alle chinesischen Würdenträger IhatsäMich ebensowenig über den Stand der Dingo in Peking unterrichtet seien, wie die Europäer. — Das indische Truppen-Kontingent ist in Tientsin angekommen. Auch japanische Verstärk ungen sind gelandet. Die Situation in der Man d schurei wird als äußerst gefährlich geschildert. Die russische Agentur in Hankau berichtet, dort sei die Erregung im Wachsen. Unter den Europäern herrsche eine große
London, 28. Juli. „Daily Mail" meldet: Der chi- nesische Botschafter in London hat nach Peking telegraphiert, Lord Salisbury werde die Botschaft der Kaiserin beantworten, sobald er eine Antwort des britischen Botschafters in Peking, Sir Mac- donald, erhalten habe.
London, 28. Juli. „Daily Expreß" meldet aus Shanghai: Infolge einer Spaltung zwischen den Boxern fand ein heftiger Kamps unter denselben statt, tuobei Prinz Tuan getötet worden sein soll. — Li- Hung-Tschang erklärte, sämtlich^ Botschafter seien von Peking nach Tientsin unterwegs und sie würden von kaiserlichen Truppen begleitet, die von Samvanlin beseh- ligt sein würden.
Brüssel, 28. Juli. „Petit bleu" will aus guter Quelle erfahren haben, daß die belgische Regierung beschlossen hat, die A u s f u h r v o n W a f f e n und Munition! nach, China vorläufig zu untersagen.
Brüssel, 28. Juli. Ein neues Telegramm des belgischen Bice-Konsnls in Tientsin vom 27. ds. berichtet, daß ca. 1OOOO chinesische Soldaten sich in C e i t s a n g, 14 Kilometer von Tientsin entfernt, verschanzt hätten.
Brüssel, 28. Juli. Der Lloyddampser „Straßburg" soll gestimmt sein, die belgischen Truppen nach China zu bringen, und wird zu diesem Zwecke eingerichtet werden. Der Dampfer Straßburg ist ein vollständig neues Schiff- Das belgische Expeditionskorps wird eine von der Roten Kreuz-Gesellschpft eiiigerichtete Ambulanz mit sich führen. "... .
Paris, 28. Juli. Die Zeichnungen zur Bildung der chinesischen Ambulanz haben bereits die Summe von 150000 Frcs. erreicht. ,
Rom, 28. Juli. Der K a i s e r v o n C h i n a hat auch den K ö n i g v o n I t a l i e n und den P a p st um die Berni i t t e l u n g ersucht, jedoch ebenfalls die Antwort er» halten, solange die Gesandten in Peking nicht befreit seien, könne von einer Vermittelung keine Rede sein. - Herzog Sermoneta erhielt von Lihung-Tschang telegraphisch die Meldung, daß sein Sohn, der Adjutant bet der italienischen Botschaft in Peking, sich noch am Leben befindet. _ . ,,
Fiume, 28. Juli. Mitte August werden hier lOOOO Mann deutscher Truppen nach China ein- geschjfft, weil durch die Einschiffung von hier der Weg nacl)! China bedeutend abgekürzt wird.
Petersburg, 28. Juli. Der hiesige chinesische Gesandte berichtete seiner Regierung, daß der Aufruhr in der Mandschurei eine für China bedrohliche Wendung angenonimen habe und daß schleunigst energische Maßregeln zur Unterdrückung des Aufstandes zu ergreifen feien, um die Ruhe wiederherzustellen, da China andernfalls schwere Nachteile zu gewärtigen habe. — Der Kommandeur der Kosaken-Regimenter meldet aus Kuldscha, das Verhältnis mit den Chinesen sei im allgemeinen leidlich, aber sie tauschten im Geheimen Waffen aus untz haben den Kirkisen die Aufforderung zugeschickt, sich am Flusse Jli zu versammeln.


