Ausgabe 
29.7.1900 Viertes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Viertes Blatt»

Sonntag den 29. Juli

Amts- unb Anzeigeblcrtt fitr den Kreis (Sieben

Alle Snzägen«Bermittlu»gSstellea deS In. und ÄuilanK ernten Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgeh Zettenpreis: lokal 12 Pfg., auswärts 20 Pf,.

RiWHm, Expedition und Druckerei: Ar. 7.

tlaee|eu H« Anzeigen zu der michmlttagS für Ne M,«»« Xcf erscheinenden Nummer bis norm. 10 tt>c. AN-strLungen fpäleßenS abeeM vorher.

OricheLmI Ugfi4 Bit LuS»ckhme deS

Die Gießener »«BNieNßtttter Werden de« Anzeiger ta «echf-1 «ttHeff. Swtorirt ä. ^Blätter W M. Volkskunde- WGchtl. 4 «ei beigelegt

Adreffe für Depeschen: Anzeiger frlti*.

Fernsprecher Nr. 5L

GratisbeilagrN: Gießener Familienblatter, Der hegifche Landwirt, Klätter für hessische Volkskunde.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

im

Neiugsprels vierteljährl. Ml. 2,» monatlich 75 Pf, mit Bringerlohn; durch die Abholestelev Vierteljährl. Mt. IM monatlich 65 Pf,.

Bei Postbezug Mk. 2,40 vierteljähÄ.

mit Bestellgeld.

StreihSge durch die Paristr Mkltausßellmg.

Von PaulLindenberg.

(Nachdruck verboten.)

xvn.

Der Deutsche Schiffahrtspavillon. Die Bedeutung des Deutschen Seewesens. Ein Gruß der Heimat.

Die Bedeutung der deutschen Handelsschiffahrt gelangt in ehrenvollster und imposantester Weise durch den Deutschen Schiffahrtspavillon zum Ausdruck, der fid). in unmittelbarer Nähe des eben besuchten Gebäudes befindet und von weitem schon die Augen auf sich zieht. Aus einem mit traulichen deutschen Giebeldächern ver­sehenen, reichen malerischen Wandschmuck zeigenden Unter­bau ragt in Höhe von 40 Metern ein dem Rothesand-Leucht- ckurm in der Wesermündung nachgebildeter Leuchtturm auf, von dessen Spitze uns die deutsche Farben begrüßen und abends sich nach allen Richtungen hin elektrische Licht­ströme ergießen. In das Innere des vom Architekten Thielen-Hamburg herrührenden Baues gelangt man durch ein festgefügtes Thor, über dem sich ein Matrose unserer Kriegsmarine und ein biederer, in Sturm und Wetter er­grauter Schiffer von der Waterkant die Hände reichen, dar­unter aber leuchtet uns der kaiserliche Ausspruch entgegen: Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser", darüber breitet der deutsche Reichsadler schirmend seine Schwingen aus.

Hier im Innern zeigen die großen deutschen Werften lund Schiffahrtssirmen, daß Deutschland sich in verhältnis­mäßig kurzer Zeit den zweiten Platz unter den seefahren­den Nationen der Erde sich errungen und daß es sich- wie dies auch in hem Amtlichen Katalog hervorgehopep fOtrO, aus das regste und erfolgreichste beteiligt an dem internationalen Wettbewerb auf der Hochstraße des.Erd­balls und dem Paradeplatz der Nationen, dem Tummel­platz der Kraft unb des Unternehmungsgeistes aller Völker der Erde. Mchts ist bezeichnender für den älteren Zu- stgnd, heißt es weiter, als daß Deutschland an den ent­scheidenden Erfindungen, an der Erzielung hoher und be­merkenswerter Leistungen in allen in Betracht kommenden Richtungen in den ersten drei Vierteln des 19. Jahr­hunderts nirgend erheblich beteiligt war, während es dann binnen kann: 25 Jahren sich in vielen Zweigen eine führende Stellung erwarb. Durch die großartigsten Hafen­bauten, Mündungskorrektionen, den Bau des Nordostsee­kanals, durch den Aufschwung Hamburgs zum ersten kon­tinentalen und zweiten europäischen Hafen, durch die Or­ganisation und Ausgestaltung der größten Schiffahrts­gesellschaften der Erde, die Begründung großer Fischerei- Mesellschaften, den Bau der größten und schnellsten Riesen­dampfer wie des größten Segelschiffes und der besten und schnellsten Torpedofahrzeuge auf vorzüglichen Werften hat es seine Fähigkeit zur höchsten technischen und kaufmänni­schen Leistung kundgethan und den alten Seemannsruhm der Hanseaten neu zu begründen begonnen.

Den breitesten Raum nimmt im unteren Geschoß des schmucken Pavillons der Norddeutsche Lloyd ein mit den Modellen seines neuen Verwaltungsgebäudes in Bremen, Unb einer diese einschließenden Darstellung seiner gesamten Flotte, von den Riesenprachtdampfern an bis zu den kleinen Hafen-Dampfbooten, welche die Fährgäste an Bord der schwimmenden Kolosse bringen.

Die Hamburg-Arnierika-Linie stellte das Modell des Lichtschachtes und des großen Speisesaales des seit kurzem fahrenden SchnelldampfersDeutschland" aus, einige atfbere Rhedereien sind durch Schiffsmodelle vertreten, ebenso unsere bekanntesten Werften (wie F. Schichjau- Wbing,Vulkan"-Stettin, Blohm & Voß - Hamburg, Weser"-Bremen,Neptun"-Rostock, I. C. Tecklenborg-Bre- merhaven), bie uns in zierlichen Duodez - Ausgaben die mächtigen Kriegs- und Passagierschiffe vorführen, neben Veranschaulichung der Dock-, Krahn- und Reparatur-An­lagen. Die in dieser Eingangshalle aufgestellte, in Kupfer 'getriebene, große Gruppe des Berliner Bildhauers Menck eine Versinnbildlichung der den ganzen Erdkreis um­fassenden Wirffamkeit der Schiffahrt mit dem gewaltigen Haupt des Donnergottes Thor, dessen Hauch die Erdkugel Ift Bewegung setzt leidet an Unklarheit; ein Kunstwerk wirst nicht erst seitenlanger Ausführungen bedürfen, um verständlich zu fein, es ist dann meist von Hebet In zwei Galerien sind viele für das Seewesen wichtige Gegenstände vereint, die von der Rührigkeit und dem ernsten Streben unserer Handwerker, Mechaniker und industriellen Anlagen, nur das Beste zu bieten, rühmendes Zeugnis ablegen. Sehr übersichtlich ist das wahrhaft ungeheure Modell der Ham­burger Hafenanlagen mit der Zollgrenze und den an­schließenden Stadtteilen, sowie mit den in Ausführung begriffenen Eisenbahnumbauten ein bewundernswertes Werk außerordentlicher Genauigkeit und noch, größerer Ge­duld, von dem Hamburger C. Ä. W. Albrecht stammend.

Dieser Schiffahrtspavillon mit feinem reichen und ge­diegenen Inhalt hat sein gut Teil beigetragen zu dem

Erfolge Deutschlands in Paris; den deutschen Besuchern aber bedeutet er einen tieben Gruß aus der Heimat, und gern wenden sich in dem bunten Wirrwarr wieder die Micke zu dem hochragenden, festen Turm mit der jetzt auf allen Meeren flatternden, achtunggebietenden Flagge Schwarz- weiß-rot!

Aus Stadt und Land.

Gieße«, den 28. Juli 1900.

** Das Regierungsblatt, Beilage Nr. 21, vom 24. Juli enthält: 1) Bekanntmachung, die Organisation der Hnfallversicherung betreffend. 2) Bekanntmachung, das Ergebnis der Verwaltung des Großherzoglichen Fonds zur Gewährung von Beihilfen bei Heberschwemmungen für das Etatsjahr 1898/99 betreffend. 3) Bekanntmachung, die Bildung und Zusammensetzung der Schiedsgerichte für die Hnfallversicherung betreffend. 4) Bekanntmachung, die Er­hebung der in der Gemarkung Schiffenberg, Kreis Gießen, erwachsenen Kosten der öffentlichen Armenpflege betreffend. 5) Ordensverleihungen. 6) Ermächtigung tzur Annahme und zum Tragen ftemder Orden. 7) Dienstnachrichten. 8) Dienst­enthebung. 9) Dienstentlassung. 10) Dienstentsetzung. 11) C haraktererteilungen. 12) Ruhestandsversetzungen. 13) Sterbe fälle.

** Diezugeknöpften" Eisenbahnbeam­ten. Sehr zu bedauern bei der herrschenden tropischen Hitze sind die staatlichen Lokomotivführer, denen es streng verboten ist,, im Dienste auf der Loko­motive den schweren Hniformrock auszuziehen oder auch nur einen leichten Rock anzuziehen. Stunden­lang dauert oft die Fahrt, die der Lokomotivführer und sein Heizer, direkt vor der Kesselfeuerung stehend, zurück , legen müssen Da kann max sich leicht die Qualen vor­stellen, die sie bei der heißen Sommertemperatur in ihrer schweren Kleidung auszuhalten gezwungen sind. Uni) wie leicht könnte die vorgesetzte Dienstbehörde den Lokomotiv­führern Erleichterung verschaffen, wenn sie ihnen erlaubte, Drillich- oder blauleinene Kleidung auf der Maschine zu tragen. Bedenkt man, daß die Beamten des inneren Dienstes an den heißen Tagen und in ihren meist kühlen Büreaus in Hemdärmeln dasitzen und sich an und für sich jede Erleichterung verschaffen' können, so kann man nur wünschen, daß denen, die vielfach schwereren Dienst haben als die Büreaubearnten, auch eine den Dienst und das dienstliche Ansehen absolut nicht störende Erleichterung ge­währt wird. Aber die deutschen Eisenbahnverwaltungen sind leider weit davon entfernt, diese berechtigten Wünsche zu erfüllen. Das bewies ja erst neulich die Verfügung der bayerischen Verwaltungsbehörde in Bezug auf die Klei­dung der Abfertigungsbeamten, die wir in unserer Nr. 173 glossierten. Der böse Geist Bureaukratius treibt sein Unwesen gerade im Eisenbahnverwaltungswesen leider am allerschlimmsten. Daß doch ein Donnerwetter vom Himmel käme und ihn zerschlüge!

** Die Beförderung kranker und schwacher Personen auf den Eisenbahnen ist neuerdings wieder durch besondere Vorschriften der preußischen Staats- bahnverwaltüng erleichtert. Es werden jetzt auf Verlangen sogar Salonwagen eingestellt, die zum Krankentransport eigens hergerichtet sind. Die königliche Eisenbahrrdirektion Berlin hat z. B. einen vierachsigen, mit allen Bequemlich­keiten versehenenKranken-Salonwagen" beschaffen lassen, der sich nach ärztlichem Gutachten vorzüglich bewährt. Darin befindet sich, für schwerkranke Reisende ein auf be­sonderem Federgestell ruhendes Bett, das gleichzeitig auch als Tragbahre benutzt werden kann, um den Kranken be­quem in den Wagen hinein und, ohne ihn umzubetten, wieder herausschaffen zu können. Auf arößeren Stationen sind vielfach auch Einrichtungen für den Transport ge­lähmter oder schwacher Personen (Trag- und Fahrstühle) vorhanden, ferner Einsteigetreppen, die an die Wagen her­angesetzt werden. Im Bedarfsfälle hat man sich! nur an die betreffende Station zu wenden. Die Bestellung von Kranken-Salonwagen muß natürlich möglichst frühzeitig, entlveder an die Station oder unmittelbar an die könig­liche Eisenbahndirektion, gerichtet werden, damit der Wagen rechtzeitig herangezogen werden' .kann. Für die Benutzung der Kranken-Salonwagen si:rd die tarifmäßigen Gebühren zu zahlen.

** Heber Spinn st ubenunfug war uns aus Bettenhausen eine vom 18. d. M. datierte Korrespon­denz zugegangen, die wir in unserer Nr. 167 zum Abdruck brachten. ' Nun erhalten wir von Herrn Bürgermeister Köhler aus Langsdorf ein sechs Folioseiten umfassendes Schreiben. Seine Bitte um dessen ungekürzten Abdruck müssen wir mit Bedauern ablehnen. Herr Bürgermeister K,ö h l e r erwidert nämlich auf jenen Artikel unseres Kor­respondenten größtenteils überhaupt nicht, sondern eifert auf mehr als der Hälfte dieser Blätter gegen die Zucht­losigkeit der Städter, greift die akademische Jugend und die Arbeiterbevölkerung rc. rc. an, schafft also damit den

auf diem Lande begangenen Unfug nicht beiseite. Auf der zweiten Hälfte seiner Blätter bestätigt Herr Bürgermeister. Köhler, daß ein Verfahren wegen Schlägerei beim Amtsgericht anhängig gemacht worden und daß eine zweite Schlägerei thatsächlich vorgekommen ist. Die erstere, so sagt Herr Bürgermeister Köhler, sei von einem Menschen aus Fabrikbezirken" hervorgerufen worden und erst durch anonyme Angeber an die Oeffentlich-kcit gekommen. Dne zweite Schlägerei hätten nicht Bettenhäuser, sondern. Burschen aus einem andern Dorfe in angetrunkenem Zu­stande verursacht. Thatsächlich berichtigend sind nur die ersten Worte des folgenden Absatzes:Weiter bemerke ich daß die Behauptung,die Mädchen" (wie der Einsender generalisierend schreibt) trieben sich bis 2 Uhr nachts außer­halb des Dorfes herum, vollständig der Wahrheit zuwider- läuft." Herr K. fährt fort:Wahr dagegen ist, daß die Burschen und Mädchen, vielfach sogar folgend meiner eignen Anregung, an hübschen Sonntag-Sommer- abenben kameradschaftweise auf den Dorsstraßen und ums Dorf herum, ebenso wie in Langsdorf und in allen Noch unverfälschten und unverdorbenen Bauerndörfern, lustwan­deln und sich zu überbieten suchen in Ausübung des Ge­sanges mralter und herrlicher Volkslieder. Freilich ver­urteile auch ich das Ausdehnen solcher Spaziergänge bis tief in die Nacht hinein, aber nur darum, weil die Jugeird dann weniger arbeitstüchtig am Morgen ist, nicht aber weil ich Unzüchtigkeiten befürchte".

Herr Bürgermeister Köhler schließt mit dem Be­merken, daß die dortigen sittlichen Zustände die besten seien; das bewiesen seit langen Jahren die Kirchenbücher und Standesamts-Register. Wir glauben dem Herrn Bürger­meister, dsaß er mit dieser Bemerkung recht hat, und ziehen die moralische Tüchtigkeit der Bettenhäusener keines­wegs in Zweifel. Wir nehmen auch, an, daß unser Herr Korrespondent durchaus nicht die Absicht gehabt hat, die sittlichen Zustände in jener Ortschaft überhaupt zu ver­urteilen, sondern nur gelegentliche bedauerliche Vorkomm­nisse. Wenn er in deren Verurteilung vielleicht das rechte Maß nicht eingehalten hat, Jo geschah das selbstverständlich ohne unser Wissen. Wir Durften dem Herrn, der seine Korrespondenz mit seinem vollen Namen unterzeichnet hatte, ohne weiteres glauben. Daß übrigens Spinnstuben- Vorkommnisse zu behördlichem Einschreiten öfters Veran­lassung geben, zeigt das in dem amtlichen Teile unserer gestrigen Nummer für die Gemeinde Obbornhofen erlassene Polizeireglement. Wir bemerken schließliche, daß es uns, der Redaktion desGießener Anzeigers", völlig fern ge­legen hat, durch Veröffentlichung jenes Artikels den Be­wohnern von Bettenhausen zu nahe zu treten, sondern glaubten im Gegenteil in deren Interesse zu handeln, indem wir begangenen Unfug, der ja nach der Korrespondenz auch von der dortigen Ortspolizei als solcher aufgefaßt worden ist, in der rechten Weise rügten.

Bensheim, 25. Juli. Heute abend ereignete sich hier auf der Station der Main-Neckareisenbahn ein schwerer Hnglücksfall. Als der um 7,29 Uhr von Frankfurt kommende Personenzug den sog. Schwanheimer Ucbergaitg passierte, wurde das Fuhrwerk des Landwirtes Ritzert aus Schwanheim von der Lokomotive ersaßt. Das Pferd erlitt infolge des Zusammenstoßes so schwere Verletzungen, daß es sofort verendete, der Wagen wurde vollständig demoliert und der Lenker des Fuhrwerks schwer verwundet, so daß er in das hiesige Hospital verbracht werden mußte. Außer dem Lenker des Fuhrwerks befand sich noch eine zweite Person auf dem Wagen, die mit dem Schrecke:: und einigen leichten Verletzungen davonkam.

Aus dem Odenwald, 26. Juli. Die Gebäulich­keiten der Lungen Heilanstalt bei Neustadt sind zum großen Teil vollendet, sodaß der Eröffnung in ab* sehbarer Zeit kein Hindemiß entgegensteht. Bei der über­aus günstigen Lage der Anstalt erscheint die Aussicht auf erfolgreiche Wirkung des Aufenthalts und der ärztlichen Behandlung als eine durchaus begründete. Im Jntereffe so vieler Hilfesuchenden kann man es nur freudigst begrüßen, daß der ersten Entschließung zum Bau des Sana­toriums in hiesiger Gegend so rasch und zweckentsprechend die That gefolgt ist.

Kassel, 25. Juli. An dem aus Kupfer getriebenen Herkules, der weltbekannten Kolossalfigur, die das Oktogon auf unserer Wilhelmshöhe krönt, werden gegenwärtig um­fassende Renovierungsarbeiten vorgerwmmen, zum ersten- male seit einem halben Jahrhundert. Von den Zimmer­leuten, die jetzt dort oben in schwindelnder Höhe herum- kletterten!und dem seit beinahe 200 Jahren einsam thronen­den farnesischen Herkules gründliche den Kopf wuschen, wurde unter den Haaren im Kopf des Standbildes eine 12 Zentimeter große, runde Platte aufgefunden, auf welcher folgende Inschrift in lateinischen Lettern steht.Ca­rolus, Landgraf zu Hessen hat dieses Bild machen lassen durch Johannes Jakob Ankhonius, ein Goldschmied, ge= bürtig ans Augsburg. Ist angefangen anno 1714 unb fertig worden anno 1717, den 30. November". Der Fun» dieser bisher unbekannten Platte ist deshalb so bedeutsam.