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29.3.1900 Zweites Blatt
 
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vorübergegangen; man kannte ihn nur als kraftvollen Balladensänger, und als solcher war er in den Schullese­büchern zu finden. Aber erst durch seine Berliner Romane (vor allenIrrungen, Wirrungen") hat er sich seinen Ehrenplatz erobert. Vermögen sich seine Romane auch nur langsam Neuland zu erwerben und infolge ihrer stark ausgeprägten norddeutschen Eigenart über die Provinz ihres Ruhmes hinauszudringen, so stellt Fontane heute doch einen Gipfel dar, den keiner nach ihm mehr er­klommen hat. Ten Schweizer Dioskuren Gottfried Keller und Eonrad Ferdinand Meyer gesellt sich dieser Hugenotten- sprößling als dritter im Bunde, und geliebt wird er viel­leicht noch mehr als diese beiden.

Jetzt konnte es die Verlagshandlung von F. Fontane leichten Herzens unternehmen, seine Erstlingsplaudereien einer dankbaren Gemeinde aufs neue darzureichen. Und wir begrüßen in diesem Band, in demEin So m nt e r inLondon" (1854) undI e n s e i t d e s T w e e d" (1860) vereinigt erscheinen, desalten Fontane" Jugendschriften und ergötzen uns daran, in dem jungen Fontane die herr­lichen Ansätze zu des alten Meisters Kunst wiederzufinden. Ter neuen Ausgabe ist eine aus dem Jahre 1844 stammende Bleistiftskizze beigegeben, die die Züge des Fünfundzwanzig- jährigen festhält: mit einer elegischen Kopfhaltung, die ihm später manchmal ein Lächeln auf die Lippen gelockt haben mag, mit einem üppigen Haarwulst und schwärmerisch gesenkten, müde zufallenden Augen. Dos Porträt mit seiner Stilisiertheit, die an Heinebilder gemahnt, hat etwas Anmutiges, und reizvoll hat der Dichter in einem der köst­lichsten Kapitel seines Buches erzählt, wie es auf einer Villa in der Nähe von London, bei dem gastlichen Mr. Bur­ford, entstand.

Aus mehreren Gründen ist das Buch wertvoll, nicht nur weil es zufällig am Eingang einer Dichterlaufbahn steht. Auch nicht, weil die Reisen in Schottland Vorstudie und Anlaß zu denWanderungen durch die Mark Branden­burg" wurde» und die prachtvollen Balladendichtungen und -Nachdichtungen zeitigten. Wir bewundern das Buch selbst; und wenn wir nichts weiter von diesem Manne wüßten und besäßen, so könnten diese Reiseskizzen einen hervorragenden Platz beanspruchen. Sie könnten erweisen, daß man vorurteilslos in ein fremdes Land kommen soll, nicht eitel lobhudelnd und nicht böswillig verdammend, sondern gerecht vergleichend. Sie könnten uns ferner etwas von der Kunst des Erlebens und der Kunst des Reisens

lehren.

Fontane hat dieser K u n st des Erlebens in seiner letzten Beichte durch die Fülle der Lebensweisheit sind fast alle seine Werke dazu geworden, in dem RomanStech­lin" also das Wort geredet:Die Dinge an sich sind gleichgiltig;allesErlebtewirderstwasdurch den, der es erlebt". Davon macht er hier schon reichlich Gebrauch. Belanglose Ereignisse werden durch die Kunst der Darstellung und die Liebenswürdigkeit des Dar­stellers vergoldet, mit einem Hauch von Ewigkeit behaftet. Die Dinge an sich sind gleichgiltig. Aberöie_ Accente machen s im Leben und in der Kunst". Wenn es Hinz und Kunz erlebten, bliebe es uns gleichgiltig. Wenn's Theodor Fontane erlebt, wird es uns fast zum Erlebnis. Hier ge­währt sich Goethe's Wort:alles Einzelne hat Allgemein-

Neben dieser Kunst des Erlebens und mit chr ge paart - verdient die Ku n st d e s R et f s mcht zu jung angeschlagen zu werden. Heutzutage genügt Jago s Rezept

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Lokales und Provinzielles.

(«ftemyme Einsendungen, gleichviel welchen Inhaltes, werden grundsätzlich nicht ausgenommen.)

Gießen, 28. März 1900.

** Geschichtskalender. (Nachdruck verboten.) Vor 74 Jahren, m 2». März 1826, starb *18 Badischer Hofrat der Dichter j-hann Heinrich Votz in Heidelberg, der gewandte Ueberjetzer ob Sänger derLuise". Seinem Charakter nach war er eine llwchaus norddeutsche Natur; als Dichter versuchte er sich in allen !Ktm der Lyrik. In seinen Streitschriften tret er für unbedingte Dtnb und Gewissensfreiheit ein. V. wurde am 20. Februar 1751 M Sommersdorf in Mecklenburg geboren.

" Der Umzugstermin (1. April) fällt diesmal auf einen Sonntag. Es feien deshalb die Bestimmungen des neuen Bürgerlichen Gesetzbuches in Erinnerung gebracht. Nach §556 des B. G. B. ist der Mieter verpflichtet, die ge- «irtel« Wohnung nach der Beendigung des Mietsverhältnisses Mkiiä,zugeben. Das Quartal läuft mit Mitternacht des 31. März ab, die Wohnung wäre sonach nach dieser Zeit, «Iso «m 1. April, zu räumen. Da aber der 1. April auf einen Sonntag fällt, so kommt § 193 des B. G.-B. in grogt, der folgendes besagt: Ist an einem bestimmten läge oder innerhalb einer Frist eine Willenserklärung ab- jiigeben oder eine Leistung zu bewirken, und fällt der be- jtimmie Tag oder der letzte Tag der Frist auf einen Sonntag »der einen am Erklärungs- oder Leistungsorte staatlich an- «lannten allgemeinen Feiertag, so tritt an die Stelle des Iomntags oder des Feiertags der nächstfolgende Werk­tag. Danach scheiden die Sonn- und Feiertage als ver- ttagsmäßige Erfüllungstage auS. Es tritt an ihre Stelle rniner der nächste Werktag. Die Mieter sind also erst ««pflichtet, am Montag, 2. April, die Wohnung zu räumen. ' Darüber, daß zu einer bestimmten Stunde oder bestimmten Tageszeit die Wohnung geräumt werden muß, bestimmt das Sesctz nichts, überläßt dies vielmehr ortspolizeilichen Be- titnmungen. Es kann demnach der Mieter nicht gezwungen intrben, am 31. März auszuziehen.

* *

**th. Landwirtschaftlicher Verein für die Provinz Ober- WM Generalsekretär Dr. Müller-Offenbach sprach am : b8. nachmittags in einer gut besuchten Versammlung des landwirtschaftlichen Vereins für die Provinz Oberhessen iilet das Thema:Wie hoch müßten unter Berück­sichtigung der heutigen Verhältnisse die land- «»Ktlchaftlichen Zölle in den neuen Handels- iMrträgen angesetzt und festgelegt werden? Der Redner macht in erster Linie für den Niedergang der rL-Mbwirlschaft die Handelsverträge verantwortlich bei denen l >ir Landwirte die Vorteile der Industrie und des Handels l«zahlen müßten. ES sei nicht zu bestreiten, daß das Dar- i litberliegen der landwirtschaftlichen Produktion auch auf imbert Umstände mit zurückzuführen sei. In der Haupt- ftzhe sei es aber die Handelspolitik, welche die Schuld

trage, daß die Preise der landwirtschaftlichen Produkte derart zurückgegangen seien, daß ein sicherer Erwerb dabei in Frage gestellt werde. Selbst bei der noch lohnenden Viehzucht verhindere die Seuchenkalamität, daß der Land- wirt sich diesem Erwerbe beruhigt zuwenden könne. Hierzu komme die Arbeiterfrage, die dem Landwirt das Leben sauer mache. Die Arbeiter ziehen, der besseren Löhne und der kürzeren Arbeitszeit wegen, wozu noch die Ungebunden­heit des Lebens daselbst komme, in die Stadt. Alle hier­gegen vorgeschlagenen und versuchten Mittel seien resulatloS gewesen, und sei hierdurch der ungünstige Einfluß der Handelsverträge auf den landwirtschaftlichen Erwerb noch verstärkt worden. Redner geht dann auf die landwirt­schaftlichen Verhältnisse des Großherzogtums näher ein und erörtert durch Vergleiche der beiden in den achtziger und neunziger Jahren stattgesundenen Erhebungen, daß auch in Hessen ein rapider Niedergang der Landwirtschaft zu ver­zeichnen sei. Nach diesen Erhebungen, die sich auf 38 Wirtschaften erstreckten, seien die Arbeitslöhne um 50 Proz. seit 1886 gestiegen, und die Grundrente dieser untersuchten 38 Betriebe betrage im Durchschnitt 0,41 Prozent. Redner behauptet, daß Deutschland im stände sei, seinen Körnerertrag so zu steigern, wie dies zur Ernährung unserer Bevölkerung erforderlich sei. Dies sei möglich durch eine intensivere Ausnützung der An­baufläche, zu welcher sich aber heute niemand bequeme, weil die Getreidepreise so gering seien, daß sie die Selbstkosten nicht decken. Die Kommission des Hess. Landwirtschaftsrats, welche sich mit der Frage des Ablaufes der Handelsverträge und der Erhöhung des Schutzzolles auf landwirtschaftliche Erzeugnisse beschäftigt habe, sei in ihren Vorschlägen, welche sie nach der Richtung zu machen habe, einig. Das Min­deste, was verlangt werden müsse, sei ein Schutzzoll auf Weizen und Roggen von 7 Mk., auf Gerste und Hafer von 5 Mk. pro Doppelzentner. Dementsprechend seien zu er­höhen die Zölle auf Mehl und Mühlenfabrikate. Ebenso habe man mit der Einfuhr von Wein und Trauben von Italien her schlechte Erfahrungen gemacht und werde man einen mäßigen Zollschutz auch hierfür beantragen. Weitere Vorschläge habe man zu machen betreffs eines Schutzzolles auf Obst, und zwar für Schüttel- und Kelterobst 1,50 Mk. Für Obst in einfacher Verpackung 3 Mk. und für feines sogenanntes Tafel-Obst 4 Mk. für den Doppelzentner, während der Obstweinzoll, so wie er besteht, belassen werden könne. Von interessierter Seite aus Norddeutschland ver­langt man die Erhöhung des Eingangszolles für Pferde von 20 auf 50 Mk. das Stück. Ebenso könne ein Schutz­zoll auf Geflügel nicht schaden. Nach einer lebhaften Dis­kussion, wobei sich alle Redner für eine Erhöhung des Schutzzolles auf landwirtschaftliche Produkte aussprachen, nahm die Versammlung eine Resolution an, in welcher die Hess. Staatsregierung ersucht wird, in diesem Sinne beim Bundesrat zu wirken. Zum Präsidenten des Vereins

wurde Herr Graf Friedrich zu Solms-Laubach, zum Vizepräsidenten Herr Oekonomierat Schienke-Hardt­hof per Acclamation auf 6 Jahre wiedergewählt.

** Vom Vorstande des Detaillisteuverbandes für Hessen und Waldeck erhalten wir folgende Zuschrift: Im Interesse der Landbewohner halten wir uns für berufen, dieselben vor Hausierern zu warnen, welche Sensen im Preise von 3 bis 4 Mark an den Mann bringen, die in Wirklichkeit nicht mehr als höchstens 2 Mark Wert haben und für letzten Preis in jedem reellen Geschäft zu haben sind. Also Vorsicht!

Landeskirche. Im Jahre 1898 betrug im Groß­herzogtum Hessen die Zahl der von der evangelischen Landes­kirche (formell) Getrennten: Altlutheraner 911 (1897: 986), Darbysten und Baptisten 361 (375), Methodisten 113 (120), andere Sektierer 543 (868), Freiprotestanten 3507 (3105), zusammen 5434 (5454). Im selben Jahre sind zur evan­gelischen Landeskirche übergetreten: von der katholischen Kirche 100 (113), von anderen christlichen Konfessionen 30 (49), Sonstige 8 (24), zusammen 138 (186); auS der evangelischen Landeskirche ausgetreten: zur katholischen Kirche 13 (12), zu anderen christlichen Konfessionen 26 (24), ohne Uebertritt 1 (2), zusammen 40 (35).

** Wo bleiben die Kartenbriefe 5 Bei der Neuordnung des Postverkehrs für den Ort- und Nachbarortverkehr scheint man die Kartenbriefe vergessen zu haben. Sie sind über­haupt so eine Art Schmerzenskind. Kaum waren die Kartenbriefe da, so wurden sie Gegenstand der abfälligsten Kritik und allem Anschein nach hat sich die in anderen Ländern ungemein beliebte Briefform bei uns noch nicht recht eingebürgert. Umsomehr muß es, wie derKon­fektionär" hervorhebt, überraschen, daß der Kartenbrief bei dem Ortsverkehr völlig vergessen worden zu sein scheint, während doch gerade dies ein vorteilhaftes Verwendungs­gebiet sein dürste. Bleibt der Kartenbrief nur als 10 Pfennig- Brief bestehen, so wird sich das Publikum seiner wieder ganz entwöhnen. Man sollte entweder 5 Pfennig-Karten­briefe für den Ortsverkehr schaffen oder die vorhandenen Kartenbriefe mit dem UeberdruckOrtsverkehr" versehen und sie für 5 Pfennig verkaufen.

** Von hessischen Behörden werden steckbrieflich verfolgt: Mathilde Barth aus Nassach wegen Betrugs, Diebstahls und Unterschlagung von Großh. Staatsanwaltschaft zu Darmstadt; Bäckergehilse Gustav Hermann Gäßler aus Mahlberg wegen Diebstahls von Großh. Staatsanwalt­schaft Darmstadt; Zimmermann Johann Wilh. Kahlen aus Drielakemoor wegen Betrugs vom Großh. Amtsanwalt zu Bingen; Schlosser und Schmied Wilhelm Kammer aus Ober-Widdersheim wegen Strafvollstreckung von Großh. Staatsanwaltschaft Gießen; Taglöhner Johann Heinrich Koch aus Heftrich wegen Diebstahls vom Großh. Amts­anwalt zu Friedberg; Tischler Emil Kranich aus Altenfeld wegen Körperverletzung, und Schlosser Karl Wilhelm Last

Feuilleton.

Theodor Aonlancs erstes Much:

Aus England und Schottland.*)

Erstlingswerke haben ein zweifaches Schicksal. Ge- i pilnilid) gehen sie bei ihrem Erscheinen an der Oeffent- I iv^feit spurlos und unbeachtet vorüber, werden in Litte- rrÄirgeschichten eingesargt, Dienen höchstens dem den Ent- nnülungsgang des Dichters sorgsam Aufzeichnenden als ^Btgweiser und Prüfstein litterarhistorifcher Methode und fPrn im günstigsten Falle, indem sie sich von berühmteren s. Seifen desselben Verfassers euren schwachen Abglanz er- i«i,en, nachträglich Auferstehung. Seltener pflegt es zu ;8jd)c()en obwohl dieses Schicksal eine ganze Reihe mo- 1 «einer Schriftsteller, nicht zum Vorteil ihrer Entwickelung, l jefroffen hat, daß die Primizien auf dem Altar der die wertvollste Frucht des Spenders bleiben. Ter injotg des Erstlings stellt sich den künftigen Werken mit $ |eifrci§ten Beinen in den Weg, verdunkelt sie durch den ^eienschatten, der ihm selbst anhaftet, und bewirkt, daß «ilie folgenden Gaben mit strengerem Maßstab gemessen i mb mit gesteigerten Ansprüchen ausgenommen werden, 't-ür kreide Fälle lassen sich zahlreiche Belege anführen.

Än Theodor Fontane haben wir das außergewöhnliche ^il'p-iel erlebt, daß ein Dichter erst an der Schwelle des eniireisenalters durch seine Werke Aufsehen erregte und iüfliMt zu der ihm gebührenden Wertschätzung gelangte. ©Seine ersten Schöpfungen waren ohne jeglichen Widerhall

~*=) Berlin W., F. Fontane & Co-, 1900, 528 S.