253 Zweites Blatt. Sonntag den 28 Oktober 15V. Jahrgang iwo
Gießener Anzeiger
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Zum Gedächtnis Moltkes.
-nn. Darmstadt, 26. Oktober. Zum Andenken an den Feldmarschall Grasen von Moltke und dessen hundertjährigen Geburtstag fand heute abend im Kaisersaal eine festliche Vereinigung statt, zu der die Kriegervereine ihre Mitglieder besonders geladen hatten. General a. D. M e u g e s hielt die Festrede in begeisternden Worten an Hand der Kriegsgeschichte. Die unvergeßlichen Thaten des großen Strategen, Schweigers und Denkers verherrlichend; Landtagsahg. Dr. O s o brachte das Kaiserhoch, Oberstleutnant Cra^plini auf die Groß herzogliche Familie, Renner Buß auf die Flotte aus; zum Schluß toaff^'e Herr Osann aus das Vaterland. Die Kapelle En^'j ergänzte in hübschen Musikvorträgen d'.e verlaufene Feier.
Frankfurt a. M., 27. Oktober. Gestern abend fand hier im Saal der Loge Karl eine Moltke-Feier statt. Nach einer Begrüßung der Anwesenden durch Herrn Martell brachte der Stadtkommandant Generalleutnant v. S t ü l p n a g e l das Kaiserhoch aus. Die Festrede hielt Herr Oberlandesgerichtsrat Dr. Göschen, in welcher der Redner das Leben und Wirken Moltke's schilderte. An den Kaiser wurde ein Huldigungstelegramm abgesandt.
Aus Berlin wird vom 26. geschrieben:
Der Kaiser gedachte bei der heutigen Frühstücks- tafel im königlichen Schloß deH G r a f e n M o l t k e, indem er ausführte:
„Unser Glas sei geweiht dem Andenken des großen Fe l d m a r s ch a l ls , der gleich unerreicht ist als Sieger und Heerführer auf dem Schlachtfelde, als Lehrer und Ausbilder im Frieden und als treuer Freund, Berater und Diener meine- Hauses und meiner Person, den Manen und dem Andenken des Feldmarschalls, dessen Geist stets meinen Generalstab „auch fernerhin zu neuen Arbeiten und Siegen führen möge !" Das Armeeverordnungsblatt veröffentlicht einen kaiserlichen !Arm e e b e f e 6 l, der besagt: •
Heute sind 100 Jahre seit dem Tage verflossen, an welchem Generalseldmarschall Graf Moltke das Licht der Welt erblickte. Dankerfüllten Herzens preise ich die Gnade des Allmächtigen, der dem Vaterlande diesen Mann geschenkt hat, und voll freudigen Stolzes beglückwünsche Ich mein Heer, das diesen Feldherrn sein eigen nennen durfte. Die Thaten des verewigten Feldmarschalls, der in glorreichen Kriegen von welterschütternder Bedeutung Meinem unvergeßlichen Herrn Großvater als treuer Berater zur Seite gestanden hat, sind mit Flammenschrift auf den Tafeln der Geschichte verzeichnet. Unauslöschlich wird in Meiner Armee die Erinnerung an ihn fortleben, dem bis zum letzten Tage seines gottgesegneten Lebens es in strenger Selbstzucht, treuer Pflichterfüllung und unwandelbarer Vaterlandsliebe niemand zuvorgethan hat. Möge dieses Muster aller Kriegstugenden der Armee bis in die fernsten Zeiten ein Vorbild fein, woraus sie neue Kraft schöpft zur vollkommenen Erfüllung der erhabenen und schweren Ausgaben, die ihr zugewiesen sind.
Bei dem gestrigen F e st m a h l des Generalstabs, anläßlich der hundertsten Wiederkehr des Geburtstages Motke's, hielt der Chef des Generalstabs der Armee, Graf Sch liessen, eine längere Festrede, in der er Moltke als Heerführer feierte. Man bedauerte vielfach führte Schliessen aus, daß Moltke keine Kriegslehre hinterließ; es könne thatsächlich bedauerlich erscheinen,
daß ein Feldherr wie Moltke keine schriftliche Anleitung zurückließ, wie man einen Feldzug schnell beende. Daß er eine solche Anleitung nicht hinterlassen konnte, gehe aus der Erklärung der von ihm geübten Kunst der Kriegsführung hervor, die Moltke gab. Die Strategie, sagte er, sei ein System der Aushülfen. Dieses Wort Moltke's sei ein Einspruch gegen alle, die starre Regeln für die Kriegsführung aufstellen wollten; es bringe Freiheit für alle. Nunmehr bewies Graf Schliessen an zahlreichen Beispielen beider Feldzüge 1866 und 1870, wie oft Moltke den theoretischen Regeln der Kriegskunst entgegen handelte, um den Sieg zu erringen, Auch daß Moltke besonders vom Glück begünstigt war, könne nur in dem Sinne zugegeben werden, daß das Glück auf die Dauer nur beim Tüchtigen treu bleibe. Viele Momente, besonders 1866 bewiesen, daß Moltke keineswegs immer Glück im landläufigen Sinne hatte. Die Erklärung seiner Erfolge liege darin, daß wer siegen wolle, die sttategi- schen Grundsätze beherrschen und entscheiden müsse, welche er benutzen wolle, und über welche er sich Hinwegsetzen könne. Das Beobachten der strategischen Lehren allein verbürge den Sieg noch nicht, wie an Napoleon I. zu sehen sei, dem Künstler der inneren Linie, der an der inneren Linie zu Grunde ging. Es bleibe also die Kunst der Kriegführung, das als was Moltke sie bezeichnete, ein System der Aushilfen. Freilich hatte Moltke nicht eine, sondern viele Aushilfen. Jeder, der unter ihm focht, wußte, daß im richtigen Augenblick der richtige Entschluß gefaßt würde. Dieser Entschluß war einfach Aber- hinter dieser Einfachheit, die sich auch im äußeren Auf- treten Moltke's kundgab, brannte das Feuer einer Feld- herrnseele, die nach rücksichtsloser Besiegung des Feindes drängt.
Aus S ch w e i d u i tz schreibt tuan vom 26.. Der hun dertste Geburtstag Moltke's wurde heute in Creisau durch eine weihevolle Gedächtnisfeier am Mausoleum begangen. Daran nahmen teil: Die nächsten Verwandten der Familie Moltke"s, Vertreter des großen Generalstabes, des Generalstabes des sechsten Armeekorps, der Ofsizierkorps der Garnisonen Breslau, Oels, Schweidnitz und Glatz, Deputationen des Kreiskriegerverbandes. Zahlreiche Kriegervereine der Umgegend waren anwesend. Im Auftrage des Kaisers legte Generalmajor Graf Moltke einen prächtigen Lorbeerkranz am Sarge nieder, der auf weißseidenen Schleifen die Inschrift trägt: „Dem Generalfeldmarschall Grafen Moltke von feinem! dankbaren Könige Wilhelm. 1800 26. Oktober 1900". Der Sarg ist mit zahlreichen herrlichen Kränzen geschmückt. Nach der Feier fand im Schlosse ein Diner statt.
In Karlsruhe wohnten der Moltkefeier Prinz Karl, das gesamte Offizierkorps und die Spitzen der Behörden bei. Nach einer Ansprache des Geheimrats von Marschall hielt Prof. v. Oechelhäuser die Festrede. Mit den Boettge'scheu historischen Märschen aus den Besrei- ungskriegen schloß die Feier.
In Parchim, dem Geburtsorte Moltke's-, fand ein großer Festzug statt und eine Feier vor dem reich geschmückten Denkmal Moltke's. Die Schwestern des Verstorbenen widmeten dem Kriegerverein für den Festzug einen Zweig des Baumes, unter dem Moltke als Knabe gespwlt hat. .
Das vom Bildhauer Haverkamp aus Berlin entworfene M o l t k e d e n k m a l in P l aüe n wurde am 26. in Anwesenheit der königlichen und städtischen Behörden feierlich enthüllt. Der Enthüllnngsfeier ging ein Festzug durch die Straßen der Stadt vorauf.
Der Krieg itt China.
Es ist bereits mitgeteilt worden, daß auch die von Peking nach! Paotingfu vorgerückte Kolonne nunmehr diesen Ort erreicht haben muß. Wenn auch die von Tientsin abgeschickte Kolonne auf keinen Widerstand gestoßen ist und die Behörden in Paotingfu den Verbündeten freundlich entgegengekommen sind, so ist doch bemerkenswert, daß die mit der nördlichen Kolonne marschierenden deutschen Truppen unterwegs ein scharfes Gefecht mit kaiserlich-chinesischen Soldaten gehabt haben. Es scheint also, daß die Behauptung des „Prinzen Tsching und der andern", die kaiserliche Armee sei jetzt gegen die Boxer ausgesandt, wieder einmal chinesischer Schwindel ist, daß der kaiserliche Hof vielmehr auch jetzt noch den. bewaffneten Widerstand sortsetzen will, lieber den Vormarsch auf Paotingfu und jenes Gefecht liegen folgende Nachrichten vom 18. Oktober vor aus Nganschu, einem etwa 25 Kilometer nordöstlich von Paotingfu gelegenen. Orte: Die von Peking nach Paotingfu vorrückende Expedition bezog am 16. Oktober bei Kutsching (15 Kilometer nördlich von Nganschu) ein Lager, wo sie die Nachrickjch erhielt, daß 2000 Mann kaiserlicher Truppen dem Vormarsch der Verbündeten in nordwestlicher Richtung ausgewichen seien. Die Kolonne nahm am 17. Oktober den Marsch wieder auf, erreichte Nganschu und besetzte es. Heute wurden deutsche Vorposten 11 Kilometer von Nganschu entfernt von einer Abteilung kaiserlicher Truppen beschossen. Die Deutschen griffen die Chinesen an und schlugen sie nach scharfem Kampfe in die Flucht. Sie erbeuteten zwei montierte Geschütze und eine Anzahl anderer Waffen, sowie auch acht Fahnen, hundert neue Gewehre, 25 Pferde und eine Menge Munition. Man erwartet, daß die Operationen gegen den Feind mit Paotingfu als Basis unternommen werden sollen.
liebet die Lage der Dinge am Yangtse laßt sich, der Vertreter der „Times" recht pessimistisch also aus: „In gut unterrichteten Kreisen herrscht die entschiedene Meinung, daß die militärische Lage in der dangtsegegend unmöglich werde; Vorräte, Waffen, Munition, Nahrungsmittel und Geld werden noch immer in großen Mengen vom Aangtse aus nach dem kaiserlichen Hofe gebracht. Die chinesischen Truppen daselbst und im Norden von China werden eifrig einexerziert und im Schießen geübt unter dem Befehl europäisch ausgebildeter Unteroffiziere. Die Ernennung Yütschangs zum Gouverneur von Hupe ist eine offensichtliche Beleidigung der auswärtigen Mächte. Diese, von einem wütend fremdenfeindlichen Sinne zeugende Ernennung beweist, daß die Friedensverhandlungen in Peking lediglich zu dem Zwecke geführt werden, Zeit zu gewinnen. Die China Association und die hiesige Presse 'haben die englische Regierung wiederholt ohne Erfolg gewarnt, daß die Politik der Unthätigkeit äußerst gefährlich- werde. Wenn diese Politik weiter verfolgt werde, so würden die Vizekönige int Ycmgtsethale, die nicht immer in abwartender Haltung verharren könnten, sich bewogen fühlen, auf die Seite der Reaktionäre zu treten. Um der Lage gerecht zu werden, feien noch 10 000 Mann nötig."
Auch die Lage irn Süden gestaltet sich recht bedrohlich, wenn man der folgenden Reutermeldung aus Hongkong vom 25. Oktober Glauben schenken darf: „Nach Berichten aus Liutschan haben die Boxer, nachdem sie | in der Stadt ihre Plakate angeschlagen hatten, in der
Hießener Sladliyealer.
Gießen, 27. Oktober.
Vor einem endlich wieder einmal zufriedenstellend besetzten Hause ging gestern abend unter lautem Beifall zum ersteumale die Novität: „Die strengen Herren" von Blumenthal und Kadelburg, die sich auch hier als gutes Kassenstück erweisen dürfte, in Szene. Die Herren Blumenthal und Kadelburg haben sich für die heurige Wintersaison nicht die Köpfe zu zerbrechen brauchen, welchen geistreichen Verwicklungen sie, wenn sie gezwungen wären, abermals in das Wirtshaus „Zum weißen Röß'l" einzukehren, die fesche Wirtin Sephi, den Glühstrumpffabrikanten Giesecke und alle die anderen Bekannten aussetzen wüßten, um den klingenden Erfolg auch für diese Kampagne an ihre Fahne zu heften — dieser Sorgen hat sie unsere Reichsregieruiig, die bekanntlich gerne allen ihren Unterthanen aus der Not hilft, überhoben, als sie vor kurzem die famose Lex Heinze wieder ans Licht zog. Und mit dem Spürsinn geschäftsgewandter Stoffjäger Haben Blumenthal und Kadelburg das Thema dieser Lex aufgegriffen undiM'Lustspielcheii drmn'herum geschrieben. Und zwar ein sehr flottes und geschickt gemachtes, wie sichs chr zwei so alte Routiniers geziemt. Wie der frühere Weinhandler und jetzige Reichstagsabgeordnete Wernicke-
Bieberach, der sich für die Zeit der Reichstagssession bei seinem Schwiegersohn, dem Arzte Dr. Hettner in Berlin einloaiert hat, und der dort, vom Geiste der Lex Heinze- Männer infiziert, das ehrenvolle Amt des Vorsitzenden eines Vereins zur „sittlichen Säuberung der Reichshaiipt- stadt" bekleidet, durch allerhand amüsante Machinationen eines Schwiegersohnes, ferner des Gutsbesitzers Kreidig und des Schriftstellers Ewald, des Verfassers der verbotenen Sittenrichter", aus einem polternden muckerischen Eifrer wieder in einen ehrlichen, gemütlichen, fmneii- freudigen Menschen umgewandelt wird, — das alles wird von den Verfassern mit altbewährter Gewandtheit und unter Beigabe von soviel guten und schlechten, oft stark dekollettierten und daher ihrer Wirkung stets sicheren Witzen geschildert, daß das Publikum auf das Angenehmste unterhalten wurde. ... Cs steht zu hoffen, daß die Herren Blumenthal und Kadelburg, die mit ihrer Novität eine reiche Tantiemenernte einheimsen werden, sich der Reichsregierung dankbar erweisen und dem zuständigen Reichsamte einen Teil ihrer Einnahmen, etwa zur Unterstützung verarmter deutscher Dichter, zufließen lassen werden; angemessen und zeitgemäß wäre just der Betrag von 12 000 Mark. . . . Sollte übrigens wirklich der prachtvolle Lustspielstoff« der in dem Jdeenkreis der Lex Heinze liegt, für unsere Sitteratur damit endgiltig ausgenützt sein, daß Blumenthal und Kadelburg ein wenig an ihm herum
geschneidert haben? Giebt es keinen rechten Dichter in deutschen Landen, der es wagen könnte, den Stoff nicht etwa „für die Saison zu bearbeiten", sondern der das lebens- und kunstfeindliche lichtscheue Komplott der Lex Heinze-Männer, die thatsächlich in unseren Tagen in Deutschland noch möglich waren, in einer unsterblichen Form dem ewigen Gelächter der Menschheit preisgiebt? Vielleicht besinnt sich unser Gerhart Hauptmann, daß er uns auch! schon prächtige Komödien geschenkt hat. . . Einer hätte sicher zur Ausschöpfung des Themas das nötige Rüstzeug an Genialität und Bosheit, Henrik Ibsen; aber er 'müßte dazu wohl noch einmal 30 Jahre jünger sein.
Gespielt wurde recht flott. Mit sicherem Können stellte Herr Liebscher die Figur des Reichstagsabgeordneten Wernicke-Biberach auf die Bretter, ebenso fanden die Rollen seiner Kollegen von der „moralischen Säuberung" in den Herren Lachmann (Oberlehrer Zapf), der in Maske und Spiel vorzüglich war, R e i n h a r d t (Bezirks- Vorsteher Klinkhardt), Hofer (Major v. Eulitz) iind M a r l i tz (Konsul Mollenhauer) passende Vertreter. Herr R a m seyer, den wir noch etwas beweglicher wünschten, gab den Dr. Hettner, Herr di Balthyni den Schriftsteller Ewald, Herr Helm die dankbare Rolle des Gutsbesitzers Kreidig. Die Damen von Lindenau und Wohlbrü<f als Töchter Wernickes ivaren an ihrem Platze
Dr. Th. M.


