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28.10.1900 Viertes Blatt
 
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Sonntag den 28 Oktober

150. Jahrgang

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General-Anzeiger

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Rebellion, Expedition und Druckerei^

Schulstraße Nr. 7.

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Politik Rußlands in ihren gewaltigen Anläufen und An­strengungen wie auch! in ihren überraschenden Wand- lungen verständlich! erscheinen zu lassen.

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I den beiden Rivalen bedenklich zugespitzt. Um Japan jeden I Grund zum Einschreiten zu nehmen, setzte Rußland sich | mit ihm wegen Koreas vorläufig auseinander und zog I sich aus diesem Lande zurück. Der betreffende Vertrag I (eine Ergänzung des Vertrages vom Jahre 1896) verpflich- I tete beide Staaten, sich jeder Einmischung in die Ver- I hältnisse in Korea zu enthalten und militärische Jnstruk- I toren und Finanzbeiräte ohne vorhergegangenes Einver- I ständnis nicht abermals dahin zu entsenden; auch ver- I sprach Rußland darin, mit Rücksicht auf die sehr ent- I wickelten Handels- und Jndustrieunternehmungen Japans I in Korea, der Weiterentwickelung kommerzieller und in- I dustrieller Beziehungen zwischen Japan und Korea keine I Hindernisse zu bereiten. Gleichzeitig zog Rußland seine I seit dem Jahre 1896 in Korea befindlichen militärischen I Instruktoren und den Finanzbeirat zurück. Doch stehen I noch kleine russische und japanische Detachements in Korea I zum Schutz der Gesandtschaften, Konsulate und Tele- I graphenlinien Rußlands und Japans. In dem Vertrage I von 1898 zeigte Rußland also, ganz im Gegensatz zu I seiner seit 1895 in Korea beobachteten aggressiven Politik, I Mäßigung und Nachgiebigkeit gegenüber Japan. Nach der I Fertigstellung jener Bahnen kann Rußland aber seine I defensive Rolle gegenüber Japan aufgeben, denn seine I Truppen, seine Festungen und seine Flotte in Ostasien I sind dann durch eine nirgend bedrohte Eisenbahnverbin- | düng auf die großen Machtmittel des europäischen Rnß- I land basiert und können günstige politische Konstellation I in Europa vorausgesetzt von dort her beliebig ver- I stärkt und versorgt werden. Sobald Rußland aber in I Korea wieder aggressiv aufzutreten vermag, wird es sich I einer weiteren Fortschritten Japans daselbst vorbeugen- I den Politik auch! bald genug gedrängt fühlen, denn es I liegt klar zutage, daß mit der Einbeziehung Koreas und I der Mandschurei in die russische Machtsphäre das russische I Ostasien eine natürliche und sichere Abgrenzung finden I würde, innerhalb deren es alle Kulturaufgaben selbst- I ständig lösen könnte.

Allerdings gehen die mannigfaltigen Interessen der I russischen Staats- und Wirtschaftspolitik über diese Grenzen I noch hinaus. Dies zeigte sich beispielsweise recht deutliche i | gelegentlich der soviel umworbenen Konzession für den I I Bau und Betrieb der Peking-Hankau-Bahn. Es handelte I sich für Rußland hauptsächlich um die nördliche Hälfte, I nämlich um die Strecke Peking-Kaiföng, weil diese außer- I ordentlich wertvolle Bahnlinie die russischen und die I chinesischen Länder und deren Interessen noch enger ver- I knüpft und der mandschurisch-sibirischen Bahn reichen Ge­winnanteil sichert. In der That laufen die wirt­schaftlichen Interessen Chinas und Ruß­lands parallel, während die der übrigen einander in Ostasien Konkurrenz machenden Mächte Japan, Eng­land, Deutschland und Vereinigte Staaten von Nord- I amerika den chinesischen zuwider laufen. In China I weiß man, daß diese vier Industriestaaten aus dem I Lande ein Feld für die Arbeit ihres überschüssigen Kapitals und einen riesigen Markt für ihre Fabrikate machen, keines- I wegs aber die Jndustrieprodukte Chinas aufnehmen oder I dessen Industrie fördern wollen, dies auch nicht können, I da die außerordentlich billige chinesische Arbeit die I heimische im Preise drücken würde. Im chinesischen Außen- I handel steht einer bedeutenden Einfuhr von Fabrikaten I ! (worunter etwa 50 pCt. Baumwoll- und Wollstoffe) nur I eine unbedeutende Ausfuhr von Rohstoffen gegenüber. I Würden diese von den obengenannten Einfuhrstaaten übernommen, so kämen sie als Fabrikate zum großen Teil I nach China zurück, das die fertige Arbeit und obendrein I den doppelten Transport zu bezahlen hätte. Natürlich I hat China das Interesse, diese Arbeit selbst zu verrichten I und die Einfuhr fremder Fabrikate einzuschränken. Unter I der Ausfuhr von Nahrungs- und Genußmitteln nimmt I der Thee die erste Stelle ein, aber auch an der Ausfuhr I dieses Artikels ist England, der Haupt-Einfuhrstaat, wenig I interessiert, seitdem es in Indien selbst Thee produziert. I Ganz entgegengesetzte Interessen hat Rußland an dem I Außenhandel Chinas. Rußland ist kein Industriestaat, I sondern ein Ackerbau treibender Staat und hat also eher I ein Interesse daran, die chinesische Industrie durch Er- I öffnung des russischen und später auch im besonderen I des sibirischen Marktes zu heben und dafür in China I ein Absatzgebiet für eine steigende Einfuhr von Nahrungs- I Mitteln zu gewinnen. Sibirien, die Amurländer nnd die I Mandschurei werden also ihre zukünftigen reichen Ge- I treideernten, begünstigt durch ein großes Flußschiffahrts- I uetz und den billigen Tarif der sibirischi-mandschnrischen I Bahn, in China leicht absetzen können. Ueberdies ist I China auf Rußland als den Hauptkonsumenten des Thees I gewiesen, (muß also um so mehr dem russischen Be- I dürfnis nach Absatz von Getreide und anderen Nahrungs- I mittel entgegenkommen.

In obigem dürften die Interessen Rußlands in Ost- I asten genügend gekennzeichnet sein, um die ostasiatische |

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Vermischtes.

* Barmen, 23. Oktober. Ein Architektenscherz, I wenn auch kein sonderlich guter, wird derFranks. Ztg." I berichtet. Ein kommunaler Vorfall hat dem Erbauer der I in Anwesenheit des Kaisers enzuweihenden Ruhmeshalle I den Anlaß zu einem Architeltenscherz gegeben, den eine I Seitenthür der Halle aufweist. Am 13. März hatte eine I Stadtverordnetensitzung stattgefunden, in welcher Beschluß I gefaßt wurde über den Abbruch des alten Amtsgerichts- I gebäudes, das die auf dem KarlSplatz erbaute Ruhmeshalle I nach der Wertherftraße hin verdeckte und den Prachtbau I selbst einengte. Nicht alle Stadtväter waren bereit, der I Kunst das immerhin erhebliche Opfer zu bringen und be- I kündeten ihren Standpunkt auch in der Debatte. Dieser I Vorgang nun ist aus der erwähnten Thür bildlich dargestellt. I Das Thür kreuz zeigt die Inschrift:8.8.13.3." (Stadt- I verordneten-Sitzung am 13. März.) Darüber erhebt sich I ein Löwe, der eine halb gebrochene Säule umklammert. | Auf dem gebrochenen Schaft ist das Amtsgerichtsgebäude I abgebildet. Die Verewigung dieser Sitzung wird aber erst I dadurch originell, daß das nicht eingeweihte Publikum liest I und natürlich auch lesen soll8. 8. 13. 3."Sprüche I Salomonis 13 V. 3." Dort heißt es aber:Wer seinen I Mund bewahret, der bewahret sein Leben: wer aber mit I Untern Maul herausfährt, der kommt in Schrecken."

I * Berlin, 21. Oktober. Reorganisation der | Waisenpflege. Der neue Berliner Bürgermeister I Brinkmann hat als eins der wichtigsten kommunalen Spe- I zialgebiete die Waisenpflege zur Bearbeitung übertragen I erhalten und daraufhin bekanntlich erklärt, daß er um- I fangreichere Neuerungen im Waisenwesen aystrebe. Er- I stillt Herr Brinkmann sein Versprechen nur zur Hälfte, so | steht er sich schpn vor eine Riesenaufgabe gestellt; denn I es ist leider nur zu wahr, daß die Berliner Stadtverwalt- I ung, wie in so vielen Dingen, auch in der Waisenpflege I die Fortschritte der letzten Jahre sich nicht genügend zu. I nutze gemacht fyat und schon längst nicht mehr an der I Spitze des deutschen Kommunalwesens steht. Wohl ist I iui der bekannten Manier viel beraten und erwogen wor­den, aber darüber hat man immer wieder das Handeln in! den Hauptsachen so gut wie vergessen. Vor einem Jahrzehnt wurde statistisch nachgewiesen, daß von etwa 3500 gegen 1518 Mark monatliches Pflegegeld in Berlin in Pflege gegebenen Kindern im ersten Lebensjahre 42pCt. uneheliche und 23 pCt. eheliche Kinder &u Grunde gegangen stvb. Das sind doch! ganz gewaltige Zahlenverhältnisse> die sich seitdem nur wenig günstiger gestaltet haben. Woran liegt das? In erster Linie daran, daß die Kon­trolle der Pflegemütter trotz mancher Verbesserungen noch lange nicht geordnet und streng genug geworden ist. Vor zehn Jahren lag diese Kontrolle zum wesentlichsten Teile in der Hand der Schutzleute. Das war unhaltbar.

! Dann einigte man sich auf die Ausübung der Kontrolle hauptsächlich durch die Waisenräte selbst in Verbindung mit Armenärzten und Schutzleuten, und im Laufe der Jahre sind, nach Mitteilungen der Tagespresse, den Waisen­räten zahlreiche weibliche Ehrenbeamte zugeteilt worden, die nach allem, was man hört, nicht unwichtige Dienste geleistet Habern In 200 Bezirken wirken 438 Waisenpfleger- tnnen, m 59 noch gar keine. Das Unzulängliche ist nun aber die ehrenamtliche Funktion dieser Damen Aus den langjährigen praktischen Erfahrungen hinsichtlich der geringen Sterblichkeit und der besseren Gesundheits-Ver­hältnisse in anderen Städten, beispielsweise in Leipzig, hak sich als zweifellos richtig ergeben, daß nur b e - soldete Pflegerinnen die beste Gewähr für eine wirksame Waisenpflege bieten. Mit kommunalen ehren­amtlichen Funktionen ist das beim weiblichen Element immer eine eigene Sache. Im Anfang wird häufig zu viel, spater zu wenig gethan. Die besoldete Pflegerin da­gegen hat eine verantwortliche Pflicht zu erfüllen und muß, wenn sie ihre Stellung behalten will, im Berufe voll- kommen anfgehen. , Selbstverständlich soll ein erheblicher Xeu der ehrenamtlichen Pflegerinnen daneben ruhig be­stehen bleiben; sie werden auch so sehr schätzbare Dienste kosten. Die männlichen Organe werden die praktischen Erfahrungen der Frau in wirtschaftlichen Dingen ins besondere durch ihre Autorität zu ergänzen haben. Nicht chatkraftig genug setzt ferner der Gemeinsinn der Berliner Bevölkerung auf dein Gebiete der Waisenpflege ein. In andern deutschen Städten bestehen seit langer Zeit weit­verzweigte Kinderschntzvereine, die Bedeutendes leisten. In Berlin kennt man einen solchen Verein von noch dazu, kleinem Umfange erst seit zwei Jahren.

* Berlin, 23. Oktober. Weihnachtsbescher­ung für unsere Truppen in Ostasien. Die vonr

Die russischen Interessen in der Mandschurei und in Nordchina.

Das so auffällig hervorgetretene Bestreben Rußlands, vhne Rücksicht auf die übrigen Mächte sich mit China auf guten Fuß zu setzen, lenkt die Aufmerksamkeit auf die Gründe, von denen Rußland hierbei geleitet wird.

Werfen wir zunächst einen kurzen Rückblick auf die ostasiatische Politik Rußlands. Schon in den 70er Jahren faßte Rußland die Erwerbung eines eisfreien Hafens für feine Amurländer ins Auge und suchte solche an der Küste von Korea. Naturgemäß muffte es sein Augenmerk auf die territoriale Verbindung dieses Hafens mit dem Arnur- gebiet richten. Seine damalige Stellung in Ostasien zur See und zu Lande erlaubte ihm lange nicht, den in Aus^- frcht genommenen Plan zu verwirklichen. Inzwischen kam es schon 1894/95 zwischen den Konkurrenten Rußlands in Korea China und Japan zum Entscheidungskampf. Als nun Japan nach dem Kriege die Liaotung-Halbinsel für sich in Anspruch nahm und auch Korea endgiltig der japanischen Herrschaft anheim zu fallen drohte, schien die Verwirklichung jenes russischen Planes in endlose Ferne gerückt zu werden, denn neben dem gewaltig aufstrebenden Japan, das in Ostasien seine ganze Kraft einsetzen konnte, ^ore für Rußland an der koreanischen und mandschurischen Kwste kein Raum geblieben. Bekanntlich wurde Japan aber durch die von Rußland gemeinsam mit Frankreich und Deutschland unternommene Intervention gezwungen, bie eroberten Gebiete an China zurückzugeben, worauf Rußland sich beeilte, hie Früchte seiner Intervention zu ernten. China verpachtete, dem bekannten sanften Drucke nachgebend, feine im Kriege verlorene starke Seef'estunq Port Arthur und den vortrefflichen Hafen Talienwan auf 25 Jahre an Rußland. Nach Ablauf dieser Frist kann dieser Pael)tvertrag erneuert werden, indessen wird inzwischen die rnuitarische Stellung Rußlan 3 dort so stark geworden sein, daß die Erneuerung eines jetzt nur formellen Vertrages gar Ansicht mehr in Frage kommen kann. So hat der lange gehegte Wunsch Rußlands Befriedigung gefunden. Außer­dem -erhielt Rußland das Recht zum Bau, Betrieb und militärischen Schutz der mandschurischen Bahn mit Ein­schluß von Zweiglinien nach Port Arthur und Talienwan, sowie das Recht zur Ausbeutung der Mineralschätze der Mandschurei.

In der Mandschurei wird die von schlechten Beamten getragene und auf eine verworrene Gesetzgebung gestützte chinesische Herrschaft ohne Zweifel in wenigen Jahren nur noch dem Namen nach bestehen. Das Volk, das ohne Ver­trauen in die Kraft der einheimischen Regierung nur prak- tischen Zielen und dem Erwerbe nachgeht, wird die russische I Ordnung mit Freuden begrüßen, wie dies bei der Besetzung | des Kwantung-Gebietes (fo heißt das äußerste Ende der Liaotung-Halbinsel, wo Port Arthur und Talienlvan liegen) deutlich hervortrat. DieBeseitigung von Uebelständew" ^^d notwendig dahin führen, daß russisches Gesetz und russische Gewalt, obwohl anfangs auf den Betrieb der Eisenbahn beschränkt, immer mehr auch in anderen Zweigen der Verwaltung maßgebend werden, und damit wird der Augenblick gekommen sein, wo sich die Einver- leibung des Landes in Rußland wie von selbst vollzieht. Diesen allmählichen und unaufhaltsamen Prozeß wird China, das der russische Rachbar nicht mehr erstarken lassen £5?/ mi* ansehen müssen. Der Zar hat also jetzt wolle aren' er kein chinesisches Gebiet annektieren I firfl Entsagung beruht lediglich darauf, daß Rußland fl$ ,'H! .O/taflen noch nicht stark genug fühlt. Teilweise I tutrb ficf) das StarkeverhMnis schon im Lafore 1901 mit her I vMigen Eröffnung de? sibiri Z-n Bahn ^b7s Sterfttensk (eingeschränkt ist diese Streae schon fahrbar) zu feinen Gunsten bessern, -da es dann möglich sein wird Truvvem transporte von Anfang Mai bis Anfang November EE der Amurschiffahrt weiter bis an die Ussurh-Bahn m be­fördern. So lange aber die mandschurische Bahn nicht bis Port Arthur und die Zweiglinie nach Wladiwostok fertiggestellt ist, was frühestens 1904 der Fall sein kann I bleibt Rußland für die Verstärkung seiner militärischen I Macht in Ostasien hauptsächliche noch auf den Seeweg ange- I wiesen. Der im Beginn der chinesischen Wirren unter- I nommene Versuch, größere Truppenmassen bereits auf der I sibirischen Bahn bezw. auf dem Amur nach Ostasien zu be- I fördern, ist auf große Schwierigkeiten gestoßen, und dies I dürfte ein Hauptgrund dafür sein, daß Rußland so plötzlich I tich auf die Fortsetzung d es anfänglich mit so großer Wucht I unternommenen kriegerischen Vorgehens verzichtet hat. I Die starke Stellung Japans, namentlich zur See, und mög- I liche Bündnisse dieses Staates zwingen Rußland vorläufig I in Ostasien zur Defensive und Vorsicht, denn die gegen- I fettige Rivalität könnte zur Entscheidung mit den Waffen I führen, und für diese hat Rußland gegenwärtig noch wenig | Chancen. I

Schon Ende 1897 und Anfang 1898, als Rußland fisch, in Port Arthur sestsetzte, war das Verhältnis zwischen |

Erscheint täglich , äj k.

mit Ausnahme des W

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