Ausgabe 
28.10.1900 Drittes Blatt
 
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Drittes Blatt

Sonntag den 28 Oktober

150. Jahrgang

1990

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

Erscheint tägNch mit Ausnahme des

MontagS.

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Fernsprecher Nr. 51.

Politische Tagesschau.

Gegenüber der von der sächsischen Tagespresse ernst­lich erörterten Frage, ob die sächsischen Staats- b ahn en an das Reich oder Preußen, sei es auf dem Wege des Verkaufs oder der Verpachtung oder in irgend einer emberett Form, überlassen werden sollen und ferner gegenüber dem Gerücht, wonach die preußische Regierung an die sächsische ein hohes Gebot für die Ueberlassung der sächsischen Staatsbahnen gemacht hätte, ist dasDresdener Journal" zu der ausdrücklichen Erklärung ermächtigt, daß das fragliche Gerücht aller und jeder Grundlage entbehrt und daß die preußische Regierung weder das behauptete noch irgend ein anderes ähnliches Angebot der sächsischen Regierung gemacht habe. DasDresdener Journal" fügt hinzu, daß auch die weitere Behauptung, die Staatsregierung nehme in der Frage der Abtretung der Staatsbahnen gegenüber nicht mehr die vorher ablehnende Stellung ein, voll­kommen aus der Luft gegriffen sei.

Der Generalsekretär des Zentralverbandes deutscher Industrieller, Herr Bueck, der von verschiedenen Seiten über seinen Brief betreffend die 12000 Mk., die das Reichsamt des Innern zu Agitations­zwecken erbeten und erhalten hat, befragt worden ist, lehnt eine Erklärung ab. Das würde er nicht thun, wenn oer Brief n icht echt wäre. Blätter verschiedener Richtung ver­langen, daß die Regierung bald Aufklärung gebe und daß Graf Posadowsky nicht warte, bis er im Reichs­tag interpelliert wird. DieDtsch. Tgsztg." klammert sich an die Hoffnung, daß der Name des Reichsamts des Innern mißbraucht worden sei und daß Graf Posadowsky mit der ganzen Sache nichts zu thun habe. Das ist natürlich ein Irrtum. Graf Posadowsky ist verantwortlich dafür, nicht nur formell, sondern thatsächlich Uebrigens verlangt auch sie, da^ß! die Aufklärung schnell erfolge. Zu dem von derLeipziger Volkszeitung" am 22. Ok­tober abgedruckten, dem Generalsekretär des Zentralverbandes deutscher Industrieller zugeschriebenen Schreiben bemerkt dieBerliner Korre­spondenz":

Gegenüber den zum Teil sehr tendenziösen Ent­stellungen in der Öffentlichkeit erschien es weiten .Kreisen, insbesondere aus der Industrie, nach der ersten Lesung des 'Gesetzentwurfes zum Schutze der Arbeitswilligen unbedingt notwendig, an der Hand amtlichen parlamentarischen Materials des Reichstages die öffentliche Meinung möglichst umfangreich darüber aufzuklären, welche Thatsachen die Einbringung des Gesetzentwurfes veranlaßt hätten und welche Gründe von den Vertretern der Regierungen bei der Vertei­

digung des Gesetzentwurfes im Reichstage beigebracht sind. Zu diesem Zwecke wurden Auszüge aus dem Gesetzentwurf, der beigegebenen amtlichen Denkschrift sowie dem stenographischen Wortlaut der Reden der Regierungsvertreter in zahlreichen Exemplaren den provinziellen Blättern beigefügt. Auf Anregung und durch Vermittelung des Direktors im Reichsamt des Innern v. W o e d t k e hat Generalsekretär Bueck die Summe von 12 000 Mk. zur Verfügung gestellt. Diese ist zur Deckung der Druckkosten verwendet worden, die durch die Wiedergabe des obenbezeichneten amtlichen Materials entstanden sind, lieber die Verausgabung der Summe behufs Verbreitung des bezeichneten in den Drucksachen des Reichstages bereits niedergelegten amtlichen Materials besitzt der genannte Beamte ur­kundliche Beläge."

Nach Berichten aus Deutsch-Ostafrika lassen die Ver­hältnisse im Kilirnandscharo-Bezirke noch immer zu wünschen übrig. Die Strafexpedition, welche Hauptmann Johannes im Januar und Februar 1900 gegen die Aruscha-Leute unternahm, die im De­zember 1899 eine Station zu überfallen versuchten, ver­mochte nicht die Ruhe dauernd herzustellen. Es schien zwar eine Zeit lang, als ob die im März 1900 erfolgte Hinrichtung von drei Häuptlingen und 16 anderen Haupt­schuldigen eine nachhaltige Wirkung auf die unbotmäßigen Elemente der Bevölkerung ausgeübt hätte. Bald zeigte sich aber, daß die jungen Krieger der am Meruberg sitzenden Aruscha ihre räuberische Thätigkeit wieder auf­nahmen und bestrebt waren, den Schauplatz derselben mehr nach dem Süden zu verlegen. Im Juli 1900 unter­nahm deshalb Hauptmann Johannes eine neue Expe­dition, wobei es ihm gelang, das Lager der Krieger über­raschend aufzuheben und zahlreiche Gefangene zu machen. Jetzt ist, damit nach dem Abzüge der Truppen die Ruhe nicht alsbald wieder gestört wird, die Gründung einer dauernden militärischen Station am Meruberge in die Wege geleitet. Hauptmann Johannes wurde zu diesem Zwecke ein weiterer Offizier mit 40 Askaris zur Verfügung gestellt. <

Chamberlain hielt eine Rede im Zunfthause der Londoner Fischhändler, in der er über die imperia- listischeuBestrebungenderbritischenNation spracht Er sagte, die Vereinigung mit den Kolonien be­deute nicht, daß England anderen Völkern feindlich sei; im Gegenteil England wünsche ihre Freundschaft, wenn sie nicht zu teuer erkauft wird. England hoffe, daß die anderen Völker die freundschaftlichen Gefühle erwidern werden, die es für sie fühle und zum Ausdruck bringe. Wenn die fremden Völker, fuhr Chamberlain fort, unsere

Freundschaft ablehnen, so werden wir ohne diese wirken. Wenn wir sie nicht überreden können,* dann müssen wir isoliert sein, jedoch umgeben und stark gemacht durch die Schwester - Nationen, nämlich die Kolonien. Unsere Isolierung wird eine glänzende Isolierung sein, so daß, selbst wenn England fällt, die Überseeischen Kolonien die englische Tradition weiterführen werden. Der neue Imperialismus bedeute die Anerkennung, daß alle briti­schen Kolonien dieselben Rechte haben wie England selbst. Chamberlain drückte sodann die Hoffnung aus, daß die Föderation von Canada und Australien ein Beispiel für Südafrika sein werde, und wies darauf hin, daß die Reichsföderation das Reich in stand setze, die Mission der Gerechtigkeit, Civilisation und des Friedens fortzuführen. Chamberlain bestritt, daß England Zeichen des Verfalles aufweise, und schloßt indem er auf das nach Südafrika gesandte ausgezeichnete Heer hinwies und besonders der Freiwilligen und der von den Kolonien gesandten Unter­stützungen gedachte.

Aus Stadt und Land.

Gießen, 27. Oktober.

** Gültigkeit der Fünfmark- und Zwanzig­pfennigstücke. Man ist sich einfach nicht genügend darüber klar, wie lange die silbernen Zwanzigpfennigstücke und die goldenen Fünfmarkstücke noch Giltigkeit haben. Die Folge davon ist, daß man sich des öfteren schon jetzt weigert, Münzen der genannten Art in Zahlung zu nehmen, weil angenommen wird, die Münzen würde man nicht mehr los. Dies ist jedoch nicht so. Zunächst außer Kurs gesetzt werden die Reichsgoldmünzen zu 5Mk., dieselben gelten (zufolge des Gesetzes betr. Aenderungen im Münzwesen vorn l^Juni >1900 und der Bekauntmachstng betr. die Außerkurssetzung der Goldmünzen zu 5 Mk. vom 18. Juni 1900) seit dem 1. Oktober d. I. nicht mehr als gesetzliches Zahlungsmittel. Im Privat­verkehr ist daher niemand verpflichtet, Fünfmarkstück in Gold in Zahlung zu nehmen. Dagegen sind die Reichs­und Landeskassen (Post- und Steuerkassen) und die Reichs- bankkässen angewiesen, Fünfmarkstücke in Gold nicht nur Zum reellen Wert in Zahlung zu nehmen, sondern auch gegen giftige Reichsmünzen umzutauschen, und zwar bis zum 30. September 1901. Die Außerkurssetzung^ r srlbernenZwanzigpfennig stücke darf nach Art. 2 des Gesetzes vom 1. Juni 1900, nicht vor dem 1. Januar 1902 erfolgen, während nach Art. 3 des genannten Gesetzes die Anordnung der Außerkurssetzung der Zwanzig- Pfennigstücke aus N i ck e l n i ch t v o r d e m 1. Januar 1903 erfolgen darf. Inzwischen haben die Reichs- und Landes­kassen die Verpflichtung, Zwanzigpfennigstücke jederzeit in Zahlung zu nehmen und auf Verlangen umzutauschen.

eine ganze Menge, die es wissen, daß man denOnkel Chlodwig" vor anno 70 einmal densüddeutschen Bis­marck" genannt hat, weil er tm bayrischen Reichsrat und als Berater König Ludwigs unermüdlich den Anschluß an Preußen, den Zusammenschluß zu einem großen Deutsch­land, vertreten hat. Originellen Vortrag hielt darüber ein biederer Schuhmachermeister in einem kleinen Bier­keller des Ostens, in den ich eines plötzlichen Regengusses wegen hineingeraten war, und auf ganz geniale Weise mischte er Vergangenheit und Gegenwart zu einem schmack­haften Brer für seine staunenden Tischgenossen.Damals wollten sie rhm natürlich eklich uff die Bude", berichtete er,es kam sogar so weit, bet sie ihm Menkenke wegen seine adligen Diplome und so was machten, und der König von Württemberg verlangte schließlich, er möchte doch die Papiere dazu mal gefälligst einschicken. Nu aber war s Tiafj voll. Wißt ^hr, was er daruff geantwortet hat? Em richtiges Diplom hätte er nich mehr, bet wär in einer Zeit ausgestellt, wo's ibberhaupt noch feene so'ne peilen gegeben hatte. Aber anbere Papiere könnte er bei- legen, um alles feinstens nachzuweisen und bet war nu zunächst mal eine Geschichte vonnem Tournier, wo ein Hohenlohe 'nen Grafen Wllrtembcrg blank Hingelcat hatte, denn ne andre Sache, wo en Wiirtembergcr die Schleppe

-cheschen Gräfin hatte tragen müssen, und schließlich noch, nen Wechsel, uff den sie den Würtcmberg- scheu wat gepumpt hatten! Daruff hin haben sie ihm natürlich bet Diplom nich weiter abverlangt. Det hatte m prost, Kinber, Onkel Chlodwig soll leben'" stießen an und tranken auf des scheiden teil Kanzlers Wohl. Uebrigens ist an der Geschichte meines gelehrten Schusters etwas wahres. Nur passierte sie nicht ' wndern einem seiner Vorfahren nach der großen Fursten-Auskehr anno 1806, wo die bis dahin reichs- unmittelbaren Hohenlohes zum Teil unter Bayern, andern teils unter Württemberg kamen. Wer er hat sie doch ganz niedlich an den Mann gebracht, seine Geschichte, und ich habe mich gehütet, ihm zu widerspre,chen. A. R.

Kerliner Kries.

(Plaudereien aus der Saiserstadt.) (Nachdruck verboten.)

MoltkeErinuerungeu. Chlodwigs Abschied. Der süddeutsche Bismarck und sein Adelsdiplom.

Mancher Patriot ist in diesen Tagen der Moltke- Feier über den Königsplatz vor dem Brandenburger Thor gegangen und hat seine Augen stolzen Gedankens und weh- mutiger Trauer voll zu dem mächtigen Generalstabs- Sobaude am Alsenplatz hinüberschweisen lassen, wo der Meister von Königgrätz, von Metz und Sedan einst ge- wohnt, wo er am 24. April 1891, beweint von allen deutschen Stammen das Zeitliche gesegnet hat. Manch kluges oder scherzhaftes Wort, das dergroße Schweiger" trotz dieses feines Beinamens gemünzt hat, geht wieder von Mund zu Mund und läbt die schlichte Heldengestalt leise aus den Nebeln der Vergangenheit hervortreten Denn wenn auch Moltke eine der populärsten Gestalten des Berlins der 70 er und 80 er Jahre war: die Jugend von heute hat ihn kaum noch gesehen, und bei ihr bedarf es dieser kleinen, charakterisierenden Züge, um den Manen des gewaltigen Schlachtendenkers gerecht zu werden. Wie sicher der Alte seines Erfolges war, wie wenig ihm das «nervöse Zittern, das die meisten vor großen Entscheidungen befällt, anhaftete, beleuchtet trefflich die köstliche Anek­dote, die Bismarck von ihm aus dem Juni 1866 erzählt, wo er'Moltke eingeladen hatte, um' ihm eine Beschleunigung des Einmarsches in Böhmen vorzuschlagen. Nach befrie­digender Erledigung dieser Frage wendet sich Moftke zum Abschied. An der Thür aber dreht er sich noch! einmal um und fraat in ernsthaftem Tone:Wissen Sie, daß die Sachsen die Dresdener Brücke gesprengt haben?" Und wie Bismarck erregt über diele Nachricht auffährt, fügt er hocken hinzu:AoermitWasser,wegenStaub?" Auch auf dem Schlachtfelde von Königgrgtz, kurz vor dem .Eintreffen der kronprinzlichen Armee, wo alles voller Be­

I Hemmungen ist, beobachtet ihn Bismarck, indem er ihm sein Etuis hinüberreicht, in dem sich just noch zwei Ci­garren und zwar verschiedener Qualität befinden. Und wie er den großen Strategen seelensicher und leise lächelnd die bessere von beiden wählen sieht, da wird auch der eiferne Kanzler wieder ruhig. Er erkennt aus diesem Zeichen, daß es nicht schlecht steht um den Ausgang. Daß aber der Meister eines so blutigen Handwerks auch ein Herz hatte für die Soldaten, die nach seinen Plänen von Sieg zu Sieg, doch wohl auch in den Tod gingen, erkennt man überall aus seinen herrlichen Briefen, die noch viel zu wenig Gemeingut der Nation geworden sind. So schreibt er beim Anblick eines russischen Invaliden, den er in Moskau bettelnd trifft:Da bettelte nun der Mann, der vor wenig Monaten für fein Vaterland geblutet, im An­gesicht des Kreml, des Herzens dieses Reiches, das durch seine treuen, gottesfürchtigen, tapferen und alles ent­behrenden Soldaten groß wurde, besteht und bestehen wird. Wahrlich, das Paradies muß für diese hingebenden Dulder sein. In seinem langen grauen Mantel, mit demütig herabgezogener Mütze ging er ins weiteheilige" Rußland hinein, und wir wir fuhren in kaiserlicher Hofequipage zu einem opulenten Diner." Offenbart der große Feldherr hier nicht ein Feingefühl für die ungerechten Gegensätze in der Welt, wie es der beste Apostel des Friedens nicht tiefer haben tonnte?

Nicht so populär wie Moltke und Bismarck ist der eben vom Amte geschiedene Kanzler, derOnkel Chlodwig" in Berlin gewesen. Das kam wohl daher, daß auch er noch wie Caprivi im Schatten des großen Giganten aus dem Sachsenwalde leben mußte; es lag aber auch in seinem hohen Alter und seiner der Last der Geschäfte nicht ge­wachsenen Gesundheit. Trotzdem regt sich keine ernstliche Stimme der Befriedigung über feinen Abschied. Der Ber­liner gefiel sich zwar darin, über die vielfache Abwesen- heit des Reichskanzlers seine kleinen Wippchen zu machen, aber nun er wirklich die Bürde von den müden Schultern genommen hat, aedenkt man seiner mit Respekt und Teil­nahme. Unter den großen Bierbankpolitikern sind doch