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28.9.1900 Zweites Blatt
 
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Freitag den 28, September 15V. Jahrgang LOGO

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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Rr. 227 Kweitcs Blatt

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Telegramme des Gießener Anzeigers.

London, 27. September. Der deutsche Gesandte Dr. Mummb on Schwarzenstein und GrafM ald erse e hatten eine Konferenz in Taku, infolge deren ein Tele­gramm an Li-Hung-Tschang geschickt wurde. Gerüchtweise verlautet, die Bewegung der Truppen deutete, auf L)pera- tionen bei Schan-ha-kwan hin.

L o n d o n, 27. September.Daily Marl" meldet aus Yokohama: Die japanische Regierung beschloß, eme Note an die Großmächte zu richten, in der sie erklärt, daß jede Verzögerung in der Lösung der chinesischen Konflikte ge-

Der Außenseiter.

Niemals sind so viel Mitteilungen über polizeiliche Verbote ein gereichter Bühnenstücke durch die Presse ge­gangen wie gegenwärtig. In Hannover ist gar Wilden- brtlchsHexenlied", ein beliebtes Paradestück deutscher Vor­tragsmeister, verboten worden. Erregt ruft ein sonst lamm­frommes Blatt aus:Nächstens wird noch der Sang an Aegir verboten, denn der Herr der Fluten schwimmt ja nackt herum und Nix und Neck ebenso .. ." Wilden- bruch ist Geheimer Legationsrat. Bühnenleiter wissen ebenso wie die Dichter von der leidigen Not der Kunst zu berichten. Ein Adelsblatt hat jüngst entdeckt, daß eigent­lich Schiller der Vater des Anarchismus sei. Mit Gründen, wie sie gegen die neuesten Bühnenwerke geltend gemacht werden, könnte die Aufführung auch desDon Carlos" und desTell", auch der meisten anderen klassischen Stücke verboten werden.

Vor dem preußischen Oberverwaltungsgericht recht­fertigte der Vertreter des Polizeipräsidiums das Verbot des LustspielsDer Außenseiter" von Jaffee damit, daß das Stück einen abstoßenden Eindruck auf viele Zuschauer machen müsse. Weshalb? Die Gesellschaft der Baronin Clarus wird in Gegensatz zu einem sächsischen Leutnant von Ottfried gestellt. Jene Gesellschaft, die an dieHarm­losen" erinnern soll, sei, so führt die Behörde aus, zwar äußerlich! anständig und wahre den Schein, innerlich aber sei sie durch und durch verlumpt. Es herrsche dort nur der eine Grundsatz, es nicht zum' Skandal kommen'zu lassen. In diese Gesellschaft tritt der ideal veranlagte, wahrhaft vornehme Leutnant von Ottfried, der so grell von seiner Umgebung absticht, daß er alsAußenseiter" verspottet wird. In diesem Gegensatz liege, so wird zur Begründung des Verbots gesagt, das Anstößige des Stückes. Die Wirk­ung müsse eine unmoralische sein. Da das Oberverwalt- ungsgericht lange über die Maßnahme beriet und dann den Urtesisspruch vertagte, ist anzunehmen, daß sich im Ge­richtshof ernste Meinungsverschiedenheiten ergeben haben.

Die Begründung des Verbots ist unhaltbar. Ob der Dichter einen Teil oer Gesellschaft oder dieGesellschaft" richtig oder falsch schildert, ob das Bild, das er vor­führt, dem Leben abgelauscht oder völlig ber^rrt ist, dar­über zu befinden, ist Aufgabe des Kunstrichsters und des Publikums, nicht der Polizeibehörde. Ein Stück kann im hohen Maße abstoßend wirken; aber darum hat die Po­lizei noch nicht die Befugnis, es zu verbieten. Was ist an der Gegenüberstellung des anständigen Leutnants und der unanständigen Gesellschaft der Baronin Clarus anstößig oder gar unmoralische? Anstößig und unmoralisch könnte eine solche Gegenüberstellung nur wirken, wenn der Dichter die unanständige Gesellschaft verteidigen und verherrlichen wollte, statt sie nach Gebühr zu geißeln. Da er aber, wie aus den Berichten zu schließen ist, die Sympathie der Zuschauer nicht auf die Seite der Leute vom Schlage derHarmlosen", sondern auf die des ehr­baren Offiziers lenkt, kann von einer unmoralischen Wirk­ung keine Rede sein.

Die Behandlung desAußenseiters" scheint für den neuen Kurs der Theaterzensur typisch zu sein. So ist das LustspielDer Ausflug in's Sittliche" von Georg Engel gleichfalls verboten worden. Das Problem ist ziemlich dasselbe, wie imAußenseiter"; nur erinnert die Durchs führung nicht an den Harmlosenprozeß, sondern an die Kämpfe um die Lex Heinze. Auf 'einem pommerschen Gut versammeln sich Edelleute, Beamte, Pastoren, um einen Verein zur Förderung der Sittlichkeit zu bilden. Der zum Präsidenten bestimmte Rittergutsbesitzer und Edel­mann, der auch ein Reichstagsmandat erstrebt, wird als ein Mann, etwa von der Gesellschaft der Baronin Elarus geschildert. Und auch in Pommern findet sich einAußenseiter", ein Herr v. Goetz, der jener Gesellschaft den Spiegel vorhält. Schließlich siegt in dem heiteren Stück scheinbar dre Heuchelei; der Tartüffe wird Präsident des Sittlichkeitsverems und entrüstet sich über den Außen­seiter, der mit seiner Cousine allein im Schlitten wcg- fährt. Das müsse, ohne direkt unzüchtig zu sein, das Schamgefühl gröblich verletzen. Das Publikum lacht; aber in dem Lachen liegt eine Verurteilung des Lasters. Wie kann ein solches Stück unmoralisch wirken?

Vielleicht findet der Zensor, daß der Dichter ungerecht sei, daß er bestimmte Gesellschaftskreise unbillig verspotte, daß er die Schichtigkeiten oder Thorheiten einzelner Per­sonen falsch verallgemeinere. Das mag die Ansicht des Beamten, in dem einen wie dem anderen Falle sein. Aber kann eine solche Meinung das Verbot rechtfertigen? Wie wurmstichig müßte in der That dieGesellschaft" sein, wenn sie zu fürchteü hätte, das Publikum werde nicht wissen, daß es auch in ihren Kreisen anständige und ehrenhafte Männer giebt? Kann an dieser Ueberzeugung ein Bühnenwerk etwas ändern? Wenn man aber jede Uebertreibung für unmoralisch hielte, welche Berechtigung hätte Aristophanes. Inwiefern kann durch die Aufführung desAußenseiters" die öffentliche Ruhe, Sicherheit und j

Ordnung gestört werden? Meint die Polizei, daß die Aufführung des Lustspiels zu Prügeleien, Unruhen, Auf­ständen führen müßte? Wo liegt die dem Publikum oder oen einzelnen Personen drohende Gefahr?

Diese Vorgänge zeigen handgreiflich!, wie nötig es ist, der bisherigen Rechtsunsicherheit der Kunst, der Dichter und der Bühnen ein Ende zu machen. Was hat die Ablehnung des Theaterparagraphen der Lex Heinze genützt, wenn die jetzige Zensurpraxis bestehen bleibt?

Die Wirren in China.

Eine Meldung, wonach die englische Regierung ebenso wie die der Vereinigten Staaten, auf den in der Note des Grafen Bülow enthaltenen Vorschlag ab­lehnend geantwortet hätte, wird in Berlin von unter­richteter Seite als grundlos bezeichnet. Lord Salisbury hat sich vielmehr eine UeberlegungSsrist auSgebeten, sodaß die Antwort der englischen Regierung überhaupt wohl erst in einigen Tagen zu erwarten steht. DerVoss. Ztg." wird aus London gemeldet, Lord Salisbury sei mit dem deutschen Vorschläge in der Hauptsache völlig einver­standen, aber zwischen London und Berlin schwebe ein Meinungsaustausch darüber, wie der Vorschlag, wenn er allgemein angenommen werde, ausgeführt werden solle.

Die Nachricht der LondonerMorningpost", daß Graf Waldersee bei seiner Ankunft in Taku ein Ultimatum an China stellen werde, wird von kompetenter Stelle als durchaus unrichtig bezeichnet. Graf Waldersee verbleibe znnächst in Tientsin, um sich dort über die Lage zu unter­richten. Von einem Ultimatum oder einer Kriegserklärung an China könne in der nächsten Zeit ebenso wenig die Rede sein, wie von irgend einer anderen deutschen Sonderaktion in China. Gegenüber der Meldung desGiorno" schreibt diePost", von deutscher Seite sei keine Anregung betreffs Verstärkung des italienischen Expeditionskorps in China er­gangen.

In dieser Woche vollzieht sich eine fast vollständige Konzentration unserer ostasiatischen Streitkräfte zu Wasser und zu Lande bei Taku. In einigen Tagen werden dort vereinigt sein das FlottenflaggschiffFürst Bismarck" mit Vizeadmiral Bendemann an Bord, die aus den LinienschiffenKurfürst Friedrich Wilhelm",Branden­burg",Weißenburg" undWörth" bestehende Panzer­schiffsdivision unter Kontreadmiral Geißler, die großen KreuzerKaiserin Augusta" undHertha", letztere mit dem Oberbefehlshaber Grafen Waldersee an Bord, die kleinen KreuzerHela" undGeier", das Kanonenboot Jaguar" und der TorpedobootszerstörerHai Tsching". BlS dahin werden auch alle Truppentransportschiffe, mit Ausnahme der letzten Sendung, ihre Truppen in Taku ge­landet haben. In Tsingtau (Kiautschougebiet) liegen der große KreuzerHansa", Flaggschiff des Kontreadmirals Kirchhoff, und der kleine KreuzerIrene". In Schanghai ist außer dem im Dock besindlichen KanonenbootIltis" nur noch der kleine KreuzerGefion", zu dem jetzt der kleine KreuzerSeeadler" hinzutritt, der drei Wochen lang in Hankau am Aangtsekiang stationiert war und durch den kleinen KreuzerSchwalbe" dort abgelöst worden ist. Im Hafen von Amoy liegt der kleine KreuzerBussard", in Hongkong und bei Kanton die KanonenbooteTiger" und Luchs" und die Torpedobootszerstörer8. 90",8. 91" und8. 92". Das erste Transportschiff der letzten Sendung, diePalatia", hat bereits Colombo (Ceylon) erreicht; die übrigen,Darmstadt",Andalusia",Hannover",Arcadia", Krefeld",Valdivia" undRoland" folgen ihr in kurzen Abständen.

DieWiener Abendpost" meldet, daß die Kriegsschiffe Leopard" undDonau", sobald sie ihre Mission in der Südsee beendet haben, das österreichische Geschwader in den chinesischen Gewässern verstärken werden.

Rußland hat die Mandschurei annektiert. Dazu wird aus Washington gemeldet: Die Annektion der Mandschurei durch Rußland hat in hiesigen Regierungs­kreisen durchaus nicht überrascht. Man ist überzeugt, daß es sich hier um eine längst zwischen Rußland, Frank­reich und Deutschland abgekartete Ge­schichte (?) handelt und erblickt darin das Vorspiel einer energischen Agitation dieser drei Mächte, die sich -richt länger durch die chinesischen Winkelzüge Hinhalten lassen wollen.

Die Plünderungen und Br a n d st i f tu na e n in Kuang-tuang dauern fort. Die Missionare konnten entfliehen, aber 2000 Christen sind ohne Schutz.

Daily Chroniele" meldet aus Hongkong, daß Un­ruhen in Can ton ausgebrochen sind. 200 000 Mit­glieder geheimer Gesellschaften haben täglich Zusammen­

künfte. Viele eingeborene Christen wurden umge-- bracht. 4000 chinesische Soldaten sind zur Wiederher­stellung der Ordnung abgeschickt.

Einer ,,Times"-Meldung aus Peking zufolge unter­breitete Bischof Favine den Legationen eine Liste von Dörfern im Umkreise von acht Meilen um Peking, wo katholische Geistliche und viele chinesische Christen von Boxern und chinesischen Truppen belagert werden und in großer Gefahr schweben. In Shanghai ist die offizielle Meldung eingetroffen, daß 22 amerikanischeMissio- n a r e 'und acht Kinder niedergemetzelt wurden. Ein anderes Shanghaier Telegramm besagt, daß die Hospitäler in Peking und Tientsin sehr überfüllt sind und die Kranken nunmehr nach Japan gebracht werden. 1

Laut Meldungen vom Westflusse sind Anzeichen dafür vorhanden, daß die Seeräuberei und das Wegelagern dort wieder in Zunahme begriffen ist. Der Fluß wird wahrscheinlich während des Winters in den früheren Zu­stand der Unsicherheit geraten, wenn nicht energische Maß­regeln ergriffen tverden. Es werden mehrere Fälle von Seeräuberei gemeldet. Ein Dorf in der Nähe von Kumt- schuk wurde von Räubern in Brand gesteckt. Die Meld­ungen haben nichts überraschendes an sich, denn die Nei­gung zum Seeraub steckt den Chinesen im Blute und hat nur mit großer Mühe einigermaßen unterdrückt werden können. Früher war es durchaus nichts seltenes, wenn Segelschiffe in den chinesischen Meeren von Piratendschun­ken angegriffen wurden, und namentlich benutzte man dazu Windstillen, bei .denen die Segler den mit Rudern be­wegten Dschunken nicht entkommen konnten, oder man griff Schiffe an, die irgendwo auf Strand geraten waren. Ter Dampf und die von den Kriegsschiffen der Mächte aus­geübte Seepolizei haben hierin Besserung geschaffen, und man hörte seit längerer Zeit nichts mehr von Seeräuberei, die von den Chinesen mit ihren Dschunken .uuf hoher See ausgeübt worden wäre. Wohl aber kam es noch bis in die jüngste Zeit vor, daß Chinesen es anzettelten, daß sie sich als Reisende an Bord eines Handelsfahrzeuges ein­schifften und dann auf See die Besatzung überfielen und niedermachten. Im Innern des Landes unb im mittleren Laufe der großen chinesischen Ströme dürfte das Piraten- tum nie aufgehört haben. Wenn bei einem solchen Her­kommen in den jetzigen unruhigen Zeiten und ihrer Gesetz­losigkeit das Piratentum wieder auflebt, kann man sich höchstens wundern, daß das nicht schon früher geschehen ist. Der Chinese, so furchtsam er sonst scheint, ist ein sehr kühner Seemann, und seine leichten Fischerboote wagen sich weit ins Meer hinaus, trotz der äußerst gefährlichen Stürme, die gerade dort oft überraschend schnell eintreten. Dann kommt es freilich auch vor, daß eine ganze Fischer­flotte mit einem Schlage vernichtet wird. Aber um solche Kleinigkeit kümmert man sich in China nur wenig. Oft wird von Reisenden erzählt, daß die großen europäischen Dampfer rücksichtslos auf die chinesischen Fischerflotten los- fahren, und wie man gesehen habe, daß ein chinesisches Fischerfahrzeug nur ganz knapp dem Uebersegeln ent­gangen sei. Diese letzte Thatsache ist oft richtig. Der Grund liegt aber nicht in der Rücksichtslosigkeit der Dampferkapitäne, sondern an den chinesischen Schiffern selbst, die sich eine Ehrensache daraus machen, bei leichtem Winde möglichst dicht am Bug der Dampfer vorbeizufahrem Oft glaubt man, das Boot müsse in den Grund gerannt werden, fitnb bann ist es ein ober zwei Meter am Bug vorbeigekornmen. Nicht nur Eitelkeit und Prahlerei liegt diesem Verfahren zu Grunde, sondern auch der Aberglaube, daß es einen besonders guten Fang bringe, wenn man dies gefährliche Manöver glücklich ausgeführt habe. Manch­mal freilich werden die waghalsigen Segler dabei auch überrannt. Es ist bewunderungswürdig, mit welcher Sicherheit die Fischer dies Segelmanöver ausführen und mit welcher Geschwindigkeit und Kühnheit sie dies -hals­brecherische Kunststück wagen. Was die Strompolizei in den Flußgebieten anlangt, so werden dazu namentlich die Torpedoboote praktisch zu verwenden fein, die den Piraten auch in seichtes Wasser folgen können. Unsere {Drei Tor­pedoboote sind jetzt in Hongkong eingetroffen und iwerden in dieser Beziehung vorzügliche Dienste leisten, ebenso wie das chinesische Torpedoboot Haitsching, das bei Taku in unsere Hände fiel, und dessen von Deutschland.abgesandte Bemannung sich auch schon in den chinesischen Gewässew. befindet. J-