Dienstag den 28. August
1900
Zweites Blatt
Gießener Anzeiger
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Fernsprecher Nr. 51.
Die Wirren in China.
Der Berichterstatter des Reuterschen Bureaus berichtet aus Peking vom 14. August: Die Entsatzkolonne traf gerade zur rechten Zeit ein, denn wir traten fast erschöpft. Nachdem wir in der Nacht auf gestern den heftigsten Gewehrkampf während der ganzen Belagerung durchgemacht hatten, wiederholte das Tsungliyamen seinen schon einmal gemachten verräterischenVersuch, unsere Wachsamkeit einzuschläfern, indem es uns mitteilte, es habe die chinesischen Truppen angewiesen, das Feuer einzustellen. Gleichwohl griffen die Chinesen hinterlistigerweise die britische, französische, amerikanische und russische Gesandtschaft gleichzeitig von allen Seiten an. Der Lärm war geradezu betäubend und dauerte die ganze Nacht. Gegen morgen gab uns der ans weiter Ferne hörbare Donner von Geschützen neuen Mut, den Widerstand fortzusetzen. Das Feuer der Chinesen auf die Gesandtschaften dauerte bis- zu dem Augew blick, wo die Entsatzkolonne Die Stadt betrat. Die Chinesen geben zu, während der Belagerung 3000 Mann verloren zu haben. Wir haben die Gesandtschaften zwei Monate lang innter beständigem Feuer behauptet und nur von Reis und einem Pfund Pferdefleisch den Tag gelebt. Als die Berbündeten anrückten, griffen die Amerikaner ein Stadt- thor an und zogen damit alle chinesischen Truppen nach diesem Punkte hin. So blieb das Schahuothor unverteidigt, und die Engländer konnten, ohne auf Widerstand zu stoßen und ohne einen Mann zu verlieren, durch dieses Thor in die Stadt einrücken.
Ein in London eingelaufenes Pekinger Telegramm vom 16. August besagt, die Stadt stehe unter der Kontrolle der Berbündeten. Französische und russische Flaggen wehen über den kaiserlichen Domänen, wo die kaiserlichen Schätze verborgen sind. D-ie Japaner bemächtigten sich eines Schatzes von zwei Millionen Taels. Seit dem 13. August haben die Pekinger Zeitungen ihr Erscheinen eingestellt.
Dem Reuterschen Bureau wird aus Peking vom 17. August gemeldet: Tie japanischen Truppen befinden sich an den Thoren der verbotenen Stadt. Die Truppen erwarten die Befehle ihrer Regierungen, ob sie die verbotene Stadt besetzt halten oder zerstören sollen. Es heißt, Prinz T u a n sei in Peking gesehen worden; man stellt eifrige Nachforschungen nach ihm an. Chinesische Kavallerie ist in Der Nähe von Tungtschou aufgetaucht. Eine Schwadron indischer und amerikanischer Kavallerie hat sicl>zurVerfolgung derKaiserin aufgemacht. Nach einer Kabelmeldung der „Paris-Nouvelles" hat die amerikanische Regierung ein Telegramm erhalten, worin folgendes gemeldet wird: Die Japaner berichten aus Peking, daß der Kaiser und die Kaiserin Peking am 14. August verlassen haben und sich nach Sehensi begaben. Prinz Tsching befindet sich noch in Peking. Li-Tsch ing- H a n g ist tot. Die Hälfte der Bevölkerung hat Peking verlassen. Das Bureau Dalziel meldet aus Shanghai: Ein Bericht ist hier eingelaufen, wonach, die der Kaiserin- Witwe und dem Hofe nachgeschickten japanischen Truppen dieselben auf ihrer Flucht, 80 englische Meilen südwestlich von Peking überholt haben. Der Kaiser Kwang stellte sich sofort unter die Protektiv nder ihn gefangen nehmenden Truppen. Der Kaiser ist noch nicht in Peking angekommen. Wje andererseits aus London gemeldet wird, zirkuliert in Shanghai das Gerücht, daß der Kaiser Kwang gefunden und von Japanern gerettet (?) worden sei.
Eine amtlich Bestätigung der angeblichen Gefangennahme der Kaiserin-Witwe und des Kaisers von China liegt bisher nicht vor.
Der französische General Frey telegraphiert aus Peking vom 20. August: Es gelang den verbündeten Truppen — darunter befindet sich auch das erste von Jndochina gesandte Kontingent — allmählich die Boxer von allen Punkten, die sie noch besetzt hielten, zu vertreibet Die Verbündeten lagern rund um den Kaiserpalast, welcher von einigen Soldaten Der regulären chinesischen Armee besetzt gehalten wird. Die Generale der verbündeten Truppen beschlossen, die internationaleArmee quer durch den P a l a std u r ch z i e h e nzu lassen. Darauf sollen die Palastthore geschlossen werden.
In Paris eingelaufene, aber recht unzuverlässige Nachrichten aus dem Innern Chinas lauten wieder einmal äußerst besorgniserregend. Der Vizekönig der Hangtseprovinz, Aoksien, ordnete dieNiedermetzelung aller Europäer an. Internationale Truppen wurden mts Shanghai zur Besetzung Hankows abgeschickt.
Wie aus London gemeldet wird, haben Aufrührer das Missionsgebäude in Dintek arn nördlichen Ufer des Canton- Flusses zerstört. Eine Anzahl eingeborener Christen und Europäer, die gefangen genommen waren, wurden gefoltert und ihnen angedroht, daß, wenn sie kein Lösegeld aufbringen könnten, sie enthauptet werden würden.
Alle diese Meldungen von neuen Unruhen werden in Berlin für zutreffend bezeichnet. Es geht daraus hervor, daß die militärischen Maßnahmen der verbündeten
Mächte mit der Einnahme Pekings und der Befreiung der Gesandten noch lange nickst ihr Ende erreicht haben, daß es vielmehr für den Oberbefehlshaber Grafen Waldersee außer auf diplomatischem auch auf militärischem Gebiet noch eine sehr bedeutsame Thätigkeit geben wird. An einen W a f f e n st i l l st a n d ist zur Zeit nickst zu denken, und es muß deshalb insbesondere die Nachricht für unzutreffend bezeichnet werden, nach der die verbündeten Mächte sich wegen der Friedensbedingungen bereits in zwei Lager gespalten hätten. Ebenso wird unserem Berliner Mitarbeiter die Nachricht von der Einsetzung einer Regentschaft in Peking als mindestens verfrüht bezeichnet, da einer solchen eine 'gründlich^ Abrechnung vorausgehen müßte, bie nur erfolgen könne, wenn man sich derjenigen Stellen bemächtigt hat, welche die Verantwortung für die schwere Verletzung des Völkerrechts zu tragen haben.
Einem Berliner Telegramm der „Köln. Ztg." zufolge sucht besonders die dortige chinesische Gesandtschaft mit großem Eifer dafür Stimmung zu machen, daß die Mächte Friedensverhandlungen mit Li-Hung-Tschang aufnehmen. Heber die Frage bezüglich Vollmachten werde dabei leicht hinweggeglitten und ganz in Uebereinstimmung mit der eigenen Haltung Li-Hung-Tschangs behauptet, daß, wenn dieser sich als Friedensunterhändler anbiete, er auch das Recht und die Macht dazu habe. Deutscherseits werde erst auf die Friedensunterhandlungen eingegangen werden, wenn durch die Berichte der Gesandten durchaus klargestellt ist, wie die Dinge liegen und welche Faktoren heute die Autorität besitzen. Dann werde sich auch Herausstellen, ob. und inwieweit Li-Hung-Tschang bei dem Friedenswerk eine Rolle spielen könne.
Aus Washington meldet man vom 24. August: Das Kabinett erörterte heute die Verwickelungen, die entstehen dürsten, wenn Rußland unabhängig in China vorgehen sollte. ' Es wurde beschlossen, in einen Schriftwechsel mit den übrigen Mächten zu treten zur Vereinbarungeinergemeinsamen Aktion und Feststellung des Verfahrens, das Rußland gegenüber eingeschlagen werden soll, wenn diese Macht fortfahren sollte, unabhängig von den übrigen zu handeln. Rußlands Haltung bereite dem Kabinett ernste Besorgnisse.
Die Transportschiffe mit den Truppen der einzelnen Mächte an Bord (treffen allmählich in ja tu ein. Drei großes eutsche Transportschiffe sind bereits an» gekommen und haben die Truppen an Land gesetzt. Ein Bataillon ist schon auf dem Wege nach Peking, das zweite auf dem Wege nach Tientsin. Im Hasen liegen noch drei russische Transportschiffe. .Hundert Personen, darunter auch die Zollbeamten, haben Peking verlassen und kamen unter Geleit den Fluß hinab. Die Ausländer wünschen, es möge eine Expedition nach Paotingfu gesandt werden, um zur Vergeltung für die dort begangenen Mordthaten die Stadt zu zerstören.
In Shanghai lief die Nachricht um, daß der Vizekönig von Hupe und Hunan, Tschantschitung, 30 der Reformpartei angehörende Chinesen habe verhaften und zwei von ihnen habe köpfen lassen. Jetzt wird aber bekannt, daß die Leute, gegen die Tschangtschitung in der angegebenen Weise vorging, nicht der Reformpartei, sondern einer geheimen Gesellschaft angehören. Das Vorgehen des Vizekönigs ist von geringer Bedeutung. Die fremden Bewohner Shanghais find beunruhigt durch die Ankunft so vieler Kriegsschiffe, da sie infolgedessen europäische Verwicklungen befürchten. Es ist ihnen jedoch versichert worden, daß die Ansammlung der Kriegsschiffe rein zufällig sei.
Eine bei per Regierung in Washington eingelaufene Depesche des Generals Chaffee verlangt die Zurück- berufung- her amerikanischen Truppen aus China. Der amerikanische Konsul in Amoy hat dagegen an seine Regierung das Ersuchen gerichtet, einen Kreuzer nach Amoy zu entsenden, weil er in der Gegend Unruhen befürchtet.
Aus New-Dork wird gemeldet: Im amtlichen Berichte über die Expedition Seymours wird eine Anzahl ftemder Offiziere für die amerikanische Me daille vorgeschlagen. Unter ihnen befindet sich Der deutsche Kapitän z. S. v. Usedom. Der Bericht weist auch aus das tapfere Verhalten des österreichisch-ungarischen Seekadetten Pro- chaska hin.
Der am Freitag in Neapel angekommene deutsche Dampfer „Stuttgart" mit kranken und verwundeten Soldaten aus China hat die Weiterfahit nach Bremerhaven angetreten. Die deutsche Kolonie brachte den Seeleuten lebhafte Abschiedsgrüße.
Mehrere an Bord der „Stuttgart" befindlichen deutschen Verwundeten erzählten von Grausamkeiten der Chinesen, die jede Vorstellung übersteigen. Insbesondere sei mit den Rufien in barbarischer, schrecklicher Weise verfahren worden. Ein Offizier erklärte einem Journalisten, daß die Worte
Kaiser Wilhelms diesen Dingen gegenüber nicht zu weit gegangen seien. Die Chinesen seien soweit gegangen, ihren Opfern das Fleisch mit dem Mund vorn Leibe zu reißen. ES sei unmöglich, bie Martern zu beschreiben, denen die Frauen ausgesetzt gewesen seien. Die meisten Grausam- leiten hätten sich gegen bie Missionsschwestern gerichtet. — Der Kommanbant beS Schiffes sagte, nachbem er über bie Abreise beS Grasen Waldersee gesprochen: „Wir sind jetzt nur am Anfang des Spiels. Sie werden sehen, was Deutschland leisten wird! Alle erklären, die Chinesen zitterten jetzt schon in Voraussicht der Rache, bie Deutschland nehmen werbe."
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Telegramme de- Gietzeuer Anzeiger-.
London, 27. August. General Dorward berichtet aus Tientsin vorn 23. August: Arn 19. August griff ich 8 Meilen südwestlich von Tientsin mit den amerikanischen, italienischen und englischen Soldaten eine starke chinesische Truppe an. Diese ergriff nach mehrstündigem Kampfe die Flucht und hatte 300 Tote und 60 Verwundete. Die Chinesen flohen zum Teil nach dem Süden, das Haupt- korps jedoch in westlicher Richtung. Wir hatten 14 Verwundete. Die Verbindungen zwischen Tientsin und der Küste sind außer Gefahr. Die Chinesen mißhandelten und belästigten die Bewohner der umliegenden Dörfer. In der Umgebung ihres Lagers fanden wir zahlreiche ge- köpfte Leichen. Die Dorfbewohner treffen in Stärke von ca. 1000 Köpfen täglich in Tientsin ein. Wir haben nur für einen Monat Lebensrnittel. Für bie Bevölkerung ist eine Hungersnot zu befürchten.
London, 27. August. Daily Expreß meldet aus Shanghai: Aus Peking wird unterm 18. August berichtet: Die BerbnN' beten glauben an einen bevorstehenden Angriff der Boxer auf die Stadt. Zahlreiche Boxer treffen aus dem Süden hier ein. Eine Mine, die unter der katholischen Kathedrale, in der fich etwa 2500 christliche Chi. esen befanden, gelegt war, wurde zur Explosion gebracht. Etwa 1000 Personen wurden getötet.
London, 27. August. Aus Shanghai wird vom 26. August gemeldet: Li-Hung-Tschang hat seine Reise vertagt, obgleich hierzu schon alles bereit war. Es wirb hier über Verhanblungen gesprochen, bie augenblicklich zwischen Europa unb Peking stattfinden sollen. Die Vize- könige senben Truppen nach Nanking, wo ein Komplott entbeckt würbe, das bezweckte, die Stadt einzuäschern unb bie fremben Niederlassungen in die Luft zu sprengen. 12 Verhaftungen wurden vorgenommen, zehn Chinesen enthauptet.
Der Krieg in Südafrika.
Wenn man der Meldung glauben darf, die Reuters Bureau verbreitet, so ist De Wet tatsächlich wieder auf dem Rückmärsche nach dem Oranjefreistaate. Diese Meldung ist aus Krügersdorp vom 24. datiert und lautet folgendermaßen: „Delarey erschien mit einer starken Truppenabteilung vor der Station Bank au der Eisenbahn Johannesburg Potschefstroom unb richtete an bie bortige aus Lonboner Freiwilligen bestehenbe Garnison unter Lorb Albemarle die Auffoderung, sich zu ergeben, was aber abgelehnt wurde. Später über» schritt De Wet die Eisenbahnlinie iu der Nähe von Bank und rückte nach dem Freistaat vor. Es ist offenbar, daß es sich bei der Aufforderung Delareys nur um eine Lift handelte, bie bezweckte, bie Bewegung bet Truppen De WetS zu becken." Der Gebankengang des Bericht- erstatters ist offenbar der, daß Delarey De WetS Bewegungen maskierte, um ihm ein ungehindertes Vordringen zu ermöglichen. Der Zweck der Unternehmung ist nur nicht recht einleuchtend. Wenn De Wet sich so schwach fühlt, daß er ohne Unterstützung Delareys sich nicht getraut, den Marsch westlich an Pretoria unb Johannesburg vorbei zu machen, wie will er bann im Oranjefreistaate weiter kommen, wo es von englischen Garnisonen wimmelt, bie nur bie Ausgabe haben, für bie Sicherheit unb Ruhe beS Landes zu sorgen, während die englischen Truppen in Transvaal zugleich bas Material für bie Operationen nach Westen, Norben und Osten abgeben müssen? Unb zumal, wenn er so schwach ist, baß er nicht einmal einer kleinen Garnison wie bie in bet Station Bank allein Herr werben kann? Die Fassung bes Protokolls schließt jebensalls bie Annahme aus, baß Delarey weiter mit ihm operieren wird, unb so würbe er künftig in ähnlichen Fällen auf sich selbst gestellt fein. Unb was bann ? Es ist freilich nicht unwahrscheinlich, baß bie kleine Leibgarde, bie er nach Roberts um sich


