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28.7.1900 Zweites Blatt
 
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Rr. 174 Zweites Blatt. Samstag den 28. Juli

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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Fch.l-rnbe Nr. 7.

GraüsbeUages: Gießener FamMenblätter, Der hestisthe Landwirt, Mütter für hessische Volkskunde.

Greste für Depeschen: Anzeiger Fernsprecher Nr. 51.

Hessische Handelshochschule.

Gießen, 27. Juli.

DerMainzer Anz." hatte jüngst einen Artikel ver­öffentlicht, in dem er die Errichtung einer hessischen Handels­hochschule anregte und als deren Sitz Mainz in Porschlag brachte. Der Vorsitzende der Mainzer Handelskammer hat nun ein Schreiben an die Redaktion desM. A." gerichtet, in dem es heißt:

Die Frage der Errichtung von Handelshochschulen befindet sich, wie Die besten Kenner der Verhältntffe zugeben, noch im Stadium des Experiments. Die älteste Hochschule, diejenige in Leipzig, ist kaum zwei Jahre alt und lehnt sich an die Universität an, deren Lehlkräfte und Räumlichkeiten mit benutzt werden. Alle sonst vorhandenen Einrichtungen sind überhaupt keine abge- schlossenen Schulen, sondern Lehrkurse, die sämtlich wie in Aachtv, Rostock, Danzig an ordentlichen Univrrsttälen oder technischen Hochschulen abgehalten werden. Neuerdings wird in Köln zum ersten Male der Errichtung einer selbständigen Handelshochschule ernstlich nähergetreten, nachdem Dank hochherziger privater Stiftungen eilt Grundstock von zirka einer Million Mark zur Verfügung gestellt ist. Der JahreS-Etat dieser Handelshochschule rechnet in Einnahme und Ausgabe mit 82,900 Mk. und einem städtischen Zuschuß von 18,000 Mk. Die Handelskammer hat sich auf fünf Jahre zu einem jährlichen Zuschuß von 10,000 Mk. verpflichtet.

AuS diesen wenigen Angaben geht schon hervor, welche Voraussetzungen die Errichtung einer Handelshochschule in Mainz in finanzieller Beziehung erfordern würde. Ob sich außerdem in einer Stadt wie Mainz die nötige Zahl von Studierenden finden würde, mag, namentlich im Hinblick auf die Frequenz der be- stehenden höheren Handelsschule, dahingestellt bleiben. Wir möchten jedenfalls eine Gewähr nicht übernehmen.

Unter diesen Umständen ist nicht zu bezweifeln, daß, wenn für daS akademische Handelsschulwescn in Hessen etwas gethan werden soll, dies nur im Anschluß an die Universität ,tn Gießen oder bis technische Hochschule in Darmstadt geschehen kann. Unter beiden Anstalten verdient aber für den vorliegenden Zweck wohl die letztere entschieden den Vorzug.

Was die Anregung betrifft, in Mainz Vortragskurse über handelswissenschaftliche Gegenstände stattfinden zu lassen, so halten wir dieselbe sür beachtenswert und für den nächsten Winter wild der Frage näh'irgetreten werden können."

Die von dem genannten Mainzer Blatte gegebene An­regung verdient u. E. von der Regierung in ernste Er­wägung gezogen zu werden, und es wäre lebhaft zu be­grüßen, wenn sich der Gedanke über kurz oder lang ver­wirklichen ließe. Jedenfalls wäre damit dem ganzen Lande außerordentlich gedient. Die Frage, wo die Handelshoch­schule ihren Sitz finden könnte, ist von größter Wichtigkeit. Der Vorsitzende der Mainzer Handelskammer sagt selbst, die Stadt Mainz sei dazu ungeeignet. Er nennt Gießen und Darmstadt, und giebt letzterem den Vorzug, ohne sich aber näher dazu zu erklären. Wir meinen, es wäre sehr wünschenswert, daß sich zu dieser Frage nun auch die übrigen Handelskammern des Landes, insonderheit die zu Gießen und Darmstadt dazu äußern. Gießen dürste u. E. keineswegs von der Hand zu weisen sein. Für eine Handelshochschule von größtem Werte ist eine juristische Fakultät. Vorlesungen über Handelsrecht, Wechselrecht, Konkursrecht, bürgerliches Recht, Verwaltungs- und Staats­recht sind unentbehrlich, und in Darmstadt nicht ohne wei­teres zu ermöglichen. Wir besitzen hier ein praktisches Se­minar für neuere Sprachen, ein mathematisches Seminar, ein physikalisches Institut und ein physikalische chemisches La­boratorium, das mit den neuesten Einrichtungen versehen ist und seinesgleichen in Deutschland sucht, ein statistisches In­stitut, ein mathematisches und ein mathematisch-physikalisches Kabinett, ein geographisches Institut rc. rc.

Mit allen diesen sind wir im Vorzüge vorDarm- stadt. Die Neuerrichtung aller dieser Institute wäre selbst­verständlich außerordentlich kostspielig. Was Mainz anbe­trifft, so scheint es uns durch den Vorsitzenden der dortigen Handelskammer ohne weiteres abgethan. DerM. A." weiß selbst auch keine andern Gründe anzuführen," die für Mainz sprächen, als den, daß es früher einmal eine Univer­sität besessen hat, und daß es die größte Stadt des Groß­herzogtums ist. Derartige Gründe aber machen doch wahr­haftig den Kohl nicht fett. Zudem reicht ja der dort jetzt noch bestehende UniversitätssondS, wie wir kürzlich meldeten, nicht einmal mehr zur Erhaltung der dortigen Gymnasien aus. Uebrigens ist bei der Behandlung derartiger Fragen die praktische Seite stets in den Vordergrund zu stellen, und die wesentlichsten praktischen Gründe scheinen uns für Gießen zu sprechen, wo ein Gegebenes nur aus­zubauen, kein Neues zu schaffen wäre. Eine handels­wissenschaftliche Fakultät könnte zunächst errichtet werden. Sie würde sich wohl im Laufe der Jahre zu einem handelswissenschaftlichen Institut als integrierenden Sonderbestandteil der Universität, und endlich zu einer Handelshochschule auswachsen.

Die Abhaltung von handelswissenschaftlichen Vortrags­kursen, wie sie von dem genannten Mainzer Blatte ferner in Anregung gebracht werden, dürfte sich auch sür Gießen empfehlen, besonders seitdem unsere Handelskammer einen akademisch gebildeten Sekretär besitzt.

Die Wirren in China.

Amerika uud die Mächte.

Reuter meldet aus Washington vom 25. Juli:Man hält mit der Ansicht hier nicht zurück, daß die A u s s i ch t e n aus eine erfolgreiche VermittlungAmerrkas gering sind, einmal weil sich der Zustimmung derjenigen Mächte, die Verluste an Leben und Eigentum in Peking erlitten haben, vermutlich viele ernste Schwierigkeiten ent­gegenstellen werden, und dann im Hinblick auf die klar zutage getretene Stimmung Europas. Wenn es der Re­gierung der Vereinigten Staaten nicht gelingt, die Mächte zu bewegen, bei den Verhandlungen mit den Chinesen Milde zu üben, werde sie sich nicht in weitere Feindselig­keiten hineinziehen lassen, nachdem sie für ihre eigenen Angelegenheiten Sorge getragen hat. Dann werde sie sich zurückziehen, aber nicht ohne verstehen zu geben, daß die Vereinigten Staaten nicht zugeben werden, daß ihre eigenen Interessen durch die Handlungen irgend einer der­jenigen Mächte verletzt werden, welche für gut befinden sollte, in Unversöhnlichkeit zu verharren". Diese in die Form einer offiziösen Note eingekleidete Mitteilung aus Amerika klingt recht bedrohlich- wird aber wohl am Ende nicht so schlimm gemeint sein. Jede der an dem Zuge gegen China beteiligten Mächte würde es vorziehen,Milde zu üben", wenn sie damit ihre Interessen fördern und sich zugleich diesen Punkt scheint man in Amerika ganz außer acht zu lassen unter WahAlrkg ihrer Ehre und Würde den chinesischen Verlegenheiten entziehen könnte. Der Ehrenpunkt aber ist im Leben des einzelnen wie in dem der Nation eine heikle Sache, die Ansichten darüber gehen weit auseinander, und ein dritter, der sich einmischt, läuft stets Gefahr, selbst in den Handel verwickelt zu wer­den. Nimmt man z. B. den Fall an, der übrigens nicht zutrifft, Deutschland allein wäre durch die Ermordung seines Gesandten so schwer gekränkt, daß es, um sich Genug- thuung zu verschaffen, Krieg mit China führen müßte. Würde es dann eine abendländische Macht wagen, Deutsch­land in den Arm zu fallen und es, an der Seite der gelben Rasse, zu hindern, ein Strafgericht zu vollziehen, das der gesamten Zivilisation zum Nutzen gereichen würde? Sicher­lich nicht, und auch« dann nicht, wenn ihre Interessen durch einen solchen deutsch-chinesischen Krieg erheblich be­einträchtigt würden. Ohne eine Schädigung der Interessen dritter geht es heutzutage überhaupt nicht ab, wenn irgend­wo in der Welt Krieg geführt wird. Die Frage, die sich die betroffene Macht dann vorzulegen hat, ist nur die, ob diese Schädigung so groß ist, ob sie so sehr ihren Bestand bedroht, daß sie zum Eingreifen gezwungen wird. Diese Frage aber würde die amerikanische Regierung ver­mutlich ebenso verneinen, wenn zwischen China und einer der Mächte des Westens ein Sonderkrieg ausbräche, wie diese Mächte sie verneint haben, als Amerika seinen Krieg mit Spanien führte. Eine solche Haltung entspräche um­somehr den Interessen Amerikas, als es sicher sein könnte, daß es nach einem solchen Kriege Helfershelfer finden würde, die bei der Endesabrechnung mit ihm dafür sorgten, daß sich die Macht, die China besiegt hätte, nicht allzusehr an der Beute übernähme. Aus diesen und andern Gründen braucht man daher die Hoffnung noch nicht aufzugeben, daß die Vereinigten Staaten sich nicht von der Seite der Westmächte und Japans entfernen und in diesem Kampfe zwischen Gesittung und Barbarei dort stehen werden, wo­hin sie gehören.

Inzwischen verbreitet die Agentur Havas über die Verhandlungen und Pläne der Mächte folgen­des: Nach Mitteilungen aus London nimmt der Meinungs­austausch zwischen "den verschiedenen Kabinetten einen regen Fortgang. Als zweifellos wird dabei angenommen und als Grundlage für die Verhandlungen festgehalten, daß die Vertreter der Mächte in Peking wohl­behalten sind, und daß die chinesische Regierung sich herausnimmt, sie in mehr oder weniger verschleierter Weise als Geiseln zurückzubehalten, in der Hoffnung, auf diese Weise die auf ihr lastenden persönlichen, pekuniären und militärischen Verpflichtungen zu vermindern. Ebenso nimmt man an, daß die chinesische Regierung sich einbildet, sie werde dadurch, daß sie die Gesandten daran hindert, mit ihren Regierungen direkt zu verkehren, bessere Be­dingungen erlangen, "da sie im Verlaufe der Verhandlungen, die sie schon jetzt einleiten will, nicht nötig haben werde, sich, von Ibsen direkten Anklagen der Mitschuld zu reinigen, welche die Gesandten gegen sie erheben könnten. Wie dem auch sei, wird der Vormars chaufPeking nichtlän­ger verschoben werden und wahrscheinlich gegen den

1. Augu st beginnen. Die Truppen werden soweit als möglich der Eisenbahn von Tientsin nach Peking folgen. Uebrigens wird aus Taku bereits gemeldet, daß die Ober­befehlshaber der verbündeten Truppen beschlossen haben, den Vormarsch auf Peking zu beschleunigen. Dieser Be­schluß wurde insbesondere mit Rücrsicht auf die später zu erwartende Regen- und Ueberschwemmungszeit gefaßt. Die Wege sind jetzt noch, gut passierbar, während inan nach Monaten befürchten muß, daß die elementare Gewalt des Wassers den Marsch mindestens sehr erschweren, wenn nicht gänzlich aufhalten würde.

Was die Frage der Uebernahme des Oberbefehls über alle Truppen der Mächte in China anbetrifft, so ist, wenngleich Japan erklärt haben soll, seine Truppen nur einem eigenen oder einem deutschen Ober­befehlshaber anzuvertrauen, an ein deutsches Oberkommando über die europäischen Truppen in Ostasien doch wohl kaum zu denken. Die bereits vor einigen Tagen mitgeteilte Ursache liegt eben darin, daß Deutschland verhältnismäßig schwach mit Truppen in Ost­asien vertreten' ist. Hierzu wird übrigens amtlich mit­geteilt, daß die Entscheidung über das Ober-Kommando in China von den dortigen Admiralen der Vereinigten Trup­pen getroffen wird. Dieselben haben hierzu die nötigen Vollmachten und werden fraglos einen nach ihrer eigenen Ansicht geeigneten Führer ernennen. Die Entschei­dung über das Oberkommando liegt also i n d e n Händen der dortigen Admirale.

Die österreichisch-asiatische Kompagnie in Wien erhielt von ihrem Agenten in Wladiwostok folgende vom 22. Juli datierte Depesche:Pekinger Nachrichten unbestimmt, widersprechend. O e st e r r ei ch i sch e Gesandtschaft wahrscheinlich un versehr t". Aus Tsintau ist im Missionshause St. Michel zu Stehl ein Telegramm des dortigen Prokurators der Mifsionen eingelaufcn, welches lautet:Die Missionare leben noch. SechS sind im Innern, die übrigen hier".

Aus einem Briefe von DoravonBroen, der Gattin des mehrfach erwähnten Professors an der Pekinger Uni­versität, erfährt man, daß ein Neffe des Gesandten Pichvn durch einen Dolchstoß auf offener Straße An­fang Juni schwer verwundet worden war, daß schon damals alle Europäer, Männer und Frauen, Flinten er­hielten, und daß die französische Gesandtschaft auf eine längere Belagerung eingerichtet war. Die chinesischen Christen waren viele Meilen weit her nach Peking ge­kommen und in den Kirchen am Pekinger Stadteingang zusammengepfercht worden, jede Stunde gewärtig, von den Boxern überfallen zu werden. Frau von Broeu fällt über die allzu späten Entschließungen der Diplomatie ein strenges Urteil: sie hält ihr und aller Europäer Leben für verloren.

In eigentümlichem Gegensätze dazu steht folgende Lon­doner Meldung. Der Li-Hung-Tschang vertretende Vize­könig Taksu hat einem Telegramm desDailh Telegraph" aus Kanton zufolge ein vom 14. Juli datiertes kaiser­liches Edikt bekannt gemacht, in dem es heißt:

Wir machen die äußersten Anstrengungen, das Leben derfremdenGesandtenzu schützen. Im­merhin fürchten wir, daß die Gouverneure und Vizekönige unsere Absichten vielleicht mißverstehen, indem sic sich zu sehr auf die Sicherheit der Gesandten verlassen, diese als ausreichende Basis zur Wiederherstellung friedlicher Be- zeihungen mit den Mächten betrachten und deshalb keine genügenden Maßnahmen für Angriff und Vertheidigung treffen. Eine solche Vernachlässi­gung der" militärischen Widerstandskraft würde uns endloses Unglück bringen. Die Gouver­neure und Vizekönige sollen daher auf schleunige Instand­setzung ihrer Bezirke, namentlich auch der Küsten Bedacht nehmen. Sollten durch ihre Saumseligkeit chinesische Ge­bietsteile verloren gehen, so werden sie die Folgen zu tragen haben".

Daily Expreß" meldet aus Hongkong vom 24. ds.: Am letzten Sonntag erfolgte bei Beginn des Gottesdienstes in der hiesigen Baptistenkapelle in einem anliegen­den Hause eine heftige Explosion. Die Kapelle und die Anwesenden blieben unversehrt. Die Chinesen be­haupten, die Explosion sei einem unglücklichen Zufall zu­zuschreiben, haben aber versprochen, den Hauseigen­tümer hinzurichten.

Rußland und die Mandschurei.

Es hat den Anschein, als ob nun auch Korea in den allgemeinen Strudel hineingerissen würde. Nach einem Telegramm des russischen Gesandten Pawlow, aus Söul vom 23., stand eine Abteilung der Eisenbahnschützwache zwischen Mukden und Liaoyan. Die Chinesen töteten den Führer der Abteilung, Leutnant Wa l ews ki, so­wie zehn Soldaten und vier Freiwillige. Dre Abteilung hatte täglich Gefechte und mußte sich mit oem Bajonett den Weg "bahnen: sie wurde von einem koreani­sch,en Offizier freundlich ausgenommen und unter Mrtwir-