drittes Blatt
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Spionkop nicht halten.
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Sonntag den ?8. Januar
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London, 26. Januar.
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* Vom Kriegsschauplatz.
Der Spionkop von den Engländern wieder geräumt! — General Woodgate -h
Unsere schon gestern geäußerten Zweifel an der Dauerhaftigkeit des von den Engländern nördlich des Tugela errungenen Erfolges haben sich als nur zu gerechtfertigt erwiesen. Der englische Triumph hat genau 24 Stunden gedauert ! Ein amtliches Telegramm General Bullers an das Londoner Kriegsministerium besagt, daß General Warren den Spionkop bereits Mittwochnacht wieder hat räumen müssen. Dadurch sind die Buren wieder in völligem Besitz ihrer ununterbrochenen festen Verteidigungslinie, und die Chancen des englischen Vormarsches und des Entsatzes von Ladysmith sind wieder auf denselben Punkt zurückgeführt, auf dem sie sich beim Beginn der Buller'schen Vorstoßoperationen befanden. — Weitere Meldungen besagen:
Loudon, 26. Januar. General Buller telegraphierte an das Kriegsministerium: „Ich bedauere mitteilen zu müssen, daß Warren nach mir soeben zugegangenen Meldungen den Spionkop Mittwochnacht wieder räumen mußte.
Auch bei dieser Gelegenheit hat der Gesandte der Transvaal-Republik, Dr. Leyds, die Sachlage im Voraus richtig beurteilt: Dr. Leyds äußerte sich nämlich in Paris einem Korrespondenten gegenüber zu der englischen Depesche über die Besetzung des Spionkop, die Engländer würden offenbar diese Position nicht halten können, infolge des, wie sie selbstteingestehen, sehr unangenehmen Artilleriefeuers der Republikaner. Er sei überzeugt, daß die Komman- bauten der Burentruppen die Bewegungen Bullers und Warrens vorausgesehen hätten, (und wie wir auch vorausgesagt haben. D. Red.) Die Einnahme von Ladysmith durch die Buren hätte zweifellos eine große moralische Tragweite, aber es sei möglich, daß die Operation nur deshalb verzögert worden sei,
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Die Nachricht über die Niederlage der Engländer bei Spionkop hat hier allgemeine Bestürzung hervorgerufen. Man erklärt sich dieselbe nur dadurch, daß die Buren rechtzeitig frische Verstärkungen erhalten haben und infolgedessen die Truppen des Generals Warren angreifen konnten. In militärischen Kreisen glaubt man, daß das Kriegs amt die Nachricht über den Wiederverlnst desSpionkop schon früher erhalten habe, als es dieselbe ver-
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weil man nicht so viel Kriegsgefangene ernähren und bewachen wolle. Die Verluste der Buren betragen seit Beginn des Krieges 212 Tote, 1000 Verwundete und 200 Gefangene. Die Engländer haben dagegen an 8000 Tote, Verwundete und Gefangene. „Ich bin", so schloß Dr. Leyds, „voll Zuverficht 'betreffs des Ausganges des Krieges." Dr. Leyds begab sich gestern nach Berlin.
London, 26. Januar. Nach einer Privatmeldung konnte General Warren wegen Mangels an Truppen Er wurde neuerdings von
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öffentlichte.
London, 26. Januar. General Joubert sandte infolge des bevorstehenden Angriffs des Generals French bei Colesberg 1000 Mann des Belagerungskorps von Ladysmith und 600 Mann der Truppen des Generals Cronje aus Magersfontein nach Oranjeriver zur Verstärkung. Die Buren sind in Colesberg konzentriert. Sämtliche Hügel in der Umgegend sind durch die Burenvorposten besetzt. Ihre Verteidigungswerke erstrecken sich bis zur Norvalbrücke. General French befindet sich in einer Entfernung von Vt? Meile von dem Burenlager.
London, 26. Januar. General Woodgat: ist infolge seiner Verwundung gestorben.
* *
T-legramme des „Gießener Anzeiger".
London, 27. Januar. Das Kciegsamt erklärt, keine ergänzenden Nachrichten über das Gefecht bei Spionkop erhalten zu haben und veröffentlicht statt dessen eine Anzahl Telegramme von Warren, Buller und Methuen über die Kriegs-Operationen, welche von Mitte November bis En de Dezember stattgefunden haben. — (Lüge über Lüge!)
London, 27. Januar. Aus dem Lager von Frere wird gemeldet vom 24. Januar 7 Uhr abends: Die Buren halten noch immer die umliegenden Hügel besetzt. Auf beiden Seiten werden Schüsse gewechselt. Wir sind vom Feinde etwa 1000 Meter entfernt. Die Buren erhalten fortgesetzt neue Verstärkungen und neue Geschütze.
Loudon, 27. Januar. Das Krieg samt hat bis gestern abend 10 Uhr keine Einzelheiten über die Niederlage von Warren am Spionkop erhalten.
Loudon, 27. Januar. Das Kriegsministerium veröffentlicht ein von Buller gestern früh lO1^ Uhr auß Spearmans Lager abgesandtes Telegramm. Dasselbe meldet die Verluste Lytteltons im Gefecht vom 24. Danach sind 6 Offiziere gefallen, 13 verwundet, 18 Mann gefallen, 150 verwundet und 42 vermißt.
Loudon, 27. Januar. Wegen des Verlustes der 11 Geschütze bei Colenso telegraphiert Buller Fol- gen des: Er habe dem schwer verwundeten Oberst Long befohlen, unter der Deckung der 6. Brigade vorzugehen und nur mit den Flottengeschü'tzen in Aktion zu treten. Statt dessen sei Long mit 11 Geschützen so schnell vorgegangen, daß die Infanterie und die auf der rechten Flanke aufgestellten Geschütze weit hinter ihm zurück lagen. Er habe eine Stellung 300 Meter vor den Buren eingenommen.
Warren total vernichtet!!
Brüssel, 27. Zauuar. Eine Kabeldepesche aus Pra- toria meldet die völlige Vernichtuug des Armeekorps Warren. Dasselbe verlor 800 Tote und Verwundete, 1500 Gefangene und 17 Kanonen. Die Buren verfolgten die Engländer bis hart an das Hauptquartier Bullers. Der Sieg ist absolut entscheidend.
London, 27. Januar. Der Verlust des Spionkop ruft in ganz Loudon tiefe Niedergeschlagenheit hervor. Au« Bullers Telegramm geht hervor, daß der Spionkop in der- selben Nacht geräumt wurde, in der Buller^ seine Eroberung hierher telegraphierte. Buller meldete die Räumung schon a« Donnerstag mittag, das Kriegsamt erklärt aber, seine Depesche
Nr. ?3
Erscheint täglich mit Ausnahme des
MontagS.
Die Gießener Aamikienvlätter werden dem Anzeiger tat Wechsel mit „Hess. Landwirt" u. „Blätter ftr heff. BolkSkunde" »Schtl. 4 mal beigelegt.
den Buren angegriffen, und mußte, nachdem er viele : der Uebermacht der Buren
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pathien anwuchsen, längst ehe der Krieg entbrannt war, war geschaffen worden durch bic Lehren einer hundertjährigen Geschichte, in der England rücksichtslos sich den Lohn fremder Mühen und fremder Arbeit zu eigen machte, rücksichtslos sich hinwegsetzend über jeden Vertrag, über Treu und Glauben, und jedes Gebot der politischen Ehre.
Und dennoch war es den Engländern möglich, so heiß auch die Flammen schon brannten, den Haß zur^Weiß- gluthitze zu steigern. Die Brutalitäten, die gegen Deutschland begangen worden sind, füllen ein besonderes Kapitel, das wir niemals vergessen werden. Wenn wir selbst nicht mehr uns rächen können, so wird doch sicherlich uns unseren Gebeinen der Rächer erstehen.
Und wo der Spiritus zum Teufel und nur das Phlegma geblieben ist, dort wird doch schließlich aus den Mitteilungen über die auf dem Kriegsschauplatz von den Engländern verübten Gemeinheiten und S churre- re'ien ein Funken blitzen, der den teutonischen Zorn entzündet. Wilde zum Kampf bewaffnen gegen ein zivilisiertes Volk, sie heranführen, um Pflanzungen zu zerstören, Herden zu vernichten, Frauen und Kinder zu morden das sind Thaten, die Engländer vollbrachten. Und dennoch waren sie einer Steigerung fähig. Was gilt noch die Frivolität, mit der man sich über die Paragraphen des Weltpostvertrages hinwegsept, was gilt die Rohheit, mit der man die Kriegsgefangenen behandelt, bis man sie schließlich in Zuchthauszell.n pferchte, was gilt selbst die Unmenschlichkeit, mit der bei Elandslaagte die Lanzenreiter der Briten die verwundeten Feinde durchbohrten, um sie schließlich zu plündern, was gelten all die Einzelheiten, die über die Zuchtlosigkeit der englischen Truppen gemeldet wurden, gegenüber dem eidlich festgestellten Bericht des Rittmeisters von Dalwig, der von dem entsetzlichen Schicksal der von den Kaffem gefangenen und von den englischen Soldaten geradezu viehisch behandelten Frauen und Mädch^u erzählt? Und wie herrlich hebt sich von solcher Folie die Ruhe und Größe, das gehaltene Maß und der Edelsinn der armen Bauern ab, die nichts von Europens übertünchter Höflichkeit wissen mögen, die aber in ihren Blockhäusern und Hütten, und wenn sie mit Axt und Spaten arbeiteten, es nicht vergaßen, daß auch der Feind ein Mensch sei, geschaffen nach dem Ebenbilde Gottes, und daß der Krieg nicht mit dem' Einzelnen geführt wird, sondern mit der Gesamtheit! Roch niemals ist ein Volk so tief hineingewandelt in das Thal der Erniedrigung, wie jetzt das Volk der Briten. Denn wie der selbstgeflochtene Kranz der Unbesieglichkeit und der Unerschöpflichkeit der Mittel in welken Blättern von ihren Häuptern fiel, so ist von ihnen auch die Krone der Menschlichkeit, des Edelmuts und des Heldentums herabgeglitten, um in Staub zu rerfallen. Auf der Stirn der Buren aber erstrahlt sie in hehrem Glanze.
* Lehren des Krieges.
Gießen, 26. Januar.
Das weltgeschichtliche Drama, das dort drunten im Lande der Buren sich abspielt, nimmt seinen Fortgang, dem unbekannten Ziele entgegen. Mit ungeheurer Span- mma harrt ganz Europa der Nachrichten, die von dem Schauplatze des Krieges her trotz aller Quarantänen der Besiegten zu uns herüber dringen und uns lehren, daß auch noch in unserer Zeit der persönliche Heldenmut seinen Wert behalten hat, und daß der Krieg sich noch immer nicht umaeformt hat in jene massenmorderischen Wirkungen, in denen der Einzelne jede Geltung verliert. Vielleicht hat noch niemals aus dem Zusammentreffen feindlicher Volker sich eine solche Fülle neuer und unerwarteter Lehren ergeben, wie aus diesem Kriege, den, in der Verteidigung seiner Rechte, ein armes Volk von Bauern gegen das Heer einer europäischen Großmacht führt. Und doch ist man nicht zur ultimo ratio gelangt, noch bliebe den Buren, selbst wenn sie in der Feldschlacht besiegt wurden, jener vernichtende G u e r i l l a k r i e g, wie ihn vor neunzig Jahren die Spanier gegen Napoleon führten, und selbst der glänzendste Erfolg des Sirdars Kitchener könnte England nicht vor der Notwendigkeit bewahren, noch in jahrelangen Mühen die letzten Spuren des Feuers zu vernichten.
Wenn der Krieg beendet sein wird, so werden unsere Taktiker und Strategen beflissen sein, seinen Gang u. s. w. im einzelnen eifrig zu studieren. Schon jetzt dämmert die Erkenntnis, daß der schlichte Burengeneral ein ganz neues System in die Kriegskunst ein- qeführt hat, ein System, dem bie englischen Offiziere völlig ratlos gegenüber zu stehen scheinen, und der Name Joubert wird in Zukunft zualeich M11 dem Namen Moltkes genannt werden. Mustergiltig vor allem ist für künftige Zeiten die v o r s i ch t i g e K l u g- beit, mit der die Burenführer ihre Truppen und ihr Pferdematerial schonen. Jedes einzelne Menschenleben steht ihnen hoch im Preise, sie fühlen die Verantwortung ür jeden unnütz vergossenen Blutstropfen und wissen, daß Menschenleben unersetzlich sind. Indem sie daraus verzichten, gefährdete Positionen fest zu halten, gönnen sie den feindlichen Führern getrost den billigen Ruhm, sie „zurückgetrieben" zu haben, einen Ruhm, der ja ohnehin niemals älter wird als wenige Tage und Nächte. Es sind nicht einmal stets Lügentelegramme, bewußte Unwahrheiten die von den englischen Generalen nach London gemeldet werden. Die Methuen, Gatacre, Buller und Warren sind verschiedene Male wirklich vorgedrungen, und die Buren haben ihre Stellungen geräumt. Nur war es em stets erneuter Irrtum, wenn die englischen Führer immer wieder den Ansang einer Entwickelung als das Ende ansahen, und dort Herren der Lage zu sein glaubten, wo sie doch nur am Drahte der Buren sich bewegten. Die souveräne Ueberlegenheit, mit der Joubert die Feinde von! Niederlage zu Niederlage lockt, findet ihr Gleichnis nur in den bewundernswerten Manövern, die einst Bazaine nach Metz drängten, und Mac Mahon an Sedan fesselten.
Aber so reich die Lehren sind, die der Krieg von Transvaal uns bringt, Lehren, die ihren Gipfelpunkt finden in der vom Standpunkte edlen Menschentums so tief ergreifenden Thatsache, daß die sittlichen Mächte der Vaterlands- und Freiheitsliebe noch immer stärkere Bundesgenossen sind, als alle wirtschaftliche Ueberlegenheit, als alles Raffinement der Bewaffnung, als Dum-Dum-Ge- schosse und Lydditbomben, so hat dieser an wundersamen Erscheinungen so reiche Krieg doch noch eine Fülle anders gearteter Resultate gezeitigt. Vor allem hat er deutlich bewiesen, welch tiefgehende, bis zum offenen Haß gesteigerte Antipathien das englische Volk in der ganzen gebildeten Welt genießt. Selbst die Amerikaner, die noch eben verstrickt schienen in dem Zauberbann einer angelsächsischen Verbrüderung, zeigen deutlich die Abneigung gegen vte verwandte Nation. Nirgends ertönt eine Stimme des Mitleids oder auch nur der landläufigen Teilnahme, und der Tag, der eine entscheidende Niederlage der Buren melden würde, wäre ein Tag der Trauer für die ganze gebildete Welt. Gewiß, die leitenden Staatsmänner haben die Pflicht, den Standpunkt der strikten Neutralität zu wahren; aber die offizielle Politik ist nicht die Herrin der Volksstimmung, und die Einflüsse, die auf die Seele einer Nation wirken, sind nicht zu wägen und abzumessen nach diplomatischen Regeln. Die Antipathien gegen England haben schon bestanden, als der Krieg noch aus des Messers Schneide stand, als es noch zweifelhaft erscheinen konnte, ob nicht die Besonnenheit des Präsidenten Krüger den Sieg davontragen werde über das britische Jingotum; sie sind gesteigert worden durch die Erkenntnis der ruchlosen Motive, aus denen ein Chamberlain, ein Cecil Rhodes zu der blutigen Entscheidung drängten, sie wurden noch vertteft durch den grotesken Gegensatz, der sich immer deutlicher zwischen der englischen Ruhmredigkeit und dem englischen Können enthüllte. Und der Boden, auf dem jene Anti-
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