252 Zweites Blatt. SamÄag de« 27. Oktober 15». Jahrgang 1»<ME
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Moltte als Erzieher.
Gießen, 26. Oktober.
§eute vollendet sich ein Jahrhundert seit dem I Geburtstage unseres unvergeßlichen und schier un- I ersetzlichen Moltke. Was er dem deutschen Volke war, das steht so gewaltig, und so unauslöschlich in den näseln I der Geschichte eingegraben, daß es unnütz und unnötig I ist, es hier zu wiederholen. Sein Name weckt die Er- I innerung an Deutschlands wahrhaft große Zeit. Er I stand dem schlichten Heldenkaiser mit dem alten Kanzler, I der nun auch im Sachsenwalde schläft, am nächsten. I Wenn das deutsche Volk seiner schönsten Siege, seiner Verjüngung und Erneuerung gedenkt, dann wird es tn I dankbarer Treue immer wieder den Namen des großen I Schlachtendenkers nennen, der unseren Heeren den I Siegesweg nach Paris vorgezeichnet und sie schlagfertig I und siegessicher gemacht hatte. Das Urteil der Geschichte I und der Wissenschaft über Moltke steht unzweifelhaft fest. I Niemand hat bisher gewagt und wird in Zukunft wagen, 1 an seiner Feldherrngröße, an seiner Bedeutung und Tuch- I tigkeit zu zweifeln. Unter den größten, innerlich tüch- I tigsten und äußerlich erfolgreichsten Heerführern aller I Zeiten und aller Völker wird ihm immer einer der I ersten Plätze gesichert sein. Deshalb wird das deutsche I Volk heute dankend seines Wesens und seines Wirkens, I seiner Arbeit und seiner Erfolge gedenken.
Aber nicht deswegen allein! Moltke war nicht nur I ein Kriegsweiser und Schlachtenwalter von besonderer Be- I deutung, sondern er war ein Mann von deutscher I Art, von vorbildlicher Bedeutung und von I erzieherisch erKraft. Gerade für unsere Zeit könnte I und sollte Moltke in besonderem Sinne Erzieher sein. I Wenn es wahr ist, daß alle wirkliche Größe schlicht sei, I so zeigt sich oieser Zug wahrer Größe ganz besonders bei I Moltke. Seine äußerliche und innerliche Schlichtheit sind fast sprichwörtliche geworden. Wir sehen ihn noch I im Geiste im Reichstage sitzen, in dem schmucklosen Kriegerrocke, still in sich zusammengesunken und doch mit dem geistvollen Auge scharf vor sich blickend, — ein lebendig gewordenes Sinnbild der Schlichtheit. Die äußeren Zeichen seiner hohen Stellung und der ihm oft erwiesenen königlichen Huld trug er nur, wenn es unbedingt sein mußte, zur Schau. Wie selten hat man den Feldmarschallstab, ! den kaum jemals ein Würdigerer trug, in seiner Hand : gesehen! Aber viel wichtiger und wesentlicher als diese 1 äußerliche war seine innerliche Schlichtheit. Sein ganzes Wesen trug ihr Gepräge. Wenn man die Briese an seine Gattin liest, die wahre Prachtstücke der Briefschreibekunst und köstliche Zeugnisse seiner Herzlichkeit sind, so steht man unter dem Eindrücke jener auf allen Schern verzichtenden Schlichtheit. Damit aufs innigste verbunden ist die absolute Wahrhaftigkeit, die beinahe rn jedem Worte, in jeder Wendung zum Ausdrucke kommt. Solche Schlichtheit und Wahrhaftigkeit ist dem Geschlechte unserer Zeit vielfach! abhanden gekommen, und Moltke könnte deshalb recht wohl ihm ein Erzieher sein.
Man hat ihn den großen Schweiger genannt. Reden war nicht seine Stärke. Er hat weder im Krregs- rate noch im Reichstage jemals überflüssige Worte gemacht. Als er nach Frankreich hineinzog, hat man nichts von ihm gehört; als er wiederkehrte, hat er geschwiegen, weil seine Thaten zur Genüge redeten. Im Reichstage hat er selten das Wort ergriffen. Wollte man seine Reden sammeln, so würde das Bändchen recht dünn werden. Aber wenn er sprach, so lauschte nicht nur der ganze Reichstag, sondern das ganze Reich und fast dtie ganze Welt. Jedes seiner Worte war wahr und wuchtig, fest geformt und fest gegründet. Es will uns erscheinen, als ob gerade in dieser Beziehung Moltke als Erzieher eine recht verdienstliche Thätigkeit entwickeln könnte.
Moltke war ein treuer Mann. Seinen Königen hat er treu gedient, bis man auf seine Dienste seines hohen Alters wegen verzichten mußte. Mit besonderer Treue hat er auch an dem Fürsten Bismarck gehangen. Wenn zwei so scharf geartete und so wenig schmiegsame Naturen, wie es Fürst Bismarck und Graf Moltke waren, aneinander kommen, so ist es recht verständlich, daß Reibungen stattfinden Von solchen Reibungen weiß auch die Geschichte der Jahre 1866 und 1870 zu erzählen. Aber niemals haben sie einen dauernd nachteiligen Einfluß auf das Verhältnis der beiden großen Männer zu einander üben können. Das deutsche Volk darf fic friedlich nebeneinander denken, wie sie in Erz geformt aus so manchem ' Denkmale der großen 3eit
In solcher Treue kann Moltke unserm Geschlecht vorbild-
Dw' Schriften des großtzn Schweigers bieten eine Fülle trefflicher Gedanken, sorgsamer Beobachtungen und abgewogener Weisheit. Nur auf zwei Dinge mochten wir hier aufmerksam machen, in denen uns Moltke Erzieher fein kann. In einem seiner frühesten Aufsatze, der sich mit den Zuständen in der Ostmark befaßt, weist er mit »rvßem Freimnte und voller Entschiedenheit auf tue
lieber die Bewegung in Südchina berichtet datz, ölgende Telegramm des „Daily Telegraph" aus Kanton vom 23. Oktober: D-ie Aufständischen haben Huitschau, ein geschlossen. Sie haben, nachdem sie den kai- erlichen Truppen eine schwere Niederlage beigebracht, die große Handelsstadt Samtschau (?) erobert. Heute ist ein Ausstand in Nanhung an der Grenze von Kwantung und Kiangsi ausgebrochen.
Die „Times" veröffentlicht folgende Meldung aus Peking vom 19. ds.: Hier eingegangene Telegramme des Kaisers, die am 12. Oktober in Tungkuan am gelben Flusse aufgegeben worden sind, enthalten keine Andeutung dafür, daß der Hof nach Peking zurüchukehren beabsichtige. Der Hof steht im Gegenteil ganz unter dem Einflüsse Tungsuhsiangs und seiner Kansutruppen, deren Interesse verlangt, daß der Hof in Singanfu bleibt. Der russische Gesandte ist heute hierher zurückgekehrt. Die Russisch-chinesische Bank hat Anweisung erhalten, ihre Thätigkeit in Peking wieder aufzunehmen.
Wie dasselbe Blatt vom selben Datum aus Peking meldet, ist eine Antwort an Li-Hung-Tschang und Prinz Tsching auf ihre an das diplomatische Korps gerichtete Note vom 16. Oktober noch nicht abgesandt.
Aus Petersburg wird vom 24. gemeldet: Ohne die Möglichkeit zu bestreiten, daß Tsching und Li-Hung- T s ch a n g den europäischen Gesandten eine Note zur Eröffnung der Verhandlungen zugestellt haben, ist man in der hiesigen chinesischen Gesandtschaft fest davon überzeugt, daß ihr von der Agenee Havas verbreiteter Text entstellt sei. Die chinesische Gesandtschaft erklärt, bisher keine Abschrift der Note erhalten zu haben, obwohl sie sowohl mit China als auch mit den chinesischen Gesandtschaften in Europa und in Washington lebhafte Beziehungen unter, halte, lieber die Rückkehr des chinesischen Kaisers nach Peking sei ihr nichts bekannt, da sie in keinerlei Verbindung mit dem Hofe des Kaisers stehe.
Nach in Berlin eingegangenen amtlichen Meldungen aus Tsingtau fand am 23. Oktober im Kiautschou- aebieteeinZusammenstoßzwischendeutschen Truppen und aufständischen Chinesen statt. Zwei südwestlich Kaumi belegene umwallte und energisch verteidigte Dörfer wurden genommen. Die deutsche Abteilung hatte keine Verluste, die Chinesen verloren eine größere Anzahl Toter und Verwundeter. Die deutschen Truppen kehrten nad); zwölfstündigem Marsch und Gefecht in vorzüglicher Verfassung nach Kaumi zurück.
Ein Telegramm aus Hongkong vom 25. meldet: Der Gouverneur erhielt die Mitteilung, daß 400 Dorfbewohner aus der Nachbarschaft von LamtotschM im Bezirk von Kweischin die Aufrührer in Pengkok angriffen. Die Angreifer verloren 200 Tote. Der Verlust der Rebellen beträgt 400 Mann. Später brannten die Aufständischen zwei Dörfer größtenteils nieder. Eine Truppenabteilung von 2000 Mann wurde den Dorfbewohnern am 21. Oktober zu Hilfe geschickt und stieß am 22. Oktober mit den Rebellen zusammen, lieber den Ausgang des Gefechts ist noch nichts bekannt. Admiral Ho kehrte mit 2000 Mann nach Wongkong zurück, vorher steckte er Schantschautin und Malautau in Brand und ließ 600 Mann in Pringschau zurück. Augenscheinlich beabsichtigt er keinen weitern Vorstoß, da die Aufrührer sich aus seinen Amtsbereich zurückgezogen haben. Die Aufständischen in der Nachbarschaft von Jnupfa sind 3000 Mann stark. (Die hier geschilderten Vorgänge haben sich im Hinterlande des Kaulungebiets zwischen dem Ostflusse und der britischen Grenze abgespielt.
Der „Temps" meldet aus Peking vom 23. ds.: Aunglu ist nach Singanfu abgereist, um den Kaiser auszufordern, sämtliche Häuptliuge der Boxer hinrichten zu lassen. Während des Winters werden längs der Eisenbahn keine Operationen vorgenommen werden. Die Besetzung der Linie von Paotingfu wurde ohne Kamps durchgeführt. Die Lage im Süden wird bedenklicher.
Der französische Konsul in Hank au telegraphiert vom 23. Oktober, daß auf seine Anregung ein kaiserlicher Erlaß zum Schutze der italienischen Missionare in Schansi veröffentlicht worden sei. Die Beamten dieser Provinz werden darin für jede Ruhestörung verantwortlich gemacht, und müssen die Soldaten, die Gewaltthätigkeiten begehen, sofort hinrichten laffen. Die Zahl der italienischen Bischöfe, Missionare und Ordensbrüder beträgt ungefähr 60. Der französische Konsul in Tschisu telegraphiert vom 23. ds., der Gouverneur von Schantung habe die amtliche Bestätigung der Nachricht erhalten, daß der Großsekretär Kangyi gestorben sei. (Man wird auch dieser amtlichen Nachricht einigen Zweifel entgegensetzen müssen, da Kangyi bekanntlich der eigentliche Anstifter der Unruhen und der Fremdenhetze war.)
Aus Peking wird vom 23. ds. gemeldet: Feld- marschall Graf Waldersee und der deutsche Gesandte v. Mumm besichtigten heute den ganzen Kaiserpalast. Die
Gefahr hin, die dem Deutschtume in jenen Landesteilen drohte und droht. Er ist in seinem ganzen Leben nie parteipolitisch hervorgetreten; aber aus vielen gelegentlichen Bemerkungen erkennt man, daß er diese Gefahr auch später niemals unterschätzt hat. Nicht einmal nur, sondern oft finden wir in seinen Werken den Hinweis darauf, wie wichtig die Erhaltung der Landwirtschaft für die Wehrhaftigkeit des Volkes sei. Die Gefahr, die mit einem Niedergänge der Landwirtschaft für das Heer und die Volkswehr verbunden ist, sah er deutlich und machte kein Hehl aus dieser seiner Erkenntnis. Die Zeiten sind anders geworden. o
Nur in großen Zügen wollten wir hier das Bild des Mannes, von dem eine eingehende Biologie in der heutigen 97ummer unserer Unterhaltungsbeilage „Familienblätter" zu finden ist, andeutend zeichnen, das heute wiederum vor die Augen der deutschen Volksseele tritt. Es bedurfte auch kaum einer genaueren Zeichnung, weil Moltke nicht nur der deutschen Geschichte, sondern dem deutschen Volke innerlich angehört. Wie sein schlichtes Bild wohl in den meisten deutschen Häusern bekannt ist und eine liebe Wandzier bildet, so ist sein Leben und Wirken gleichsam noch lebendig im deutschen Volke. Männer wie er, wie der Fürst Bismarck, wie der erste Kaiser, dem sie beide treu und deutsch dienten, können aus dem Gedächtnisse des Volks nicht schwinden. Man kann gut und gern sagen, daß sie zu dem eisernen Bestände der Volkserinnerungen gehören, ja daß sie ein Stück der Volksseele geworden sind. Ein Volt, das solche Männer nickt immer wieder ehren wollte, würde sich selbst entehren. Wollte es ihrer ver- g e ssen, dann würde es sein selbst vergessen.
Der Krieg in China......
Heute fließen die Nachrichten wieder spärliche Sämtliche Berichterstatter der Londoner Blätter in S h a n g h a i betonen die Notwendigkeit, durch ein Vorgehen der Mächte gegen die Ernennung Autschangs zum Gouverneur von Honan, die Vizekönige der Aangtseprovinzen, deren i Autorität der Hof im Stillen zu untergraben trachte, zu unterstützen. Der Vertreter der „Daily Mail" in Shanghai will wissen, Li-Hung-Tschang habe den Kaiser zur Rückkehr nach Peking bewogen. Die Rückkehr werde unabhängig von der Lage der Verhandlungen innerhalb sechs Wochen erfolgen. Li-Hung-Tschang habe beantragt, den Sommerpalast für den Kaiser bereit zu halten. Anderseits versichert der Pekinger Berichterstatter der „Times", die Depeschen des Kaisers aus Tangkwan vom 12. Oktober enthielten keine Andeutung über die Absicht, zurückzukehren. Der Hof stehe vielmehr noch ganz unter dem Einfluß Tungsuhsiangs und seiner Kuansu- soldaten, deren Interessen Fernbleiben des Hofes von Peking erheischten. Nach einer Petersburger Meldung der „Daily Mail" enthält die in Blagowieschtschensk erscheinende Amurzeitung die Ankündigung, das rechte (chinesische) Amurufer werde, weil es fruchtbarer als das linke (russische) sei, den russischen Ansiedlern zur freien Besiedelung angeboten. Der Generalgouverneur Gribsky sei nach Rußland unterwegs, um aus strategischen Gründen den Bau der Bahnlinien Blagowieschtschensk- Zizikar und Stretensk-Chaborowsk zu befürworten. Die Anlage der erstgenannten Strecke (die übrigens schon auf einigen Karten und in einzelnen Schriften als vollendet oder der Vollendung nahe bezeichnet wurde), sei so gut I wie beschlossen, die der zweiten dagegen wegen der Geld- I not vorderhand zweifelhaft.
Wie der „Times" aus Shanghai gemeldet wird, I ist Admiral Seymour dort eingetroffen. Der russische Fürst Uchtomski, der ebenfalls in Shanghai weilt gedachte sich nach Port Arthur zu begeben. Die Verbindung I mit Peking sei äußerst schlecht, Briefe nach Shanghai erlitten eine Verzögerung von sechs Wochen. Alle Versuche, die geschäftliche Thätigkeit in Tientsin wieder auf- lunehmen, scheiterten an den Schwierigkeiten der Leichterverhältnisse in Taku. Bis zum Ausbruch der Wirren bestand in Taku eine englische Leichtergesellschaft, die bei hen schwierigen ™
düng des durch eine Barre gesperrten Pechoflusses gute Geschäfte machte. Vor dem Sturm auf die Takuforts hatten sich jedoch die Chinesen der meisten Leichterschiffe bemächtigt und sie fortgeschafft. Sw mögen seitdem von den verbündeten Truppen wieder Mit Beschlag belegt worden sein und nun für militärische Zwecke Verwendung I finden; immerhin aber sollten die Mächte darauf Bedacht nehmen, diesen Mißstand abzustellen, da die Geschäftsleute in Tientsin schon durch die Wtvren selbst I schwer gelitten hüben. Nach einer Meldung des „Standard' I aus Shanghai erwartet man in dortigen angeblich gut unterrichteten Kreisen, daß im Winter die Chinesen cuteti I ernsten Versuch! machen würden, Peking wieder zu nehmen. I In Tokio erwartete man nach dort vorliegenden Nach- I richten, daß der chinesische Hof am 25. oder 26. Ok- I tober in Singan eintreffen werde.


