Nachdem das GardekorPS nunmehr mit dem neue« Jn- ^asteriegewehr Modell 1898 ausgerüstet worden, ist jetzt ein vorbereitender Schritt gethan zur Einführung dieser Waffe bei den übrigen Armeekorps. In einem Jnformations- kursus über das Gewehr sind der „Schles. Ztg." zufolge von Seiten des Kriegsministeriums 15 Generale und 45 Obersten und Regiments-Kommandeure nach der Jnfanterie- Schießschule in Ruhleben kommandiert worden. Sie haben sämtlich in Berlin Wohnung genommen, und begeben sich alltäglich mit einem Eisenbahnzuge, der zu diesem Zweck in der Nähe der Schießschule hält, nach Ruhleben. Nach Ablauf des Kursus, der in dieser Woche sein Ende erreicht, beginnt auch die Ausgabe der neuen Gewehre an die Linienregimenter. Hierzu ist indes ein längerer Zeitraum in Aussicht genommen; die alten Gewehre werden erst dann durch neue ersetzt, wenn sie in der That durch Abnutzung in einen nicht mehr kriegsbrauchbaren Zustand gelangt sind. Diese allmähliche Einführung des neuen Gewehrs ist dadurch möglich, daß bei beiden Waffen vollkommen gleiche Munition angewendet wird.
Neue Vorschriften über die Ausbildung und Prüfung für den Staatseiseubahndieust im Baufach sind für Preußen vom Minister der öffentlichen Arbeiten erlassen worden, und sollen mit dem 1. Januar 1901 in Kraft treten. Sie enthalten, abgesehen von verschiedenen Aenderungen in den bei den Prüfungen zu stellenden Anforderungen, bezüglich des Eisenbahnbaufaches und des Maschinenbaufaches materielle Aenderungen insofern, als den Studierenden des Jngeni- j eurbaufacheS freigestellt ist, vor dem Beginn des Studiums | oder während der Sommerferien unter der Leitung eines staatlichen oder kommunalen Baubeamten oder eines Privatingenieurs wenigstens acht Wochen lang auf einer Baustelle thätig zu sein, um sich durch eigene Anschauung mit den Einzelheiten der gebräuchlichsten Baukonstruktionen vertraut zu machen, und daß diese Thätigkeit auf das erste Jahr der Ausbildungszeit bis zu drei Monaten gerechnet werden kann.
Die Maschinenbaubefliffenen, die in höheren Staats- I eisenbahndienft eingestellt zu werden wünschen, sind während I der letzten drei Monate des Elevenjahres im Lokomotiv- I fshrdienst zu beschäftigen und haben im Anschluß daran die I Lokomotivführerprüfung abzulegen und sind außerhalb des I Elevenjahres und vor der Ernennung zum Regierungsbau- I führer je sechs Wochen bei einer Betriebswerkmeisterei und I bei einer Eisenbahnstation zu beschäftigen. Die Baube- I Menen haben künftig den Antrag auf Zulaffung zur prak- I tischen Ausbildung und auf Ernennung zum Regierungs- I bauführer innerhalb dreier Monate nach dem Bestehen I der ersten Hauptprüfung an die Chefs der dort bezeichneten I Provinzialbehörden zu richten.
Das Jubiläum des Herrn Geh. Kirchenrats Prof. D. Dr. Stade.
Gießen, 24. Oktober 1900.
(Nachtrag.)
Wir find in die Lage gesetzt, unseren Lesern den Wort- laut der Ndreffe mitzuterlen, die unserem Mitbürger, Herrn Geh. Kirchenrat Professor D. Dr. Stade aus Anlaß seines Jubiläums von den Mitgliedern der Frankfurter Konferenz I hessischer Geistlicher überreicht worden ist; wir fügen den I Wortlaut der von dem Jubilar gegebenen Antwort an:
Hochverehrter Herr Professor!
E-Z®ie Frankfurter Konferenz Hessischer Geistlicher bringt Ihnen I »u Ihrem hmtigen Erinnerungstage die herzlichsten und wärmsten I Glückwünsche bar. Wir erachten das als eine Pflicht, die zu erfüllen I uns ein persönliches Bedürfnis drängt.
In zwiefacher Weise wtsien wir un« Ihnen verbunden. Es ist I der ausgesprochene Zweck unserer Vereinigung, ihre Mitglieder in I der rheologischen Wissenschaft zu erhalten: in dem c .geschieht, nehmen wir zugleich Teil an dem Leben und der Arbeit ihrer Vertreter in unserer Landeskirche. Sie andrerseits haben es stets als Ihren Beruf erachtet, bei gegebener Gelegenheit aus dem engeren Krcts ihrer Sonderwisse.'schäft heraus auf das kirchliche Leben einzuwirken, ob Sie sich nun veranlaßt sahen, die Lage der evangelischen Kirche Deutschlands zu beleuchten, oder bei dm Verhandlungen unserer Synode den besonderen Bedürfntffen der Landeskirche nachzusinnen. Von Ihnen zu uns, von uns zu Ihnen zieht sich so ein doppeltes Band — ein wissenschaftliches und ein kirchliches — gemeinsamer Arbeit und gemeinsamen Strebens.
schauen hruie, hochverehrter Herr Professor, auf eine 25iahrige Lebrlhätigkeit an unserer Landesuniversttät zurück. Unter den 152 hessischen Geistlichen, die heute zu unS gehören, sind nur ganz wenige, die nicht zu Ihren unmittelbaren Schülern zählen. DaS Dovprldand, dessen wir gedachten, empfängt damit eine per- sönliche Färbung, vrrknüpft sich doch mit der Erinnerung an Ihre «ademtsche Wirksamkeit dir unseres einstigen Lebens auf der Hoch- ichule. Wir faßen Ihnen Dank für alle Belehrung, Anregung und - I ,ung, die Sie, der derwalige Senior d'r Fakultät, unS allen,
Einzelnen, haben zu Teil werden lassen, für die Teilnahme lÄ? a„ ?ct Wetterentwickelung eines jeden Ihrer zahlreichen Schüler. Unser Dank aber klinge au8 in dem Wunsche:
»Gott segne ferner Ihr Wirken «n Ihnen selbst, an uns und
_ an unserer Landeskirche."
Der Vorstand der Frankfutter Konferenz Hessischer Geistlicher: Guyot. Walter. Eck.
. Ä Ekf diese von Pfarrer Sic. Eck-Offenbach im Namen des Vorstandes bet genannten Konferenz verlesene Adresse erwiderte Geh. Kirchenrat Prof. D. Dr. Stade folgendes:
Hochgeehrter Herr Licentiat!
Es freut mich ungemein, daß die Geistlichen der Frankfurter Konferenz an der Feier dieses Tages Teil nehm!« auf das herzlichst«,»- di- B-g-Lgbie"gte ’n£ «tsgesprochen haben. Diejenigen unter den Angehörigen de^r Fra^furter Konferenz, bie meine alten Schüler sind, und es find L LSEa M« m-sti-n, »b-rz-ugil-in U 'ch in ÄSSÄ hie zwischen uns sich gewoben hat, seitdem sie vor meinem säße«, in aller Treue stehe und in chr stehen werde, solange ich atbme rmd lebe. Schon um deßwillen, weil ich mich für das Ergehen für das Thun und Treiben aller derer, die ich einst unterrichtet habe müv^ antwortlich fühle. Ueber die reichgesegnete kirchliche Wirksamkeit in die Gott sei Dank mancher meiner Schüler gekommen ist, habe ich mich allezeit gefreut, denn ich habe immer darin und nicht in anderen Dingen den mir freilich ohne all' Verdienst und Würdigkeit zugefallenen Lohn »einer akademischen Thätigkeit erblickt. Und wenn etwa einmal einer »einer alten Zuhörer in Schwierigkeiten und Anfechtungen gefallen ist, so hat mir das schwer auf dem Gewissen gelegen, und es hat mich die
[ bange Frage gequält, ob es nicht vielleicht anders und besser gegangen I wäre, wenn ich es in meinem Unterricht bester und treuer angefangen I hätte. Sie haben recht, wenn Sie mir nachsagen, daß ich allezeit mit I dem kirchlichen Leben Fühlung gesucht und mich nicht innerhalb meiner I Fachwissenschaft gehalten habe. Aber Sie gestatten wohl, daß ich diese | Thatsache ein wenig anders formuliere. Wir Theologen sind ja nun I einmal Männer der Formel, manchmal vielleicht viel zu sehr. Ich habe I meine Fachwissenschaft niemals für etwas anderes gehalten, als für I einen Teil der Theologie, und die Theologie niemals für etwas anderes I gehalten, als für eine Lebensäußerung der Kirche, meine Funktionen als j Professor der Theologie daher, wiewohl ich mit Stolz mich als Glied I einer Korporation empfinde, welche die Erforschung des gesamten mensch- I iichen Wissens zu ihrer Ausgabe hat und als Profeffor Staatsbeamter I bin, als kirchliche Fuukttonen, als eine Arbeit im Dienst unserer evangelischen I Kirche betrachtet und geübt. Meine Fachwissenschaft ist in den letzten I Jahren stärker in den Vordergrund getreten, als früher, denn es ist I klarer als früher geworden, welch' hohe Bedeutung das Verständnis der I Vorgeschichte des Christentums für das Verständnis des Evangeliums I Christi und die Geschichte der Kirche und ihres Glaubens hat, und Gott I hat in unseren Tagen der Kirche ein besseres, ihrem eigenen geistigen I Besitze konformeres Verständnis des wirklichen Verlaufs ihrer Vorgeschichte [ geschenkt. Dem allen schreibe ich es zu, wenn es heute einem alttesta- mentlichen Theologen leichter als früher gelingt, einen größeren Einfluß auf das Heranwachsende Geschlecht zu gewinnen. Die Theologie aber erwächst aus dem Bedürfnis der Kirche, das Evangelium immer wieder aus den biblischen Quellen zu erheben, an diesen immer wieder die kirchliche Verkündigung zu prüfen und zu kontrolieren, und mit mit dem gesamten übrigen geistigen Leben der Menschheit auseinander zu setzen. Die Theologie hat daher eine kirchliche Wurzel und kirchliche Abzweckung. Und seit dem großen Jahrhundert unserer Nation, das leider ein so kleines Geschlecht gefunden hat, seitdem der gewaltige Mönch und Professor von Wittenberg das verschütt Ke Verständnis des Evangeliums wiedergeful'.den und neue Grundlagen für des gesamte ge-stige Leben der europäischen Menschheit gelegt hat, sind Kirche und Theologie mit Recht untrennbar verbunden. Man hat mit Recht behauptet, unsere Kirche habe einen Zug zur Wissenschaft, und die moderne Wisierflchast stt ihr blutsverwandt. Daher beschämt es mich eigentlich, wenn Sie mein Bestreben, immer Fühlung mit dem kirchlichen Leben zu haben, 1 oorheben. Denn ich habe damit nur gethan, was selbstverständlich u ■) waä Pflicht war. Man kann anders als Lehrer der Theologie iaa)t verfahren.
Mit lebhafter Freude aber nehme ich um deßwillen Ihre Begrüßung entgegen, weil ich aus Ihrer Adresse ersehe, daß auch unter den Männern, die das Evangelium der Gemeinde predigen, die Ueberzeugung lebt, daß die K-rche nur bann gesund bleiben und den ihr gebührenden Einfluß auf das geistige Leben der Nation gewinnen — oder muß ich nicht vielleicht sagen: zucückgewinnen? — kann, wenn derjenige Teil des kirchlicher- Lebens, den wir Theologie nennen, von ihnen auch nach dem Scheiden von der Universität gepflegt wird. Auch im Amt kann man sich und soll man sich mit bcii Problemen der Theologie je nach Zeit und Kräften beschäftigen. Es ist gewiß ein Schaden unserer Lage, und ich bedauere ihn tief, daß die akademischen Lehrer der Theologie nicht mehr, wie dies früher fast ausnahmslos der Fall war, zugleich im geistlichen Amte stehen können, da die Aufgaben beider Aemter, des geistlichen und des akademischen, zu sehr gewachsen sind, al« daß ein Mann ihnen gleichzeitig genügen könnte. Aber ein noch wett schlimmerer Schaden würde entst.heu, wenn die Diener am Wort jemals die Fühlung mit der theologischen Wissenschaft und ihren Problemen verlieren sollten. Daher gereicht mir eine Begrüßung von Männern, die, im geistlichen Amt stehend, Fühlung mit ihr suchen, zu großer innerer Befriedigung, denn ich sehe darin eine gute Vorbedeutung für die weitere Entwicklung unserer Kirche, auf der alle Zeit Gottes Segen ruhen möge.
Ich bitte Sie, alle Mitglieder der Konferenz von meinem Danke in Kenntnis zu setzen.
Schließlich erwähnen wir noch, daß Rektor Dr. Greiner- Schotten eine Plaquette mit dem wohlgelungenen Relief des Jubilars übersandte, die jedenfalls vervielfältigt und den Teilnehmern an der Feier zugänglich gemacht wird.
Die Synode des Dekanats Gießen.
-r. Gießen, den 25. Oktober 1900.
Gestern tagte hier in der Johanneskirche unter dem Vorsitz des Dekanatsstellvertreters, Pfarrer Schlosser- Gießen, die von 44 geistlichen und weltlichen Mitgliedern besuchte Synode des Dekanates Gießen. Sie wurde um 9 Uhr durch einen Gottesdienst eingeleitet, in dem Pfarrer Gußmann-Kirchberg über 1. Petri 5, 1—4 predigte. Er sprach im Anschluß an die Mahnung des Textes „Weidet die Herde Christi, so euch befohlen ist," von der in unserer Zeit des Materialismus und des Gewohnheitschristentums besonders schwierigen Ausgabe des geistlichen Amtes und von den Gefahren, die dem Geistlichen aus seiner persönlichen Stellung im Kreise der Gemeinde für sein Wirken sich ergeben können.
Nachdem der Vorsitzende die Versammlung mit Gebet eröffnet hatte, verlas er ein Schreiben des seitherigen Dekans, Pfarrer Wahl-Hausen, das dessen Dank an die Geistlichen aussprach für das während seiner 12jährigen Amtsthätigkeit als Dekan ihm bewiesene Vertrauen und die Bitte um ihre fernere Liebe und um Gottes weiteren Segen für unsere evangelische Kirche und insbesondere für die Arbeit in den Gemeinden unseres Dekanates. Die Synode beschließt, durch ihren Vorsitzenden Herrn Dekan Wahl für seine treuen Dienste ihres Dankes versichern zu lassen, und giebt der Hoffnung Ausdruck, er möge durch Gottes Gnade in seiner Gesundheit wieder gekräftigt und dem Dienste der Kirche noch lauge erhalten werden.
Zu Schriftführern wurden erwählt: Bürgermeister Krämer-Steinbach und Pfarrvikar Schmidt-Trais, zu Nrkundspersonen für die vorzuuehmenden Wahlen: Bürgermeister Heß-Watzenborn und Pfarrvikar Römheld- Pohl-Göns.
Nach Verlesung zweier Schreiben des Großherzoglichen Oberkonfistoriums, betreffend die Genehmigung der Satzungen und der Dienstanweisung der Dekanatskrankenpflege und den Bescheid der Kirchenbehörde auf die letzten Synodalverhandlungen, erstattet daun der Vorsitzende Bericht über das kirchliche Leben des Dekanates im vergangenen Jahre. Besondere Ereignisse, die daS allgemeine Bild der kirchlichen Lage verändert hätten, seien nicht zu verzeichnen, und wenn die statistischen Angaben hier und da Vergebungen auf- weisen, so lassen sie doch weniger auf einen Stillstand, als auf eine Hebung und Besserung der kirchlichen Verhältnisse schließen. Das Institut der Dekanats-Krankenpflege zeigt einen gedeihlichen Fortgang. Als Synodalvertreter für innere Mission macht der Vorsitzende der Versammlung von der kürzlich erfolgten Einweihung der trefflich eingerichteten Epileptischen-Anstalt für jugendliche Kranke in Nieder-
Ramftadt Mitteilung, sowie von dem schönen Gedeihen ber neuen landwirtschaftlichen Anstalt für verwahrloste „ k r^lLrr^ ?n(*ben auf der Aumühle bei Darmstadt und empfiehlt beide ihrer eifrigsten Fürsorge.
otefen Berichterstattungen wurde zu der durch die Amtsniederlegung des seitherigen Dekans erforderlich gewordenen N-nwahl geschritten. Zunächst gab der 83ot= fitzende folgende Erklärung:
eines Dekans, event.
öewber 1889 S 2 pos I entspricht, und verSre mich da^eg^, als irfienbael^e Erwartung betreffs der Wahl mcMerseitS i?5tte ausdrücken wollen. Ich habe in Beziehung auf diese Wahl weder eine Erwartung, noch einen Wunsch gehegt. Di« Lerren vom Dekanatsauöschuß wissen, daß ich von Anfang an keine Neigung Satte, eine Wahl anzunehmen, und daß ich mich nur durch das Zureden vor, einer Seite, auf deren Urteil ich großes Gewicht leae. haar bewegen lassen, den Dingen einmal ihren Laus zu lassen. N«ch- dem dann, wie mir mitgeteilt wurde, unter dm Geistlichen der Wunsch auffam, lieber einen Landgeistlichen zum Dekan zu haben als einen aus der Stadt, habe ich alsbald, um eine Spaltung im S)efanat Zu vermeiden, in einem Briefe an H.rrn Dekan Wahl, von dem ich ihn bat Gebrauch zu machen, erklärt, daß ich eine Wahl ni(5t annehme, und bitte auch jetzt diejenigen Herren, die geneigt
Ü A iu. stimmen, davon absehen zu wollen. m hJa qt t k1» <Sdl ö0? übrigen Aemtern zurücktrete, daß ich das Amt detz Dekanstsstelloettreters, dss ich 12 Jahre in Fried unb Frsundsch-ft mit S-rrn Dekan Wahi Inneg-habt, und die Lettong der Landkrankenpflege, sowie das Amt des Synodalvertreters für innere Mission, mit dem sie verbunden ist, unter einem andern nicht mehr führen will, wird mir kein billig Denkender verübeln."
Es wurde daraus, wie gemeldet, mit 38 von 44 Stimmen Pfarrer Strack «Leihgestern gewählt. Er nahm die Wahl an mit der Versicherung, es geschehe zwar gegen sein persönliches Erwarten und Wünschen, und nur, weil er aus der großen Majorität, mit der er gewählt sei, erkennen und hoffen dürfe, er werde die für sein Wirken wichtigste Grundlage, die Liebe und das Vertrauen seiner Amtsbrüder, finden; nur dadurch lasse er sich bestimmen, daS schwere, verantwortungSreiche Amt aus sich zu nehmen.
Nach einer kurzen Unterbrechung der -Sitzung wurde sodann der Stellvertreter des Dekans gewählt. Aus der erforderlich gewordenen Stichwahl zwischen Pfarrer Dr. Naumann-Gießen und Pfarrer Euler-Gießen ging ersterer mit 22 gegen 21 Stimmen als Gewählter hervor und nahm die Wahl auch an.
Nach Beendigung der Wahlen ergriff Pfarrer Euler das Wort zu seinem Referate über die Fürsorge für verwahrloste und sittlich gefährdete Kinder mit dem praktischen Ziele der Errichtung eines Erziehungsvereins im Dekanat Gießen. Nach kurzer Beleuchtung des vorhandenen großen Notstandes giebt er einen geschichtlichen Ueberblick über die bisher geleistete Abhilfe, wobei er besonders eingehend das Zwangserziehungsgesetz von 1887 würdigt. Leider sei es bei manchen Gemeinden wenig beliebt, weil es ihnen finanzielle Lasten auferlege. Sodann erörterte der Redner die Frage ob Anstalts. oder Familienerziehung den Vorzug verdiene. Nur in besonders schweren Fällen hält er Anstaltserziehung für angebracht, die eben wegen der Gefährdung weniger Verwahrloster durch Verderbtere ihr Bedenkliches habe, und giebt im Allgemeinen der Unterbringung solcher Kinder in tüchtigen Familien den Vorzug. Aber es halte den mit der Ausführung des Zwangserziehungsgesetzes beauftragten Kreisämtern schwer, die rechten Familien aufzufinden. Da sollen eben Erziehungsvereine helfend einspringen, wie solche in Hessen bereits in den Dekanaten Reinheim, Offenbach, Zwingen berg, Schotten und Grünberg bestehen. In unstE Dekanat mußten seit 1887 schon 114 Kinder in Zwangs-Erziehung gegeben werden. Die Zahl beweist wohl die dringende Notwendigkeit einer ähnlichen Einrichtung auch bei uns. Nachdem der Referent dann noch im einzelnen über die Organisation eines solchen Vereins, dessen Geschäfte im wesentlichen von den bereits bestehenden Dekanatsbehörden (Dekan, Dekanatsausschuß, Synodalvertreter für innere Mission, Dekanatsrechner) zu übernehmen wären, sich geäußert hat, stellt er zum Schluß den Antrag an die Synode, einen solchen Verein zu gründen, oder, wenn das nicht beliebt werde, wenigstens die finanzielle Unterstützung des benachbarten Grünberger Vereins zu beschließen.
In der an den Vortrag sich anschließenden Debatte wurde zunächst anerkannt, daß, trotz mancher Ausstellungen und Bedenken, das Zwangserziehungsgesetz gut gewirkt habe. Auch die segensreiche Arbeit der Erziehungsvereine wurde voll gewürdigt und betont, daß die Fürsorge für verwahrloste Kinder schon nach der Kirchenverfassung in das Bereich der Pflichten der Dekanatssynode gehöre. Nur wollte man von der Gründung eines neuen Vereins nichts wissen. Dagegen gab die Versammlung dem vom Vorsitzenden gemachten Vorschlag, eine Einrichtung nach Art der bereits in manchen größeren Städten bestehenden „Erziehungsbeiräte" zu schaffen, Beifall und beschloß nach einem Schlußwort des Referenten einstimmig, den Dekanatsausschuß zu beauftragen, sich unter Zuziehung des Synodalvertreters für innere Mission und etwaiger anderer geeigneter Persönlichkeiten zu einem Erziehungsbeirat zur Rettung verwahrloster Kinder zu konstituieren. — Die Neuwahl eines Synodalvertreters für innere Mission soll in der ersten Sitzung des Synodalausschusses erfolgen. — Die Bestellung des Kreiskasserechners Kauß zum Rechner der Dekanatskasse wird von der Synode bestätigt.
Endlich vereinigt sich die Synode aus Antrag des Pfarrers Guß mann gegenüber den mannigfachen Verdächtigungen der evangelischen Mission in jüngster Zeit zu folgender Verwahrung:
Die Synode des Dekanates Gießen spricht ihr schmerzliches Bedauern über die gelegentlich der chinesischen Wirren gegen die evangelische Mission erhobenen, allgemeinen, gehässigen und ungerechtfertigten Angriffe aus. Sie sind geeignet, bei nicht genügend unterrichteten Christen Verwirrung des Urteils anzurichten. Sie gibt der bestimmten Erwartung und Hoffnung Ausdruck, daß die evangelischen Gemeinden des Dekanats


