Donnerstag dm 27. September 150. Jahrgang 190®
Nr. 226 Zweites Blatt
Heneral-Anzeiger
An»ts- und A»zeig<rblatt für den ICrci» Gieren
Die Wirre« in China.
zu beschäftigen.
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Telegramme des Gießener Anzeigers.
Berlin, 26. September. Acht Mitglieder der hiesigen chinesischen Kolonie sind gestern nach China abgereist. Sechs Herren waren der Gesandtschaft zugeteilt und zwei hatten als Studenten hier Aufenthalt genommen. Dieselben werden sich in Marseille nach China einschiffen.
Rom, 26. September. Shanghaier Drahtungen zufolge ist die gegenwärtige Haltung der chinesischen Regierung unzweifelhaft trotzig. Der englische General-Konsul sei der Ansicht, wenn auf der Bestrafung Tuans und der übrigen Anstifter der Ausschreitungen bestanden werde, würden zwei Expeditionen notwendig werden, eine westwärts von Peking, die andere nordwärts über Hankow. Gegen diese würden die Vizekönige der Jangtse-Provinzen wahrscheinlich Einwendungen erheben. Der französische Konsul drückt die Meinung aus, unter dem Druck der
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Vizekönige könnte die kaiserliche Regierung gezwungen werden, die Usurpatoren auszuliefern.
Petersburg, 26. September. Die russische Negierung soll fest entschlossen sein, ihre frühere Absicht nicht aufzugeben, sondern alle russischen Truppen aus Peking zurückzuziehen. Es wird ferner betont, daß die russische Zirkularnote vom 25. August im Gegensatz zur deutschen Note keinen Vorschlag enthalte, sondern daß dieselbe nur die Benachrichtigung der andern Mächte über den vom russischen Gesandten dem Chef der russischen Truppen in Peking gegebenen Befehl der russischen Negierung darstelle. Ob aber die andern Mächte diesem Schritt folgen wollen oder nicht, sei ihre Sache. Ihr Verhalten bleibe ohne Einfluß auf die einmal beschlossene Aktion des Petersburger Kabinetts.
Washington, 26. September. Der Kriegsminister hat eine Bekanntmachung anschlagen lassen, worin es heißt, daß der General Chaffee Instruktionen bezüglich der Räumung Pekings erhalten habe. General Chaffee wird in Peking mit einem Regiment Infanterie, vier Eskadronen Kavallerie und einer Batterie Artillerie verbleiben. Die übrigen Truppen werden nach Manila abgehen.
Washington, 26. September. Mac Kinley hat die Absicht, drei .Kommissare für die Friedensverhandlungen mit China zu ernennen. Der Präsident der Universität von Colombia, Seth Low, wird voraussichtlich sich unter diesen befinden. Außer diesen drei Kommissaren wird Rockhill der Kommission angehören, aber nur mit beratender Stimme.
Washington, 26. September. Die Antwort Japans auf die Note des Grafen von Bülow soll im Grunde identisch mit der der Bereinigten Staaten sein. Ferner verlautet, daß auch Frankreich und Rußland in demselben Sinne geantwortet haben. (? ?)
Schanghai, 26. September. Gestern ist an Bord des Panzerschiffes Kurfürst Friedrich Wilhelm mit den übrigen Schiffen des deutschen Panzergeschwaders auch der Gesandte Dr. Mumm von Schwarzenstein nach Taku abgereist.
stand leisten solle. Li-Hung-Tschung ließ ihm den Befehl zugehen, sich nicht zu verteidigen und die Forts bei der ersten Aufforderung zu räumen, aber der Bote kam nicht zurück und die bekannte Schlacht fand statt. — Li-Hnng- Tschang hat mitgeteilt, daß seine Truppen gemäß dem Befehl, alle B o x e r in der Provinz T s ch i l i niederzumetzeln, mehr als Tausend getötet und mehrere Banden von Boxern südwestlich! von Peking auseinandergesprengt haben. Die gefangen genommenen Boxer wurden öffentlich enthauptet, desgleichen ein Dutzend ihrer Führer. Li- Hung-Tschang teilte im Anschluß an diese Nachricht mit, daß das Land in einem Zeitraum von nicht ganz zehn Tagen von den Boxern gesäubert worden sei und die Einwohner zu ihren Beschäftigungen zurückkehren. Die Armee Li-Hung-Tschangs besteht aus dem Reste der ehemaligen Truppen der Provinz Tschili, die als die besten gelten. Li-Hung-Tschang, so meldet man, läßt die Boxer niedermetzeln, um das Versprechen zu halten, das er vor vierzehn .Tagen in seiner Proklamation 'gegeben hat. In dieser hatte er bekanntlich angekündigt, baß er mit äußerster Strenge gegen alle Boxer vorgehen werde, die nicht nach! Hause zurückkehren würden. Li-Hung-Tschang fügte hinzu, daß er die zur Sicherheit der in Tscheng-tsching gebliebenen katholischen Mxffionen erforderlichen Befehle erteilt habe. Maui brauche nicht die geringste Besorgnis bezüglich der Sicherheit derselben zu hegen.
Andererseits wird aus Shanghai telegraphiert: Die Missionare in der Provinz Tschili sind bedroht. Da europäische Truppen gegen die Boxer ausgeschickt worden sind, hat Prinz Tsching dagegen Einspruch erhoben, weil das Damen allein zum Vorgehen gegen die Boxer befugt sei. — Li-Hung-Tschang ist in Peking angekommen und unterhandelt wegen der Rückkehr des Kaisers.
Der französische Befehlshaber General Voyron hat dem Marineminister telegraphiert, daß er am 22. September französischie Truppen in Taku ausgeschifft und sein Hauptquartier in Tientsin aufgeschlagen habe. Er übernahm sofort den Befehl über das Expeditionskorps. Voyron berichtet Einzelheiten über die Erstürmung der Forts von Peitsang, an denen ein französisches Jn- fanteriebataillon, eine Battereie Gebirgsartillerie und eine Abteilung von 80 Mann Gebirgssoldaten teilnahmen. Die Chinesen leisteten nur schwachen Widerstand. Die Zahl der Verwundeten beträgt etwa 100 für die verbündeten Truppen.
Von der Ostasiatischen Nachrichten-Expedition des Deutschen Flottenvereins ist gestern folgendes Telegramm aus Taku vom 24. September eingetroffen: Die deutschen Truppen haben die chinesischen Forts vonLutai (40 Kilometer nördlich von Peitang am Fluffe gleichen Namens gelegen) erobert. Es wurde kein ernstlicher Widerstand geleistet.
Ferner wird aus Shanghai telegraphiert: Immer bestimmter wird behauptet, der Kaiser habe sich von der Kaiserin-Mutter getrennt und halte sich in Tatung, 250 Kilometer westlich von Peking, auf. — Nach einem Telegramm aus London heißt es in einer Depesche der „Morning Post" aus Shanghai, daß die deutschen Forderungen eine Expedition den Jangtse hinauf notwendig mache, der unbedingt Widerstand geboten werden müsse, falls die Expedition nicht eine britische, sondern international sein soll. Der Schutz der englischen Interessen erheische die Anwesenheit von 100000 Mann Truppen.
Die Konsuln von England, Frankreich, Japan und den Vereinigten Staaten haben ausdrücklich gegen die Versetzung des Bezirksvorstehers von Shanghai protestiert, da sie ihn für inopportun erklären. Der Vizekönig erwiderte, daß der betreffende Erlaß erst in einem Monat eintreffen werde und daß immer noch Zeit sei, sich mit der Frage
Note deni Chinesen der Mut so sehr gestärkt worden, daß sie ihre Lieblingsspekulation auf die Uneinigkeit der Mächte wieder aufnehmen durch eine Handlung, die, wie die Ernennung des Prinzen Tuan, der ganzen Welt ins Gesicht schlägt. In! dieser Berechnung dürften dre Chr- nesen sich! aber ebenso täuschen, wie in manchen andern. Es ist nicht lzu verkennen, daß die Ernennung des Prinzen Tuan, die nach Ansicht der bestunterrichteten Mächte that- sächlich erfolgt ist, der Lage ein verändertes Aussehen gegeben hat. Die amerikanische Regierung, die ihre eigenen Wege geht, beschäftigt sich jetzt, laut einer Depesche aus Washington, damit, die Weisungen für den Gesandten (Songer festzustellen, der sich.mit Li-Hung- Tschanck und dem Prinzen Tsching über den Ort einigen wird an dem dieselben mit den Vertretern der übrigen Mächte zusammentreffen sollen, um die ersten Verhandlungen zu erledigen und gewisse große Gesichtspunkte für die Konferenz aufzustellen. Man darf gespannt sein, wre die Verhandlungen zwischen Conger und den Bevollmächtigten des Prinzen Tuan verlaufen werden. Conger hat Gelegenheit gehabt, während der Belagerung der Gesandtschaften in Peking die Methode kennen zu lernen, die Prinz Tuan gegen Vertreter von Großmächten anwendet. Die Nachgiebigkeit Amerikas gegenüber China dürfte den chinesischen Prinzen nicht weicher gestimmt haben, der nun möglicherweise die Vorbedingung stellen wird, daß die eNnerikanischen Missionare in Zukunft aus China ausgeschlossen sein sollen.
Die amerikanische Presse macht sich das Vergnügen, Kinley's chinesische Politik gut zu heißen. Die amerikanischen Imperialisten drücken ihre Genugthuung aus. Sie können ja nicht anders, weil sie während der Wahl-Kampagne alle Handlungen des Präsidenten unterstützen müssen. Selbst die Ultra-Imperialisten geben die politische Zwangslage zu und trösten sich mit der Hoffnung, daß der Präsident nach seiner Wiederwahl eine starke aggressive Politik verfolgen werde. Die anti-imperialistischen Demokraten dürfen nichts gegen die Politik Mac Kinleys sagen, weil diese anti-militärisch ist und einen Krieg zu vermeiden
Amtlicher Feil.
Gießen, den 24. September 1900. Betr.: Anträge auf Befreiung von der Jnvalideuversiche- rungSpflicht.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen au die Großh. Bürgermeistereien der Landgemeinden des KreiseS.
Demnächst wird Ihnen je ein Formular für Anträge auf Befreiuung von der JnvalidenversicherungSpflicht nach § 6 Abf. 2 des JnvalidenversicherungSgesetzes nebst einem hektographischen Abdruck der §§ 76 bis 78 der BollzugS- avweifung vom 7. Juni 1900 zu gehen.
Sie wollen vorkommendenfalls dieses Formular anwenden, und nach den genannten §§ verfahren.
v. Mechtold,
Rußland und Japan haben nun auch, dem am Schlüsse der Note des Grafen Bülow enthaltenen Vorschläge zu gestimmt. Derselbe geht bekanntlich dahin, die Vertreter der Mächte zur Bezeichnung derjenigen leitenden Persönlichkeiten aufzufordern, über deren Schuld bei der Durchführung der Pekinger Verbrechen jeder Zweifel ausgeschlossen ist. Die Antwort der englischen Regierung ist noch nicht eingetroffen. Daß Amerika allein abweicht und in China eine selbständige Politik betreiben will, erörtern wir heute an anderer Stelle. Als erste Folge der amerikanischen Politik ist es nun wohl zu betrachten, daß Prinz Tuan von der Kaiserin in das erste Staatsamt berufen worden ist. Offenbar ist durch Die amerikanische Note den Chinesen der Mut so sehr gestärkt worden,
beabsichtigt.
Die Nachrichten aus Shanghai betreffend die Haltung der kaiserlichen Partei lauten andauernd ungünstig. Wenn sie sich bestätigen, so muß man jede Hoffnung auf eine gütliche Einigung aufgeben. Alles deutet darauf hin, daß Prinz Tuan und seine Parte: Anstalten treffen, um den Kampf wieder aufzunehmen. Tie «izekönige des südlichen Chinas erhielten von rhw Weisung, sofort Generale und Truppen nach! dem Norden zu senden. Der Provinzial-Schatzmeister, der Li-Hung - Tschang die Siegel des Vizekönigs von Tschili überbringen sollte, wurde unterwegs von Boxern angehalten und gezwungen, unverrichteter Sache wieder zurückzukehren. (£r meldete Li-Hung-Tschang, er werde ihm die Siegel nach Pekmg zu- fenden. Einige Tage vor der Einnahme von Peitsang teilte der Kommandant dieser Forts Li-Hung-Tschang mit, daß er einen Angriff erwarte, und fragte an, ob er Wider-
Der Krieg in Südafrika.
Aus Lissabon wird telegraphiert: Amtlich wird gemeldet, daß die Zahl der Burenflüchtlinge in Lourenzo Marquez zehntausend überschreite. Den Flüchtlingen wird die Abreise nach Europa so viel wie möglich erleichtert und denjenigen, die nicht abreisen wollen, mitgeteilt, daß sie außerhalb der Provinz Mozambique untergebracht werden.
So scheint denn also der Krieg seinem Ende rasch entgegenzugehen. Nach der obigen Meldung kann an «dem schließlichen Zusammenbruch der Verteidigung kaum mehr gezweifelt werden. Nach amtlicher englischer Mitteilung ist obendrein Komati Poort ohne Widerstand den Engländern in die Hände gefallen, und die vft erwähnte dortige Eisenbahnbrücke, im Gegensatz zu früheren Angaben, unversehrt gefunden worden. Nach zuverlässigen Angaben aus den letzten Tagen wäre in der Chat die Burenstellung jenseits der Brücke an der portugiesischen Grenze glicht / haltbar gewesen. Die britischen Geschütze hätten bis pus portugiesisches Gebiet feuern können, und so zog Henn der letzte entschlossene Rest, der nur weniger als 1000 Mann mehr stark war, zeitig nach dwrden ab, während von den übrigen manche vereinzelt, andere in kleineren oder größeren Trupps den Fluß überschritten, bis zuletzt has Herannahen der englischen Truppen die in Lourenzo Marquez eingetroffenen Hauptabteilungen bestimmte, ebenfalls ohne Schwertstreich das Feld zu räumen. Bei so starken Massen internierter Burenkämpfer befindet sich die portugiesische Verwaltung der Kolonie in einiger Verlegenheit. Es ist keine Kleinigkeit, mehrere Tausend entwaffnete Krieger verpflegen zu müssen: es wird gemeldet, daß dem beurlaubten Präsidenten, der bekanntermaßen noch einen beträchtlichen Teil des Goldschatzes des weiland Transvaalfreistaates bei sich hat, zugesetzt wird, für diese Verpflegung die Kosten zu tragen. Holländische und sonstige quslän- dische Beamte, die nun ebenfalls in Lorenzo Marques hausen und in Ermangelung von Barmitteln schwer bedrängt sind, lassen obendrein den ehemaligen Gebietern des Transvaalstaates keine ruhige Stunde. In einer Zuschrift, die in der „Times" an hervorragender Stelle veröffentlicht wird, erklärt der Einsender, gegen Krügers Reise und die Beförderung seines Privateigentums sei nichts cin- zuwenden, daß er aber Staatsgelder und das Staatsarchiv auf einem neutralen Kriegsfahrzeuge entführen wolle, sei nicht zu dulden. Wenn die holländische Regierung Mrüger noch als Haupt eines kriegführenden Staates betrachten wolle, müsse sie sich darüber klar fein, |ba& die Entführung des Staatsarchivs und der Staatsgelder einer kriegführenden Partei für ein neutrales Kriegsschiff einen Neutrali-
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Erscheint täglich mit Ausnahme des W d
M Gießener Anzeiger


