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27.7.1900 Zweites Blatt
 
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w. <73 Zweites Blatt. Freita« dm 27. Juli

1900

Gießener Anzeiger

Henerat-Anzeiger

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Amts- und Anzeigeblatt für den 'Kreis Gieren.

Addition und Druckerei: Fch»tßr«tze Ar. 7.

Graüsbeilages: Gießener Familienblätter, Der hesfische Landwirt, Mütter für hehische Uslkstmn-e.

«dreffe für Depeschen: Anzeiger gUftou Fernsprecher Nr. 51.

Die Wirren in China.

Nach einer dem Reuter'schen Bureau aus Tientsin vom 20. dS. zugegangenen Meldung berichtet ein aus Peking dort eingetrofsener Läufer, die Europäer hätten sich am 10. ds. noch in Sicherheit befunden; es hätten beträcht­liche Kämpfe zwischen Boxern und chinesischen Soldaten im Innern der Stadt statigefunden. Demselben Bureau wird vom 22. aus Taku gemeldet: General Li, Kommandant der in der Nähe von Taku gelegenen Peitang-FortS benach­richtigte den britischen besehlshabenden Offizier bei Tonku, ein Läufer, der Peking am 14. Juli verließ, berichte, daß die Stadt sich im Zustande vollständiger Anarchie befunden habe, die Truppen hätten mit den Boxern ge­kämpft und letztere hätten die Oberhand im Kampfe ge­wonnen. Die Maximmunition der Gesandtscha tswachen sei erschöpt gewesen, die Europäer wären sparsam mit Gewehrmunition umgegangen. Die sremdenfeindlichen Chi­nesen hätten eine Anzahl Geschütze auf die die Gesandtschaft beherrschenden Wälle gebracht; die Wachen hätten jedoch einen Ausfall gemacht und die Geschütze zum Schweigen gebracht. Li fügte hinzu, er möchte es gern ver­meiden, gegen die Verbündeten zu kämpfen. Der belgische Minister des Auswärtigen Amtes erhielt vom belgischen Konsul in Shanghai ein Telegramm, in dem milgeteilt wird, daß er von Li-Hung-Tschang erfahren habe, daß sich die Gesandten thatsächlich auf dem Wege nach Tientsin befinden.

Ein Telegramm aus Shanghai, berichtet, Li-Hung- Tschaug sei amtlich benachrichtigt worden, daß er Shang­hai nichts v er lassen dürfe.

Daily Mail" berichtet aus Shanghai, daß alle Frauen und Kinder das Zeughaus von Fu-Tschou verlassen haben.Daily News" meldet aus Fu-Tschou, daß die Mauern der Stadt mit Proklamationen der Boxer be­deckt find.

AuS London wird telegraphiert: Eine Nachricht aus Tschifu vom 24. ds. Mts. besagt, daß Admiral Seymour mit einem Torpedozerstörer den Jangtse hinaufgeht, um die Uferports zu decken.

Rußland und die Mandschurei.

Nach den neuesten amtlichen Meldungen gelang es den russischen Truppen unter dem Befehl zweier Gene­rale von Nikolskoje über den Wunsungaifluß K h a r b i n zu befreien. Ebenso mußten die Chinesen das Bombardement von Blagowieschtschensk aufgeben und sich über den Amur zurückziehen. Die Kosaken verfolgten die Chinesen. Die Herstellung des regelmäßigen Dampfer-Verkehrs auf dem Amur steht bevor. Mit der Stadt Kharbin werden wahrscheinlich auch andere Punkte gerettet werden können. Der in Tolbuzin eingetroffenje DampferWojwoda", der von Kharbin nach Lachusa be­stimmt ist, meldet, die Chinesen hätten ihn in Ssansin vom Ufer und von Dschunken aus beschossen und einen Lotsen und eine Frau verwundet. Die russischen Bewohner befinden sich bei Ssansin in der Mitte des Ssungariflusses auf einem Lastschiffe. Tie Truppen-Abteilungen unter den Generälen Alexejew und Tschitschagow am Ssungari schrei­ten vorwärts. Das schnelle Vorgehen der Generäle am Ssungari hat bewirkt, daß die Chinesen bereits einige Punkte der mandschurischen Bahn geräumt haben. Das Organ für Handel und Manufaktur meldet: Die mandschp- rischen Truppen unterscheiden sich von chinesischen Truppen, die von fremden Instruktoren ausgebildet sind. Die Mandschu entbehren tüchtiger und energischer Generäle, während die Chinesen solche bei den Operationen von Tientsin und Taku hatten. Nach telegraphischen Berichten der russischen Konsuln in der Jung ar ei hat der Gou­verneur des chinesischen Bezirks Jli zwei Kosakensotnien erlaubt, zum Schutze der Konsulate nach Kuldscha und Tschugutschak zu marschieren. Viceadmiral Alexejew hat Befehl erteilt, das Auftreten des Aufständischen an der Grenze der LiaotundHalbinsel und Koreas zu beob­achten.

Aus Tientsin wird vom 17. d. M. gemeldet, daß Ko­saken eine größere feindliche Konzentration vier Meilen nordwestlich von Haiku auskundschafteten; die Stärke des Feindes wurde auf 1 0000 angegeben. Chine­sische Vorposten wurden bei Armonrh bemerkt. Als die Kosaken näher kamen, fanden sie Armonrh von Infanterie besetzt. Diese eröffnete das Feuer; ein Kosak wurde ge­tötet, ein Japaner wurde verwundet.

Aus Paris wird gemeldet: Die Lazaristen und Trap­pisten, die in der südlichen Mandschurei Nieder­lassungen besitzen, erhielten die offizielle Anzeige, daß dort hundert Missionaremassakriert wurden, offen­bar von jenen Banden des Prinzen Tuan, die nach der Niederlage von Tientsin gegen Norden zogen und den flüchf- ienden Missionaren begegneten.

Ein Telegramm aus Petersburg besagt, der russische Kriegsminister habe dem Zaren vorgeschlagen, 100000 Mann nach der Mandschurei zu schicken. Der Zar habe geantwortet, er wolle keine Eroberungen machen, sondern nur die Grenzen verteidigen.

Rüstungen.

Der Staatssekretär Graf Bülow empfing dieser Tage die Botschafter von Rußland, Amerika, Oesterreich- Ungarn, Frankreich, Italien und den englischen Geschäfts­träger. Es liegt nahe, anzunehmen, daß sich der Staats­sekretär bei dieser Gelegenheit mit den Herren über die chinesische Angelegenheit im allgemeinen" und im besonderen über die Antwort unterhalten habe, die vom deutschen Reiche auf die chinesische Note erteilt wurde.

Zu dem heute (Donnerstag) stattfindenden Ausmarsch der erste nund zweiten Eskadron des ostasiatischen Reiter- Regiments erließen der Oberbürgermeister und der Stadt- verordneten-Vorsteher von Potsdam einen Aufruf an die dortige Bürgerschaft, in dem zur Ausschmückung der Häuser und zu zahlreichem Geleit zum Bahnhof auf- gcfordert wird. Der Ausmarsch dürfte abends zwischen 7 und 8 Uhr erfolgen. Die erst am 3. August aus Pots- dam ausrückende 3. Eskadron wird die scheidenden Ka­meraden zum Bahnho^ begleiten. Dienstag vormittag besichtigte Prinz Friedrich Leopold als General- Jnspcltcur der 4. Kavallerie-Inspektion auf dem Born­stedter Felde die ostasiatischen Reiter. Der Eisenbahn- Transport des in S p a n d a u zusammengestellten Feld- lazareths für die Chinatruppen hat begonnen und soll bis heute abend beendet sein. Das Sanitäts- und Mann­schaftspersonal rückte heute nachpüttag 5 Uhr ab. Die Verladung findet in Bremerhaven auf dem Transport­dampfer Batavia statt. Die in Spandau zu formierende Proviant-Kolonne mit den Feldbäckereien tritt die Fahrt erst Anfang August an. Zu dem Abschieds- fest, das am Dienstag abend dem nach China aus­rückenden Telegraphendetachement vom Telegraphen- bataillon Nr. 1 in Berlin gegeben wurde, war der Uebungshof elektrisch erleuchtet und prächtig geschmückt. Die Kapelle konzertierte bis 10 Uhr und beschloß das Fest mit Zapfenstreich und Gebet. Die Abteilung fährt heute nachmittag nach Bremerhaven ab.

DerBerliner Korrespondenz" zufolge traf das Reichs­postamt im Einernehmcn mit dem Kriegsministerium und dem Reichsmarineamt eine Einrichtung, die den tele­graphischen Verkehr vom ostasiatischen Expeditions­korps nach der Heimat zu mäßigen Sätzen, in gewissen Fällen sogar unentgeltlich, ermöglicht. Ein Verzeichnis von etwa 100 Nachrichten, für die während des Kriegszustandes erfahrungsmäßig ein allgemeines Bedürfnis vorliegt, werde aufgestellt; jede dieser Nachrichten hat fortlaufende Nummern. Außerdem erhielt jeder Soldat des Expedi­tionskorps die Nummer, worunter sein Name und eine von von ihm bestimmte Adresse in der Heimat eingetragen ist. Das Feldtelegramm eines Soldaten besteht also aus zwei Zahlen, nämlich des Telegraphennummer-Absenders und der Nummer der zu übermittelnden Nachricht. Diese Nachl- richten werden täglich gesammelt und zu einem Telegramm zusammengestellt, das täglich an das Haupttelegraphen­amt Berlin übermittelt wird. Hier werden die Einzel­telegramme wieder übersetzt und dem Adressaten zugestellt. Für solche Nachirichst nach! der Heimat zahlen Offiziere 6, Unteroffiziere und Mannschaften 3 Mark, bei Nachrichten, die sich auf Verwundungen und ähnliches beziehen, will die Militär- bezw. Marineverwaltung die Kosten tragen, sofern die Notwendigkeit der Nachricht von den Vorgesetzten des Absenders anerkannt ist. Die Telegrammgebühr kann in Freimarken entrichtet werden; es empfiehlt sich des­halb, die in nächster Zeit Abgehenden mit Freimarken zu 1 und 2 Mark auszurüsten oder ihnen solche in Briefen nachzusenden.

Während überall bei der Durchreise der deutschen Truppenabteilungen durch Italien Vertret­ungen der städtischen Verwaltungen auf den Bahnhöfen zur Begrüßung anwesend waren, hat der kürzlich gewählte Mailänder Gemeinderat, dessen Mehrheit die vereinig­ten Republikaner und Sozialisten bilden, diesen Höflich­keitsakt unterlassen, was der gemäßigt liberalen Presse zu heftigen Angriffen gegen den Gemeinderat An­laß giebt. In einer in Mailand in Angelegenheit der chinesischen Frage abgehaltenen sozialistischen Ver­sammlung wurde auf Anttag des Rechtsanwalts Tre- veas eine Resolution angenommen, welche die Aktion Italiens in China billigt.

Die deutschen Verwundeten.

Der Chef des Kreuzergeschwaders teilt derNordd. Eg. Ztg." zufolge unter dem 21. ds. nachstehende Ver­wundetenliste nebst Angaben über den augenblicklichen Unterbringungsort der Verwundeten mit: Besatzung S. M. S. Hertha: Schwer verwundet und an Bord des Dampfers Köln: Matrosen Obermann und Gutschmidt; leicht verwundet und an Bord desselben Schiffes: Ober­maat Welle, Matrose Gansow. Leicht verwundet und an

Mord S. M. S. Hertha: Kapitän z. S. v. Usedom, dieser geheilt, Obermatrosen Schings und Henning, Matrosen Jeka, Klarenaar, Hueet, Steppon, Göpel. Leicht verwun­det, meist geheilt und in Tientsin: Leutnant v. Wolf, Ober­bootsmannsmaat Fechner, Bootsmannsmaate Naunheim und Raßler, Obermatrosen Petersen und Jepp, Matrosen Henessen, Spelter und Bach, Heizer Fattiger. Besatzung S. M. S. Hansa: Schwer verwundet und in Yokohama: Kapitänleutnant Schlieper. Schwer verwundet und an Bord des Dampfers Köln: Leutnant Pfeiffer, Oberfani- tätsmaat Buermann, Feuerwerksmaat Hellwig, Matrosen Tusch und Averhof. Leicht verwundet und an Bord des Dampfers Köln: Matrose Düsterbeck. Leicht verwundet und an Bord des Dampfers Köln: Matrose Düsterbeck. Leicht verwundet und an Bord S. M. S. Hansa: Ma­trosen Lohmüller und Lehmann. Leicht verwundet, meist geheilt und in Tientsin: Oberleutnant v. Zerssen, Matrosen Höxer, Biemann, Kaiser, Giese, Madlener, Scheibe, Klug, Wäsack, Daniels ttnd Bröning, Oberheizer Andersen, Tor­pedoheizer Gürtler, Heizer Dambacher. Besatzung S. M. S. Kaiserin A u g u st a : Schwer verwundet und an Bord des Dampfers Köln: Matrosen Fröhlich und Röhl. Schwer verwundet und an Bord S. M. S. Gefion: Bootsmannsmaat Eckardt. Leicht verwundet und an Bord S. M. S. Gefion: Obermatrose Breiser. Leicht ver­wundet und an Bord S. M. S. Kaiserin Au g u st a: Torpedomatrose Bochen, Matrose Pfeiffer. Leicht verwun­det, meist geheilt und in Tientsin: Obermatrosen Gelinski, Kleemann, Weise und Hofleit, Torpedömatrose Doge, Ma­trosen Herrmanns, Durst, Aluskewitz und Duhnke. Be­satzung S. M. S. Gefion: Schwer verwundet und in Yokohama: Oberleutnant v. Krohn, Obermatrose Zimmer­mann, Matrose Jansen. Schwer verwundet und auf S. M. S. G e f i o n : Oberleutnant Lustig, Heizer Otto. Schwer verwundet und in Tientsin: Matrose Hamm. Leicht ver­wundet, meist geheilt und in Tientsin: Bootsmannsmaat Raap, Obermatrose Koburg, Matrosen Minnow, Wachs­mund und Bonck. Besatzung S. M. S. Iltis: Schwer verwundet und in Yokohama: Korvettenkapitän Lans, schwer verwundet und in Tsingtau: Obermatrose Sprinter, Mattose Schoppengerd der letztere vielleicht schon auf dem heimgehenden Postdampfer Stuttgart, Bericht­erstatter Harrings; leicht verwundet auf S. M. S. Iltis : Obermatrose Homann, Matrose Rents; leicht verwundet auf.S. M. S. Hertha: Matrose Schweizer; vom dritten Seebataillon, alle in Tsingtau, schwer verwundet: Gefreiter Schmedehausen, Seesoldaten Kupfer, Jost, Richter II.; leicht verwundet, meist geheilt: Feldwebel Klein, Unteroffizier Schulze, Gefreite Zander, Scherer und Meinecke, See­soldaten Beitz, Stephan, Holz, Oexler, Trapproth, Gehrke, Müller VII., Cords, Kappler, Rott II., Straßer, Müller II., Wacker, Pfisterer, Bellstedt, Heißmann, Dietrich, Matern, Schreiber und Brand. Die an Bord des Dampfers Köln sowie die in Tientsin befindlichen Verwundeten sollen mit diesem Dampfer nach Yokohama gesandt werden. Der ge­fallene Matrose von S. M. S. Kaiserin Augusta heißt Offer- mann.

Französische Vorkehrungen.

Wie Pariser Blätter berichten, besteht die französische Gesamt-Expedition für China aus 17,500 Mann, und der Marineminister Lanessan hat als früherer Arzt und Pro­fessor der Medizin nun auch die Absendung von SanitätS- einrichtungen verfügt. Jede der drei Brigaden erhält eine Sanitätsabteilung, das ganze Korps drei Feldspitäler, außerdem wird ein Truppentransportschifi2a Nive" als Hospitalschiff, ein anderer Dampfer als Evacuationsschiff eingerichtet. Die Feldspitäler haben wie die deutschen 200 Betten, sodaß für 600 Kranke Betten vorhanden sind. Neben der Tropenausrüftung erhält jeder Mann ein Moskitonetz und eine wasserdichte Kautschukdecke, sowie für den Winter neben wollenem Unterzeug, wollenen Hand­schuhen, wollenen Wadenbinden noch einen mit Schafspelz gefütterten Anzug. Jede Korporalschaft erhält einen Filtrir- apparat mit hypermangansaurem Kali und für Erfrischung der Leute eine Bade-Einrichtung aus wasserdichtem Stoff.

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Telegramme des Gießener Anzeigers.

Berlin, 26. Juli. In Gegenwart des General-In­spekteurs der Fuß-Artillerie, Generals der Artillerie Edler von der Planitz, sand aus dem Schießplätze bei Jüterbok ein Scharfschießen der ersten schweren ostasiatischen Haubitzen-Fuß-Batterie statt. Nach der Hebung hielt der General-Inspekteur eine Ansprache an die Mann­schaften, in der er hervorhob, daß es eine Ehre für sie sei, das Wort des Kaisers wahr zu machen und den schnöden Völkerrechtsbruch im fernen Osten zu rächen. Am 27. ds. wird die Batterie in Wilhelmshaven eingeschifft.

Berlin, 26. Juli. Die Besichtigung der Kieler Freiwilligen durch den Brigade-Kommandeur General-