Freitag den 27. Juli
1900
Erstes Blatt.
Nr. 173
Gießener Anzeiger
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Amts- unb rliizeigeblatt für den Kreis Gieren
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Im Anschlüsse hieran kam der Vorsitzende einem Wunsche des durch Unwohlsein am Erscheinen verhinderten Grafen zu Solms-Laubach Erlaucht nach!, indem er dessen Standpunkt zur Sache mitteilte (dahin gehend, daß man wohl ein Siechenhaus bauen solle, jedoch nur für die Kategorien von bedauernswerten Leuten, die wie Epileptiker :c., in den ländlichen bestehenden oder zu errichtenden
Graüsdriüum»: Gießener Famitienblätter, Der heßWe Landwirt, Mütter für hePfche UMstumde.______________
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werde
Geheim er Oberbaurat von Weltzien wies darauf hin, daß er in seinem Gutachten über die Platzfrage den Platz in Gießen um deswillen nicht erwähnt habe, weil derselbe ganz andere Vorteile biete als alle übrigen Platze, schon namentlich wegen der Nähe der Kliniken und der Stadt selbst. Bei Grünberg habe er neben den Vorteilen auch die Schattenseiten der Plätze geschildert, dagegen habe er den Platz in Lich als den geeignetsten befunden, wenn nicht Gießen in erster Linie in Frage kommen solle.
Bürgermeister Weidner: Es sei gesagt worden, dem betreffenden Orte erwachse durch die Errichtung der Anstalt kein Vorteil. Es sei dies aber doch der Fall, und die Stadt Gießen wisse dies ganz genau. - Die Darmstädter wollten die Anstalt nicht in ihrer Gemarkung haben. Gießen sei der teuerste Platz, in Grünberg seien die Produkte billiger wie in Gießen, und dies spreche nicht für Gießen. Es liege gar kein Grund vor, von dem Lande ab- ruseben und er bitte, den Kommissionsantrag anzunehmen.
Mühlenbesitzer Falck: Die Kommission set der Ueberzeugung, daß. der Platz in Gießen nicht fehlest, sondern nur der mindestwerteste sei gegenüber den anderen Plätzen. Auf dem Lande konnten sich die Siechen ungeniert und frei bewegen, was ber Gießen nicht der Fall sei Er habe dreimal den Gießener Platz angesehen und sich einmal durch die Soldaten durchürbeiten müssen, urtt zu demselben zu gelangen Erhalte'den Platz fir ungeeignet. Er'habe aus'statistischen Quellen dte Nahrungs- mittelpreise festgesetzt und gefunden daß Milch, Butter, Eier, Brot und Fleisch in der Stadt teurer sei tote aus dem Lande, und das gäbe schon einen Ausschlag von etwa 6000 Mark. Er könne keinen Grund finden, der zu Gunsten Gießens spreche und er bitte, sich mit dem Kommisfions- । bericht einverstanden zu erklären.
Oberbürgermeister Gnauth: Geheime Ober- ; baurat von Weltzien habe in seiner Vorlage über die Platz-
Anstalten keine Aufnahme finden konnten), und bemerkte I ferner, daß Seine Durchlaucht der Fürst zu Solms-Hohen- I solms-Lich einem Wunsche des Ortsvorstandes willfahrend, I das Gesuch der Stadt Lich befürworte.
Das Wort wurde hierauf Herrn Justizrat Dr. Geyger erteilt. Derselbe hat Bedenken, ob der Platz I in Gießen die nötige Ruhe habe, die die alten Leute be- I dürften. Jedenfalls müßte dort ein großer Garten an- I gelegt werden. Für das Land spreche u. a daß man bort 1 eine kleinere Anstalt einrichten könne und die Leute sich I dort freier bewegen könnten. Er sei der Meinung, man I solle lieber an verschiedenen Orten kleinere Anstalten errichten. Auch könnte man Sieche in Familien geben, wo I dieselben sich noch etwas beschäftigen könnten.
Geheim e Regierungsrat Dr. Braden bemerkte, daß die Notwendigkeit der Erbauung enter Stechen- anstalt vorliege und daß von feiten des Kreisamtes Friedberg vor langer Zeit die Anregung hierzu gegeben worden sei. Unzweckmäßig sei, die Anstalt auf einzelne Gemeinden zu verteilen, da nicht nur alte Leute in die Anstalt kommen würden. Diese blieben wohl meistens in der FamUte. Man müsse sich sagen, daß es eine Notwendigkeit sei, eme An- | statt zu erbauen; er habe mit Interesse den Parschlag des Provinzialausschusses gelesen und gefunden, daß Gießen
geeignetste Platz für die Anstalt sei, da in Gießen sich alles vereinige zum Besten der Siechen.
Oberbürgermeister Gnauth weist daraus hm, daß die Kosten erheblich größer würden, wenn man zedem Kreis eine Anstalt geben wolle, da doch jebe Anstalt ihr Verwaltungs- und Wirtschaftsgebäude haben müsse. Auch I halte er die Unterbringung von Siechen m Privatpflege nicht für möglich, , K
Bürgermeister Weidner hebt hervor daß es sich eigentlich nur um die Platzfiage handle. Die Notwendigkeit der Errichtung eines Siechenhauses hege vor. Cr habe sich bemüht, bezüglich der Platzfiage m Gießen nut der Kommission eine Verständigung zu erzielen, aber er sei mit der Kommission der Ueberzeugung, daß in dte Nahe der Kaserne eine solche Anstalt nicht gehöre. Ande^wo I seien derartige Anstalten nicht in den Städten errichtet, sondern auf dem Lande. Er finde es für unrichtig, die I Siechen in einer Stadt unterbringen zu wollen, da doch I auf dem Lande allein! Erholung gesucht werde. Grunberg I biete einen der schönsten Plätze, und er bitte die Herren von I Gießen, ihren Antrag fallen zu lassen und dem Antrag I der Kommission, der auf Grünberg laute, zuzustimmen.
Oberbürgermeister Gnauth bemerkte, daß I Medizinalrat Dr. Eschhacher-Freiburg in fernem Jahres- I berichte sage, der Grund der billigen Verpflegung sei nut | darin zu finden, daß sich die Anstalt in der Nähe einer I großen Stadt befinde, und Medizinalrat Dr. Ludwig zu I Heppenheim habe seine Ansicht dahin ausgesprochen, daß I die Anstalt nur dann gedeihen könne, wenn ste m oder doch I ganz nahe bei Gießen errichtet werde. Auch der Pro- I vinzialtag in Darmstadt habe die Errichtung emer Stechen- I anstatt für die Provinz Starkenburg unter der Bedingung I beschlossen, daß dieselbe in der Nähe von Darmstadt erbaut
frage betont, daß gerade die Nähe der Kliniken es wünschenswert erscheinen lasse, die Anstalt in der Nähe der Stadt zu erbauen. Das Exerzieren gehe jenseits der Straße aus dem Trieb! vor sich und sei für die Anstalt nicht störend. Nicht die materiellen Vorteile, sondern das Interesse der Siechen, das «Nein maßgebend sei, habe ihn bewogen/sich fürs Gießen- auszusprechen. Dort seien auch die Nahrungsmittel nicht so teuer wte Herr Falck glaube, wenn größere Abschlüsse gemacht würden; die Milch für Stadtarme koste z. B. im Liter 13 Pfennige
Bürgermeister Zimmer bemerkt, daß die Wasserfrage für Grünberg geregelt sei, da dreimal so viel Wasser geliefert werden rönne als notwendig wäre. Die Stadt Lich könne dies) nicht bieten. Da sich die vom Provinzialtag ernannte Kommission einstimmig für Grunberg ausgesprochen habe, so bitte er den Provinztattag, zu beschließen, daß das Siechenhaus in Grünberg zu erbauen sei.
Es entspinnt sich nun noch eme längere Debatte darüber, ob für den Fall, daß Gießen nicht als Ort für die Erbauung der Siechenanstalt bestimmt werden solle, die Stadt GießeN und event. auch die Stadt Frredberg und der Kreis Lauterbach als berechtigt angesehen werden könnten, sich von der Beteiligung an den Kosten dieser An- | statt zurückzuziehen und ähnlicheAnstalten für' sich zu errichten, und ob es in diesem Falle zweckmäßig sen überhaupt die Errichtung einer Siechenanstatt zu beschließen. An der Diskussion beteiligten sich die Abgeordneten Arnold, Gnauth, Geißler, Dr. Gutfleisch, Dr. Geyger, Falck, Schmal- bach und Weidner, sowie der Großh. Kxeisrat Dn Wallau, welch' letzterer noch besonders betonte, daß die, Snche nur I dann gefördert und den Siechen am zweckmäßigsten geholfen werde, wenn die Anstalt in Gießen.erbaut wi^de. I Nachdem diese Debatte beendet war, schloß der Vor- I sitzende die Verhandlung und richtete an den Provmzialtag
3,Will der Provinzialtag die ^richtung emer Pro- vinzialfiechenanstalt in Grünberg beschließen?
Für diesen Antrag sttmmten 7 Abgeordnete, bei der Gegenprobe waren 9 Abgeordnete dagegen; 3 Abgeordnete enthielten sich der Abstimmung.
Der Antrag ist somit gefallen.
Hierauf stellte der Vorsitzende folgende weitere Fragen den Provinzialtag: . , „
1. Will der Provinzialtag die Errichtung eurer Pro- vinzialsiechenanstalt für zunächst 250—300 Pfleglinge nach Maßgabe des vorliegenden generellen Planes, jedoch unter Berücksichtigung der in Anregung gebrachten Abänderungen (cfr. Pos. I. des Protokolls vom 16. Juni 1900) in Gießen und zwar auf dem von der Stadt Gießen unentgeltlich angebotenen Gelände beschließen?
2. Will der Provmzialtag den Provinzialausschuß er - mächttgen, die zu rund 600 000 Mark veranschlagten Anlagekosten — insoweit dieselben nicht aus dem eigenen Vermögen der Provinz bestritten werden können — durch Aufnahme eines mit höchstens 4 Prozent zu verzinsenden und mit mindestens einhalb Prozent jährlich zu tilgenden, Mlehens zu beschaffen und danach die Anstatt iw Rahmen dieses Gesamtkredits zu erbauen und bezugsfertig herzustellen? t ,
3. Will der Provmzialtag die von den verpflichteten Armenverbänden für die Pfleglinge zu vergütenden Pflegekosten auf 10 Mark pro Monat (120 Mark pro Jahr), diejenigen der Pfründner, welche in einzelnen kleineren Zimmern untergebracht werden sollen, dagegen auf 30 Mark pro Monat (360 Mark pro Jahr) festfetzen?
Ueber jede der einzelnen Fragen wurde besonders nb- qestimmt, und sämtliche Fragen wurden gleichmäßig mtt je 13 Stimmen bejaht. Drei Abgeordnete enthielten sich der Absttmmung. _ ,
Ta von 19 anwesenden Abgeordneten 13 bie vorstehenden Fragen 1—3 bejaht haben, so ist die nach Art. 38 Abs. 2 der Kreis- und Provinzialordnung erforderliche Stimmenmehrheit von zwei Drittel der Mstimmenden vorhanden, und somit die Erbauung der Provrnzralsrechen- anstalt in Gießen beschlossen.
Hierauf erklärte der Vorsitzende die Sitzung des Provinzialtages für beendet.
Der Vorsitzende ; Die Urkundspersonen:
v. Bechtold. L. Heyligenstaedt. Rabenau.
Protokoll
der dreißigste» Sitz»»g des Provi»zialtagS der I Provinz Oberhefseu.
Geschehen Gießen, den 4. Juli 1900.
1. d^r^Vorsitzende: Großh. Provinzialbirektor Geheime-! rat von Bechtold,
2. Großh. Regierungsrat Dr. Wagner, Gießen,
3. .Großh. Kreisrat Geheime Regierungsrat Dr. Braden, I
4. Großh. Kreisrat Dr. Melior, Alsfeld, 5. Großh. Kreisrat Dr. Wattau, Lauterbach, 6. Großh. Kreisamtmann Bohn, Schotten, 7. der Provinzialbaubeamte Großh. Krersbau-^nspektor I
Stahl, Gießen,
8. Geheime Oberbaurat v. Weltzien, Darmstadt,
9. Medizinalrat Dr. Haberkorn, Gießen,
10. die Provinzialtagsabgeordneten: Bürgermeister Alles, Nieder-Florstadt, Bürgermeister Arnold, Alsfeld, Heinrich Brauer, Ober-Ofleiden, Beigeordneter Braun, Nidda, Mühlenbesitzer Falck, Friedberg, Bürgermeister Fendt, Schotten, Bürgermeister Geißler, Lollar, Justizrat Dr. Geyger, Assenheim, Oberbürgermeister Gnauth, Gießen, Justtzrat Dr. Gutfleisch, Gießen, Kommerzienrat Heyligenstaedt, Gießen, Graf Oriola, Büdesheim, Gutsvachter v. Oven, Hungen, Oberamtsrichter Rabenau, Büdmgen, I
Landgerichtsrat Dr. Schäfer, Gießen, Bürgermeister Schmalbach, Crainfeld, Ingenieur Schiele, Gießen, Bürgermeister Weidner, Herchenhain, Bürgermeister Zimmer, Grünberg,
11. die Mitglieder des Provinzialausschusses.: Gutsbesitzer Schade, Altenburg, Bürgermeister Stöpler, Lauterbach, Gutsbesitzer Oekonomierat Schlenke, Hardthof,
12. der Protokollführer: Büreauvorsteher Schiffme.
Der Vorsitzende begrüßte die Erschienenen und stellte die Beschlußfähigkeit des Provinzialtages, fest. .Es fehlten entschuldigt die Abgeordneten
Geheime Kommerzienrat Buderus, Hrrzenhcnn, Mühlenbesitzer Erk, Nidda, Justizrat Jöckel, Friedberg, Bürgermeister Ohnacker, Nreder-Ohmen, Johannes Rerbling L, Brauerschwend, Graf zu Solms-Laubach, Erlaucht, Kommerzienrat Trapp, Friedberg, Kommerzienrat Wenzel, Lauterbach, Bürgermeister Zinser, Schlitz.
Hierauf wurden die Mgeordneten Kommerzienrat Heyligenstaedt und Oberamtsrichter Rabenau
zu Urkundspersonen bestellt. „r
Der Vorsitzende erklärte hierauf dre Beratung über Errichtung einer Provinzial-Sichenanstalt für eröffnet und leitete dieselbe mit der Bemerkung ein, daß der Provinzialausschuß eine Ausgleichung der vorhandenen Differenzen ersfieben und dem Provinzialtag neuerdings eine Ausführung des vorliegenden Projektes, unter erheblicher Abänderung der ursprünglich angeforderten Summe vorgeschlagen habe.
Bezüglich der Platzfrage sei zu bemerken, daß der Provinzialausschuß auf seinem früheren Beschluß beharre. Dem Zwecke, den die Anstalt erreichen solle, sei damit am besten gedient. Der in Gießen ausersehene Platz entspräche allen Voraussetzungen die in einem solchen Falle zu stellen seien. Die Bestrebungen, durch Errichtung der Anstalt an einem anderen Ort der Provinz dem betteffenden Städtchen einen materiellen Vorteil zuzuführen, seien gewiß wohlgemeint, es frage sich aber, ob der höhere Zweck, eine Anstalt von Bedeutung in einer ganz besonders dazu aeeigneten Stadt tote es Gießen in der That sei, nicht schwerer ins Gewicht falle, als die Zuwendung vermeintlicher finanzieller Vorteile an einem anderen Orte der Provinz; er bitte, den Anträgen des Provtnztalausschusses
Der Protokollführer: Schiffnie.___.
Bekanntmachuuk.
Betr.: Die Kontrollvorschriften über das Reinigen von Bierdruckapparaten; hier: die Bestellung eines Kontrolleurs in der Stadt Gießen.
Zur Vornahme von Revision der in hi-fig-r Nadt im Gebrauch befindlichen Bierdruckvorrichtungen suchen wir eme fachmännisch gebildete Persönlichkeit.


