Mittwoch den 27 Juni
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Gießener Anzeiger
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nommen. Das kann uns Deutschen nur genehm sein, da dieser Staatsmann ein entschiedener Freund deS Dreibundes ist. Visconti Venosta war einer der Minister des Kabinetts Pelloux, die am wenigsten zu Konzessionen an die äußerste Linke bereit waren. Als Saracco ihn zuerst um den Eintritt in sein Kabinett anging, wies er auch auf die Schwierigkeiten hin, die ihm aus seiner Stellung zu der Frage der Geschäftsordnung erwachsen müßten. Saracco erwiderte, diese Frage werde in einer der Würde des Staates und des Parlaments entsprechenden Weise gelöst werden. Visconti Venosta aber erbat sich Bedenkzeit. Es ist kaum glaublich, daß er sich nun zur Preisgabe der konservativen Prinzipien entschlosien hat, durch deren Betonung er wesentlich mit beitrug zum Falle deS Kabinetts Pelloux. Mit BiScontt Venosta ist also eine Art Kampfministerium erstanden, das gegenüber der äußersten Linken die Machtmittel der Regierungsmehrheit gegebenenfalls wohl energisch anzuwenden nicht zögern wird.
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farbenprächtigen Aufzug der Zünfte fehlten auch nicht die Maler, Tischler, Schuhmacher und Schiffer.
Ein Herold mit dem Naffauer Banner, sowie Gras Eberhard von Königstein, der Gewalthaber von Mainz, kündigten das Herannahen des Kurfürsten Adolf von Nassau an, der von zahlreichem Gefolge sowie von Patriziern und Patrizierinnen seiner Residenz Eltville umgeben war. Ein Winzerzug, der einen mit einem Ladfaß beschwerten reichqeschmückten Wagen begleitete, that dar, daß unter Kur» fürst Adolfs Regierung der Weinbau bereits m hoher Blute stand und Scharlachberger, Eifeler, Rochusberger und Schloßberger schon hohen Ansehens sich erfreuten.
Der Prachtwagen der Moguntia hatte die sinnbildlichen Gestalten von Kunst, Wissenschaft, Handel und Gewerbe ausgenommen. Der Aufzug der Schützengilde mit Deuter, Scheibenträger, Prunkbahre mit Pilsen, Schützenkönig uno Gefolge, Armbrustschützen und Gildemeister gab dieser Epoche einen wirkungsvollen Abschluß.
(Durch die Einführung der Reim- und Sing- schulen fanden Musik und Dichtkunst eine weite Verbreitung in den bürgerlichen Kreisen der Städte. Der Sage zufolge soll die erste Singschule durch Heinrich von Meißen, genannt Frauenlob, zu Mainz gegründet worden sein. In besonders hoher Blüte stand der Meister- gesang im alten Nürnberg, als dort Hans Sachs neben seinem ehrsamen Schusterhandwerk auch die edle Voetcrei ausübte. Der Meistergesang hatte seine bestimmten Regeln, deren Inbegriff Tabulatur hieß; der Anfänger hieß Schüler, wer die Tabulatur inne hatte, Schulfreund; wer vorfingen konnte, Dichter; wer eine neue Weife zu finden wußte, Meister. Bei dem Preissingen wurden nach dem Richter- spruch des Werkmeisters die Preise verteilt.)
In der Gruppe der S i n g e r z u n f t finden wir Schüler, I Schulfreunde, Dichter und Meister. Auf dem Wagen der I Meistersinger hatten Hans Sachs, Hans Rosenblüt, Han« I Folz und der Werkmeister Platz genommen. Nach einer I Gruppe Landsknechte unter Führung des Feldobrifien Georg I von FrundSberg mit Trommlern und Pfeifern, Beutewagen I und Markedentergefährt wurde der Sch emb artlauf I (Schembart = Schönbart -- Maske) veranschaulicht. Er I stellte den Mummenschanz dar, aus dem sich das sogen. I Fastnachtsspiel herausbildete, der Anfang des weltlichen Schauspiels in Deutschland. Vorreiter waren Schelm und Schalk. (Eine Hauptrolle in der deutschen Litteratur von | 1450—1460 spielte die Satire. Die Werke satirischer I Richtung, welche die Zeitgebrechen mit beißendem Witz geißelten, die Laster als ..Narrheiten" verspotteten, fanden I durch die Buchdruckerkunst schnelle und weite Verbreitung, I und waren von eingreifender Wirkung auf die Kultur- I entwickelung. Einer der ersten Satiriker war Johann I Fischart au« Mainz, daher der „Mentzer" genannt. 1519 I erschienen die gesammelten Schwänke des Till Eulenspiegel I in Druck und fanden bald große Verbreitung.)
Im sagenumwobenen „glückhafft Schiff" hatten sich die Satiriker jener Zeit zusammengefunden. Berühmte I Buchdrucker, darunter Heinrich Quentell aus Köln (f 1501) I und Johann Froben aus Basel (1460—1527) folgten
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(Im Dienste der Buchdruckerkunst empfingen Maleret, Holzschneide« und Kupferstecherkunst neue Anregung und Förderung.) Der Wagen Buchillustration gewährte den Meistern jener Künste Platz: Wohlgemuth, Dürer, Raimondi, v. Leiden, Holbein, Beham).
(Aus der Flugschriftenlitteratur, aus den Meßanzeigen und den Berichten (Relationen) über die Jahresbegebenheiten entwickelte sich die eigentliche, regelmäßig in kurzen Zeiträumen erscheinende Zeitung. Einen großen Aufschwung erhielt das Zeitungswesen durch die Post, die sich neben dem Vertriebe auch häusig noch mit der Herstellung der Leitungen b-saßte, da in den Poststnben die neuesten Nach- richten zuerst bekannt wurden. — Das Aufblühen der Buchdruckerkunst und des Druckschriftenhandels hatte alsbald die Censur im Gefolge, welche die Schere abgab, der Presse die kaum entfalteten Schwingen zu beschneiden.)
Als Begründer des ersten regelmäßigen BnefpoftkurseS (1516) erschien Franz von Thurn und Taxis, ihm folgten Postreiter, Postwagen und Reisige. Die Gruppe Zeitungswesen brachte die ersten Verleger von Zeitungen m Erinnerung, u. a. Michael Aitzing aus Köln, der 1583 die Relatio Hiatorica herausgab. Den “nb
Zeitungskrämern folgte der Sensor, assistiert Gerichts
boten und Henkersknechten. Eme Jahrmarktsgruppe brachte fahrendes Volk, Gaukler, Zigeuner, Wahrsager, Kesselflicker u. s. w.
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Dem Festzug
war folgender Grundgedanke zu Grunde gelegt worden: | Zeitgenossen Gutenbergs und die Nachwelt huldigen dem Erfinder der Buchdruckerkunst vor seinem Denkmal. Der Huldigungszug soll zugleich den Fortschritt veranschaulichen, den Wissenschaft und Kultur durch die Erfindung der Buchdruckerkunst gemacht haben.
Dem Reichsherold und Reichsbannertrager folgte als erste Gruppe die der Typographie, das Alphabet, die sinnbildliche Darstellung der beweglichen Lettern. Hinter dem Emblem der Buchdrucker ^ritten die Schüler Guten berqs: Johann Neumeister, Heinrich Keffer, Berthold Ruppel, Johannes Bone, Heinrich und Nikolaus Bechtermünze, Wigand, Spieß u. a. Den ersten Wagen nahm im Fonds die mit einem Strahlenkranz gekrönte sinnbildliche Gestalt der Buchdruckerkunst, die Typographia, em, wahrend un Vordergrund eine bekränze Druckpresse aufgestellt war. Die Genoffen Gutenberg«, Johanne« Fust und Peter Schoffer, sowie die Schüler desselben, Joh. Menkel undAlbrecht Pfister, nahmen den Wagen ein, dem selbständige Mainzer Drucker und Gehilfen, teils zu Pferde, teils zu Fuß, folgten. (Graf Adolf von Nassau, der an Stelle des vom Papst ab- gesetzten Diether von Isenburg zum l^zbischof von Mainz ernannt worden war, überfiel und eroberte am 28. Oktober 1462 die Stadt, aus der viele der dort arbeitenden fremden Gesellen entflohen, darunter die meisten Buchdruckergehilfen. Durch die Flucht der Drucker fand ihre bisher geheim gehaltene neue Kunst alsbald die weiteste Verbreitung. Adolf von Nassau, der in Eltville ferne Residenz aufschlug, ernannte Gutenberg zum kurfürstlichen Hosdienstmann. Al« nach Adolfs Tode Diether von Isenburg wieder Erzbischof wurde, gründete dieser die Mainzer Universität. Die Regierungszeiten dieser beiden Erzbischöfe haben imi Zuge deshalb besondere Berücksichtigung gefunden.) Zunächst er« schien Kurfürst Diether von Isenburg mit glänzendem Hofstaat. In langer Reihe folgten ihm die damals zumachtiger Entwickelung gelangten Zünfte mit Fahnen und Tmb^men, zu Fuß oder zu Wagen Erzeugnisse ihrer Kunst zur Schau tragend : die Küfer und die Kaufleute waren mit prächtigen Wagen, die Metzger mit Feststieren vertreten. In dem
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Iesttage im „goldenen Mainz", m.
Mainz, 25. Juni.
Gutenbergsestzng.
Webeu der gestrigen glänzend verlaufenen akademischen Feier und dem Huldigungsakte an dem Gutenbergdenkmal ist als Dauptteil des hiesigen Festes der historische ^estzug anzusehen, der sich heute vormittag in einer Ausdehnung« von über 3000 Meter durch die Straßen von Mainz bewegte. Wer seiner Zeit die historischen Jestzuge in Heidelberg, Köln, Wien u. s. w. gesehen hat und heute m Mainz diese Veranstaltung zu schauen Gelegenheit hatte, wird ohne weiteres Mainz die Palme zuerkennen. Hervorragenderes geleistet zu haben als die genannten übrigen Städte und zwar nicht allein was die Größe und Ausdehnung des Zuaes anbelangt, sondern auch wegen dessen Farbenpracht, Kostümreichtums und historischer Treue. Der Zug, der von dem herrlichsten Wetter begünstigt war, brauchte zum einmaligen Vorbeizug über zwei stunden und wickelte sicht trotz seiner Ausdehnung und trotzdem in den Straßen wohl 100 000 Personen zirkulierten, ohne die geringste Störung ab, wie überhaupt hier während der ganzen festlichen Veranstaltungen die größte Ordnung herrscht und trotz des gewaltigen Menschenanstroms bis letzt nicht das kleinste Unglück zu verzeichnen ist.
Amtlicher Heil.
Gießen, den 22. Juni 1900.
Bttr.: Das Landgestüt, insbef. die Bedeckung der Stuten durch die LandgestÜtSbeschäler.
Das Großhenogliche Kreisamt Gießen
au die Grohh. Bürgermeistereien deS Kreise».
Wir sehen der Einsendung der Verzeichnisse der von Ihnen ausgestellten Bedeckscheine binnen 8 Tagen entgegen.
v. Bechtold.
Gießen, den 23. Juni 1900.
Bk-tr.: DaS Gesetz betr. Aenderungen im Münzwesen vom 1. Juni 1900; hier Einziehung der Zwanzigpfennigstücke aus Nickel.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen a» die Grotzh. Bürgermeistereien «ud Kirchen- Vorstände des Kreises.
Durch den Artikel HI deS Gesetzes, betreffend Aender- migen im Münzwesen, vom 1. Juni 1900 (Reichs-Gesetzbl. S. 250) ist das Gesetz, betreffend die Ausprägung einer Ni ckelmünze zu zwanzig Pfennig, vom 1. April 1886 (XeichS-Gesetzbl. S. 67) außer Kraft gesetzt worden. Die Zwanzigpfennigstücke au« Nickel sollen nach Absatz 2 dieses Artikels auf Anordnung des Bundesrats mit einjähriger Enlösung, jedoch nicht vor dem 1. Januar 1903 außer Rar« gesetzt werden.
Nm diese Außerkurssetzung allmählich vorzuberetten und die Verwendung des Metall« der Nickelzwanzigpfennig. Me zur Prägung anderer Nickelmünzen leichter zu gestalten/ ist schon jetzt die Einziehung dieser Münzgattung intf Auge gefaßt. Wir empfehlen Ihnen daher, die Ihnen uetetfte|cnben Rechner anznw-ls-n, die bet ihnen w^anbmtn Md die eingehenden Nick-lzwanztgpsenntgstück- nicht wieder im verausgaben, sondern von Zeit zu Zeit der ReichSbank Lufül)tetL Die Reichsbankhauptkasse sowie die Zweig- aii.stalten der Reichsbank mit S-ffeu-tnnchwng werden Zivanzigpsennigstücke auS Ntckel >n beliebiger Hohe auch - Liber den in Artikel 9 des Münzges-tz-s vom 9 Jul.1873 b-zeichnet-n Betrag von 1 Mark hinaus ,n Zahlung nehmen Md diese Stücke in beliebigen Mengen gegen andersi Reichs- mckelmünzen, Thaler oder ReichSstlbermünzen umtauschen, soweit d?e Bestände an solchen Münzsorten die» zulassen, v. Bechtold.
Gießen, den 23. Juni 1900.
Betr AuSsührung des Jnvalidenversicherungsgesetzes; hier: Berstcherungspflicht.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
bie Mrvtzh. Bürgermetstereleu de» Kreise».
Diejenigen von Ihnen, welche unserer Auflage vom 2'6 Mai l. IS. (Gießener Anzeiger Nr. 124) noch nicht entsprochen haben, werden an deren Erledigung erinnert.
v. Pechtold.___________________
~ Politische Tagesschau.
_ ar „ n r rh i ft e n 61 o 11 e „Neues Lebe n" be- , ,De"! Vutenberafeier nichts anderes, als einen deutet die Gu t en v er g se j Das „Neue Leben"
Anlaß zurBe hetzu Lobeserhebungen", die an-
f5$' hp^500 i äliriqen Geburtstags Gutenbergs „in die läßlich,des 500lay g nicht „hinzugeben", weil
r?tnfptliinrfi die Presse mit geringen Ausnahmen „allen oiucl)! heute gjeottion, der Bolksbelügung
s elbMchtrgen Zwecken der^^ea^on,^ ^^ibt das >ue nnb Volksverdummi o^dien erwähnenswerte Druck-
Leben weiter - ,,0ch Gutenbergs hervorging, war das schrift, d)° -US d-r ON-zm Outenv-E^ «Bibel, die bis reaktionärste und Auflaaen zur Verrohung uni/
hergesteNt rmrd . finden, wo die Reaktion ihre
seren einerS Teil dort, wo die Arbeiter mit
Orgien sei , ihren Leithammeln auf eine spätere! Leeren Phrasen von iy sollen die Anarchisten sich vertröstet . Millionenschrei des un-
nncht ruhig gefallenlasten -- und intellektuellen
6ewo en sich verbreitend von Zone'
M?Zone^allen^Unterdrückten bk Freiheit, den Tyrannen «in Mene tekel kündend. Es ist genug.
Die Kabinettskrifls in Italien ist beendet. Visconti- Menosta hat wiederum das Portefeuille des Aeußern uber-
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