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27.5.1900 Viertes Blatt
 
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Ur. 122 Viertes Blatt. Sonntag den 27. Mai

1900

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Die gänzliche Sonnenfinsternis am28. Mai.

Die großartige Erscheinung einer vollständigen Ver­finsterung der Sonne wird in den Nach mittags st un- de n des 28. Mui in Europa auf einer 75 Kilometer brei- *tim Zone sichtbar sein, die sich von der Stadt Ovar (südlich von Opvrto) in Portugal quer durch die iberische Halbinsel nach Alicante an der mittelländischen Küste Spaniens hin- zieP. Dies ist jedoch nur ein kleiner Teil des Weges, ven der Mondschutten an jenem Tage über der Erdober­fläche beschreibt. Denn dieser Schatten trifft die Erde am 28. Mai bei Sonnenaufgang an einem Orte im Stillen Ozean westlich von Mexiko in 243 Grad 10 Fuß östl. Länge von Greenwich und 17 Grad 43 Fuß nördl. Breite und bewegt sich dann durch den südöstlichen Teil der Vereinig­ten Staaten, über den Atlantischen Ozean, durch Portugal iinb Spanien, über Algerien und Tripolis nach Ober- egypten, wo er in 31 Grad 49 Fuß ö. L. von Greenwich und 85 Grad 8 Fuß n. Br. mit Sonnenusntergang die Erdober­fläche verläßt. Die längste Dauer der völligen Verfinste­rung beträgt nur 2 Minuten 11 Sekunden und sie tritt ein an einem Punkte von 315 Grad 0 Fuß ö. L. Gr. und 44 Grad 57 Fuß n. Br. im westlichen Teile des nord­atlantischen Ozeans, dtordöstlich und südwestlich von dieser Zone wird nur ein Teil der Sonfnenscheibe vom Monde bedeckt und zwar in Deutschland zwischen 0,7 und 0,5 des­selben. In Frankfurt a. M. beginnt sie 3 Uhr 58Min. und endigt 6 Uhr 1 Min. Für Gießen darf man die -seit von 4 bis 6 Uhr nachmittags annehmen. Die Ab­nahme des Tageslichts wird um die Zeit der größten Ver- sinsterung der Sonne auch in Deutschland sehr merklich und der Anblick der sichelförmig erscheinenden Sonne eigen­artig sein; allein das Großartige der Erscheinung tritt nur auf der schmalen Zone der Totalität und während der furzen Zeit der völligen Verdeckung der Sonnenscheibe her­

vor. Der tiefe Eindruck, den die hoch am Himmel stehende, völlig verfinsterte Sonne mit ihrem Strahlenkränze (der Corona- hervorruft, und die seltsame Beleuchtung des Hori­zonts und des Himmels werden von den Augenzeugen früherer Erscheinungen so lebhaft geschildert, daß man wohl begreifen kann, warum in unseren Tagen des leichten und billigen Reisens Scharen von Neugierigen sich aufmachen, um in Spanien und Portugal den merkwürdigen Vorgang mit eigenen Augen zu sehen. Aber nicht nur interessant, sondern auch wissenschaftlich von hoher Bedeutung ist die bevorstehende gänzliche Sonnenfinsternis, und sowohl in Amerika als in Europa sind astronomische Expeditionen, ausgerüstet worden, um an geeigneten Punkten Aufstel­lung zu nehmen. Vor allem soll die Untersuchung der Corona gelten, dem leuchtenden Strahlenkränze, der die Sonne umgiebt. Diese merkwürdige, geheimnisvolle Er­scheinung kann überhaupt nur gesehen werden während der wenigen Minuten, wenn der Mond die Sonnenscheibe gänzlich bedeckt. Tritt diese völlige Bedeckung ein, so steht die Corona wie mit einem Zauberschlage, die schwarze Mondscheibe umgebend, am .Himmel; aber der erste Son- n een strahl, der am Mondrande hervorbricht, bringt sie sogleich wieder zum Erlöschen und alle Mittel, zu andern Zeiten auch nur Spuren der Corona wahrzunehmen, sind fehlgeschlagen. Es ist daher begreiflich, daß über das eigentliche Wesen dieses Strahlenkranzes noch großes Dunkel herrscht; nur soviel ist völlig gewiß, daß die Coronn der Sonne angehört und diese bis in eine Entfernung von mehr als 100000 Meilen über der Oberfläche wie eine Atmosphäre umgiebt. Die Corona zeigr in dem äußern Teile Strahlen und Strahlenbündel, die manchmal den Kometenschweifen sehr ähnlich sehen, sodaß selbst die Pe- hauptung wissenschaftlich vertreten worden ist, diese Strah­len seien wirklich Schweife von Kometen, die im Begriffe seien, auf die Sonyre zu stürzen.

Solche Vorgänge sind keineswegs unmöglich, ja, man hat gelegentlich einiger Sonnenfinsternisse der Neuzeit durch! photographische Aufnahmen Kometen rn der Nahe der Sonne entdeckt, die dem Auge weder vorher noch nachher sichtbar geworden sind. Anderseits hat die Mein­ung manches für sich, daß der Anblick der Corona durch unzählige Meteore verursacht wird, die aus allen Rich- tuiigen des Weltraumes auf die Sonne stürzen Daneben muß aber audu ein höchst fernes, glühendes Gas in der Zusammensetzung der Corona eine Rolle spielen, denn es Ärät sich im Spektroskop durch eine Helle Linie, die bei keinem irdischen Stoffe erscheint. Man hat dieses unbe­kannte Gas daher Coronium genannt und 'eme Anwesen­heit ist in der Corona bis zu Hohen von 90 000 Meilen über der Sonnenoberfläche nachgewiesen worden. Beweg­ungen hat man an der Corona bis jetzt urcht wahrge­nommen, aber es ist, unzweifelhaft, daß solche stattfinden, denn bei jeder gänzlichen Sonnenfinsternis zeigt die Co­rona im einzelnen ein verändertes Bild, auch scheint ihre Ausdehnung innerhalb der elfjährigen Sonnenfleckperiode oersMeden zu sein. Zuverlässige Darstellungen ihrer schein­baren Gestalt haben erst die photographischen Aufnahmen seit 1870 geliefert, und besonders die Aufnahmen von 1888 und 1898 zeigen die Corona in unerwartet großer Ausdehnung und über den Sonnenpolen sowie am Sonnen- äauawr am niedrigsten. Gelegentlich! der bevorstehenden Sonncnsinstcrms am 28. Mai sollen durchden konigl^hen Astronomen von Greenwichs zu Ovar in Portugal photo­graphische Aufnahmen der Corona in.großem Maßstabe veranstaltet werden und man hofit 14 bis lo Platten wah­rend 90 Sekunden zu erhalten. Auch das Spektrum der 'Lorona soll photographiert werden, ^n Algier werden «ebenfalls Photographieen der Corona ausgenommen und Ttoar sowohl solche der ganzen Erscheinung als auch solche -der tieferen Regionen derselben nahe am Sonnenrande. 'Während der völligen Verfinsterung wird m Nordamerika Mit eigentümlich konstruierten Apparaten eine Photo­

graphische Aufnahme der weitern Umgebungen der Sonne, nämlich des dunkeln Himmelsgrundes um dieselbe, vor­genommen, zum Zweck, einen etwa vorhandenen Planeten zwischen Merkur und der Sonne zu entdecken. Man hat schon bei fiüheren Sonnenfinsternissen nach einem solchen, möglicherweise vorhandenen Planeten gesucht, aber ohne Ergebnis. Wenn ein derartiger Planet vorhanden und im Durchmesser sehr klein ist, so kann er sich leicht der Wahr­nehmung während des kurzen Zeitraums der Totalität entziehen. Nach gewissen Versuchen, die Professor Pickering angestellt hat, ist es aber möglich, mittels eines geeigneten photographischen Apparats bei nur einer Minute Expo­nierung der Platte während der völligen Verfinsterung der Sonne Sterne.bis zur 8. Größe aufzunehmen. Ein Planet zwischen Sonne und Merkur, der auch nur 20 bis 30 Meilen im Durchmesser hat, würde sich hiernach der Wahrnehmung nicht entziehen können. Wie weit die Vor­aussetzungen des amerikanischen Astronomen sich bewahr­heiten, wird die Finsternis ergeben, da an einem Orte im Staate Alamba ein geeigneter Apparat in Thätigkeit treten soll.

Zum Schluß noch eine kurze populäre Aufklärung: Eine Sonnenfinsternis entsteht, wenn der Mond in seiner Bewegung um die Erde so zwischen diese und die Sonne tritt, daß die Sonnenscheibe durch ihn verdeckt erscheint. Wird die Sonne ganz bedeckt, so ist die Sonnenfinsternis total (a), erscheint hingegen nur ein Teil verdunkelt, partiell (c und d). Die ringförmige Sonnenfinsternis (b) ist eine selten beobachtete Erscheinung. In diesem Fall erscheint der Mondschatten auf der Sonne als dunkler Kreis, der noch einen Hellen Ring freiläßt. In unserer Abbildung ist für alle Bewohner der Erde, die in dem (dichten) Kernschatten liegen, die Sonnenfinsternis total, für die Bewohner des Halbschattens mehr oder weniger partiell.

Aus Stadt und Fand.

Einsendung««, gleichviel welche« Inhalte-, werden grundsätzlich nicht ausgenommen.)

Gießen, 26. Mai 1900.

* »eschichttzkalender. (Nachdruck verboten.) Bor 101 Jahren, gm 26. Mat 1799, wurde zu Breslau August Koptsck geboren. Er war nickt allein Dichter, sondern auch talentvoller Maier und geschickter Uebersetzer serbischer Volkslieder, sowie der göttliche« Komödie Dantes. Seine charakteristischen Eigentümlichkeiten, Wch und Humor, treten uns vorzugsweise in der Gedichtsammlung, di« er unter dem TitelAllerlei Geister" herauSoab, entgegen. Bon seinen übrigen Werken erwähnen wir nochHistorie von Noah , Psaumts und Puras", undOld Mütterchen". Kopisch starb am 6. Februar 1853 in Berlin.

Vor 305 Jahren, am 27. Mai 1595, wurde zu Wittenberg Benedikt C-rpzov lder Jüngere) geboren, einer der bedeutendsten Juristen des 17. Jahrhunderts, dessen Schriften datz Zivil-, Krtminal- und Kirchenrecht, sowie den Prozeß umfassen. Da in der damaligen Leit die meisten Diebstähle mit dem Tode bestraft wurden, so ist es erklärlich, daß Carpzoo alsUrtetlssprecher" zirka 30.000 Todes- urtelle gefällt haben soll. Er starb am 30. August 1666 in Leipzig.

** Kirchenkonzert. Das Geistliche Konzert zum Besten des Ausbaues der Protestationskirche zu Speier, das am letzten Mittwoch in unserer Stadtkirche stattfand, hat die Erwartungen, die man davon gehegt, nicht enttäuscht. Es waren wirklich im besten Sinne vornehme künstlerische Leistungen, die uns da geboten wurden. Die Einleitung machte eine Fantasie über das gewaltigeHalleluja" aus Händels Messias", von Köhler, die von Herrn Organist G örlach sehr schön vorgetragen wurde. Um bei dem instrumentalen Teil zu bleiben, so sei vor allem das köstliche Larghetto von Beethoven erwähnt, das Herr Redner so schön und stimmungsvoll zur Geltung brachte. Man fühlte sich ans Ufer des Meeres versetzt. Die Wellen schlagen sanft an den Strand, dann zittern die silbernen Strahlen des Mondes über die lautlose Fläche, und in der Ferne erklingt's wie Gesang der Geister über den Wassern. Auch Bachs un­vergänglich schönes Air, da« man nie genug hören kann, kam wundervoll zum Vortrag. Was die beiden Damen uns boten, gehört zum Edelsten, was wir seit lange hier gehört haben. Fräulein Kayser sang die herrliche Arie ausElias-:Höre, Israel, höre des Herrn Stimme-, undMeine Seele ist stille zu Gott" von Robert Emmerich. Wir wüßten nicht, welchem von beiden wir den Vorzug geben, und was wir mehr rühmen sollten, die feine Schulung der Stimme, die Leichtigkeit und Eleganz des Gesanges, oder die edle, zu Herzen sprechende Auffassung. Fräulein Martha Stapelfeld'« Altstimme ist ein wahres Phänomen. Nicht wenige der Zuhörer im Schiff schauten verwundert auf, als sie mit ihren machtvollen tiefen Tönen in dem wunderbarenIn deine Hände befehle ich meinen Geist" aus BachsGottes Zeit" einsetzte. Ihre schöne Gesangeskunst kam fast noch mehr in der Arie ausXerxeS" Frondi tenere zur Geltung. Von dieser noch ganz am Anfang ihrer Laufbahn stehenden Künstlerin darf man sicher noch bedeutendes erwarten. Die Krone von allem war es, als die beiden Stimmen sich in dem Duett aus Händels Judas Maccabäus"O holder Friede" vereinigten. Wie wunderbar schön klangen sie da in den lieblichen Tönen, mit denen der Friede gepriesen wird, zu­sammen, wie energisch schritten sie nach einander und mit einander, wo die Erinnerung zurückschweift in des Krieges Schwerter- und Trompetenschall! Auch unseres Kirchengesangvereins sei nicht vergessen, der zwei Chöre a capella (Sehet, welch' eine Liebe" von A. Becker, und Ehre sei Dir, Christe" von H. Schütz) mit erfreulich reiner Intonation und feiner Nüancierung, und wiederholt den schönen Ps. 34 von A. Becker mit Orgelbegleituug sehr wirkungsvoll vortrug. Der Besuch des Konzertes war in Anbetracht der Jahreszeit und mancher ungünstiger Um­stände ganz befriedigend. Jedenfalls war es eine sehr dank­bare und begeisterte Gemeinde, die das Gotteshaus, nachdem die letzten Töne verhallt waren, verließ. G . . . r.

** Konzert. In Marburg findet am Sonntag (siehe Inserat) ein Konzert des berühmten Balladensängers Eugen Gura statt. DieTimes" schreiben über ein in der St.

James Hill von ihm veranstaltetes Konzert:

Der berühmte Bariton sang acht von den herrlichen Balladen C. Loewe's und vier von Fr. Schubert's weniger bekannten Liederm Es muß eine große Ueberraschung für diejenigen gewesen f-m, vre pq des früheren Londoner Auftretens Gura's m den Hauptrollen von Wagner's späteren Werken erinnern, daß die prachtvolle Stimme ihre ftüüe und ihren ganz besonders schönen Timbre behalten hat, und daß, was die rein ^stimmliche Ausführung betriff^ die Le-stung auf einem aan» außergewöhnlich hohen Niveau stand. In Bezug auf seine Inter­pretation ist es ganz unmöglich, den Künstler hoch genug zu preisen; durch und durch dramatisch, ohne auch nur eine Spur jener Uebertrei-