Ausgabe 
27.5.1900 Erstes Blatt
 
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Nr. 122 Erstes Blatt.

Sonntag den 27 Mai

1900

Gießener Anzeiger

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Der Krieg in Südafrika.

lieber den Bormarsch der englischen Haupt- a.rmee nördlich von Kroonstad liegen jetzt in einer von £ocb Roberts auf dem Südufer des Rhenosterflusses auf- segebenen Depesche an das Kriegsministerium in London ausführlichere Nachrichten vor. Der britische Oberbefehls- ihaber meldet:

Ich! fand bei der Ankunft hier heute früh, daß der Feind während der Nacht geflohen war und eine starke Stellung auf dem Nordufer des Flusses besetzt hatte, die er sorgfältig verschanzte. Der Feind hielt es jedoch nicht für ratsam, diese Stellung zu verteidigen, als er hörte, daß Hamiltorzs (Abteilung in HeilbroN jstehe, und daß unsere Kavallerie, die den Rhenosterfluß einige englische Meilen weiter abwärts überschritt, seine rechte Flanke bedrohte. Die Brücke über den Rhenoster, mehrere Bahn - Ueberführungen und einige Meilen der Bahnstrecke sind zerstört. Die Truppen Hamiltons halten die Buren unter Piet de Wet von Lindsley nach Heilbron vor sich hergetrieben. Der Uebergang über den Rhenoster wurde stark bestritten, und unsere Verluste hätten schwer sein können, wenn wir nicht einen sehr gut verabredeten Plan gehabt hätten, der die Brigade unter Smith-Dorrien geraoe im rechten Augenblicke an die Flanke des Feindes hercmbrackste".

In Ergänzung dieser amtlichen: Meldung berichtet ein Telegramm des Reuterschen Bureaus, daß die Buren, die ihre Stellungen nördlich des Rhenosterflusses verlassen haben, gerade auf den Vaalfluß marschieren und den eng- lil'chen Truppen dessen Ueberschreitung energisch streitig machen wollen. Falls ihnen das nicht gelingen sollte, so sind die Verbündeten entschlossen, Johannesburg bis zum Aeußersten zu verteidigen.

Aus Kimberley telegraphiert man: Die Truppen des Generals Hunter kamen in Vryburg an. Die Eisen­bahn bis Vryburg ist wieder hergestellt.

Am Mittwoch mittag war Lord Roberts Haupt­quartier am Rhenoster, und General French war Breits mit seiner Kavallerie bis Prospekt vorgegangen, während Hamilton nördlich) von Heilbron zu seiner Rechten steht. Die Buren haben! sich direkt auf den Baalfluß zurück­gezogen, man weiß jedoch nicht, in welcher Richtung. Sie beiden weder nach rechts ausbiegen können, da dort Hamil­ton steht, noch nach links, da nach den Depeschen 3000 Engländer auf der Straße Reitzburg - Parys stehen. Das deutsche Kontingent soll für die Verteidigung des Rhenoster-Ueberganges geworfen sein, wo ausgezeichnete .Vorkehrungen von den Buren getroffen waren. General de Wet fürchtete aber, umgangen zu werden, und befahl den schleunigen Rückzug.

In Natal haben die Buren den Truppen General Bullers gegenüber abermals einen Erfolg zu ver- u?ichnen. Dem Reuterschen Bureau wird aus dem Buren- laqer bei Volksrust gemeldet: Die Vorposten der Buren griffen eine Abteilung britischer Truppen bei Mount Pro- speet südlich von Majuba, an. Acht Engländer wur­den getötet, dreizehn verwundet. Die Buren hatten keine Verluste.

In dem Gefecht bei Vryheid, wo eine Schwadron von der berittenen Infanterie des' Obersten Bethune über­wältigt wurde, haben die Buren den Engländern nach) m Pretoria eingegangenen amtlichen Depeschen, zwei Maxim- qeschütze genommen. Aus Newcastle wird telegraphiert: Die Schwadron von Bethunes Reiterei wurde frei Nguntu detachiert und begegnete bei Vryheid einem Burenkom­mando das die Schwadron überwältigte und zum Kavitulierenzwang. Der Kommandeur Hauptmann «ouab fiel Hauptmann Lord de la Warr wurde verwundet, die Leutnants Caper und Lanhan sind gefangen. Die Buren montieren ein sechszölliges Geschütz und zwei 'andere bei Pongwana. Aus dem Burenlager bei Volks­rust wird gemeldet, die von den Engländern bei Glencoe gefangenen deutschen Aerzte kamen, wn den Engländern mit verbundenen Augen zuruckeskor- t tiert, hier wieder an.

Aus dem BurenlageranderWe st grenze wird Oer Pretoria unterm 23. ds. gemeldet: Am Sonntag habe m Kaffernhäuptling Montsarre, der nut den Eng- tßmdern befreundet ist, den burenfreundlichen Kasfern- lmuptlinq Mackencie überfallen und eine große An­zahl seiner Anhänger getötet und beraubt. Dieser Vorgang vollzog sich unter den Augen der englischen Patrouillen.

In New York erklärte der Buren-Delegierte Fischer, e« und seine Freunde hätten nunmehr ihre amtliche Pflicht enledigt. Eine Anzahl Senatoren, Kongreß-Mitglieder, Mraermeister und andere hervorragende Persönlichkeiten hielten eine Beratung ab, um die Organisation von öffent­lichen Versammlungen zu Gunsten der Buren im ganzen ^"^e^A^A?guA"'erfährt, das englische Kabinett habe sich für die unverzügliche Auslösung des Par­laments entschieden, und die Berufung an das Land

Deutsches Reich.

Berlin, 25. Mai. Zum dritten Male in diesem Monate traf der Kaiser gestern zum Besuche seiner Mut­ter, der Kaiserin Friedrich, auf Schloß Friedrichs- Hof ein. Der Kaiser trug die Uniform der schwarzen Hu­saren, deren Chef die Kaiserin Friedrich ist, die Kaiserin Auguste Viktoria ein hellblaues Atlaskleid. Zum Empfange hatten sich auf dem Bahnhofe die Kaiserin Friedrich und der Kronprinz von Griechenland eingefunden. Die Ma­jestäten fuhren im offenen Wagen durch Cronberg nach, dem Schlosse Frichrichshof. Vorher waren bereits einge- troffen: das Kronprinzenpaar von Griechenland, Erbpriu- zessin von Sachsen-Meiningen, Prrinz und Prinzessin Adolf von Schaumburg-Lippe, Prinz Heinrich, Prinz und Prin­zessin Carl von Hessen, denen um 1 Uhr der Großherzog mit der Prinzessin Heinrich und dem Prinzen Albert von Schleswig-Holstein folgten. Um halb 2 Uhr fand im Schlosse Friedrichshof zu Ehren des Geburtstages der Kö­nigin von England eine Familientafel zu 15 Gedecken statt; an der Marschalltafel nahmen acht Personen teil, vom kaiserlichen Gefolge General v. Plessen, Hausmarschall von Lynker und Gräfin Stollberg. Die Rückkehr des Kaisers und der Kaiserin nach Wiesbaden erfolgte um 4 Uhr 25 Mi­nuten. Der Gro ßherzog von Hessen war mit der Prinzessin Heinrich und dem Prinzen Aribert von Schles­wig bereits um 3 Uhr nach Darmstadt zurückgekehrt. Zur gestrigen Abendtafel beim Kaiserpaare waren, wie aus Wiesbaden gemeldet wird, hinzugezogen der Polizeipräsident Prinz von Ratibor und der Intendant v. Hülsen. Heute früh unternahm der Kaiser einen Spazier­ritt und begab sich sodann nach dem für die neue Bahn­hofsanlage in Aussicht genommenen Gelände zu einer Kon­ferenz mit den beteiligten Behörden. Hierbei waren u. a. anwesend: der Minister der öffentlichen Arbeiten v. Thielen und der Chef des Civilkabinetts Wirkl. Geh. Rat Dr. v. Lu- canus. An der heutigen Abendtasel beim Kaiser, die um

6 Uhr stattfand, nahmen der Kronprinz von Griechenland und die Prinzessin Adolf von Schaumburg-Lippe teil. Jnr Hoftheater wurde auf kaiserlichen BefehlUndine" in ber Wiesbadener Bearbeitung gegeben. Nach der BorstelliMK reifte der Kaiser nach Sch le 11 ft ab t ab. Die Vereins bübeten mit Fahnen unb Fackeln Spalier. Die Stabt ist illuminiert. Dichtgedrängte Menschenmasfen füllten die Straßen unb begrüßten ben Kaiser.

LautMilitärwochenblatt" richtete ber Kaiser an ben Kronprinzen am 6. Mai morgens folgende Ansprache: , . ' o r

Du thust heute einen wichtigen Schritt ms Leben. Der Rang bes Kronprinzen ist burch Deinen hochseligen Großvater, ber bie längste unb wichtigste Zeit seines Leebns in dieser Stellung gewesen ist, so emporgehobeir worben, baß es ber Arbeit eines Lebens unb Deiner ganzen Manneskraft bebürfen wirb, um biese Stellung^ so zu erhalten, wie sie seit Deinem Großvater im Herzen des deutschen Volkes unb ber Armee fortlebt. Zuerst als Kronprinz von Preußen, dann als Kronprinz bes Deut-». scheu Reichs, als bieses 1870/71 zusammengeschweißt war, ragt bie herrliche Gestalt, bie zuletzt so unsagbar gelitten hat, in der Geschichte hervor, lebt sie im Herzen bes Volkes als Kronprinz Par excellence. Das Ansehen, bas Dein Großvater ber Stellung bes beutschen Kronprinzen in ber Welt unb bei seinem Volke verschafft hat, ist für Dich eine Erbschaft, welche Du ungeschwächt zu erhalten, unb zu mehren hast. Mache es Dir klar, daß Du Seiner ganzen Manneskraft bebarfft, um biefer hohen Ausgabe gered)t zu werben. Das ist ber GeUanke, ber mich be­wegt, wenn ich Dich heute in persönliche Beziehungen zum Regiment Kronprinzen bringe.

Im besonberen Auftrage bes Kaisers haL sich Legationsrat v. E tz b o r f - Elbing nach L o n b o n be­geben. Er wirb sich zunächst bei ber beutschen Botschaft, melden und bann nach Winbsor weiter reisen, um bort von der Königin Viktoria empfangen zu toetben. Sie Reise stellt sich als eine vertrauliche Mission dar, zu ber Herr v. Etzdorfs persönlich in Urville vom Kaiser Auftrag erhalten hat.

- Man melbet aus Karlsruh e : Das Befinden besGroßherzogs, der seit etwa acht Tagen an starkem, Bronchial-Katarrh erkrankt ist, hat sich noch nichtvöllig gebessert. Gestern war bas Allgemeinbefinden durch- aus nicht zufrieden st ellenb.

DieNat.-Ztg." schreibt: Die Straubinger Rebe bes Prinzen Lubwig von Bayern und die Erörterungen'über dieselbe werden in ber französischen Presse mit Genugthuung verzeichnet. In beutschen Blät­tern ist bie Ansicht ausgesprochen wopden, daß bie prinz- liche Rebe wohl durch Verstimmungen, über die sonst nichts bekannt geworden, veranlaßt sein möge. Wie wir zuverlässig erfahren, ist weder zwischen den Höfen, UochzwischenbenRegierungeninBerlinunb München das mindeste vorgekommen, was zu Aeußerungen, wie bie bes Prinzen Ludwig, hätte Anlaß geben können.

- In ber Wohnung des Stadtverordnetemvorstehers' Dr. Langerhans sind heute morgen anläßlich seines 8 0. Geburtstages zahlreiche Glückwunschtelegramme unb BlumenspeNben eingetroffen. Eine Reihe von Depu­tationen brachte dem Jubilar persönlich ihre Glückwünsche dar. U. a. erschienen im Namen der freisinnigen Vereini­gung die Reichstagsabgeord'neten Rickert, Pachnicke unb Schrader, bie eine Bronzefigur im Namen ber Fraktion überreichten, ferner Vertreter ber sozialdemokratischen. Fraktion, unter Führung bes Abg. Singer, unb eine De­putation des Magistrats unb der Stadtverorbnetenver-« sammlung, bie ben Ehrenbürgerbrief überbrachte. Oberbürgermeister Kirschner erwähnte in seiner Ansprache, baß Magistrat unb Stadtvervrbpetenversammlung ein­mütig beschlossen hätten, Dr. Langerhans zum Ehrenbürger der Stabt Berlin zu ernennen. Reichstagsabg. Max Hirsch brachte die Glückwünsche der deutschen Gewerksvereine. Gegen 12 Uhr erschien der Vicepräsident des Reichstages, Schmidt-Elberfeld, mit einigen Herren ber freisinnigen Volkspartci, um im Namen dieser ch gratulieren und eine Palme zu widmen. Namens des Vereins Berliner Künst­ler überreichte Anton v. Werner eine Adresse. Auch Fürst Hohenlohe gedachte des Tages: ber Reichskanzler hat ben jüngsten Ehrenbürger Berlins in einem Glückwunschschrei­ben,im Kreise ber Achtziger" willkommen geheißen.

Für bas abgelaufene Etatsjahr haben aus ben im Etat der Staatseisenbahn-Verwaltung zur Prämiierung nützlicher Erfindungen vorge­sehenen Mitteln acht Personen, darunter sieben Beamte unb Arbeiter der Staatseisenbahn-Verwaltung, Belohnun­gen für Erfindungen unb Verbesserungen, bie für bie Er­höhung der Betriebssicherheit ober in wirtschaftlicher Be­ziehung von Bebeutung sind, bewilligt werden können.

Im Reichstage ist heute eine Vorlage einge­gangen, welche die dem Bundesräte im Origen ^ahre gegebene Ermächtigung, ben Angehörigen undw Englands unb feiner Kolonien bis zum 30. Ium bie.

werbe erfolgen, sobalb bie britischen Truppen in Sübafrika einen Erfolg errungen haben, der entscheidend genug sei, um als Ende bes Krieges betrachtet zu werben. Die Wähler würben angegangen werben, sich über die Bedingungen der künftigen Verwaltung der beiden Republiken zu äußern, Chamberlain solle dieses Verfahren vorgeschlagen haben.

Telegramme deS Gießener Anzeigers.

London, 26. Mai. Ein Telegramm von Rhenoster vom Mittwochabend berichtet: Die B u r e n sind in vollem Rückzüge. Sie haben die Eisenbahn an 200 Stellen zerstört. Es heißt, die Buren seien 12 000 Mann stark und führten 30 Geschütze mit sich.

London, 26. Mai. DieMorning Post" wirst die Frage auf, ob Lord Roberts versuchen werde, ben Vaalfluß zu überschreiten, bevor noch bie Eisen­bahn und bie Brücke von Rhenoster in Staub gesetzt sei. Daily Telegraph ist ber Ansicht, es werbe nur nocheine große Schlacht geschlagen werben, entweber am Vaal- flusse ober, unter ben Mauern von Johannesburg.

N e w Y o r k, 26. Mai. Das fünfte Festessen bes K l u b englischer Schulen unb Universitäten fanb gestern in Anwesenheit von etwa hunbert Mitgliebem unb Gästen statt. Währenb besselben wurden Briefe ber Kö­nigin von En glaub, von Abmiral Dew ey unb anberen hervorragenden Persönlichkeiten verlesen. Cham­berlain sandte ein Telegramm, in dem er fein Bedauern darüber ausspricht, daß bie öffentliche Meinung ber Ver­einigten Staaten hinsichtlich bes südafrikanischen Krieges geteilt sei unb erklärt, es falle ihm schwer, zu glauben, daß England für seine Sympathieeu zu Gunsten der Ver­einigten Staaten während des spanisch-amerikanischen Krieges nicht mit gleicher Sympathie in diesem Augenblick von selten des amerikanischen Volkes belohnt werde. Lord Roseberry führte in einem Briefe aus: Die Vereinigten Staaten würden aus Dem jetzigen Kriege dieselben Vorteile ziehen wie England selbst. England übernehme alle Lasten und zähle auf die moralisck)e Unterstützung der Vereinigten Staaten. Der Gouverneur des Staates Ohio sagte in einem Toast, wenn England keine Freunde auf dem Kontinent besitze, so befinde, es sich in derselben Sage wie die Amerikaner. Admiral Dewey hätte gern die deutschen Vettern vor Manila in den Grund gebohrt, doch fei er hierzu nicht genügend provoziert worden. Wenn die Deutschen die wirklichen Gefühle der Amerikaner kennen lernen wollten, so möchten sie doch in unbedeutenden Fragen die Dinge nur weiter auf die Spitze treiben.

Washington, 26. Mai. Die Burendelegier- t e n veröffentlichen eine Note, in ber sie mitteilen, daß es ihnen unmöglich werde, alle Einladungen amerikanischer Städte anzunehmen. Sie beabsichtigen, s o s ch n e l l es die Umstände erlauben, nach Hause zurückzu kehren. Sie haben beschlossen, nur noch einige Tage in den Ver­einigten Staaten zu verweilen.