der Mehrzahl der Franzosen als Engländer betrachtet werden, und uns Vettern diesseits des Kanals macht es natürlich stets ein riesiges Vergnügen, wenn bei gemeinsamen Ausfahrten rc. die liebe Straßenjugend uns mit den Rufen: „Vive les Boers!" zu ärgern trachtet. Der Deutsche wird als solcher, wie ich ja kürzlich schon erzählt, von vielen nur erkannt, wenn er langen Vollbart hat, Brille, Pastorrock und Bädeker trägt; der Engländer macht es den Franzosen leichter, denn, natürlich mit Ausnahmen, liebt er unterwegs die Bequemlichkeit und bevorzugt die Reisemütze und Helle Anzüge. Aber auch unsere. Landsleute, besonders unsere Damen, lassen sich gar oft zu sehr mit der Kleidung gehen, und da namentlich in Paris das Wort Geltung hat, daß jeder sein Vaterland vertritt, und nach der Einzelerscheinung die Gesamtheit beurteilt wird, so wäre es schon aus diesem Grunde wünschenswert, wenn nicht), die, ^ältesten und unansehnlichsten Garderobestücken auf den Boulevards und in der Ausstellung spazieren geführt würden!
Bei dem fast plötzlich gekommenen Fremdenzufluß hapert es schon bedenklich mit den Wohnungen; die Hotels besseren Ranges sind überfüllt und die Preise sind erheblich! gestiegen, unter 10 Franks für eine, unter 20 Franks für zwei Personen täglich, ist jetzt kaum ein Zimmer bei mäßigen Ansprüchen zu erhalten, vielfach wird man noch teurer wohnen. Jedenfalls rate ich, sich rechtzeitig, d. h. fünf bis acht Tage vorher, eine Wohnstätte zu bestellen, man kann sonst leicht stundenlang nach der Ankunft umhersuchen, ehe man die müden Glieder auszustrecken vermag, und wer weiß, in welchem Bette es dann geschehen muß *). Möblierte Zimmer giebt es noch genügend, die Preise schwanken zwischen 4 und 10 Franks für den Tag, und wer längere Zeit hier zu bleiben gedenkt, wird mit einem „Chambre meublee" bedeutend billiger fortkommen als im Hotel. Aber man.schließe möglichst schriftlich mit dem Vermieter ab, um nicht „über Rächt" gesteigert oder gar herausgesetzt zu werden, wie es schon häufig geschehen.
In unmittelbarer Nachbarschaft der Ausstellung zu wohnen, möchte ich kaum empfehlen, der Trubel ist groß, die Preise sind hoch, und, da die Abende doch meist in der Stadt verbracht werden, der Weg weit.
Mit Eintrittskarten der Ausstellung — „tickets" — versehe man sich, schon in der Stadt in einem der sie feitbietenden zahllosen Geschäfte, man bezahlt sie jetzt mit 50 bis 60 Cent: bei mehreren Personen ist der Kauf eines der Gutscheine der Ausstellung (bons de l'Exposition) angebracht, sie kosten gegenwärtig ca. 16 Franks und gewähren neben 20 Eintrittskarten dem Besitzer des Bon bei vielen der Privatsehenswürdigkeiten der Ausstellung kleine Ermäßigungen, gelten ferner als Los und können, wenn Fortuna sehr lächelt, den glücklichen Inhaber zu einem wohlhabenden Mann machen.
•) Aus eigener Erfahrung kann ich d«S sehr gute deutsche und mit deutschem Restaurant verbundene Hdtel d’Antriebe, 37 Rue d’Hauterille empfehlen, aber rechtzeitige Meldung ist erforderlich. — lieber möblierte Zimmer rc erteilt kostenlos Auskunft die Agenee G6nerale, 11 Rue Volney (nahe der Oper), wo auch deutsch gesprochen wird.
Mit jedem Tage wird ja nun auch die Ausstellung fertiger, und wenn auch, noch viel, recht viel zu thun ist, wenn in einzelnen Palästen — so in dem weitgestreckten des Heer- und Marinewesens — noch gähnende Lücken zu bemerken sind, nun, darüber tröstet man sich gern hinweg, denn es wird nur wenige Sterbliche geben, die in dieser von nahe 100000 Ausstellern beschickten Ausstellung alles gesehen haben, dazu gehörten Monate, und von ihnen müßte jeder Tag mit vollen zwölf Stunden deni Studium gewidmet sein. Auch hier dürfte das Bismarcksche Wort zutreffen von jenen drei Männern, welche die Frage der Gold- und Silberwährung völlig ergründet hatten: der eine war tot, der andere verrückt geworden, der dritte hatte alles wieder vergessen? —
Tag für Tag giebts jetzt im engeren und weiteren Umkreise des Eiffelturms sogenannte „Eröffnungs-Feierlichkeiten", bald wird diese Abteilung in den Industrie- Palästen, bald jener französisck)e oder fremde Pavillon ein- geweiht, richtiger „eingeweicht", denn nie fehlts an einem Buffet mit den schönsten Leckereien, mit Limonaden, Eis, Thee für die Damen, und mit unglaublichen Bowlen- und Sektströmen für die Herren, wobei übrigens die Eva- schwestern häufig die oft aufgeworfene Frage ihres „Herrenrechts" praktisch und energisch zu lösen verstehen. Man sagt ja, der Mensch zähle zum Geschlecht der Raubtiere. Nachdem ich einigen der eben erwähnten, fast immer nach- niittags stattfindenden Festlick)-keiten beigewohnt, glaube ich unbedingt daran. In ihrer ganzen Furchtbarkeit und Verheerungssucht lernte ich die Buffet-Tiger und -Tigerinnen kennen, die sich nur dadurch von ihren vierbeinigenKollegen bezüglich Kolleginnen unterscheiden, daß letztere doch mal satt werden, erstere aber anscheinend nie! Einer Fütterung im Zoologischen Garten beizuwohnen, ist interessant, einen Buffetsturm bei obigen Gelegenheiten mitzuerleben, geradezu widerwärtig! Diese wohlgskteideten und wohlerzogenen Damen und Herren, die fast ausnahmslos eine gesicherte gesellschaftliche und soziale Stellung einnehmen, die wenige Stunden vorher gut gefrühstückt haben und bald danack) gut dinieren werden, sind, sobald nach der offiziellen Zeremonie das Buffet „eröffnet" wird, nicht wiederzuerkennen — als ob sie tagelang nichts gegessen und nichts getrunken hätten, stürzen sie sich (falls sie nicht schon vorher eine richtige Belagerung unternommen und ihre festgeschlossenen Postenketten ausgestellt) auf die reichbesetzten Tische, die in weniger wie zehn Minuten ratzekahl sind, höchstens daß noch eine verlorene Sardine, ein halber Sandwich, ein amgeknabbertes Tortenstück von der verschwundenen Pracht zeugt! Aber es kommt ja frischer Ersatz, die Diener tragen immer neue hochgetürmte Schüsseln auf, und von neuem beginnt das Stoßen, Drängen, Schieben, Puffen, Zergeln, Streiten, Kämpfen, Gläser fallen um und zerbrechen, Wein und besonders Sekt fließt auf die eben noch blendend weißen Tischtücher und auf den Erdboden, und um ein Teilerchen mit Erdbeeren, um ein Bröbchen mit Gänseleber-Pastete, um einen Kelch- mit Champagner zu erhalten, werden oft die tadellosesten Fräcke, die kostbarsten Toiletten ruiniert. Selbst die Blumen in den Vasen und Tafelaufsätzen verschont man
nicht, sehr zarte, mit teueren weißen Handschuhen be-, kleidete Händckzen zerren die Rosen, die Veiützen und Maiglöckchen, die Fliederstengel heraus, und die graziösen Inhaberinnen dieser idiebeslüsternen Pätschchen freuen sich kindlich) der leichterrungenen Beute — und dabei sind die Gaben der Flora so billig in Paris! —
Mit der schon mehrfach) angekündigten großen Abendbeleuchtung werden wir immer noch auf die Zukunft vertröstet — mehrere der lichtspendenden Maschinen versauen entweder völlig oder stellen plötzlich ihre Thätigkeit ein sodaß in letzterem Fall in den Gebäuden, in denen elektrische Beleuchtung erforderlich ist, mit einem Male Finsternis herrscht und die lieben Göhren ein ängstliches Quietschen und Jammern ertönen lassen. Zum ersten Male war kürzlich abends die große Eingangspforte erhellt und machte mit ihren hellblauen, roten und weißen, äußerst geschickt verteilten Lichteffekten einen wundervollen, phantastischen Eindruck. Auch der Eiffelturm läßt mit Eintritt der Dunkelheit seine Scheinwerfer spielen, und die weißen Lichtströme huschen in allen Richtungen über die stolze Ausstellungsstadt, als wollten sie nach den Besuck)ern derselben forschen. Aber da finden sie nicht viele, an den kühlen Menden der letzten Wochen war wenig los, wie überhaupt das abendliche Leben noch nicht im Gange ist — selbst voreilige Nachtschmetterlinge flattern schon frühzeitig nach den Boulevards zurück, wo sie leichter Schutz und Nahrung finden? . . .
Kunst und Wissenschaft.
William Lindley -f. Am 22. bä. bä. Mtä. ist in Lonbon ber Ingenieur William Linbley gestorben. Er war 1808 geboren. Linbley lenkte zuerst im Jahre 1842 bie allgemeine Aufmerksamkeit auf sich, als er bei bem großen Branbe in Hamburg bem verheerenben Elemente burch umfangreiche Sprengungen von Häusern Einhalt that. Er würbe bann mit bem Entwurf beä Planes für den Wieberaufbau Hamburgs beauftragt, sowie auch mit ber Projektierung ber großen Schwemmsielanlagen zur Entwäfferung ber Stabt unb bet stäbtischen Wasserwerke, welche beiben Anlagen unter Linbleys Leitung von 1842 bis 1860 ausgeführt würben. Frankfurt folgte bem bort gegebenen Beispiel unb Linbley erhielt bie Oberleitung beä ganzen Unternehmens, die er während einer langen Reche von Jahren führte. 1878 trat er bie Oberleitung bet Frankfurter Kanalisation an seinen Sohn SB. H. Linbley ab, bet bie Arbeiten zu Enbe führte unb Frankfurter Stabt- baurat würbe. Linbley sen. ging 1878 nach Englanb, wo er zuerst in Swansea, bann in Lonbon lebte.
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Nachdem unsere Bank in ihrer Generalversammlung vom 29. März l. I. da- Geschäftsanteil jedes Mitglüdea auf M. 500.— festgesetzt und weiter bestimmt hat, daß die Einzahlungen zur Ergänzung desselben zum mindesten jährlich M. 12.— betragen müssen, machen wir darauf aufmerksam, daß diejenigen Mitglieder, welche ihr Geschäftsanteil bis zum 80. Juni l. I. voll einzahleu, auLnahmsweise vom 1. Juli d. I. ab an der Dividende des laufenden Jahres teilnehmen.
Gleichzeitig bringen wir hierdurch zur allgemeinen Kenntnis, daß unsere Bank an den Werktagen täglich von 9 bis 12 Uhr vormittags und von 2 biS 4 Uhr nachmittags auch von Nichtmit- gliedern verzinsliche Darlehen annimmt und dafür, wenn solche V2 Jahr und länger stehen, 3i/2%, sonst aber nur 3°/0 Zinsrn vergütet.
Gießen, den 5. Mai 1900. 3342
Gewerbebank zu Gießen
Ei«gktrage«k GeuosseusM mit uubrfdjt. Hast-Mt.
Carl Vogt II.
H. Wagner.
Bekanntmachung,
betreffend: Wettbewerb znr Erlangung von Pläne« für ein neues Sparkaffengebäude.
Des am 16. und 21. l. Mts. in rubrizierter Angelegenheit zusammen?^ etene Preisgericht hat entschieden, daß die für die beiden besten Projekte zur Verfügung stehende Summe von 800 Mk. zu gleichen Teilm den Einwürfen mit dem Kmnworte ,Sparsam" und dem Kennzeichen „2 Pfennigmarke" zuzuerkennen sei. Als Verfasser beider Entwürfe ergab sich beim Eröffnen der Briefumschläge die Firma Tteiu Sf Meyer dahier.
Das Preisgericht hat ferner dem Ausschuß der Spar- und Leihkaffe den Entwurf mit dem Kennwort „Bienenkönigin" zum Ankauf empfohlen, da ein dritter Preis nicht zur Verfügung stand.
Die eingelaufenen 12 Entwürfe nebst motivieriem Gutachten des Preisgerichts liegen am Sonntag dem 27. und Montag dem 28. l. Mts. von vormittags 9 Uhr bis nachmittags 4 Uhr im Sitzungssaal der Bürgermeisterei, Gartenstraße 2, zu jedermanns Eiuficht offen.
Gießen, den 21. Mai 1900.
Direktion des Spar- und Leihkaffevereinr Gießen.
Wiener. 3681
Kaufmännischer Verein.
Wir bitten, die
Bücher bis zum 1. Juui
b. I. zurückzugeben, da die Bibliothek von diesem Tage bis zum
IS. Juni d. I. geschloffen ist. 3740
Der Vorstand.
Louis Walther.
Kteischverdingung.
Am i.Juni 1800, vormittaas 10 Uhr, wird im diesseitigen Geschäftszimmer, Kaserne I, der Bedarf an Fleisch- und Wurftwaren für die Garnison Gießen auf die Zeit vom 1. Juli bis 31. Dezember 1900 verdungen.
Die Lieferungsbedingungen liegen im Geschäftszimmer aus; dieselben können auch gegen Zahlung der Selbstkosten bezogen werden.
Schriftliche und versiegelte Angebote sind im Geschäftszimmer vor Beginn des Termins mit der Aufschrift „Angebot auf Lieferung von Fleisch- und Wurftwaren- versehen abzugeben 3700
_________Garnisonverwaltung.__
Versteigerung.
Montag den 88. d. Mts., nachmittags 2 Uhr, versteigere ich im Pfandlokal Seltersweg 11 gegen Barzahlung: 1 Pianino, 1 Kaffaschrank, 1 Buffer, 1 Nähmaschine, 1 Oekonomie- wagen, Sofas, Kommode, Kleiderschränke, 1 Regulator und mehrere Eichenstämme.
Gießen, den 18. Mai 1900.
3618 Mulch, Pfandmeister.
Pflanzenkübel 9685 Reisekorbe empfiehlt Sportwagen Louis Lony, Sahuhosßr. 27.
Bekanntmachung.
Die Lieferung von 3200 Zentnern Nußkohlen II. Grbße für die städtischen Anstalten für das Etatsjohr 1900/1901 soll unter den auf unserem Amtszimmer Nr. 15 offen liegenden Bedingungen vergeben werden. Angebote, in welchen der Preis pro Doppelwaggon, frei Babnhof Gießen, anzugeben ist, sind bis zum 1. Juni d. Js. vormittags 12 Uhr, mit dec Aufschrift .Kohlenlieferung" versehen, im Zimmer Nr. 15 abzugeben.
Gießen, den 25. Mai 1900. 3752
Großherzoaliche Bürgermeisterei Gießen.
Gnanth.
Bekanntmachung.
Die Heberolle der Stadt Gießen über die Beiträge zur land- und forstwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft für das Jahr 1899 liegt von heute an während 14 Tagen auf der unterzeichneten Bürgermeisters zur Einficht offen. Innerhalb einer weiteren Frist von zwei Wochen, nach Ablauf der Offenlegungsfrist, kann der in der Heberolle als beitragspflichtig in Anspruch Genommene flehen die Beitragsberechnuna bei dem Vorstande der land- und forstwirtschaftlichen Berufsgenoffenschaft Einspruch erheben (stehe § 21 der Verordnung vom 11. Juli 1888, Regierungsblatt S. 83).
Gießen, den 25. Mai 1900.
3746
Groherzogliche Bürgermeisterei Gießen.
Gnauth.
yWGUSTA VICTORIA ** OEL TERS %lähn (nassaö) ßahn StationLöhnberg /Nassau seheBahn.) Natürlich kohlen saures
Tafel-uGesundheits-Wdsser, ersten Ran
Vertreter für Giessen und Oberhessen:
Friedrich Hainer. Tiefenweg 4. 3476
ifJSJST" In den Kolonialwaren-, Delikatessen- und Droguenhandlungen, wo unser Firmenschild.
Nur reines Fabrikat
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