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26.10.1900 Zweites Blatt
 
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Freitag dm 26 Oktober

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Das Kaiserpaar in Barmen Elberfeld.

Barmen, 24. Oktober.

So lange das Deutsche Re-sch besteht, haben die beiden Schwesterstädte an der schwarzblauen Wupper noch nie einen Kaiser in ihren Mauern begrüßt. Die freudigste Feststimmung erfüllte darum Elberfeld und Barmen schon seit langen Wochen und um so empfindlicher war vor zehn Tagen die Enttäuschung gewesen, als kurz vor dem angesetzten Termin der Besuch des Kaiserpaares im Augen­blicke der höchsten Erwartung verschoben wurde. Nun holten heute die Majestäten nach, was sie neulich wegen der bedauerlichen Erkrankung der Kaiserin Friedrich ver­säumen mußten.

Um 10 Uhr 3 Minuten verkündete das Läuten aller Kirchenglocken Barmens das Einlaufen des Kaiserlichen Zuges. Das 39. Infanterie-Regiment in Düsseldorf mit der Regimentsmusik und den Spielleuten waren schon gestern hier angekommen und stellten die Ehrenkompagnie auf dem Bahnhof. Aus dem Bahnhof wurde das Kaiser­paar vom Kommandeur des VII. Armeekorps v. Bülow empfangen.

Auf dem Festplatze vor dem Bahnhof wurden die hohen Herrschaften von -einer Deputation der Stadt Barmen empfangen. Die hier aufgebauten Tribünen, die Fenster der umliegenden Häuser und der ganze Platz war mit Menschenmassen angefüllt, die dem Kaiserpaar stürmische Huldigungen entgegenbrachten, und die dem dahineilenden Wagen stets vorschreitend sich weiterpflanzten. Der kaiser­liche Wagen, mit vier prächtigen Rappen a la Daumont bespannt, fuhr in scharfer Gangart durch die festgeschmück­ten Straßen und nur wenige Augenblicke war das Kaiser­paar den huldigenden Massen sichtbar. Der Kaiser trug die Generalsuniform, darüber den grauen Mantel; die Kaiserin hatte eine große braune Pelzboa um den Nacken geschlungen und trug einen großen Kapotthut. Dem offenen Wagen ritt eine Halbschwadron Husaren vorauf, eine zweite Halbschwadron folgte. Bald langte der stattliche Wagen­zug vor der einzuweihenden Ruhmcshalle an.

Die Kaiser Wilhelm - undKaiserFriedrich- Ruhmes Halle wurde von der Stadt Barmen zum An­denken an die beiden ersten Kaiser Deutschlands nach dem Entwürfe des Direktors der Königlichen Baugewerk­schule Barmen-Elberfeld, Hartwig, erbaut,um in ihr die Thaten und die Geschichte unserer großen Herrscher durch Darstellung der bildenden Kunst zu verherrlichen". Sie ist also eine Kunsthalle, deren kultureller Zweck sich vorteilhaft von anderen patriotischen Erinnerungsschöpf­ungen auszeichnet.

Der Kaiser schritt sofort die von dem 39. Infanterie­regiment gestellte Ehrenkompagnie ab. Die Kaiserin be­gab sich unter das Prunkzelt, wo sie Exzellenz von Rhein­baben, der zu ihr getreten war, die Hand zum Kusse reichte und sich noch längere Zeit mit ihm unterhielt. Nach Abschreiten der Ehrenkompagnie nahm der Kaiser Stell­ung neben seiner hohen Gemahlin, die nunmehr huld­voll die hellroten Rosenknospen von dem Töchterchen des Oberbürgermeisters mit einem kleinen Willkommenscherz entgegennahm. Nach einer Ansprache des Oberbürger­meisters Dr. Lentze schritt der Kaiser sofort interessiert auf die K o l o s s a l f i g u r Kaiser Wilhelms I. zu, die er lange betrachtete und eingehend besichtigte. Tann wandte er sich dem Marmorbilde Kaiser Fried­richs zu, von dem er sich aber bald wieder nach der Gestalt seines Großvaters zurückwandte. Der Kaiser, der den weiten, lang herabfallenden Pellerinenmantel geöffnet hatte, begann lebhaft mit dem Helm in der Hand auf die Gestalt seines Großvaters zu weisen und zu dem Ober­bürgermeister und dem Bildhauer Eaüer Bemerkungen zu machen. Auch die Ruhmeshalle selbst schien sein leb­haftes Interesse in Anspruch zu nehmen. Er wies 'mit besonders lebhaften Gesten auf die hochragende Glas­kuppel, auf der das Sonnenlicht spiegelte, und schien über den Eindruck voll beftiedigt. Auch der Kaiserin und dem Direktor Hartwig gegenüber machte der Kaiser wieder­holt Bemerkungen über die beiden Kaiserdenkmäler und die Ruhmeshalle. Neun weißgekleidete dekolletierte Ehren­jungfrauen traten nun der Kaiserin entgegen, die in poetischer Form von Fräulein Schwarzenstein von U.- Barnten begrüßt wurde und huldvoll einen prächtigen Strauß entgegennahm.

Aus 'die nun folgende hfede des Oberbürgermeisters Dr. Lentze erwiderte der Kaiser:

Den liefert Dank Namens der Kaiserin und in meinem Namen für den Empfang seitens Ihrer Stadt bitte ich Sie der Bürgerschaft kund zu thun. Die freu­digen Gesichter und wundervolle Ausschmückung der Häuser und Straßen Ihrer Stadt sind Zeugen von den Gefühlen, die die Bürgerschaft beseelen und denen Sie in so geeigneter Weise soeben Worte verliehen haben. Ich habe es tief bedauern müssen, daß ich die Stadt auf unseren Besuch habe-warten lassen müssen; allein die Sorge um das in G e f a h r schwebende Leben meiner Frau Mutter ließ mich nicht von ihrem Krankenlager weichen. Ich bin nunmehr froh, daß mir ihr Zustand gestattet, den Besuch auszuführen, wenn auch des Herzens freudige Bewegung durch den Schatten,

der über ihr liegt, noch getrübt ist. Sie hat mich aber ersucht, auch in ihrem Namen der Stadt einen Gruß zu überbringen. Dieses Auftrags entledige ich mich! hiermit. Daß Ihre Stadt besonders auf Handel und Wandel und das Schaffen der Industrie angewiesen ist, das weiß die Welt längst. Aber Ihre Leistungen stehen frei und offen vor allem Volke da und Sie brauchen sich dessen wahrlich nicht zu schämen. Daß es stets mein erstes Ziel und meine größte Arbeit ist, für mein Volk und seine arbeitenden Teile den Frieden nach Möglichkeit zu erhalten, dafür habe ich vor wenig Tagen erst das Ueber einkommenmit demmächf- tigsten germanischen Staate außer unserem Volke getroffen. So hoffe ich in die weite Zukunft hinaus, ein gemeinsames Streben auf dem offenen Weltmärkte für unsere beiden Völker zu gewährleisten, in freundschaftlichem Wettkampfe, ohne Schärfe. Alles aber, was wir fühlen, denken und thun, vereinigen wir in dem Wunsch^, daß Gottes Segen auf der Arbeit der Bürger Ihrer Stadt auch in der Folge ruhen und sie blühen und gedeihen möge.

Nachdem die Majestäten sich in das goldene Buch eingezeichnet hatten und nach einem kurzen Rundgang durch die Gemäloegallerie verließen die Majestäten, die sich bedeutend länger als ursprünglich beabsichtigt auf- gehalten hatten, unter dem Jubel der Bevölkerung die Ruhmeshalle und bestiegen die Wagen zur Weiterfahrt nach Elberfeld.

Elberfeld, 24. Oktober.

Um 11 einhalb Uhr verkündeten Böllerschüffe von der Hardt die Einfahrt der-Majestäten in das E l b e r f e l d e r Stadtgebiet. Vor dem Rathausportal wurden die Majestäten durch den Bürgermeister Funck empfangen. Oberbürgermeister Funck geleitete das Kaiserpaar die Treppe, die durch Orchideen, Lorbeerbäume und Blumen­arrangements fast in einen Laubengang verwandelt war, hinauf in den Sitzungssaal. Hier war ein großer Baldachin errichtet, unter dem das Kaiserpaar Platz nahm, um den Ehrentrunk in dem kostbaren, von den Frauen und Jungfrauen Elberfelds gestifteten Pokal einzunehmen.

Die Rede des Kaisers bei Entgegennahme des Ehrentrunkes im Festsaale des Rathauses lautete wie folgt:

Für die uns dargebrachte Huldigung und für den Empfang, den die Bürgerschaft der Stadt Elberfeld uns bereitet hat, sagen wir Beide, die Kaiserin und ich

Die Hraphokogie.

Nahezu 30 Jahre sind gegenwärtig vergangen, seit­dem der französische Abbee I. H. Michon (1806 bis 1881) zum erstenmale das WortGraphologie" gebrauchte. Da­mals ist das neue Wort allgemein bekannt geworden; man weiß, daß es dienen will als Bezeichnung für eine Wissenschaft, die behauptet, daß sich aus den Hand­schriften der Menschen Schlüsse auf deren Charakter bil­den ließen, also: Handschriften-Deutungskunde. Dieser Be­hauptung stehen weite Kreise gegenwärtig noch zlveifelnd gegenüber. Man bedenke jedoch, wie lange andere Ent­deckungen gebraucht haben, um sich die allgemeine An­erkennung zu erringen. Tie Graphologie aber ist gegen- wartig.noch nicht 30 Jahre ult, sie ist nocheine werdende Wissenschaft" und dennoch ist es ihr bereits gelungen, nicht nur in Frankreich, ihrem Geburtslande, schon all­seitig anerkannt worden zu sein (auch von der Gelehrten­welt); während der letzten 10 bis 15 Jahre hat die Gra­phologie auch in Deutschland, England, Italien usw. Ein­gang gefunden, auch erfreut sie sich der thatkräftigen Teilnahme von Professor Dr. W. Preyer und Prof. C. Lombroso.

Fort und fort im alltäglichen Leben wiederholt es sich bei uns allen, daß wir irgend jemand erkennen an der Art und Weise wie er geht, an bestimmten Gesten oder am Klang der Stimme. In allen Bewegungen prägt sich der Charakter in eigenartiger Weise aus. Das gleiche ist es mit den Schreibbewegungen, die außerdem den Vor­zug haben, daß sie dem Auge unmittelbar sichtbar wer­den und bleiben. Man wird hier einwenden, daß ja die Handschrift gelernt werde; Schreiben wird gelernt und von manchem auch Schönschrift, aber niemals die Hand­schrift; Gehen und Schreiben müssen wir freilich lernen, aber die kleinen, scheinbar nebensächlichen Eigenheiten, die wir unwillkürlich und ohne es zu wissen, hinzuthun, werden uns nicht gelehrt; in diesen Eigenheiten äußert sich der Charakter. Die Beobachtung aller dieser Eigen­heiten der Handschriften ist freilich), nicht leicht. Mehrere Jahrhunderte hindurch sehen wir unvollendete Ansätze zu diesen Beobachtungen; Männer und Frauen wie Leibniz, Goethe, Lavater, A. und W. v. Hum­

boldt, G. Sand spielen in der Vorgeschichte der Gra­phologie eine Rolle. Seit der Mitte dieses Jahrhunderts häuften sich die Ansätze immer mehr. Das epochemachende Verdienst des bereits genannten Mbee I. H. Michon beruht nun zunächst darin, daß dieser alle zerstreuten Ansätze sammelte, prüfte und sichtete, daß er sodann eigene Forschungen anstellte und endlich das Ergebnis seiner 30 jährigen Studien veröffentlichte unter dem NamenLa Graphologie" Durch feine fünf Hauptwerke, die in der Zeit von 18711880 erschienen, machte Michon seine Ergebnisse den gebildeten Kreisen Frankreichs zu­gänglich und regte diese zunächst zur Weiterführung seiner Forschungen an. Von Franzosen machten sich um die Ent­wickelung der Graphologie neben und nach Michon be­sonders verdient: E. de Vars, Ad. Varinard, Rougement, P. Varinard, I. Crepieux-Jamin, Dr. Helot, Dr. Heri- court, G. Bridier usw. In Deutschland öffnete zunächst nurSchorers Familienblatt" seine Spalten für grapho­logische Aufsätze und Beurteilungen; hier machte sich be­sonders Dr. Eugen Schwiedland verdient. Trotzdem kam die Graphologie in Deutschland bis 1894 nicht darüber hinaus, als harmlose, wenn auch interessante Familien­unterhaltung in der Öffentlichkeit angesehen zu werden. Von dem Berliner W. Langenbruch angeregt, hatte sich aber inzwischen der Universitäts-Professor der Physio- logie Dr. W. Preyer mit der Graphologie beschäftigt und trat seit Anfang 1894 öffentlich für sie ein. Und bald begann eine neue Epoche in der Geschichte der Grapho­logie und zwar nicht nur für Deutschland. Die Zeit der Anfänge, die Kindheit der Graphologie, ist überwunden. Man behandelt die Graphologie nicht mehr als eine auf Täuschungen beruhende Spielerei. Irrtümer laufen zwar auch heute noch manchem Graphologen von Fach unter, aber schließlich gehören Irrtümer und Mißverständnisse zur Entwicklung jederwerdenden Wissenschaft".

Ein deutschesLehrbuch der Graphologie", von L. Meyer (Laura v. Albertini), in populärer Form ist in zweiter Auflage kürzlich im Verlage der deutschen Verlagsgesellschaft Union in Stuttgart erschienen. Der Nutzen der Graphologie ist namentlich der zur Erlangung von Menschenkenntnis, und von Selbsterkenntnis, ihr Wert ist zum großen Teil erzieherischer Natur. Aus den Hand­schriften kann erkannt werden, welche von allen wichtigen

Eigenschaften die Schreiber besitzen und in welcher Stärke; solche Eigenschaften sind: Aengstlichkeit, Anstand, Ausdauer, Bescheidenheit, Bildung, Egoismus, Ehrgeiz, Eifersucht, Eigensinn, Einbildungskraft, Einfachheit, Energie, Frei­gebigkeit, Geduld, Gefühl, Geiz, Gutherzigkeit, Haltlosigkeit, Härte, Heiterkeit, Hochmut, Kleinlichkeit, Klugheit, Kunst­sinn, Launenhaftigkeit, Liebenswürdigkeit, List usw. Man sieht, die Graphologie behauptet sehr viel zu können. Und woraus gewinnt sie nun alle diese oft sehr unangenehmen Ergebnisse (d. h. 'für die jeweiligen Schreiber)? Auf welche Eigenheiten der Handschriften muß die Graphologie sehen? Auch hier möge eine oberflächliche Aufzählung ge­nügen : da ist auf Rundungen und Ecken, auf die Gedrängt­heit oder Weite, auf Fraktur und Antiqua, auf Anwachsen und Abnehmen der Worte, auf die Lage der Schrift, auf Querstriche, auf die Einfachheit der Schrift oder Schnörke- leien, auf die Interpunktion, auf i- und u-Zeichen, auf die Linienrichtung, auf die Größe der Schrift, auf ihre Regel­mäßigkeit oder Unregelmäßigkeit, auf ihre Dickheit oder Dünnheit re. zu achten. Eine dicke Schrift z. B. bedeutet, wenn sie einen gemeinen, groben, unschönen Charakter hat, grobe Sinnlichkeit und Materialismus; sonst aber, wenn jene Zeichen fehlen, ernste Lebensauffassung, Pflichttreue, rin­gende, langsame, aber tiefe Natur. Die sehr rechts-schräge Lage der Buchstaben läßt auf Leidenschaftlichkeit, eine sich fast ganz nach rechts legende Schrift auf Empfindlichkeit schließen rc.

Tie praktische Bedeutung der Graphologie springt hier­nach wohl jedem in die Augen. Die Bedeutung der Gra­phologie erstreckt sich aber noch weiter; so z. B. ist sie berufen, die dringend notwendige Reform der gerichtlichen Schriftexpertise herbeizuführen. Anfänge dazu sind bereits gemacht, indem der genannte Graphologe Langenbruch bei den Berliner Gerichtsbehörden als Schreibsachverständiger beamtet ist.

Ob die Hqndschrift der Geisteskranken etwas de- sonders charakteristisches habe, ist seit lange eine Streit­frage unter den Graphologen. Man sollte meinen, daß sich' eine starke psychische Störung tu der Handschrift ans- drücken müßte. Tas ist aber nicht ohne weiteres der Fall, doch eine mehr oder minder starke Nervosität, -L-chswäche, Unklarheit, die der Geisteskrankheit so oft vorausgehen, lassen sich deutlich aus der Schrift erkennen.