Ausgabe 
26.10.1900 Erstes Blatt
 
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M. 251 Erstes Blatt. Freitag den 26 Oktober

156. Jahrgang

LDGG

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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Oratisbrilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt, Klätter für hessische Volkskunde.

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Fernsprecher Nr. 51.

Amtlicher Heil.

Bekanntmachung.

Betr.: Maul- und Klauenseuche.

Da die Seuche seit unserer Anordnung vom 3. d. MtS. sich in unserem Kreise und den Nachbarkreisen nicht ver­mindert hat, wird das Verbot des Handels mit Klaueuvieh im Umherzieheu auf vorläufig acht Woche» verlängert.

Gießeu, den 24. Oktober 1900.

Grosiherzoglrches Kreisamt Gießen.

I. V.: Boeckmann.

Der otnt Staatoftkrttät des Auswärtigen Amts.

Die Beförderung des bisherigen Unterstaatssekretärs des Auswärtigen, Amtes Dr. jur. Freiherrn Oswald r. Richthoferr zum Staatssekretär dieses Amtes und zum preußischen Staatsminister als Nachfolger des Grafen v. Bülow kommt nicht unerwartet. In den vier Jahren, während deren er wieder im Auswärtigen Amt zunächst als Kolonialdirektor und seitdem als Unterstaats-Se­kretär thätig ist, hat Herr v. Richithofen sich so gründlich eingearbeitet, daß es auffällig gewesen wäre, wenn ein anderer Diplomat an seiner Stelle zum Staatssekretär befördert worden, wäre. Namentlich hat er sich auch als gewandter Regierungsvertreter und guter Redner im Reich-stag bewiesen, und es wohl verstanden, sich durch seine streng sachlichen Antworten und sein liebenswürdi­ges Entgegenkommen bei allen Parteien Dank und An­erkennung zu erwerben. Herr v. Richthosen ist der Sohn eines bekannten preußischen Gesandten und hat in seiner Jugend entsprechend dem öftern Wechsel des Wohnsitzes seines Vaters eine recht eigenartige und mannigfaltige Ausbildung erfahren. Er ist am 13. Oktober 1847 zu Jassy in Rumänien geboren, wo sein Vater damals preu- ßischer Generalkonsul für die Moldau und Wallachei war. Mit diesem ging er dann nad)i Mexiko, wo er seinenj ersten Unterricht in einer spanischen Schule empfing, bis er 1856 dem Kadettenkorps in Potsdam übergeben wurde. Von dort sollte er Ostern 1860 zur Sekunda in die Haupt­kadettenanstalt nach Berlin übersiedeln; aber er hatte dafür noch nicht das vorschriftsmäßige Lebensalter erreicht, und so besuchte er zunächst, da sein Vater in­zwischen als Gesandter nach Hamburg versetzt war, eine H' i.delsschule in Hamburg und sodann das dortige Jo- hanneum, aus dem er Ostern 1866 das Zeugnis der Reife für die Universität erhielt. Dann diente er sein einjähriges Jahr im 2. Garde-Regiment zu Fuß ab und machte in dem vierten Bataillon dieses Regiments in dem vom Großherzog von Mecklenburg-Schwerin geführten zweiten Reservekorps den österreichischen Feldzug mit. Als Reserve4eutnant des 2. schlesischen Grenadier-Regiments Nr. 11 rückte er am 27. Juli 1870 aus der damaligen Gar­nison Altona aus, nahm an der Schlacht bei Vionville- Mars la Tour, in der das Regiment 41 Offiziere und 1119 Mann verlor, mit solcher Tapferkeit teil, daß ihm bald darauf das Eiserne Kreuz verliehen wurde, und wurde unmittelbar nach der Schlacht, da sämtliche Ad­jutanten des Regiments gefallen oder verwundet waren, ans Anordnung des gleichfalls tätlich verwundeten Re­gimentskommandeurs Obersten v. Schöning zum Adjutan­ten des zweiten Bataillons, und bald darauf gleichzeitig auch des Regiments ernannt. In dieser Stellung ab­wechselnd als Regiments- oder Bataillons-Adjutant,' oder in beiden zugleich sowie gleichzeitig als untersuchung­führende Offizier aller drei Bataillone verblieb Freiherr v. Richthofen bis zum Schluffe des Krieges und bis zur Demobilisierung des Regiments, worauf er im Juni 1871 auch die holsteinschen Reservisten des Regiments nach Altona zurückführte. Sein weiteres tapferes Verhalten in den Schlachten bei Gravelotte und Noisseville, bei der Belagerung von Metz, während der das Regiment 70 Tage, davon 54 Ununterbrochen bei schlechtestem Wetter, 'im Freien biwakierte, sowie in den Schlachten von Orleans und Le Mans brachte ihm wiederholt die Anerkennung seiner höchsten Vorgesetzten ein. Infolge seiner Kenntnis der französischen Sprache wurde er vielfach, besonders während seiner Stellung als Platzmajor in Troyes zu Verhandlungen mit den französischen Zivil- und geist­lichen Behörden, unter andern mit den Bischöfen von Troyes, Orleans und St. Die, verwandt.

Gleich nach dem Feldzuge wurde er als Assestör bei der Kreisoirektion in Erstem angestellt, und nn folgenden Jahre dem Bezirkspräsidium des Unterelsaß beigegeben. Gleichzeitig beendete er den juristischen Vorbereitungs­dienst, den er 1869 beim Amtsgericht zu Mona begonnen hatte, und bestand Ende Dezember 1873 zu Colmar die große Staatsprüfnng, die erste, die unter deutscher Ver­waltung im Elsaß abgehalten worden ist. Bald darauf

verlieh ihm auch! die Universität Straßburg auf Grund einer Arbeit über die staatsrechtliche Giltigkeit der während des Krieges 1870/71 von der französischen Regierung er­lassenen Gesetze und auf Grund mündlicher Prüfung den juristischen Doktorhut. Von 1876 bis 1885 gehörte er dem Auswärtigen Amte, zunächst als ständiger Hilfsarbeiter, dann als Vortragender Rat an. Hier verdiente er sich seine Sporen vor allem durch den Mschluß der Staats­verträge über die Regelung des Fideikommiß-Vermögens des vormals kurhessischen Hauses, der Konsularverträge mit Griechenland, Brasilien und mit Serbien, der Han­dels- und Schiffahrtsverträge mit Spanien und Griechen­land, des Musterschutzvertrages mit Belgien usw. Nach^ dem Fürst Bismarck gegen den Widerspruch Englands die Zuziehung eines deutschen und eines russischen Kommissars in die bis dahin nur von den vier anderen Großmächten gebildete ägyptische Staatsschulden-Verwaltung durchgesetzt hatte, ward Frhr. v. Richthofen zum deutschen Mitglied dieser Verwaltung im Februar 1885 ernannt und in dieser Stellung ist er über 11 Jahre geblieben. Er war bei den Verhandlungen über die Aufnahme neuer internationaler ägyptischer Anleihen, bei der Schaffung des ägyptischen Staats-Reservefonds und vor allem bei der Umwandlung ägyptischen privilegierten und der Daira-Anleihe in erster Linie beteiligt, und es ist ihm dabei gelungen, die Gleichstellung Deutschlands Frankreich und England gegen­über auf jede Weise zu wahren. Mit besonderem Nachdruck hat er auch die deutsch-ägyptischen Unternehmungen, na­mentlich die deutschen Bahnbauten unterstützt und den Mschluß des deutsch-ägyptischen Handelsvertrages ge­fördert. Nicht zu vergessen ist auch die außergewöhnliche Gastfreundschaft, die er und seine inzwischen verstorbene Gemahlin, die Tochter des Generals v. Hartmann, zahl­reichen Deutschen, die Aegypten besuchten, geleistet haben.

Nach dem Abgänge des zum Senatspräsidenten beim Reichsgerichte ernannten Dr. Kayser wurde er im De­zember 1896 zum Direktor der Kolonialabteilung des Aus­wärtigen Amtes ernannt; doch war hier seines Bleibens nicht lange, obwohl die kolonialen Kreise seine Ernennung mit großer Freude begrüßt hatten, und sich in dem ihm entgegengebrachten Vertrauen nicht getäuscht sahen. Denn als im Sommer 1897 Frhr. Marschall v. Bieberstein durch den jetzigen Reichskanzler Grafen v. Bülow ersetzt und bald darauf der damalige Unterstaatssekretär Frhr. v. Roten- han zum Gesandten in Bern ernannt worden war, fiel die Wahl für die Besetzung des Unterstaatssekretärpostens auf den Frhrn. v. Richthofen, und daß sie in jeder Hinsicht eine glückliche war, hat der Verlauf der letzten drei Jahre bewiesen. Vor allem ist es Herrn v. Richthofen auch gelungen, sich das volle Vertrauen der Mitglieder des diplomatischen Korps zu erwerben, die sehr gern mit ihm verhandeln, und seine jetzige Beförderung mit großer Genugthuung begrüßen werden.

Das Jubiläum des Herrn Geh. Kirchenrats Prof. D. Dr. Stade.

-sch. Gießen, 24. Oktober 1900.

Gestern fand hier die Feier der 25jährigen Wirksam­keit des Geh. Kirchenrats Prof. D. Dr. Stade als ordent­licher Profesior der Theologie an der hiesigen Universität statt und nahm einen glänzenden, den Gefeierten in hohem Maße ehrenden Verlaus.

Zwischen 11 und 1 Uhr früh erschienen zur Gratu­lation in der Wohnung des Jubilars sämtliche Mitglieder der theologischen Fakultät, Se. Magnifizenz der Rektor der Landesuniversität, Prof. Dr. iur. Schmidt, der im Auf­trage Großh. Ministeriums und im Namen der Universität Herrn Pros. D. Dr. Stade beglückwünschte und das ihm verliehene Ehrenkreuz des Verdienstordens Philipps des Großmütigen überreichte; Pfarrer Schlosser als Ver­treter der Geistlichkeit des Dekanats Gießen; die Verfasser der dem Gefeierten zu seinem Jubiläum dargebotenen Fest­schrift , in deren Namen Gymnasial - Oberlehrer Lie. Dr. Preu sch en- Darmstadt sprach; Pfarrer Lic. Eck- Offenbach im Auftrage der Frankfurter Konferenz hessischer Geistlichen, die ihrem verehrten Lehrer Dank und Glück- wünsch in einer künstlerisch ausgeführten Adresse aussprachen; eine Abordnung der hiesigen Theologie-Studierenden; end­lich Prälat D. Habicht- Darmstadt, der ein Glückwunsch­schreiben des Großh. Oberkonsiftoriums überbrachte, und Dekan Pullmann-Grünberg für den Vorstand der heff. Lutherstiftung. Außerdem hatten sich eine größere Anzahl persönlicher Freunde deS Jubilars und seiner Familie, die Stadtgeistlichkeit u. a. eingefundcn; ihnen allen erwiedcrte Herr D. S t a d e in herzlichen Worten des Dankes. Zahlreiche Freunde und Schüler hatten schriftlich oder telegraphisch, zum Teil aus weiter Ferne, gratuliert.

Bon besonderem Jntereffe dürste die Adreffe der ge­

nannten Frankfurter Konferenz und die dem Jubilar über­reichte Festschrift sein. Erstere hoffen wir morgen in ihrem Wortlaut nebst der Antwort des Herrn D. Stade zum Abdruck bringen zu können. Die im Verlage der I. Ricker'schen Buchhandlung (A. Töpelmann) erschienene Gratulations- schrist trägt den Titel:Festgruß, Bernhard Stade zur Feier seiner 25 jährigen Wirksamkeit als Professor darge­bracht von seinen Schülern W. Diehl, R. Drescher, K. Eger, A. v. Gall, E. Preuschen, H. Weinel." Sie enthält fol- gende Abhandlungen: Zusammensetzung und Herkunft der Bileam - Perikope in Num. 2224, von Lic. Dr. A. Frhr. v. Gall in Mainz; Die Bildersprache Jesu in ihrer Bedeutung für die Erforschung seines inneren Lebens, von Lic. Dr. H. Weinel in Bonn; Das Leben Jesu bei Paulus, von Dr. R. Drescher in Lampertheim; Die apokryphen gnostischen Adamsschristen aus dem Armenischen übersetzt und untersucht, von Lic. Dr. E. Preuschen in Darmstadt; Die Bedeutung der beiden Definitorialordnungen von 1628 und 1743 für die Geschichte des Darmstädter Definitoriums, von Lic. Dr. W. Diehl in Hirschhorn; Luthers Auslegung des Alten Testaments nach ihren Grund­sätzen und ihrem Charakter an Hand seiner Predigten über das 1. und 2. Buch Mose (1524 ff.) untersucht, von Lic. K. Eger in Darmstadt.

Aus Anlaß der ersten Vorlesung des Jubilars in dem 51. Semester seines Ordinariats bereiteten die Theologie­studierenden am Nachmittage um 5 Uhr ihrem verehrten Lehrer eine festliche Ovation. Das schön ausgeschmückte, mit einer großen Anzahl früherer und gegenwärtiger Schüler gefüllte Auditorium war ein Beweis für die Liebe und Verehrung, die man dem Gefeierten gerade als theo­logischem Lehrer entgegenbringt, stuck, theol. Waas be­grüßte den Jubilar mit einer Ansprache bei seinem Eintritt, indem er die herzlichen Glückwünsche der gegenwärtigen Generation der an der Ludoviciana studierenden Theologen darbrachte, die guten Beziehungen zwischen Lehrer und Schülern betonte und die Hoffnung ausdrückte, es möchte dem Jubilar noch eine lange Zeit reichgesegneten Wirkens an der alma mater beschieden sein.

Herr D. Stade antwortete vom festlich geschmückten Katheder in längerer Rede, indem er den Empfindungen Ausdruck lieh, die ihn beim Rückblick auf diese 25 Jahre seiner Wirksamkeit beseelten. Es seien vor allem Empfin­dungen des DankeS; des Dankes gegen Gott, der die Kraft gegeben, dann gegen die Schüler, deren Zutrauen ihm nie fehlte, trotz mannigfacher Abweichung seiner Auffassung deS Alten Testaments von den hergebrachten Anschauungen. Sähen sie doch nunmehr ihr Zutrauen nicht getäuscht, son­dern die Ansichten, die früher nur vereinzelt vertreten waren, jetzt allmählich sich allgemein durchsetzen. DeS Dankes auch gegen die Kollegen, die im Laufe der 25 Jahre mit ihm zusammenarbeiteten; des Dankes endlich gegen die Männer im Regimente der rechtlich organisierten Kirche, die ihm stets daS Vertrauen geschenkt hätten, daß er sich bemühen werde, die theologische Jugend zu tüchtigen Dienern der Kirche zu erziehen. Der Redner schloß mit einer Schil­derung der Ziele von Theologie und Kirche, indem er sich in längerer Ausführung über das Wesen der Theologie als einer spezifischen Aeußerung kirchlichen Lebens ver­breitete.

Den Höhepunkt des festlichen TageS bildete der Kommers imHotel Einhorn". Den Einladungen waren eine große Zahl von Gästen gefolgt, u. a. Se. Magnificenz der Rektor, Prof.Dr. Schmidt, viele Kollegen des Gefeierten, sowie zahlreiche jetzige und frühere Schüler. Der Präses, stuck, theol. Meisinger, begrüßte zunächst Herrn Geh. Kirchenrat Prof. D. Stade und dankte ihm für sein Erscheinen, ebenso dem Rektor und den übrigen Gästen. Lied und Rede folgten nun in buntem Wechsel. Als erster sprach im Namen der Theologie-Studierenden stuck, theol. Bender; und zwar redete er von dem Verhältnis des Jubilars zu seinen Studenten in wissenschaftlicher und persönlicher Hin- ficht, indem er hervorhob, daß die exakte, wissenschaftliche Schulung, der vorbildliche Charakter und das persönliche Jntereffe des Jubilars seinen Schülern gegenüber diese zu hohem Danke gegen ihren Lehrer verpflichten.

Als ältester der anwesenden früheren Schüler des Gefeierten redete Militäroberpfarrer Noack aus Kaffel. Dankbarkeit, so führte er aus, erfülle ihn gegen den Jubilar insbesondere wegen der durch ihn geübten Erziehung z« ernster Arbeit, und wegen seines Bestrebens, die Hörer nicht nur formal, sondern auch innerlich in ihrem besten, eigensten Wesen zu fördern, im Sinne des BibelwortcS: Die Wahrheit wird euch frei machen.