Nr. 199 Zweites Blatt. Sonntag den 26 August
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Gießener Anzeiger
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geschlossen wird, sondern daß er alle Bürgschaften der Gerechtigkeit und der Dauer diele. Nock) deute wissen wir nicht, wo die Regierung zu suchen ist, mit der wir unterhandeln könnten, und wenn wir auch eine zuni Verhandeln bereite Autorität vor uns hätten, so würde diese ein wirk licher Bürge bod> erst dann sein, wenn die Ordnung im ganzen Reiche wicderhergestellt und der Aufruhr der Borer vollständig niedergeworfen wäre. Der Boxeraufruhr, der in Dschili und in Peking so schlimme Fonneu aunahm, tritt auch in allen Provinzen mehr oder minder durch kleinere Unnthen hervor; dauentde Ordnung kann daher nicht eher geschaffen werden, als bis die Macht der Boxer so vollständig gebrochen ist, daß man die Wiederkehr der Un- nthen nach menschlichem Ermessen nicht mehr zu besorgen hat. Eine Vorbedingung des Friedens ist auch die Regelung der finanziellen Frage, die an sich schon nicht einfach liegt, dadurch aber noch besonders erschlvert lvird, das; nicht eine einzelne der verbündeten Mächte, sonderst Voraussicht nach ihre Beendigung doch nicht so bald zu er- Verhandlungen amtlich ausgenommen sein lverden, wird alle zufriedenzustellen sind. Selbst wenn also die Friedens- hoffen sein. Schon seht mag darauf hingewiesen sein, damit diejenigett nicht zu sehr enttäuscht werden, die den an sich sehr natürlichen Wunsch haben, den Frieden in allerkürzester Zeit förmlich abgeschlossen zu sehen.
Der „Kreuzzeitung" geht eine Zuschrift zu, in der u. a. befürwortet wird, daß es notwendig sein werde, bei der chinesischen Regierung in Peking die Forbernng zu stellen und deren Erfüllung zu erzwingen, das; der des Oberhauptes der chinesischen Regierung und diese selbst auf einen Platz verlegt werde, wo sowohl für die Ausübung des erforderlich werden könnenden Druckes auf die Regierung sowie für beit Schutz ber Vertreter brr auswärtigen Staaten unb ber fremben Staatsangehörtgen jeberzcit in ausgiebiger Weise gesorgt werden kann. Bevor diese Forderung aber gestellt werden könne, müsse unbedingt sestgestellt sein, wer nun an der Spitze des chinest- schen Staates stehe, und wenn dies gelungen sein werde, werde die zunächst zu erfüllende Forderung die sein, daß die an den blutigen Ereignissen und an den Verletzungen des Völkerrechts Schnldigen zur Verantwortung gezogen und der schärfsten Bestrafung zugesührt werden.
Dailn Expreß meldet aus Shanghai, daß dortige chinesische Beamte behaupten, die Verbündeten könnten Niemanden in Peking finden, mit dem sie Un ter- Handlungen anknüpfen könnten, folglich werde Li- Hung-Tschang nue Schritte unternehmen, um die Mächte zu bewegen, über den Frieden mit ihm zu verhandeln. Die Flucht des Hofes nach Schansi wurde angeblich beschlossen als einziges'Mittel, die Mächte zu nötigen, mit Li-Hung- Tschang zu verhandeln.
Einer Pariser Meldung der Wiener „Polit. Korresp." zufolge wird die militärische Aktion der Mächte in Ehina erst nach vollständiger Unterdrückung des Aufstandes und Wiederherstellung dauernder normaler Zustände ihr Ende erreichen. Dieserhalb sei eine längere militärische Besetzung Pekings, der Provinz Tschili sowie sämtlicher wichtigen chinesischen Häsen seitens der Mächte unvermeidlich.
„Sun" erklärt, McKinley verschob die geplante Reise nach Chicago, weil er Informationen habe, denen zufolge E h i n a s i ch s e i n e n W a f f e n st i 11 st a n d S - B e - dingungeit füge und Friedensverhandlungen bevorständen. , ,
Konsular depeschen! aus Shanghai-neiden: Die Kaisenn- Witwe und Prinz Tuan rüsten eine starke Armee ans, bereit Zweck die Erlangung günstiger Friebensbebingungen sei. — lieber ben Aufenthalt ber Kaiserin-Witwe liegen icboch authentische Nachrichten sticht vor. Tie bisherigen Melbungen beruhen größtenteils aus Kombinationen.
Mit ber am Samstag in Peking stattfinbenben Beisetzung ber Leiche bes ermorbeten beutschen Gesanbten Freiherrn von Ketteier soll, wie unser Berliner Korre- sponbent hört, eine große Feier verbunben werben.
Die fremben G e s a n b t e n werben, wie man uns weiter aus Berlin schreibt, einstweilen in Peking bleiben. Von ihrer Uebersiebelung nach Shanghai ist vorerst keine Rebe. „Daily Expreß" melbet aus Peking: In ben Legationen ist alles wohl. Die gesamten Verluste ber* selben waren 70 Tote unb 145 Verwunbete. Das P a i a i s des Prinzen Tuan würbe von ben Verbünbeten niebergebrannt.
Die „Central News" melbet aus Tschifu vom 23. bs.: Weitere Gefechte bei Tientsin haben stattgefunben. Die Ehinesen suchten bie Verbinbungslinie abzuschneiben; ber Feinb würbe zurückgeschlagen. Die Verluste ber Verbünbeten sind gering. ) '
Nach einem Telegramm aus Amoy landeten dort japanische Matrosen. Eine neine Anzahl derselben patrouillierte ben Teil ber Knlangsoo-Jnsei ab, wo die fremben Niederlassungen gelegen sind. . . r .
Nach einer amtlichen Meldung ist das deutsche Matrosen-Delachement unter dem Kapitän Pohl am 18. b. MtS. in Peking eingetroffen.
kennen, gezeigt, baß bie Kolonieen eine starke Abneigung gegen bie Aufnahme von deportierten Sträflingen haben. Diese Antipathie der englischen Kolonieen hat zur Be seitigung der Deportation in England geführt. Auch bei uns ist sie schon in starkem Maße hervorgetreten. Sobaltz vor einigen Jahren der Gedanke der Einführung der Deportation eingehender erörtert wurde, haben unsere Kolonieen und unsere Kolonialgesellschaft gegen diesen Plan Einspruch; erhoben. Man hat von dieser Seite darauf hin- gewiesen, daß es sehr viel wertvoller sein werde, die Auswanderung nach den Kolonieen durch Gewährung von Reiseunterstützungen zu erleichtern. Dieser Opposition der Kolonialinteressenten ist es in erster Linie zu verdanken, daß der Plan der Einsührung der Deportation vor drei Jahren vollkommen beiseite gelegt worden und daß man bisher auf denselben nicht zurückgekommen ist. Erst die Anarchistenfrage hat ihn wieder auf die Tagesordnung gebracht. Man hat nun behauptet, daß ein großer Teil der Bedenken, die gegen die Einführung der Deportation sprächen, sich beseitigen ließe, wenn man ein internatio nales Abkommen über bie Deportation von Anarchisten träfe. Dann mürben bie Kosten nicht so hoch werben unb sich unter ben Kolonieen aller in Betracht kommenben Länber gewiß schon ein Platz finbeu, wo sich Anarchisten unterbringen ließen, ohne irgenb welche Kolonialinteressen zu giefährben.
Diese Darlegung ist theoretisch vielleicht richtig. Aber kann man glauben, baß ein berartiges Abkommen unter ben Völkern zu stanbe kommen unb längere Zeit aufrecht erhalten wird? Es wäre sicherlich ein schöner Gedanke, wollte man die Kulturvölker darin einig sehen, daß sie einen bestimmten Punkt ber Welt, womöglich eine einsame Insel im Weltmeer, fern von bewohnten Stätten, als Ren bez-vonS aller Anarchisten einrichteten. Die Herren Anarchisten würben sich über ein. solches Abkommen ber Volker schwerlich beklagen können. Sie sind es doch zuerst gewesen, die die Jntemattonalität auf ihre Fahne geschrieben haben. Doch es gehört ein starker Optimismus dazu, um nach dieser Richtung eine Einigung unter den Völkern als möglich zu erachten. Unb würbe ein solches Abkommen, selbst wenn fein Zustanbekommen erreicht wäre, etwaige erhebliche Meinungsverschiedenheiten zwischen verschiedenen beteiligten Staaten überdauern? Bei dem Wechsel der politischen Anschauungen bei den einzelnen Völkern würde vermutlich schon bald hie und da ein- Loch in eine solche Abmachung gerissen werden.
Daß Vereinbarungen zwischen den Machten über die Anarchistenfrage vorliegen, ist allerdings richtig. Sie werden aber schwerlich zu so weitgehenden Maßregeln führen, wie es die Einrichtung einer gemeinschaftlichen Deportation der Anarchisten aller Länder fein würde. Vielmehr dürfte man schon zufrieden sein, wenn es gelänge, Einverständnis herbeizuführen über die gemeinsame Beobachtung der Anarchisten aller Länder und über die Einrichtung eines internationalen Kontrollbureaus, das stets von allen Ländern über die Ausdehnung der Anarchisten auf dem Laufenden gehalten wird und feinerseits den Polizeibehörden der Länder die erforderlichen Auskünfte erteilt. Ein solches Bureau würde unzweifelhaft von der Abreise BreSciS nach Italien unterrichtet gewesen sein. Des Ferneren wären Vereinbarungen über die Auslieferung von Anarchisten zu treffen. So ist eS doch geradezu empörend, daß die Vereinigten Staaten gegenwärtig nicht in ber Lage finb, die Mitschuldigen des Konigs- mörders von Monza an denjenigen Staat auszuliefern, in dem die Tl)at verübt worden ist.
Es wird schon schwer genug halten, hinpchtlich die,er Punkte eine Einigung ber sämtlichen Länber zu staube zu bringen. ')hir wenn alle Länber bem Abkommen beitreten, wirb es erhebliche Bebeutung für bie Behanblung ber Anarchistenfrage erhalten. Weigern sich einzelne Staaten, z B Englanb ober bie Vereinigten Staaten, sich an einem berartigen Abkommen zu beteiligen, so wirb es von vornherein wenig Wert haben, benn bann würben bie Anarchisten nach wie vor in ber Lage fein, vom sicheren Platze aus Anschläge gegen bie Peinlichkeiten von Regenten unb Staatsmännern zu ersinnen unb auszufuhren. Mit Rücksicht auf biefc Umftänbe finb wir auch heute noch recht skeptisch hinsichtlich ber Bemühungen, ein internationales Abkommen über bie Anarchistenfrage herbei- zuführen Es wirb nach wie vor in erster Linie ^ache ber einzelnen Länber sein, sich dieser ruchlosen Bande zu erwehren unb bie Begehung von Verbrechen zu verhüten, wie wir sie in ben letzten Jahren in so sch recken erregen ber Weise erlebt haben._______
Tie Wirren in China.
Sehr erklärlich ist es, baß ber allgemeine Wunsch nach rascher Beilegung ber chinesischen Wirren, b. h. nach einem Friebensschlusse, burch bie bereits erfolgte Einnahme von Peking neue Nahrung erfahren hat; wir besorgen aber, baß es bamit nicht so schnell gehen wirb, wie es wünschenswert wäre. Nicht bas ist wesentlich, baß ein Friebe ab
Kmtlicher Teil.
Gefunden: 2 Portemonnaies mit Inhalt, 1 Taschen- uhr, 2 Spazierstöcke, 1 Sonnenschirm, 1 Brille mit Futteral, 1 Strohhut, 1 Maßstab, 1 Sägeblatt, 1 Beil, 1 Laterne unb 1 Kiffen mit aufgesteckten Scherzartikeln.
Zngeftngen: 1 Kanarienvogel.
Gießen, ben 25. August 1900.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen
Der Vorschlag der Anarchistendeportation.
In ber Berliner „Post" befanb sich kürzlich ber Vorschlag eines AnarckMeugesetzes, in bem ben Anarchisten mit bem Strafmittel ber Deportation gebroht würbe. Wer sich zu anarchistischer Gesinnung bekenne, solle ber Deportation verfallen. Es ist schon von verschiebenen Seiten darauf hingewiesen worben, wie schwierig eS ist, eine Begriffsbestimmung des Anarchismus aufzustellen, bie eine dehnbare Anwenoung auf andere politische Richtungen aus- schließt, und wie vorsick)tig man deshalb an diese ganze ganze Art von Gesetzgebung herantreten muß. Denn es giebt einflußreiche Tendenzen, die nicht nur nicht den wirklichen Anarchismus, sondern auch andere Richtungen von einem derartigen Gesetz getroffen sehen möchten. An dieser Ächlvierigkeit ist der Erlaß eines Anarchistengesetzes schon wiederholt gefdjeitert und auch eine internationale Vereinbarung, die nur einige Hauptpunkte regeln soll, ist wesentlich aus diesem Grunde bisher nicht zu staube gekommem Ob bie erneuten Bemühungen zu einem besseren Ergebnis führen werben? Die ruchlose That von Monza hat ben Bemühungen ja gewiß einen neuen Antrieb gegeben, aber vorläufig «sieht es nodi nicht so aus, als ob sie bieses Mal beffet zum Ziele kommen werben.
Heute wollen wir unS lediglich mit dem Vorschläge der Einführung ber Deportation befassen. Dieser Vorschlag ist vor einigen Jahren bei uns zum ersten Male gemacht worben, freilich nicht in Verbinbung mit ben Anarchisten., sonbern ans allgemeinen kriminal-politischen Grünben. Man hat bie Deportation empfohlen vom Gesichtspunkt einer Entlastung unserer Gefängnisse, einer Entfernung unoerbcfferlid)cr Personen aus unserer Mitte, auS bem Gesichtspunkt einer Einschränkung beS Mitbewerbs ber Ge- fängnisarbeit unb fobann einer Möglichkeit ber Kolonisation unserer außereuropäischen Besitzungen. Von biesen Gesichtspunkten würbe hinsichtlich ber Anarchisten nur ber* jenige ber Unschäblichmachung berjenigen Elemente in Betracht kommen, bie darauf auSgehen, mit Gewalt unser Staatswesen umzustürzen und einen Zustand der Gesetzlosigkeit an seine Stelle zu setzen.
Trotzdem sonach der Hauptteil der Gründe, die oft für die Deportation geltend gemacht werden, hier nicht in Betracht kommt, ist es doch hervorzuheben, daß sowohl der deutsche Juristen tag als auch bie beutsche Kolonialgesell- sichaft sich vor einigen Jahren mit großen Mehrheiten gegen bie Einführung ber Deportation ausgesprochen haben. Man hat auf bie Erfahrungen hingewiesen, welche die anberen Völker mit Deportation gemacht haben. Frankreich unb Rußland haben bie Deportation noch heute, namentlich auch für politische Gefangene. Aber in beiben Sänbem machen sich Bestrebungen für eine Beseitigung dieser Strafart gcltenb. In England hat gleichfalls die Deportation mehrere Jahrhunderte lang bestanden. Doch wurde sie 1858 aufgehoben, namentlich aus Betreiben der Kolonieen, die nicht mehr länger den Abschaum der Bevölkerung des Mutterlandes bei sich aufnehmen wollten.
So macht sich üb.erall das Bestreben nach einer Einschränkung der Deportation geltend, und schon dies läßt die Einführung der Deportation an sich als wenig empfehlenswert erscheinen. Es kommt hinzu, daß die Deportation eine sehr teure Strafe ist, daß jeocr Deportierte dem Staat sehr viel teurer zu stehen kommt, als ein Insasse der inländischen Gefängnisse und baß ber Nutzen ber Deportier- teuarbeit für bie Kolonisation nicht sehr groß ist unb vor allem hinter bem ber bort freien Kolonisten weit zurück- stehen würbe. D-ies wirb sich in besonbers hohem Maße bei der Deportierung fanatischer Anarchisten zeigen. Schwere Verbrecher werben sich vielleicht nut ber Zeit an ben Gebauten gewöhnen, baß sie zeitlebens in ber Kolonie bleiben müssen, unb bann ben ersorberlichen Eifer der Kulturarbeit entgegenbringen, dagegen wirb man Don Anarchisten eine ersprießliche Arbeit m bte)cr Begehung nicht erwarten können. Sie werben ihr gchizes Lehneu unb Trachten barauf richten, von jenem ein)amen Punkte ju entfliehen unb ben Gebauten an Flucht niemals auf* geben.
Vor allem spricht aber gegen bie (Einführung der Deportation das Interesse unserer Kolonieen. Daß mau von anarchistischen Verbrechern keine erhebliche Kultivierung unserer Kvlonialgebiete erwarten darf, ist fchou auv- Seführt. Indessen ist dies nicht der einzige Grund. E» hat sich stets bei allen Ländern, welche die Deportation


