M. 199
Erstes Blatt
Sonntag den 26. August
1900
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Gießener Anzeiger
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General-Anzeiger
Amt»- und Anzeigeblatt für den Kreis Giefzen.
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Amtlicher Teil.
Gießen, 22. August 1900. vetr.: Die Bettilgung der Hamster.
Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grohh. Bürgermeistereien des KreiseS.
Aus einer Gemeinde des Kreises sind uns lebhafte Klagen zugegangeu über das Ueberhandnehmen der Hamster. Wir nehmen Beranlasiung, falls eine solche Ueberhandnahme auch in Ihrer Gemeinde staltgefunden hat, Ihnen zu empfehlen, durch Aussetzung eines angemeffeneu FanggeldcS aus der Gemeindekaffe, sowie durch andere geeignete Maßnahmen die Vertilgung der Hamster zu betreiben. Als hierzu besonders geeignetes Mittel wird angegeben die Ein- führung von mit Schwefelkohlenstoff getränkten Lappen mittels Stöcken in den Bau und darnach deffen Schließung mit einem Spaten voll Erde.
v. Bechtold,
Gießen, den 24. August 1900.
Betr.: Das Auftreten von Blatternerkrankungen unter fremdländischen Arbeitern.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großh. Bürgermeistereien des KreiseS.
Diejenigen von Ihnen, welche mit der Erledigung unserer Auflage vom 6. August 1900 (Gießener Anzeiaer Nr. 186) noch im Rückstände sind, werden hieran erinnert, v. Bechtold.
Bekanntmachung.
Im Monat September finden folgende Viehmärkte statt: Allendors a. d. Lumda am 12.; Hungen am 17.; Gießen am 18. und 19. September. Auf den Gießener Markt finden die für die Biehmärkte in Gießen und auf die übttgen die für Lokalmärkte erlaffenen Bestimmungen (siehe Gieß. Anz. Nr. 134) Anwendung. ES wird wiederholt bemerkt, daß diese Bestimmungen immer gellen, auch wenn -nicht besonders darauf hingewiesen wird.
Gießen, den 22. August 1900.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Bechtold.__________________
Bekanntmachung.
Beim diesseitigen Kommando ist zum 1. Oktober d. Js. die Stelle eines zweijährig freiwilligen Schreibers zu besetzen.
Geeignete Bewerber mit sehr schöner Handschrift, guten Schulkenntniffen und tadelloser Führung wollen sich unter Vorlage eines selbstgeschriebenen Gesuchs nebst Lebenslauf alsbald hier melden.
Junge Leute, welche später kapitulieren wollen, erhalten den Vorzug.
Gießen, den 23. August 1900.
Großherzogliches Bezirks Kommando.
F. d. b. B.'K.:
Morneweg, Hauptmann und Bezirksoffizier.
Bekanntmachung.
Gießen, den 23. August 1900.
Betr.: Die Vorschriften des Arbeiterschutzgesetzes vom 1. Juni 1891 über die Arbeitsbücher und Beschäftigung jugendlicher Arbeiter und Arbeiterinnen.
Das Grobherzogliche Kreisamt Gießen an die Grofth. Bürgermeistereien der Land' gemeinden des KreiseS.
Diejenigen von Ihnen, welche mit der Erledigung unserer Auflage vom 2. Juli 1900 (Gießener Anzeiger Nr. 154) noch im Rückstände sind, werden wiederholt hieran erinnert mit Frist von 5 Tagen.
v. Bechtold.
Bekanntmachung.
Betreffend: Feldbereinigung in der Gemarkung Ringelshausen; hier die Arbeiten des III. Abschnittes.
In der Zeit vom Dienstag, 28. August l. IS. bis einschließlich Montag, 10. September l. Js. liegen auf dem Amtszimmer der Großh. Bürgermeisterei Rabertshausen die Arbeiten des III. Abschnittes rubr. Feldbereinigung, nämlich : I.
1. 6 Zuteilungskarten,
2. 1 Zuteilungsverzeichnis,
3. 1 Band Gütergeschoffe,
4. 1 Band Zusammenstellung der Gütergeschoffe,
5. 1 GeldausgleichungSverzeichniS über den Zuviel- oder Zuwenigempfang von Geländewert/
6. 1 Abschätzungsverzeichnis der Obstbäume nach dem alten und neuen Stand,
7. 1 GeldauSgleichungsverzcichniS über den Zuviel- oder Zuwenigempfang an Obstbaumwert,
8. das Protokollbuch.
II. Bezüglich der aus der Gemarkung RabertA- Hausen infolge Grenzregulierung zugezogeneu Grundstücke:
1. 1 Zuteilungskarte,
2. 1 ZuteilungSverzeichniS,
3. 1 Band Gütergeschoffe,
4. 1 Band Zusammenstellung der Gütergeschoffe,
5. 1 Geldausgleichungsverzeichnis über den Zuviel oder Zuwenigempsang an Geländewerk,
6. 1 Abschätzungsverzeichnis der Obftbäume nach de« alten und neuen Stand,
7. 1 GeldausgleichungSverzeichniS über den Zuviel« oder Zuwenigempfang an Obftbaumwert, zur Einsicht der Beteiligten offen.
Tagfahrt zur Entgegennahme von Einwendungen hiergegen findet statt: Dienstag, 11. September l. Js. vormittags von 10 bis 11 Uhr auf dem Amts- zimmer der Großh. Bürgermeisterei Rabertshausen, wozu ich die Beteiligten unter dem Anfügen einlade, daß die Nichterscheinenden mit Einwendungen auS- geschloffen sind. Die Einwendungen sind schriftlich abzu- fassen, zu begründen und auf Papier in Aktengröße mindestens Vr Bogen einzureichen.
Friedberg, 21. August 1900.
Der Großh. BereinigungSkommiffär.
Süffert, Regierungsrat.
AttihSge durch die Pariser Wkitausstkltuug.
Von PaulLindenberg.
(Nachdruck verboten.)
XXII. (Schlußbericht.)
Das Schweizer Dorf. — Ein wahres Idyll. — Alt-PariS. — Wal es nicht giebt! — Der Palast der Kongreffe. — Die Straße von Paris. — Immer lustig! — Der Palast der Stadt PattS. — Wieder an der Alexandrrbrücke. — Allerhand Fragen und Aufichten. — Schluß!
Unweit der Maschinenhalle liegt das Schtveizer Dorf, eine der anmutigsten und liebenswürdigsten privaten Schöpfungen, die mit der Ausstellung verbunden sind. Es ist^thatsäclstich ein reizendes Idyll, dieses Dorf, mit seinen Häuschen, dem Kirchlein, den grünen Triften, auf welchen. Kuh- und Ziegenherden weiden, den rauschen'den Wasserfällen und hochragenden Bergen, zu bereu Gipfeln schmale Stege führen — eine Nachahmung der Natur, wie sie täuschender und gefälliger noch niemals vorhanden gewesen. Wohin der Blick fällt, erfreut er sich an dem ottginell und malerisch gestalteten Einzelnen, an diesen von Wind und Wetter schon schwer mitgenommenen Alpen-
Lenau.
Von Paul Witt ko.
(Schluß.)
Lenau siechte dahin an gebrochenem Willen, an geknickten Instinkten. Er verglühte wie eine strahlende Lampe, die das Oel, das ihre Flamme nährte, ganz verzehrte. Sein reicher Geist speiste den Willen auf, bis das Ende von Geist und Wille da war. Sein gesunher Egoismus ließ sich immer wieder von allerlei schönen Gedanken einlullen. So starb sein Geist am Christentum.
Lenaus Persönlichkeit, die in der Nacht des Wahnsinns untergeht, erfüllt noch heute unsere Seele mit jenem grausigen Gefühl, das wir mit dem Namen des Tragischen bezeichnen, und könnte später selbst ein Gegenstand der Poesie werden. Er ist so wenig ein ganzer Kerl, ein fester Charakter, wie es bei Goethe Werther, Clavigo, Eduard sind. Sein Lebensgang verneint zwei von den Dichtern unserer Tage häufig aufgeworfene Probleme: 1. ob die Menschen ohne Gott fertig werden können, und 2. ob ein ManjN in der reinen Freundschaft mit einer Frau von Geist, die glücklich verheiratet ist, sein Glück finden kann.
Frau Sofie Löwenthal hat, wie er selbst sagt, zwölf Jahre lang sein ganzes Lebensglück ausgemacht. In seinem Hunger, sich einer gleichgestimmten und gleichgesinnten Natur mitteilen zu können, hatte er sie gefunden, die Gattin eines in Wien lebenden höheren Staatsbeamtem Löwenthal, auf Lenau als neu ausgegangenen Stern am Himmel der deutschen Literatur aufmerksam gemacht, führte ihn bei sich ein, und der Eindruck, den der Dichter von der Frau des Hauses empfängt und auf sie ausübt, wird bedeutungsreich für sein ganzes Leben. Er wird von ihrem Wissen, ihrem selbständigen Urteil und feinem Geist sofort gefesselt, zunächst in aller Unbefangenheit. Richt im '-träume fällt es ihm ein, daß sein Interesse für diese Krau einen Dritten verletzen könne. Aber es bleibt nicht
dabei. Seine dankbare Bewunderung für Frau Sofie setzt sich allmählich in ein heißeres Gefühl um: und auch ihr Herz scheint sich mit einer tieferen Neigung zu erfüllen, wenigstens für einige Zeit. Sre scheinen sich aber doch wacker zu halten. Bald bedeutet diese Frau für fern Geistesleben Licht und Luft. Ihr Einfluß muß zum Unheil führen. Er wird von dem Zauber dieses Weibes brs zur Sinnlosigkeit umsponnen, bis zu einem Selbstentmündigung gleichkommenden Aufgehen in ihrer Persönlichkeit. Eine Parallele zwischen den Charakteren dieses Weibes und des Dichters ist für den Psychologen interessant. In ihrer entsetzlich launenhaften Evaart liegt etwas Sphmxhastes. Welche Absichten hatte diese Frau? Hatte sie überhaupt einen wohlüberlegten Plan? Wohl kaum. L>ie fühlt, Lenau ist kein gewöhnlicher Mensch er ist anders wie die anderen er ist vor allem auf dem Wege, berühmt zu werden, -raß die Persönlichkeit des Dichters mit dem Reiz des Neuen sofott auf sie wirkt, steht ebentalls außer Frage. Mit dem feinen Instinkt des Weibes wittert fte das Verwandtschaftliche ihrer Naturen und Anschauungen, die bei ihr sich aus den hergebrachten Gleisen hinaussehnen Es hat etwas verlockendes für sie, in die geistige Werkstatt eines Mannes hineinzublicken, der, mit dem Rüstzeug genialer Ideen ausgestattet, in ganz eigenartiger Weise im streite mit dem Leben steht. Macht über ein Menscherfichicksal zu gewinnen, das Schicksal eines Einzelmenfchen, nicht eines Dutzendmenschen, wie ihr Gatte ist chr Ehrgeiz den fte mit leidenschaftlicher Heftigkeit ständig nährt. Ob's nun ein „verbummelter Student" ist, das ist ihr glerchgiltig. Er ist ein Mensch von reinem, hingebungsvollem Herzen. Man könnte vielleicht so weit gehen, zu behaupten, daß Lenau für Sofie Löwenthal eine Art Versuchsobjekt darstellte, an dem sie ihre geistige und moralische Spannkraft erproben könnte. So viel scheint sicher zu sein, daß sie an den späteren Herzenskonflikten Lenaus nur soweit inter- essiett ist, als sie ihre weibliche Eitelkeit verletzt sieht,
daß er aber der alleinige leidende Teil ist. Trotzdem braucht man nicl)t nur an kalte, herzlose Koketterie ihrerseits zu glauben. Die faszinierende Wirkung, die ihre Persönlichkeit auf den Dichter ausübte, war vielleicht eine mehr unbewußte als gewollte. Es ist nicht erweislich, daß ihre Klagen und Thränen, ihre Sorgen und Schmerzen- um ihn erbärmlicher Tartüfferie entstammten. Nahe aber liegt die Annahme, daß Mißgunst, Eifersucht, Genußsucht, rüchichtsloser Egoismus und Falschheit ihrem Charakter nicht fern lagen und viel an den ständigen üblen Unlaunew Lenaus beitrugen. Schon war er mit Anna Behrens verlobt, als jener Moment kam, den er in „Tod und Trennung^ schildert:
»Doch ein Anblick Hefter Trimer,
Bänger a!4 des Sterben« Schauer, Wär' es, könnt' ein Äug' e« fassen, Wie zwei Herzen sich verlassen."
Frau Sofie aber ging als Siegerin aus diesem Kampfe hervor. Lenau, dem der Glaubenszwist den Willen geknickt hatte, unterlag. So lange er sich ungestört der Freundschaft: mit dieser Frau hingeben konnte, die er als in allem ibm ebenbürtig ansah, mit der er über alles sprechen konnte. Die ihn verstand, ihm nicht selten vorauseilte — seine eigenen Worte —, so lange war er noch nicht ganz unglücklich Nachdem er aber endlich eingesehen hat, daß seines Nächsten Weib zu begehren nicht angängig ist, da ist ihm das Dasein ohne sie schaal und wertlos. Er hat aber weder den Mut, das Mädchen zum Weibe zu nehmen, das er nehmen darf und das ihn liebt, noch viel weniger aber die Kraft, der ersten zu entsagen. So bricht er jämmerlich in sich zusammen. Frau Sofie hetzt ihn, wohl unbewußt und ohne Absicht, durch ihre eifersüchtige Katzenart in den Wahnsinn.
So enttollt uns Lenau der M e n s ch in seinem Lebens- gange ein herzbeklemmendes Seelengemälde. Lenau oer Poet ist hem deutschen Volke bekannt aß einer bet größten lyrischen Meister, der die gebrochenen Lichter oe-


