Sonntag den26 August
1900
Nr. 199
Drittes Blatt
Gießener Anzeiger
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Die Besetzung akademischer Lehrstühle in Preußen.
Aus Anlaß jder gegen den Willen der juristischen Fakultät der Universität Bonn durch die preußische Unterrichtsverwaltung erfolgten Berufung des Königsberger Professors Zorn nach der rheinischen Musenstadt beginnt die Frage der Besetzung akademischer Lehrstühle, btc in den letzten Jahren tvicderholt schon zur Diskussion stand, die Lefsentlichkeit erneut zu beschäftigen. So wird der „vrat.-Ztg.", die das Recht der Regierung, Professuren auch ohne vorherige Befragung der Fakultäten zu besetzen, anerkannt hatte, von einem Universitätsprofessor geschrieben :
„Da die Frage nicht nur für das Lebeit der Universitäten, sondern aud) für das ganze geistige Leben der Ration von Bedeutung ist, so darf vielleicht nochmals darauf zurückgegriffen werden. Gemeinhin wird die Frage in Zusammenhang mit der Freiheit der Wissenschaft gebracht und diese als unbedingter Maßstab aufgestellt. Tas ist insofern richtig, als der Professor nur dem nachstrebeu soll, lvas ü)in als Wahrheit erscheint; jeder Zwang, der ihn von diesem Wege abdrängt, muß als unsittlid) und schlicß- lid) auch unnütz bezeichnet werden. Aber das Erkenntnis- streben ist nid)t die einzige und nicht die hüd)ste Funktion innerhalb der Gesellschaft; dies Streben muß wie jede andere Sonderrichtung sid) dann gewisse Einschränkungen gefallen lassen, wenn ihr Träger unter der Autorität der (burd) die Regierung vertretenen) Gesamtheit unb als amtlich bestallter Lehrer der Jugenb wirkt. . . . 9hw wird gemeinhin vorausgesetzt, diese Freiheit werde von den Fakultäten in allen Fällen aufs sorgsamste gehütet, von der Regierung gar leicht angetastet; deshalb sei eine Berufung, die ohne ihr Zuthun oder gegen den Willen der betr. Fakultät erfolge, jedesmal ein Versuch zur Beschränk ung der freien Wissenschaft. Daß die Regierung zu einem solchen Verfahren verfassungsmäßig berechtigt ist, wurde in Ihrer Zeitung hervorgehoben. Andererseits ist fraglos, daß es starke Unzutrüglichkeiten mit sid) führen kann: es mag auf diese Weise hie und da dem Kollegium ein Mit
glied ausgedrängt werden, mit dem niemand zusammen arbeiitcii oder gar verkehren will. Tod) sind bei dein zicmlid) gleidMüßigcn Rivcau der deutsd)eu Professoren derartige Mißgriffe selten. . . . Vor allem aber: ersolgen denn wirklich die gutachtlid)en Acußerungen der Fakultäten immer aus lauterstem Interesse am Fortschritt der Wissenschaft? Wer diesem holden Traum sid) hingiebt, kann nie etwas von der Unduldsamkeit wissenschaftlicher Sekten gehört haben und muß ganz vergessen haben, daß aud) die Fakultäten aus Menschen zusammengesetzt sind. Zu allen Zeiten flieht cs in den einzelnen Wissenschaften bestimmte Richt- ungen, weld)e die Wahrheit gleid; einer intellektuellen Heilsoffenbarung für sid) beanspruchen und jeden anders Denkenden burd) bas tätliche Verbamnmngsurteil „un- wissenschaftlich" von ben Lehrstühlen ausschließen wollen; dieser Einseitigkeit kann die Regierung entgegentreten, indem sie in weitestem Umfange und von uninteressierter Seite Gutachten einholt. Ferner werben btc Wünsche ber Fakultäten nicht selten baburd) „gefärbt", baß bie Fach- männer, betten natürlich bas entscheidende Wort zufällt, aus kleinlichen Beweggrünben biesen ober jenen Gelehrten fernzuhalten streben: entweder er ist ein gefährlicher Nebenbuhler oder er hat einmal einen Streit mit einem guten Freund gehabt u. dgl. m."
Ter Verfasser weist schließlich darauf hin, daß hieruad) in dem Bonner Fall die Regierung durchaus nicht not» ivendigerweise im Unrecht zu sein braucht. Auch die „.ilreuz ztg." hatte sid) aus den gletchen Standpunkt gestellt wte die „Rat.-Ztg.", dabei aber noch betont, daß es ber Krone ein Recht streitig machen hieße, wenn man ber Unterrichts- verwaltung weigern wolle, daß sie die Professuren selbstständig besetze. In der „Natl. Korresp." erhält das konservative Blatt darob aus akademischen Streifen folgende Abfertigung:
„Tas in neuerer Zeit immer häufiger geübte Verfahren ber Unterrichtsverwaltung, vakante Lehrstühle ztt besetzen, ohne bie Fakultäten aud) nur zu Vorschlägen anfznfordern, sittbet merkwürbigerweise in ber „Kreuzzeitung" eine warme Unterstützung. Dabei muß dieses Blatt selbst zu geben, daß den meisten Uiliversitätett ftatutarifd) das Vor schlagsrecht verbürgt ist. Als eine seltsame Logik muß eS daher bezeichnet werden, wenn ein Unterschied zwischen „Anhörung" und „Vorschlagsrecht" der Fakultäten gemacht tvird. Man sollte meinen, daß das letztere sogar das weitergehende Recht ist, unb daß deshalb der Befürchtung, es könnte sich ein Gewohnheitsrecht der „Anhörung" der Fakultäten herausbildett, jenem weitergehenden verbrieften Recht gegenüber keine allzu große Bedeutung beizulegen ist. Daß es bei der „Streuzzeitung" nicht ohne „Gefährdung der Stronred)tc" abgeht, ist selbstverständlich. Sie erwartet von der Ausübung des Vorschlagsrechts eine Verkümmerung der königlichen Prärogative der Beamten-Er- nennung. Es verlohnt sich, and) dieses dialektisd,e Kunst- stüddien in die richtige Bclend)tung zu rücken. Tie Universitätsstatuten beruhen auf königlichem Verordnungsrecht,
und zwar stammen sie Ausnahmslos ans der Zeit vor dem Erlaß ber Verfassung. Wenn also der absolute König es für zweckmäßig erachtet hat, den Fakultäten ein Vorschlags- recht zu verleihen, unb barin keine Beeinträchtigung seiner Machtfülle gesehen hat; wenn er sich selbst eine derartige Beschränkung seines Ernennungsrechts auserlegl hat, so wird wohl auch für bie Gegenwart jebe Befürchtung nach biefer Richtung ausgeschlossen sein. Man sollte übrigens von einem „konservativen" Blatte Erwarten, baß seine Shm pathien mehr auf der Seite ber Erhaltung korporativer Rechte, als auf der ihrer Ersetzung durch büreaukratisdK Machtvollkommenheiten sid; befinden würden."
Diese Auslassung weicht also von der in der „Rat. Ztg." in ihren Ansichten über bas Besetzungsrecht ber Unter richtsverwaltung nicht mefentlid) ab. Wenn solchergestalt bie akademischen Kreise sid) selbst noch nicht über die Frage einig scheinen, sollte man eigentlid) bie Ange legenheit auf sid) beruhen lassen können, aber mir meinen boch, man sollte ben Regierungen bas von ihnen beanspruchte Recht, vakante Lehrstühle nach eigenem Ermessen zu besetzen, streitig zu machen suchen, denn die Wissenschaft kann nur in ber Freiheit gedeihen unb verträgt ben Zwang nicht, der ihr solchergestalt angethan wird.
Uolitische Tagesschau.
Wie gewisse Kreise über den Prinzen von Wale« urteilen, erhellt aus einer Kapstädter Zuschrift an die „Rhein. Wests. Ztg.", die also lautet:
Im Uebrigen hat ja auch bezüglich der skandalösen Zustünde im britischen MilitürsanitütSwesen kein geringerer als der samvse Prinz von Wales in einem aftor dinnor-»pooch der Royal Kollege Turgeon- dem Publikum eine Beruhigungspille appliziert. »Die Art der Verwaltung der Feldhospitäler in Südafrika gereicht dem Lande zu höchstem Ruhm und Ehre!" und der Prinz von Wales muß eS ja wissen — der Mann ist ja in allem anderen so kompetent bis herab zum Lchneidrrhandwerk, zum Westen- und Hosennähen wie zum Brauen eine« neuen .umorican driok“, warum sollte er, obgleich persönlich vorsichtiger Weise weit vom Schuß, nicht auch in dieser Lebensfrage der britischen Armee kompetent fein? Mindesten- doch ebenso kompetevt, wie er eü als standhafte Stütze des alten „berühmten" Strategen und HammelheerdenbesiegerS Methucn ist, des unentbehrlichen und seßhaften Mittelsmannes zwischen der Lhar- tered Company und — dem Prinzen von WalesI Kein Mensch hier weih, wo dieser Roberts steckt. Seit Wochen ist KitchencrS Rame in keiner Depesche erschienen, so daß schon Gerüchte umlaufen, eü sei ihm etwaS Menschliches begegnet oder vielmehr etwas Unmenschliches, wie man es wohl bei diesem „Uebermenschen" und Derwischschlüchtcr auS- brüden müßte Ein Londoner regierungsfeindliches Blatt fragt in feiner letzten, unS diese Woche zugegangenen Nummer: General Colville ist abberufen, White und Gatacre sind abberufen; aber warum ist Kitchener nicht längst abberufen für die seiner plumpen Unbefugtheit (groHH in- competenoy) zuzuschreibende scheußliche Abschlachtung britischer Soldaten bei Paardeberg? warum Methuen nicht für die ununterbrochene, seiner absoluten Dummheit (absolute ntupidity) zu verdankende Reihe von Niederlagen? warum nicht den Herzog von Teck für seine verbrecherische Unfähigkeit (criminal incupacity) bei Koorn Spruit?"
Berliner Vries.
(Plaudereien aus ber Kaiserstadt.) (Nachdruck verboten.)
Die Berliner Brockenfammlung. — Kontrolle der Straßen- bahvwagen. — Wer kontrolliert die Ringbahn?
Tie moderne Wohlthätigkeit geht eigene Wege; manche ivunberHd)c, tvie den ber Schneeballkollekten, manche bedcnk- liche, wie jene Ballfeste, auf benen zum Besten ber Armen Sekt verzapft unb Austern verhanbelt werben; einen besseren unb billigeren, in jeder Beziehung zweckentsprechenden hat |ie kaum jemals betreten, als ben der „Brockensammlung". Ter Vater dieser überaus dankenswerten Idee ist der bekannte Pastor von Bodelschwingh in Bielefeld, dessen großartige Anstalten ihn zu einem'zweiten August Hermann Franke gemacht haben. Für Berlin hat sie Pastor Diestelkamp im Verein mit gleichgesinnten Männern aller Stände ins Leben gerufen. Weit draußen im Norden der Hauptstadt, in der Reinickendorfer Straße liegt das Sammelhaus, ein sauberes, modern gebautes Magazin für tausende von Sachen, die hier aus ganz Berlin zusammen ftrömen unb einer neuen Verwendung harren. Die „Brockensammlung" ist nämlich auf der ganz richtigen Er kenntuis aufgebaut, baß es unzählige Tinge in ben besser situierten Familien giebt, bie, obgleich sie noch sehr gut zu verwenden wären, in die Rumpelkammer wandern unb dort verstauben, verrosten oder von ben Motten zerfressen merben, bis sie eines sck)önen Tages bem Lumpensammler verfallen, ber so gut wie nichts dafür giebt. Dieses Heer von alten, halb verbrauchten Sachen für alle jene zu retten, bie mit ber Not zu kämpfen haben unb über nur wenige Groschen verfügen können, wenn sie Schuhzeug, Kleiber, Möbel, Bücher, Koffer, Betten rc. kaufen müssen, ist bie dankbare Aufgabe ber „Brockensammlung". Im ersten Hof Des Gebäudes ist bie Abteilung für Nippsachen etabliert.
Hier paradieren alte Vasen, Krüge, Briefbeschwerer und hundert andere Herrlichkeiten, von denen jede eine Vergangenheit hat und die interessantesten Familiengeschidsten erzählen könnte. Der Preis bewegt sick) zwisck)en fünf und zwanzig Pfennigen. Denn versck)enkt wird in ber „Brockensammlung" selten etwas. Das Gefühl, Almosen zu empfangen, ist zu nieberbrürfenb. Wer etwas zu haben wünscht, bezahlt — unb sind bie Preise aud) noch so niedrig, der erlegte Nickel giebt ber Sache trotzdem ein ganz anderes Gesicht! Weiterhin gelangt man zur Schuhwaren Abtei hing. Da blicken uns Rappen aus allen Schusterftällen an: Dandy Stiefel unb Ballschuhe, Babysöckchen, Schlaf- pantofsel, alles alt, aber ohne Defekte: denn bas Haus beschäftigt eine ganze Anzahl von Hanbwerkern, bie bie hilfsbedürftigen „Brocken" einer gewissenhaften Behandlung unterziehen, Risse zunähen, Strippen ergänzen, Knopflöcher ausbessem re. Links liegt das Kleibermagazin, wo fid) mancher .a)rme Handwerksbursck) für wenig Nickel wieder , nobel" machen kann. Auch eine Abteilung für Bücher, andere für Musik Instrumente, Betten, Möbel usw. sind vorhanden unb versorgen bie Gegenfüßler der Millionäre mit Gegenständen, bie sie sich vielleicht lange heimlich gewünscht haben unb hier en blick) so gut wie geschenkt erhalten. Auch alte Flaschen, Konservenbüchsen, Lumpen, Papier, Stanivl, Korke re. werden von ber Leitung gesammelt unb nach Möglichkeit verwertet, um mit dem Erlös den gänzlich Mittellosen beistehen zu können. Ein stiller Beobachter erlebt hier die seltsamsten Scenen. Denn die Käufer bieten ein buntes Bild des Lebens. Wie mancher tritt hier ein, ber auf ber schiefen Ebene des TaseinS immer weiter heruntergekommen ist, um sich, einen Heinen Wunsch, der ihm in glücklicheren Tagen vielleicht absurd erschienen wäre, mit ein paar seiner ersparten Groschen zu befriedigen. Hier kauft auch manch einer, dem vielleicht morgen schon Fran Fortuna lächelt und ihm in einer tollen Laune Tausende in den Schoß wirst. Möge
er in besseren Tagen seine bösen nicht vergessen und seine „Brocken" dort abgeben, wo er selber einst gutes genojfen! Jedenfalls wird hier ein Stück sozialer Arbeit geleistet, das himmelhoch über ben Wohlthätigkeits-Bazaren mit Pomp unb Prunk aller Art steht. Geve bie Zukunft bec Idee bie weiteste Verbreitung. —
Seit in ber Straßenbahn nach, Steglitz hinaus ehe Derrpiigast bei einem Bremsenruck abgestürzt unb dabei totlich verletzt roorben ist, beschäftigt sich bie Polizei sehr eifrig mit der Kontrolle dieser Wagen und notieret unerbittlich ben Schaffner, ber einen Gast mehr aufnimmt, als vorgeschrieben ist. Nicht anders ergeht es ben Cm» nibus-Kondukteuren. Selbst bie Vehikel ber Nacht werden plötzlich angehalten; der Schutzmann steckt feinen martialischen Kopf in ben Wagen, zählt bie Häupter seiner Liebon, unb webe, wenn es „statt sechse fieben" sind. Nur in ber Stadt und Ringbahn kümmert sich keine Menschssn- seele um die Besetzung der Plätze, unb es begegnet einem! an bestimmten Abenden fast regelmäßig, daß man, zumal wenn man ben letzten Zug benutzt, in Halenfee ober Wil- mersborf, wo bie lieben Konfektioneusen tanzen, plötzlich zehn bis fünfzehn neue Fahrgäste in das Kupee bekommt, die zwischen den Sitzen stehen müssen, da alles schon vorher besetzt war, zumal in der zweiten Klasse, denn die holden Geschöpfe fahren niemals dritter, menn ein anderer für fie bezahlt. Dieser „Andere" ist vielfach ein recht zweifelhafter Herr, für den die vierte Klasse eigentlich noch viel zu gut wäre. Unb er beträgt sich selbstverständlich aud] danach. To kommen oft Rohheiten, Zweideutigkeiten und Zoten zum Vorschein, die unglaublich sind. Unb das geht so jahraus, jahrein, jeder nimmt Anstoß daran, ein Wandel wirb nicht geschaffen. Merkwürdig! Aber der arme Em» nibus-Kondukteur bezahlt bie Mark, wenn er eine alte Frau einsteigen läßt, für die erst an der nächsten ©trauert? ecke ein Platz frei wird!


