Donnerstag den 26 Juli
Erstes Blatt.
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Der Aufstieg des Jeppeltn'fchen Luftschiffes.
(Schluß aus Nr. 170.)
Betrachten wir die Ergebnisse dieses ersten Experiments des Grasen Zeppelin, das in den Annalen der Lustschiffahrt immer als eines der denkwürdigsten Ereignisse verzeichnet werden wird, so sind folgende Thatsachen festzustellen. Graf Zeppelin hat erwiesen, daß sein Luftschiff eine durchaus geeignete Konstruktion erhalten hat, um in den Lüften als brauchbares Fahrzeug thätig zu sein. Dasselbe besitzt die nötige Festigkeit und Steifigkeit, um auch im gefüllten Zustande die notwendige Belastung ohne wesentliche Deformationen zu tragen. Das Luftschiff kann ferner leicht abgewogen und equilibriert werden, derart, daß es im schwebenden Zustande durchaus in den fanden seines Führers ist, der ihm entweder durch Vent:lz:ehen oder Verschiebungen des Laufsgewichts ohne Gefahr) etg- ungsänderung geben darf, die bet laufenden Maschinen zu vertikalen Bewegungsmanövern benutzt werd.«-können. Graf Zeppelin ließ jedesmal, wenn bet den Drehungen um
handel, seinen Kolonialbesitz entwickeln. Seine Beziehungen zu Deptschlandflagen in diesem Zeitraum vorwiegend auf wirtschaftlichem und geistigem Gebiete. Aber wenn auch die Nachwirkungen davon noch auf fast allen Gebieten spürbar sind, so hat die deutsche Entwickelung doch ihre eigenen Bahnen eingehalten, vor allem anderen zeigt sich das darin, daß unser Staat wohl konstitutionell, aber doch entschieden monarchisch ist, und nicht parlamentarisch wie der englische- Man muß ja zugeben, daß wir an Entwickelung der freien, selbständigen Einzelpersönltchkeit noch lange nicht auf d er Höhe unserer älteren angelsächsischen Vettern stehen. Andererseits kann aber auch England noch manches von uns lernen: die methodisch-wissenschaftliche Art der Fachausbildung, die wirtschaftliche Arbeit, die Ordnung unseres Heerwesens.
War England bis 1871 in die weite Welt hinausgekehrt, so wandte DeutsMand sich seinen inneren Angelegenheiten zu und arbeNte an seiner nationalen Einigung. Wie hat sich England dazu verhalten? Seit 1848 hat es sich immer unfreundlich dazu gestellt. Während der schleswig-holsteinischen Verwickelung mit Dänemark ist England immer dänisch gewesen. Mittelbar oder unmittelbar, ganz oder halb hat es st e t s bei den Gegnern, niemals bei den Freunden unserer Einigung gestanden. Was es that und wünschte, das war gegen tu- n s. Oesterreich, gegen das die deutsche Einr- gung sich am deutlichsten vollzog, war Englands alter mitteleuropäischer Verbündeter; und Englands alter Gegensatz zu Frankreich war nicht brennend genug, um ihm das Emporkommen eines einigen Deutschlands erwünscht sein zu lassen. Die deutsche Einheit ist vollendet worden ohne England. Die deutsche Nation hat es bis heute nicht vergessen, daß gerade das bis dahin so lebhaft von ihr bewunderte stammverwandte Land sie so tief enttäuschte. Das wirkt überaus bitter in uns nach.
Inzwischen ist auf dem europäischen Kontinent wieder eine überstarke Macht emporgekommen, eine Macht, gegen die insbesondere Deutschland keine streitenden, keine zum Angriff treibenden Interessen hat noch sucht: Rußland. Dieses Rußland aber ist bereits heute vor allem und überall in der Welt der Gegner gerade Englands. Deutschland seinerseits, das hat man hundertmal ausgesprochen, hat jegliche Ursache, seine freie Stellung zwischen England und Rußland sich zu erhalten. Trotzdem, so meint Marcks, können Lagen gedacht werden, wo Deutschlands wie Englands Vorteil, ja, wo ihr Dasein die Herstellung einer Gemeinsamkeit fordern: könnte.
Ein ungeheurer Wandel hat sich seit 1870 vollzogen in Deutschlands wirtschaftlicher Stellung. Es ist eine wirtschaftliche Großmacht geworden, die mit allen ihren Nachbarn jeglichen Vergleich aushält, nach Volksmenge, Kraft, Fleiß und Tüchtigkeit, nach Unternehmungseifer und hellem, weitem Blick, nach reicher und hoher w:rt- schaftlicher Leistung. Wenn 1500 England sich von den deutschen Händlern losmachte und sich hinausdrängte, so ist es jetzt Deutschland, das sich in steigender Schnelligkeit von der Vorherrschaft des englischen Handels und der englischen Industrie befreit. Das alte Deutschland war den Briten natürlich bequemer, als das neue, das in der Reche der großen Völker dem voraufgeschrittenen England nach- qerückt ist. Es trifft'dabei auf die englische Weltmacht, die Interessen stoßen aufeinander. Aber der englische Handel stößt auch auf den unsrigen. Der Handel und die Machtausdehnung beider Nationen wirken vielfach gegeneinander: wir hören von Eifersucht aus beiden Lagern — Darum, so sagt Prof. Dr. Marcks u. E. sehr richtig, müssen wir zunächst das Verständnis für eine gemeinschaftliche Vergangenheit suchen. Haben wir diese begriffen, dann kann das für alle Beziehungen in Gegenwart und Zukunft, in Freundschaft oder in Gegnerschaft allemal nur zu einem Segen werden.
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Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
Amtlicher Teil.
Bekanntmachung.
Betr.: Die Reinigung der Felder von den Pflanzenüberresten nach der Ernte als wichtigstes Schutzmittel gegen Pflanzenschädlinge.
In Nr. 37 der Zeitschrift für die landwirtschaftlichen Vereine in Hessen, Jahrgang 1899, ist ein Aussatz des Geh. RegierungSratS Professor Dr. Frank über obigen Gegenstand enthalten, der von besonderer Wichtigkeit für die Landwirtschaft ist, und in nachstehendem Auszuge zur Kenntnis der Landwirte gebracht wird. Die Großherzogl. Bürgermeistereien wollen Interessenten noch besonders daraus aufmerksam machen.
Gießen, den 23. Juli 1900.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Bechtold.
Dem Wiederauftreten mancher Krankheiten und Feinde der Kulturpflanzen in den nächsten Jahren kann dadurch vorgebeugt werden, daß man gleich nach der Ernte die aus dem Felde oder im Garten zurückgebliebenen Ueberreste der Psanzen zerstört oder auf sonstige geeignete Weise unschädlich mach,t.
Zahlreiche Schädlinge haben nämlich, in den auf dem Felde verbleibenden Ueberresten der betreffenden Kulturpflanzen, also in den Wurzeln, Stoppeln, Stengeln oder äbgefallenem Laub derselben ihr ausschließliches oder doch hauptsächliches Winterlager, durch welches sie in das nächste Jahr übertragen werden. Sie können also vollständig vernichtet werden, wenn man für die vollständige Zerstörung oder Beseitigung der genannten Pflanzenteile Sorge trägt. Eine entsprechende Reinigung jedes Kulturlandes gleich nach der Ernte ist daher ein zur Gesundheit der nächstfolgenden Kulturen wesentlich beitragendes Mittel und verdient weit allgemeinere Anwendung als es bis jetzt noch geschieht. , t
Im Getreidebau ist ein baldigst nach der Ernte vorzunehmendes Unterpflügen der Stoppeln von größter Wichtigkeit. Es genügt jedoch, um die Stoppeln gehörig unterzubringen und die darin befindliche Brut der Pflanzenschädlinge sicher zu zerstören, ein bloßes Schälen nicht, sondern die Stoppeln sind möglichst tief unterzupflügen.
Beim Kartoffelbau muß die Säuberung des Ackerbodens von allem, was von der Kartoffelpflanze zurückgeblieben ist, als eine für die Gesundheit späterer Kartofselkulturen wichtige Maßregel gelten. Daher ist das übliche Verbrennen des Kartoffelkrautes nach der Ernte eine in jeder Beziehung zweckmäßige Maßregel. Noch viel wichtiger aber ist es, daß man, wenn bei der Kartoffelernte faule und kranke Kartoffeln gefunden werden, dieselben nicht auf dem Felde zurückläßt, wie das gewöhnlich geschieht, weil damit der Ackerboden verseucht wird mit der Unmasse von neuen Erregern der Kartoffelsäule, welche in den Knollen entstanden sind. Man sortiere gleich beim Ausnehmen der Kartoffeln aus dem Felde die kranken von den gesunden und bringe auch die ersteren vom Felde weg; sie sind noch verwertbar zur Brennerei sowie zum Einsäuern als Futter.
Auch für den Rübenbau wolle man berücksichtigen, daß an den Ueberreshen der alten Rübenpflanzen eine Menge parasitärer Keime haften, welche ihr weiteres Fortkommen finden, wenn die abgeschnittenen Rübenköpfe und Blätter, die alten Samenträger sowie verdorbene Rüben auf dem Feld unzerstört liegen gelassen werden. Eine Anzahl tierischer Parasiten der Rübenpflanze können durch tiefes Umpflügen nach der Rübenernte zerstört werden.
Im Leguminosen-, Gemüsebau rc. giebt es auch eine große Anzahl pilzlicher wie tierischer Schädlinge. Wo Erbsen, Bohnen, Samenlupinen, Raps, Kohl und dergleichen gestanden haben, sollte bald nach der Ernte tief umgepflügt werden, womöglich nachdem vorher durch Be- weiden mit Schafen, oder Auseggen, oder Ausraufen die gröberen Ueberreste beseitigt worden sind.
Auch für den O b st b a u ist eine sorgfältige, alljährliche Reinigung der Plantagen im Herbst und Winter ein wichtiges Kulturmittel, welches durch Gedeihen und größeren Ertrag der Bäume sich lohnt. Aus den Baumkronen sind alles tote Holz, alle hängen gebliebenen Blätter und nicht abgeernteten und verdorbenen Früchte zu entfernen; unter den Bäumen alle Abfälle der Pflanzen durch Abhacken zu beseitigen oder durch tiefes Umgraben des Obstgartens oder wenigstens der Baumscheiben unschädlich zu machen. Dadurch werden nicht blos die wichtigsten parasitischen Pilze der Obstbäume, sondern durch das Umgraben des Bodens auch ein großer Teil der für die Obstbäume schädlichen Insekten getroffen.
Der Umstand, daß zu solchen Maßregeln leider nicht
überall die nötigen Arbeitskräfte Vorhände:: sind, sollte von der Anerkennung der großen Zweckmäßigkeit derselben nicht ablenken. Wo man irgend Arbeitskräfte hierzu haben kann, wolle man dieselben in dieser Richtung nutzbar machen. - .
Namentlich ist die gemeinsame Befolgung einerjeden solchen Maßregel durch alle Beteiligten in derselben Gegend behufs planmäßiger Niederhaltung des betreffenden Schädlings eine Sache von gemeinnütziger Bedeutung und verdient die dauernde Beachtung aller derer, denen das Gedeihen der Feldfrüchte am Herzen liegt.__________
Deutschland und England.
Es verdient allemal dankbare Anerkennung, wenn die Männer der Wissenschaft sich auch einmal der Fragen annehmen, von denen die Nation beherrscht wird; sie brauchen deshalb aus ihren lichten Höhen reiner Wissenschaftlichkeit noch nicht in den Staub der Arena hinabzuste:gen, wo die Kämpfe des Tages zum Austrage gebracht werden. Solche Anerkennung schulden wir dem Professor Dr. Er:ch Marcks von der Leipziger Universität für eine Arbeit, die, 'als Vortrag geboren, jetzt in Buchform an die Oeffent- lichkeit getreten ist. „Deutschland und England in den großen europäischen Krisen seit der Reformation* ist der Titel der Schrift. Der Verfasser will nicht Politik treiben, sondern in weiser Beschränkung läßt er sich; daran genügen, vor des Pol:t:kers Auge in gewaltigen Zügen ein geschichtliches Gemälde zu entwerfen, das ihm gleichsam einen Einblick in die Gegenwart und einen Ausblick in die Zukunft eröffnet. Versuchen wir nach dem Gemälde hier wenigstens e:ne L:n:en- skizze zu entwerfen. .
In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts w:rd Englands nationale Wirtschafts- und Machtpolitik begründet und befestigt. Es befreit sich von den Fremden, auch von den Deutschen; sein Handel streift fremde Fesseln ab, England tritt in der Elisabethischen Zeit in die Reihe der modernen Seevölker ein. England und Deutschland stehen den anderen Mächten gegenüber, das Germanentum dem Romanentum.
Im 17. Jahrhundert gehen beide Nationen getrennte Wege. Während Deutschland, von inneren Wirreu zerfleischt, als Weltmacht fast ganz entfällt, nahm in England nach der Mederwerfung des ersten Stuart, Oliver Cromwell einen gewaltigen Anlauf zur Weltpolitik. Mit dem Bruch der Stuartschen Macht nach der zweiten Revolution aber erfolgte auch der Bruch Englands mit Frankreich, an dem die Stuarts zähe festgehalten hatten. Dabei gingen Hand in Hand mit England die Deutschen. Der Sieger über Jacob II., Wilhelm von Oranien, war gleichzeitig die Verkörperung des europäischen Widerstandes gegen Ludwig XIV. In dem Kampfe gegen ihn, haben Preußen und England zum ersten Male zusammengestanden.
Der englischs-französische Gegensatz beherrschte das 18. Jahrhundert, die Zeit von 1688 bis 1815. England fand in den langen Kämpfen als Bundesgenossen auf dem Festlande das Haus Habsburg: nur der gemeinsame Haß gegen Frankreich führte beide zusammen. Deshalb mußte das Bündnis sich lösen, als 1756 Oesterreich zeitweilig auf Ludwigs XV. Seite trat. Damals stand wieder neben England Preußen.. Trotzdem bildete sich n i e m a 1 s w a h r e Freundschaft zwischen diesen beiden heraus; denn se:t 1714 hatten die norddeutschen Nebenbuhler der Hohenl- zollern, die hannoverschen Welfen, den englischen Thron inne. Zu diesem politischen Gegensatz kam eine Reche innerer tiefgehender Verschiedenheiten in Verfassung, W:rt- schaft, Wissenschaft. Halb zufällig gerieten sie 1756 nebeneinander, Friedrich II. und William Pitt. Aber damals hatte Friedrich der Große mehr als einmal über die Lauheit der englischen Hilfe geklagt; nicht englische Geldzahlungen, wollte er, sondern die Hilfe der englischen Flotte, und die enthielt man ihm vor. Am Ende hat danU nach dem Sturze Pitts England den Verbündeten fallen lassen. Nicht Englands Verdienst war es, daß Preußen keinen Landverlust erlitt. England hatte eine Zeitlang für den Sieger von Roßbach und Leuthen geschwärmt, aber sich dann — mehr als nüchtern — den eigenen Sonderinöeressen zugewandt. Daran giebt es nichts zu beschönigen: Friedrich der Große fühlte sich von England verraten.
In itxem großen Entscheidungskampfe gegen den allen europäischen Mächten gemeinsamen Gegner Napoleon I. läßt sich ein näheres Verhältnis zwischen Preußen und England nicht entdecken. Infolge der insularen Lage bl:eb England am längsten von Napoleons Waffen unbeflegt, so schwere Wunden seinem Handel auch die Kontinentalsperre schlug. Zweimal war Gneisenau vergeblich in London, endlich aber verhütete Blücher, daß Wellington von Napoleon geschlagen wurde und half ihm an dem entscheidenden Siege teilzunehmen.
Während der langen Friedensjahre 1815 bis 1870 konnte England ungestört seine Großindustrie, seinen Welt


