1900
150. Jahrgang
Sonntag den 25. November
ErUes Blatt»
•fr. 277
Zimts- und Anzeigeblatt für den Tireis Giefzen.
IW
Aezugsprei» vierteljährl. Mk. 2,3t monatlich 75 Pfg. mit Brmgerlohn; durch die Abholestelle» »ierteljährl. Mk. 1,9» monatlich 65 Pfg.
Bei Postbezug Mk. 2,40 vierteljShrt mit Bestellgeld.
Expedition und Druckerei:
-Hrlflraße Nr. 7.
Alle Anzeigen-BermittlungSstellen deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen Zeilenpreis: lokal 12 Pfg., auswärts 20 Pfg.
ckier
|8 unb dn SroM dahier werden die tyi ilttn emgckden vß r.
iit Sauers
* K/M
„Trotz, Tod! Komm her, ich fürcht' Dich nit!
Trotz, eil' daher mir Deinem Schnitt!
Werd' ich nur verletzet,
So werd' ich versetzet
In den himmlischen Garten, Auf den wir alle warten. Freue Dich, schön's Blümelein".
Adresse für Depeschen: Anzeiger Hießt» Fernsprecher Nr. 51.
Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Fandmirt, Klütter für hessische Volkskunde.
n 24. Avvemb'
Erscheint täglich eit Ausnahme des
Montags.
Vie Gießener ßNAllieu d kälter MUn dem Anzeiger «Ntchsel mit „Hess. feMfeirt* w. „Blätter St Hess. Volkskunde" «tßtl. 4 «al beigelegt.
d franco.
filier als sonst wird in unferni Fürstenhause in diesem Jahre der gemeinsame ! Geburtstag unseres Großherzoglichen Paares gefeiert. Ls ist > Totensonntag. Besonders schwer hat der Tod in diesem Jahre die j Großherzogliche Familie getroffen und muß um so herber ausgenommen werden.
Der Sinn eines Monarchen für die Familie ist nie ohne bedeutenden Ginfluß «ach die Geschicke seines Landes. Wie die Familie das Urbild des Staates ist, so schärft auch die Rücksicht auf eine eigene Familie, die Liebe zu den Seinen das ver- cmtivortungsgefühl des Herrschers für seine erweiterte Familie, für das Volk, auf das das wesen eines Herrschers stets mehr oder weniger zurückwirkt. Das hessische Volk ruf) ml die streng konstitutionelle Regierungsweise seines Landesherrn, die sich niemals auch nur das Allergeringste vergeben hat. vereinzelte Mißgriffe, die auf mangelhafte Information von feiten ungeeigneter Ratgeber zurückzuführen sind, mögen ja hier und da wohl einmal ein gewisses Unbehagen erzeugen. Das kann aber nicht im geringsten i.u Betracht kommen gegenüber der hochherzigen Art, in der Grnst Ludwig sein Fürslenamt begreift und verwaltet, und die unser unerschütterliches vertrauen zu ihm legrirudet. Friedrich der Große hat einmal gesagt, daß das erste Gefühl, das ein Fürs! haben soll, die Vaterlandsliebe ist. Wir wissen, daß unser Großherzog ganz won ihr erfüllt ist. Seit dem Tage, da die Sonne von Versailles aufging, stand fein erlauchter Vater mitten unter den deutschen Reichsfürsten, die nicht eines Augenblickes Spaiune hindurch dem untreu wurden, was sie in freiem Willen erkannt hatten. Und fcks echte deutsche Nationalgefühl hat sich voll auf den Sohn übertragen, der die närn- lid)c Erkenntnis hat, daß an der deutschen Einheit niemand rütteln darf und daß sie 511 Hillen oberste Aufgabe der deutschen Reichsfürsten ist.
Großherzog Ernst Ludwig ist ein Herrscher seiner Zeit, ein moderner Fürst im treffen Sinne des Wortes. Daß er den Oberbürgermeister Gnauth zum Leiter der Finanzen feines Landes machte, war ja freilich für uns Gießener schmerzlich, zeugt
Herzen nagt, wo man es nicht glauben wollte, was Frei- ligrath fo herzbewegend singt:
O lieb', fo lang' du lieben kannst, O lieb', fo lang du lieben magst! Die Stunde kommt, die Stunde kommt, Da du an Gräbern stehst und klagst!
Darum beweisen wir unsere Pietät gegen die Toten nicht nur sinnbildlich, durch äußere Zeichen, durch Blumen, die uns sowohl als Symbol der Freude dienen wie sie unsere Gefühle der Trauer verdollmetschen. — auch das Herz soll feine Eriunerungsfeier begehen. An all das Gute und Edle wollen wir denken, das die im ewigen Frieden Schlummernden im Leben geschaffen, an all die Zärtlichkeit und Hingebung, mit der sie uns so reich beglückt haben. Und wenn die Glocken der Erinnerung klingen, steigt die Vergangenheit leise herauf und aus ihren Nebelschleiern treten verklärte Bilder aller, die der Tod zu sich berufen hat. Ihre Schatten umschweben uns, wir glauben ihre Stimme, die alten trauten Laute zu vernehmen, ein liebes Auge scheint besorgt auf uns gerichtet zu sein und der Mund slüstert die alten zärtlichen Worte — Träume, Phantasien, sie kehren nimmer zurück, die Toten!
„Es ist so schwer", sagt Heine, „sich von den: Tode der Menschen zu überzeugen, die wir so innig lieben. Aber sie sind nicht tot, sie leben fort in uns und wohnen in unserer Seele". Wenn am Totenfeiertage uns die ganze Schwere des Verlustes auf die (Seele fällt, dann ist der Gedanke Trost: die Toten wohnen in unserer Seele. Fast unbewußt handeln wir oft in ihrem Geiste und wir erfüllen ahnungslos die Mahnung des woran: „Willst Du Deine Toten ehren, so lebe nach ihrem Wunsche".
Wenn wir morgen vor den Grabern stehen, dann können wir Lebensweisheit schöpfen aus Moder und Staub. Sie lehren uns den wahren Wert aller irdischen Güter und sagen uns, daß auch wir einst durch die dunkle Pforte "des Todes gehen müssen, in jenes „unentdeckte Land, aus dem kein Wanderer wiederkehrt".
Aber auch über dem Grau des Allerseelentages leuchten noch Sterne: der Glaube und die Hoffnung, daß nur eine geringe Spanne Zeit uns trennt. Die Idee von der Unsterblichkeit der Seele zieht durch alle Re- ligioneu des Erdkreises. Und was Sokrates und Plato einst gelehrt, an dem halten auch heute gar viele fest: Der Tod ist nicht der volle Abschied des Lebens — es giebt ein Wiedersehen! Darum wohl denen, die, wenn der „Schnitter Tod" zu ihnen kommt, getrost mit dem Liede sagen:
Politische Tagesschau.
Im 7. und 8. Hefte des „Lotse n" (Verlag von Alfred Janßen in Hamburg) befindet sich ein Aufsatz: „Die deutsche Kolonialpolitik wie sie ist und wie sie sein sollt e" Der als „Ein Patriot" zeichnende, offenbar sachverständige Autor weist eine Reihe von Schäden und Fehlern unserer Kolonialpolitik nach und schließt seine Betrachtungen folgendermaßen:
„Heute werden bald Häfen, bald Docks, bald große Dampfschiffe u. dergl. gefordert, obwohl die betreffenden Kolonien nochl'angenichtdie erforderliche Stufe der Entwickelung erreicht haben, wenn irgend eine einflußreiche Persönlichkeit oder Behörde es anregt. Man stürzt sich in die gewagtesten und kostspieligsten Expeditionen, man schafft europäisches Vieh nach afrikanischen Kolonien und ernährt es dort mit deutschem Preßheu, unbekümmert um die Kosten. Der Reichstag bewilligt ja doch alles. Auf diese Weise kann es nie zu einer gedeihlichen Entwickelung der Kolonien kommen. Wohin eine solche Politik führt, sieht man bei den spanischen und französischen Kolonien. — Irr England sind seit langen Jahrzehnten andere Grundsätze maßgebend. Ihr wichtigster ist: jede Kolonie ist auf ihre eigenen Einnahmen angewiesen. In regelmäßigen Zeiten darf sie nicht mehr ausgeben, als sie einnimmt Dieser streng durchgeführte Satz hat wesentlich das Gedeihen der britischen Kolonien herbeigeführt. Es steht eben bei ihnen wie bei einzelnen Menschen. So wie Leute, die immer wissen, daß sie sich auf die väterliche Kasfe, auch wenn sie noch so sehr über die Schnur schlagen, verlassen können, sich gewöhnlich nicht zu den besten Bürgern entwickeln, so gedeihen Kolonien nicht, die nicht von vornherein sich genötigt sehen, ihre Kräfte voll anzuspannen. Weist man erst die deutschen Kolonien für alle nicht militärischen'Zwecke auf ihre eigenen Einkünfte an, und steuert man damit allen verfrühten Plänen und Versuchen, dann wird es besser werden, eher aber schwerlich!"
ptochj f.
Eichener Anzeiger
Eeneral-AnZeiger
Wunj
di.'
sr
•'n«"*1
Iib«>mc Den Anzeigen zu der nachmittags für txn Ulf nrrtt Dag erscheinenden Nummer bis norm. 10 Uhr. Abbestellungen spätestens abends vorher.
chegG
schift tnelmi
chachlungSvoll
Schmitl
Wen aaplanögch ri
aber von der edlen Unvoreingenommenheit, von dem scharfen Blicke unseres Landesherrn, der cs versteht, den rechten Mann an die rechte Stelle zu setzen. Und fo mancher fchaffensfreudige Künstler ist durch ihn angeregt und gefördert worden.
Sind auch die Grenzen unseres Landes eng gezogen, der Name unseres Herrschers als Leiter des Staats- und Volkslebens, als Schirmer des Rechts, als Förderer von handel und Gewerbe, namentlich aber der Künste und Wissenschaften reicht um so weiter. Beginnen sich doch die Künste vornehmlich in unserer Landeshauptstadt unter der in gleicher Weise schaffenden und lenkenden Hand des Großherzogs zu nie geahnter Blüte zu entfalten.
Des Festtags Krone ist unsere Großherzogin Viktoria Melitta, die nun an der Seite ihres heute 32 jährigen Gemahls in ihr 24- Lebensjahr tritt Das Walten ihres Einflusses macht sich auf den verschiedensten Gebieten bemerkbar. Wir erinnern nur, daß erst im Februar d. I. auf ihre Initiative und unter ihrem Protektorat in Darmstadt eine konstituierende Versammlung des Vereins zur Besserung der Wohnungsverhältnisse Minderbemittelter in . den Städten und auf dem Lande stattfand. Damals hielt unsere verehrte Landessürstin eine sehr bemerkenswerte sozialpolitische Ansprache, die von der angelegentlichen Fürsorge der hohen Frau für die Hebung der sozialen Lage der mit Glücksgütern wenig gesegneten Familien in Stadt und Land ein schönes Zeugnis ablegte. Und wie man weiß, ist der Großherzogin wohlwollende Anregung auf fruchtbaren Boden gefallen, und man ist ihr für ihr tiefes Interesse für das Wohl des Landes und hauptsächlich der minderbegüterten Klassen von Herzen dankbar.
Das Herz jedes Hessen schlägt höher, wenn er das Großherzogliche Paar vereint sieht, und voll Innigkeit steigen für Fürst und Fürstin seine besten Wünsche gen Himmel. Beiden steht nach menschlichem Ermessen noch ein langes Leben bevor; möge es gesegnet sein in seinem Wirken, dem hohen paare zum Ruhme, dem hessischen Volke zum Wohle!
$y*
Uhr,
Totensonntag.
Gießen, 24. November 1900.
„Es ist ein Schnitter, der heißt Tod, Der hat Gewalt vom höchsten Gott. Hüte Dich, schon'S Blümelein."
Durch die Lieder aller Völker der Erde geht eine ickvermütige Klage, daß alle Schönheit vergehen und M Blume verwelken muß. Der herrliche griechische Held Achilles und der deutsche Sigfrid, die beiden schönsten tzrldengestalten der Dichtung, werden in der Blute der Irgend jählings dahiiigerasst. In solchen Klageliedern iß! früh versunkene Jugend- und Heldenkraft spricht sich bue tiefe Trauer des Menscheuherzens aus, das nicht aus- jliren kann, über das Todesgeschick, das auf uns allen fojtet, zu weinen.
Was für ein Rätsel ist doch der Tod! ^n :evfenb und abertausend Keimen ringt sich das Leven pim Licht hervor, in stärkstem Lebensdrang sucht es )ul) b» behaupten, mit innerem Schauder strebt es dem grauen- teilen Dunkel des Todes zu entfliehen, um docls-zuletzt l'iine. unentrinnbare Beute zu werden. Warum bei tiefstem Äeusdrang doch dies" unabwendbare Todesgeschick? Äelcher Weise hat das je zu ergründeu vermocht!
3n das undurchdringliche Geheimnis des Todes gkbi dem gläubigen Christen das christliche Evangelium esieil Lichtstrahl. „Der Tod ist der Sünde Sold — er ist feniitm zu allen Menschen durchgedrungeu, dieweil sie alle gejintbigt haben." Wer am Sterbebett lieber Verwandten gelniet und die bitteren Schmerzen des Sterbens und dck Todes gefühlt hat, der hat, so sagt sich der Gläubige, an seinem inneren Menschen etwas vom Gerichte Gottes Mer die Sünde erfahren. Der Tod ist ihm nicht eine blinde Naturmacht, sondern, wie das Volkslied sagt, vom knitter Tod — „der hat Gewalt vom höchsten Gott".
Aber die Bibel sagt auch: „Sterben ist mein Tew i n 11". Die dunkle Pforte des Todes wird dem gläubigen Christen die Thür zum ewigen Leben, wenn All „uns mit Gnaden zu sich iu den Himmel" nimmt. Kot), Sünde und Schmerzen, die kennt man danicht 2hi-k() das Dunkel des Todes leuchtet dem ^laubigen die Herrlichkeit der ewigen, erlösenden Liebe Gottes.
Das Fest,-das die evangelische Kirche morgen leieit, Zill den Schmerz, den der Verlust geliebter Toten brachte, über toinben lehren, indem es die Zuversicht begründet, baü der Entschlafenen bestes Teil uns unverloren ist, vMchoben in der Gemeinde der Seligen. Allerdingv i! solches zu überwinden sehr schwer, wo die Schuld am
Der Psksta-i
s-
&•$>*
14


