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25.10.1900 Erstes Blatt
 
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M. 250 Zweites Blatt. DonnerSta« den 25. Oktober 150. Jahrgang I»GS

Gießener Anzeiger

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Politische Tagesschau.

Berlin, 23. Oktober. Der bisherige Unterstaatssekretär Frhr. von Richthofen wurde zum Staatssekretär deS Auswärtigen Amtes ernannt.

Oswald Freiherr von Richthofen geboren13. Oktober 1847 zu Jassy als Sohn des Diplomaten Emil von R-, studierte 1866 bis 1869 in Berlin und Heidelberg Rechts» und Staatswissenschaften, machte die Kriege von 1866 und 1870/71 mit, und trat 1876 als Hilfsarbeiter in das Auswärtige Amt. Nachdem er 1881 zum vortragenden Rat be­fördert worden war, wurde er 1885 als Vertreter Deutschlands zum Mitglied der Direktion der ägyptischen Staatsschuldenkasse ernannt, in welcher Stellung er eine sehr ersprießliche Thätigkeit zur Regelung der verworrenen ägyptischen Finanzverhältnisse entwickelte. Als im Oktober 1896 der Direktor der Kolonialabteilung Kayser dieses Amt nieder­legte, wurde R. unter Beförderung zum Wirkt. Geh. Legationsrat als sein Nachfolger an die Spitze der deutschen Kolonialverwaltung berufen und auch zum stellvertretenden preußischen Bundesratsbevollmächtigten ernannt. Im Jahre 1897 wurde er zum Unterstaatssekretär befördert.

Herr v. Richthofen gilt als gewandter Diplomat und Redner. In seiner bisherigen Thätigkeit ist er zwar redne» risch nicht besonders ausfallend hervorgetreten, was wohl daran gelegen haben mag, daß ihm Herr v. Bülow diese Arbeit abnahm. Wenn es bei der Neubesetzung dieses wichtigen Amtes vor allen Dingen darauf ankam, einen eingeweihten Diplomaten und geschäftstüchtigen Vertreter zu finden, so darf man wohl die Besetzung des Amtes mildem Erwählten als eine glückliche bezeichnen.

lieber die Errichtung einer deutschen Kohlenstation im Roten Meere wird aus Massauah gemeldet: Ein deut­scher Dampfer landete auf der arabischen Seite der Insel Farsan Kohlen. Es heißt, die Insel Farsan werde nur zeitweilig als Kohlenstation benutzt werden, solange deutsche Kriegsschiffe nach Oftasien gehen. Jetzt find zwei deutsche Kriegsschiffe dort. Die türkischen Behörden wiffen genau, was vorgeht. Farsan ist die größte einer Gruppe von kleinen Inseln, ungefähr zwei Stunden von der arabischen Küste entfernt, gegenüber Massauah. Es ist das Zentrum der Perlenfischerei. Eine Petroleum­quelle ist dort kürzlich gesunden worden. Die Insel bietet einen vorzüglichen Hafen.

Die Farsaninseln bilden eine Gruppe kleiner Eilande im süd» lichen Telle des Roten Meeres, 49 Kilometer vor der Küste Arabiens. Die Gruppe enthält zwei größere Inseln mit Perlen- und Korallen- sischerei. Auf die oben erwähnte Farsaninsel bezog sich offenbar auch die vor einigen Tagen verbreitete Meldung, daß Deutschland eine kleine Insel im Roten Meere, namens Wroan oder Uruan, erworben habe.

Der Krieg in China.

Das englisch - deutsche Abkommen hat die Ber- hältnisse im Aangtsethal wieder in den Vordergrund des Interesses gerückt. Eine anziehende Schilderung veröffent­licht der preußische Regierungsbaumeister Schönsee über die Kaibauten vor der deutschen Niederlassung in Hankau imZentralblatte der Bauverwaltung". Während bis vor wenigen Jähren in dieser für den euro­päischen Handelsverkehr höchst bedeutsamen Flußstadt nur die Engländer, Russen und Franzosen eine Niederlassung hatten, und zwar noch innerhalb der Stadtmauer, ist letzt außerhalb der Stadtmauer ein großer viereckiger Platz für eine deutsche Niederlassung bereitgestellt, der nicht weniger denn 1150 Meter Flußfront hat und alle Bürgschaften für eine gediegene Entwickelung bietet. Die deutsche-asiatische Bank in Berlin hat zunächst 700 Meter Länge dieser Uferfront durch den Baumeister Schönsee befestigen, ausbauen und mit sechs Treppenanlagen ver­sehen lassen. Der Bau begann unter geschickter Benutzung des Niedrigwassers am 11. November 1899 und war schon am 1. April 1900 vollendet.

Eine von derDaily Mail" verbreitete Nachricht von einer E r k r a n k u n g des Generalfeldmars challs Ä r a f e n W a l d e r s e e an Dysenterie kann sich wenn sie überhaupt begründet ist nur auf ein leichtes Un­wohlbefinden beziehen. Jedenfalls ist, wie dieNordd. Allg. Ztg." erfährt, von einer Krankmeldung des Ober­befehlshabers nichts bekannt.

Ein Telegramm aus Peking vom 22. meldet: Der deutsche Gesandte v. Mumm ist heute hier ein­getroffen.

Wie mehrere Pariser Blätter melden, erhielt der Pariser chinesische Gesandte ein Telegramm Li-Hung- Tschangs, das besagt, der französische Gesandte Prchon sei schwer erkrankt; es sei deshalb nötig, einen an­deren Bevollmächtigten zu ernennen, damit die Verhand­lungen keinen Aufschub erleiden.

Echo de Paris" meldet, daß wegen der Gefahr eines Aufruhrs in den südlichen Pro vinzen Chinas die französische Regierung die Bildung eines leicht beweglichen Truppenkorps v o n 3800 M an n «us verschiedenen Waffengattungen beschlossen habe. Die Truppen werden Ende dieses Monats in Marseille und

Iden algerischen Häfen eingefchifft werden. Den Kern dieser Truppen werden die verschiedenen algerischen Regimenter liefern. Die Truppen werden in einem Hafen Tongkings gelandet werden. Im Bedürfnisfall sollen auch zwei Batterien Artillerie beiaegeben werden.

Aus Kanton wirb berichtet, daß die Konsuln ge­fahrdrohende Nachrichten erhalten hätten, Kanton selbst aber verhältnismäßig ruhig sei. Nach Mitteilungen von Flüchtlingen aus Huitschau machen die A u f st ä n d i s ch e n Fortschritte. Sie werden überall von dem Volke will­kommen geheißen, bezahlen alles, was sie entnehmen, und werden daher als Gäste behandelt, nicht als Feinde. Man nimmt an, daß zehn Rebellenführer vorhanden sind, deren jeder eine besondere Abteilung führt. Die im Hinterlande des britischen Kaulungebietes stehende Abteilung schlug am 15. Oktober eine starke Abteilung der Truppen des Admirals Ho; die letzteren hatten 100 Tote.

Aus Aokoha m a wird vom 23'. amtlich gemeldet, die russischen und japanischen Truppenführer hätten ein Abkommen geschlossen, demzufolge Rußland allen Ver­kehr auf der Bahnlinie zwischen Yangtsun und Schau Haikuan und ebenso an der letztgenannten Station leitet. Die Verbündeten hätten das Recht, die Linie für militärische Zwecke zu benutzen. Rußland benutze die Bahnlinie nordwärts bis Mutschwang, willige aber ein, in der Provinz Tschili ein ausreichendes rollendes Material für Zwecke der Verbündeten bereit zu halten.

Nach einer Meldung derDaily Mail" aus Shang­hai zeigt Rußland eine hartnäckige Abneigung gegen die Rückgabe der Bahnlinie Tientsin- Sch an Hai kuan und des von ihm besetzten Abschnitts der Linie Tientsin-Peking an den englischen Betriebsstab. Graf Waldersee thue sein Bestes in dieser Angelegenheit, sie falle jedoch nicht in seinen,militärischen Wirkungskreis. Sämtliche Bahnhöfe, sogar die Wagen erhielten russische Bezeichnungen und würden in russischen Farben ange­strichen.

DieWiener Pol. Korr." meldet aus Petersburg, man sei erstaunt über das Mißtrauen der englischen und amerikanischen Organe gegen Rußland, das stets an seinem Programm fest gehalten habe. Dieses Programm sei: Möglichste Begrenzung und rasche Be­endigung der chinesischen Wirren unter Erhaltung der territorialen Integrität Chinas und Ausschluß von Experi­menten, die dem Bestände der Dynastie oder dem Reichs- zufammenhang gefährlich werden könnten. Die Rückkehr des russischen Gesandten v. Giers nach Peking bekunde, daß Rußland nicht daran denke, seinen Platz im Konzerte der intervenierenden Mächte zu räumen. Nach der kaiser­lichen Kundgebung dürfe aucb bezüglich der Mandschurei niemand bezweifeln, daß Rußland nicht über die gemein­samen Ziele, nämlich die Sicherung der faktisch schon vorhandenen Interessen hinausgehen werde. Demgemäß sehe man in den Grundsätzen des englisch-deutschen Ab­kommens nur die Bekräftigung der russischen Grundsätze und werde es mit Befriedigung begrüßen, wenn durch den Beitritt aller Mächte das Mißtrauen des chinesischen Hofes gegen die Absichten Europas gebannt und da­durch den friedlichen Einflüssen in China eine sehr nütz­liche Verstärkung verschafft würde. Auch anderweitige Nachforschungen derPol. Korr." bekunden einen günsti­gen Verlauf der lebhaft geführten Verhandlungen der Mächte, sodaß der Beitritt aller Mächte zu den deutsch­englischen Abmachungen und als praktisches Ergebnis die Erteilung übereinstimmender Weisungen an die Vertreter in Peking zu erwarten sei.

Die WienerAbendpost" veröffentlicht einen Auszug aus dem Bericht des ,Kommandeurs des österreichisch­ungarischen Detachements in Peking, Linienschiffs-Ka­pitäns Winterhalder, über die Belagerung d e r Ge­sa n d t s ch a f t e n. Es wird darin mitgeteilt, daß am 22. Juni die in der englischen Gesandtschaft unter­gebrachten gesandten > dem englischem «Gesandten! Maedonald den Oberbefehl übertragen hatten, vbwohl in der Nacht vorher die Detachements-Kommandanten dem Fregatten- Kapitän Thomann die Leitung der Verteidigung über­trugen. Trotzdem habe Thomann bis zu seinem Tode die Verteidigung in Händen gehabt. Ferner veröffentlicht die WienerAbendpost" das Schreiben des Admirals Sey­mour ein den Fregatten - Kapitän Thomann und das Schreiben des Brigadegenerals Doward an den komman­dierenden Linienschiffslentnant Jndrak in Tientsin, in welchem die beiden englischen Militärs der ausgezeichneten militärischen Unterstützung und hervorragenden Tapferkeit der österreichisch-ungarischen Truppen höchste Würdigung zollten, wobei Seymour die Hoffnung aussprach, daß seine Expedition zur Festigung der glücklicherweise zwischen beiden Staaten bestehenden Freundschaft und Achtung bei­tragen werde.

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Wie ans Kiel gemeldet wird, trafen Samstag abend dort 115 Mann des KreuzersCormoran" unter Führung

deS Oberleutnants z. S. Köhler wohlbehalten ein. Die abgelösten Mannschaften waren anfangs in Ostasien statio­niert und gingen im vergangenen Jahre nach dem Samoa- Archipel, wo sie sich an der Besitzergreifung und der Flaggen- hiffung in dem neuen Kolonialgebiet beteiligten. Bor dem Antritt der Heimreise erklärten sich sämtliche Leute bereit, nach China zu gehens Dieses Anerbieten wurde dem Kaiser telegraphisch mitgeteilt. Unter Anerkennung der bekundeten Pflichttreue erwiderte der oberste Kriegsherr, daß in China genügende Streitkräfte vorhanden seien, und ordnete an, daß die Mannschaften mit dem ReichspostdampferPrinz­regent Luitpold" die Heimreise antceten sollen. Am 25. August dampften die Wackeren von Sidney ab. Sie haben vor zweieinhalb Jahren die Ausreise angetreten. Der Kom­mandeur des 3. Seebataillons, Major Christ, veröffentlicht einen überaus warmen Nachruf für die bei der Einschließung in Peking Gefallenen, den Gefreiten Gölitz und zehn See­soldaten.

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Telegramme deS Gießener Anzeigers.

Berlin, 24. Oktober. Der in Peking eingetroffene deutsche Gesandte Dr. Mummvon Schwarzenstein ist dahin informiert worden, mit Li-Hung-Tschang nicht eher zu verhandeln, als bis dieser genügende Vollmachten seiner Regierung vorgewiesen hat.

Berlin, 24. Oktober. DiePost" schreibt: Von einem geheimen deutsch russischen Vertrage könne feine Rede sein, und die Ueberzeugung von seiner Existenz beschränke sich nur auf den Korrespondenten derDaily News". Weiter sagt dasselbe Blatt, eS sei nicht recht ersichtlich, inwiefern der Artikel 3 des deutsch-englischen Abkommens Anlaß zu Verwickelungen geben soll, da doch alle Mächte mehrfach erklärt haben, daß sie keineswegs auf territoriale Erwerb­ungen in China ansgehen.

Berlin, 24. Oktober. Wie ein hiesiges Blatt erfährt, liegen außer von den Dreibundstaaten noch keine Beitritts­erklärungen zum deutsch-englischen Abkommen von anderen Mächten vor. Alle anderen Meldungen beruhen auf Kombination.

Loudon, 24. Oktober.Lastens Bureau" meldet aus Washington: Die amerikanische Regierung bestätigt die Nachricht, daß sämtliche Großmächte den Vorschlag der Ge­sandten in Peking angenommen haben betreffs Abschaffung des Tsungcki Namens und dessen Ersetzung durch eine einzige verantwortliche Person.

London, 24. Oktober.Daily News" melden aus O d e s - sa: Der Besuch des chinesischen Gesandten in Livadia habe zum Abschluß eines russisch-chinesischen Vertrages geführt, der vollständig unabhängig von den Vermittelungen in Peking ist.

Loudon, 24. Oktober.Central NewS" berichtet aus Shangai, daß der Tao-Tai Scheng ein Telegramm Li- Hung-TschangS erhalten hat, mit der Mitteilung, die Friedensverhandlungen befänden sich auf gutem Wege. Eine schnelle Lösung der Krisis sei wahrscheinlich.

London, 24. Oktober. Bei der gestrigen Audienz? Lord Salisburys bei der Königin gratulierte ihm diese aufs wärmste zum Abschluß der anglo- deutschen Konvention, deren Zustandekommen die Königin persönlich lebhaft gewünscht hat. Die erste An­regung dazu gab, wie verlautet, eine Mitteilung, die Lord Salisbury vor circa Monatsfrist dem britischen Botschafter in Berlin zur Unterbreitung an die deutsche Regierung übermittelte. Diese wurde sehr freundlich aufgenommen, und die Verhandlungen führten bald zur Uebereinstimm- nng, wobei jedoch absolute Verschwiegenheit bis zum Aus­tausch der Noten stipuliert wurde. Auch Rußland be­eilte sich, wie aus Petersburg gemeldet wird, in einer halbamtlichen Mitteilung festziistellen, daß es dem deutsch­englischen Vertrage durchaus sympathisch gegen­überstehe. Mau könne in Petersburg in den Grundsätzen des deutsch-englischen Uebereinkommens nur die Ne-? kräftigung der russischerseits «stets für die Lösung des chinesischen Programms festgehaltenen Prinzipien erblicken, und werde es mit Befriedigung begrüßen, wenn durch den allseitigen Beitritt zu demselben das Mißtrauen des chi­nesischen Hofes gegen Europa gebannt und dem Fremde«-- Einfluß in China eine wesentliche Verstärkung verschafft werde.

Südafrikanisches.

Wie aus Wien gemeldet wird, veröffentlicht die neueste Nummer desN. W. Journ." sensationelle Ent­hüllungen zum Transvaalkrieg, die von dem aus Transvaal nach Berlin zurückgekehrten Grafen Otto v. Waldstein«Wartenberg stammen. Danach ist ec.